Das vergrabene Fahrrad
Eine Familiengeschichte aus stürmischen Zeiten
Prolog: Hilde und Willy
Hilde und Willy lernten sich auf dem Sängerfest in Evessen, einem Dorf im Landkreis Wolfenbüttel/Niedersachsen, kennen. Er sang im Männergesangverein, sie war interessierte Zuhörerin. Im großen Festsaal der Gastwirtschaft "Kurland" schien an diesem Tag die Welt in Ordnung zu sein. Hilde beeindruckte Willy schon durch ihr Äußeres: Kastanienbraune Haare umrahmten ein rundes, frisches Gesicht mit blauen Augen. Die Backenknochen sprangen leicht hervor und die Nase war übersät mit lustigen Sommersprossen. Hilde war von rundlich-femininer Statur. Sie trug ein flaschengrünes Kleid, mit weit heruntergezogener Taille und einer cremefarbenen Krawatte, dazu Seidenstrümpfe und cremefarbene Spangenschuhe mit einem kleinen Absatz. Ihre zurückhaltende und ruhige Ausstrahlung ließen Willys Herz höher schlagen. Auch ihr fiel der blonde Sänger der ersten Reihe des Chores sofort auf. Fröhliche blaue Augen blickten aus einem ovalen Gesicht, seine schlanke Gestalt überragte ihre eigene Körpergröße nur unwesentlich. Er trug einen grauen Anzug mit feinen, schwarzen Nadelstreifen, dazu die passende Weste. Der steife Kragen des weißen Hemdes ragte weit über den Revers des Anzugs hinaus und wurde zusammengehalten von einem einfarbigen Binder, der zu einem dicken Knoten gebunden war. Sie war angetan von seinem sich rhythmisch wiegenden Körper während des Gesangs, und glaubte seine schöne Tenorstimme heraus hören zu können. Der Blickkontakt hatte in wunderbarer Weise gezündet und wurde im Laufe des Abends vertieft.
Der Dorfschullehrer hatte die Leitung des Gesangvereins Evessens übernommen, nachdem sein Vorgänger, ein alter Musiklehrer aus Schöppenstedt, einer Kleinstadt am Elm, sich zur Ruhe gesetzt hatte.
Das Waldlied von Joseph von Eichendorff wurde von den Gesangvereinen gern intoniert, bot es doch eine Flucht der Menschen aus der krisengeschüttelten Gegenwart in eine sentimentale Scheinwelt. Im Verlauf des Sängerfestes traten noch einige Gesangvereine der Nachbardörfer im Festsaal auf und ein Gremium erfahrener Senioren von Sangesbrüdern hatte die Wahl des besten Vortrages zu treffen. Das war keine leichte Aufgabe, zumal die Gesangspausen des Sängerwettstreits vom fröhlichen Gejohle der Gäste gefüllt wurden, wobei die Ausgelassenheit von Lied zu Lied und von "lüttcher Lage" zu "lüttcher Lage" (zum Bier ein Weizenschnaps) eine Steigerung erfuhr. Die Festbesucher redeten Plattdeutsch miteinander. Ausnahmen wurden nur bei "Respektspersonen" gemacht: Die Kommunikation mit dem Lehrer und dem Pastor gestaltete sich in gestelztem Hochdeutsch. Auch die Siegerverkündigung wurde in Hochdeutsch vorgenommen, um dem Prozedere einen amtlichen Anstrich zu geben. "Für die beste Leistung erhält der Gesangverein Evessen, Mitglied des Deutschen Sängerbundes, eine Siegerurkunde." Die letzten Worte gingen unter im Applaus und Bravorufen.
Die Kapelle, ein Sextett aus Schöppenstedt - bestehend aus einem Posaunisten zwei Trompetern, einem Saxophonisten, einem Klarinettisten und einem Schlagzeuger - hatte bereits auf der Bühne Platz genommen, um zum Tanz aufzuspielen. Eingeleitet wurde der Abend mit einem Wiener Walzer, der den Geschmack des Publikums traf. Schon als die ersten Harmonien erklangen, machte sich Willy auf den Weg, Hilde zum Tanz aufzufordern. Von nun an tanzten sie unentwegt miteinander und legten nur eine Pause ein, wenn die Kapelle einen Charleston spielte, der Hilde zu "niemodsch" und wild war. Zwischen beiden war eine Vertrautheit, als würden sie sich schon Jahre kennen. Auf dem Nachhauseweg legte Willy den Arm um Hildes Schulter und zog sie sanft an sich. Eine ungewohnte, wohlige Wärme durchströmte ihre Körper, ihre Lippen fanden sich und ringsum schien die Welt zu versinken. Nach einem schier endlos dauernden leidenschaftlichen Kuss fragte Willy mit heiserer Stimme: "Wüllt wi an'n näächsten Sünndach tausamme in'n Elm gahn?" Hilde bejahte mit leiser Stimme. Es war, als hätten beide seit Jahren aufeinander gewartet.
Im Oktober 1932 heirateten Hilde und Willy und bezogen das ehemalige Gesindehaus eines Bauernhofes. Die Zukunft erschien ihnen trotz der politisch unruhigen Zeit hoffnungsvoll. Die Weimarer Republik lag zerschunden am Boden, die Zahl der Erwerbslosen war in Deutschland auf 8 Millionen angestiegen. Willy war einer von 4 Millionen Kurzarbeitern. Er verdingte sich als Malergeselle in einer Fabrik für Landmaschinenbau in Wolfenbüttel und besuchte nebenbei die Kunstgewerbeschule, um sich in seinem Beruf weiterzuqualifizieren. Der anschließende Besuch der Meisterschule sollte den Weg in die Selbständigkeit ebnen. Hilde arbeitete in der Gärtnerei des Dorfes für einen Hungerlohn, doch schenkte ihr die Gärtnerin häufig Jungpflanzen und Sämereien für ihren kleinen Gemüsegarten.
Die Geburt ihres ersten Kindes im Oktober 1933 änderte nichts an den Zukunftsplänen des jungen Paares. Sie ahnten in diesem geschichtsträchtigen Jahr noch nicht, dass sich ihre Träume von Autonomie und selbstbestimmtem Leben erst zwei Jahrzehnte später realisieren lassen würden.
Einen Vorgeschmack der politischen Entwicklung in Deutschland bekam die Bevölkerung nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933. In den darauf folgenden Monaten setzte eine Verhaftungswelle gegen die Arbeiterführer ein. Die Zerschlagung aller opositionellen und demokratischen Organisationen begann. Auch Willy erlebte hautnah, wie SS-Einheiten in der Wolfenbütteler Landmaschinenfabrik, in der er tätig war, die Gewerkschaftsmitglieder verhafteten. Der 1. Mai 1933 wurde zur Farce, die NSDAP proklamierte diesen Tag kurzerhand zum "Tag der nationalen Einheit". Die SA besetzte bereits am 2. Mai 1933 die Häuser der Freien Gewerkschaften, beschlagnahmte deren Vermögen und verhaftete ihre Führer. Im weiteren Verlauf wurde der Terror gegen alle
opositionellen Strömungen zum System ausgebaut. Als wichtigstes Publikationsinstrument diente dem Propagandaapparat der NSDAP der noch junge Rundfunksender. War das Radio im Jahr der Erfindung (1923) noch einer kleinen Schicht vorbehalten, so machte die Massenproduktion den nunmehr zum "Volksempfänger" avancierten Apparat auch für die Massen erschwinglich. Selbst in die Stuben der kleinsten Dörfer drang die kehlige Stimme des Propagandaministers Goebbels.
Auch in Evessen hielten die Nationalsozialisten Einzug. In der Gastwirtschaft Kurland, in der sonst Gesangsverein, Männer-Sportbund und Freiwillige der Feuerwehr ihre Zusammenkünfte pflegten, hielten fortan auch die "Volksgenossen" glühende Vorträge vor einer zunehmend begeisterten Zuhörerschaft. Sie versprachen "Arbeit für alle" und "Essen für alle", Wege aus der Depression durch Ausbau der Rüstungsindustrie und Annullierung des Versailler Vertrages und die damit verbundene Begrenzung der Reichswehr auf 125000 Soldaten. Ein Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums sollte die Gewähr dafür bieten, von einem "arisch sauberen" Beamtenapparat verwaltet zu werden. Mit dem Anwachsen der Mitgliederzahl in der NSDAP wuchs auch das Aggressionsverhalten gegenüber andersdenkenden Bürgern. Eine "natürliche" Rechtsordnung trat an die Stelle alter Rechtsnormen. Hitler schwärmte in seiner "Kampfschrift" Mein Kampf, dass an die Stelle des "verknöcherten und verklausulierten Juristenrechts" nunmehr das "gesunde Volksempfinden" treten müsse.
Der Jubel der dörflichen "Volksgenossen" über die anbrechende "neue große Zeit" bereiteten Hilde und Willy Sorgen und Kummer. Es war gut, dass Willy seinen Kurzarbeitsplatz in Wolfenbüttel trotz der Säuberungsaktionen der neuen "Herren" nicht verloren hatte. Ihm kam jetzt zugute, dass er seine Malerausbildung bei dem Meister der Malerinnung absolviert hatte und eine gewerkschaftliche Betätigung in einem kleinen Handwerkerbetrieb nicht zur Debatte stand. So fuhr er täglich mit dem Motorrad nach Wolfenbüttel und richtete sich nach getaner Arbeit im Schuppen des Gesindehauses eine Malerwerkstatt ein. Mit Fleiß und handwerklicher Kompetenz baute er sich einen beachtlichen Kundenstamm auf. Hilde half ihm, indem sie die Buchführung übernahm und die Rechnungen für die geleisteten Malerarbeiten für die Kunden erstellte. Seit der Geburt des Sohnes Wolfgang kränkelte Hilde. Es hatte sie die letzte Kraft gekostet, bis zur Entbindung im Oktober in gebückter Körperhaltung in der Gärtnerei Schwerarbeit zu leisten. Ein Mutterschutz vor und nach der Entbindung war in dieser Zeit noch nicht gesetzlich geregelt. So war sie froh, dass sich in den Wintermonaten die Arbeiten in der Gärtnerei nur auf das Gewächshaus beschränkten. Der nahende Frühling, der Hildes liebste Jahreszeit war, brachte ihr nicht den erhofften körperlichen Aufschwung. Zu ihrer Abgeschlagenheit plagten sie kolikartige Schmerzen im Oberbauch und unerklärbare Schwindelanfälle. Ein Arztbesuch in Braunschweig war unerlässlich und mit Vorbereitungen verbunden: Der Gärtnerin den geplanten Tag des Arztbesuches mitteilen und die Nachbarin bitten, Wolfgang zu sich zu nehmen. Hilde machte sich einige Tage später auf den Weg zum Bahnhof. Es war eine beschwerliche und lange Fußwegstrecke, da die Station zwischen den Orten Evessen und Gilzum lag. Sonst genoß Hilde die Bahnfahrt nach Braunschweig, doch die Schmerzen machten die Fahrt schier unerträglich. Stunden später, die Praxis des Internisten war unweit des Endbahnhofes in Braunschweig-Gliesmarode, als der Arzt eine vage Diagnose stellte, war Hilde beruhigt, nicht ernsthaft erkrankt zu sein. Der Arzt vermutete einen Rinderbandwurm. Leicht lassen sich Teilglieder des Bandwurms im Stuhl des Patienten in den Becken der Wassertoiletten ausmachen. In den dörflichen Plumpsklo's verschwindet der Stuhl unüberprüfbar in der Jauchegrube, weshalb viele Diagnosebilder im Dunkeln und Verborgenen bleiben. Hilde litt unter einer Herzinsuffizienz. Der Arzt entschloss sich für ein relativ herzschonendes Medikament, gab ihr ein Röhrchen für eine Stuhlprobe und den Auftrag, nach der Einnahme künftig nur einen Wassereimer zur Darmentleerung zu benutzen, bis sie von ihrem Untermieter befreit sei, und genau zu prüfen, ob der stecknadelkopfgroße Kopf auszumachen sei.
Bleibt der Kopf der Taenia saginata im Körper des Menschen, entwickelt sich in kürzester Zeit wieder ein ausgewachsener Bandwurm, der sich im Dünndarm üppig ernähren kann und kaum Nährstoffe für den menschlichen Körper übrig läßt. Er kann eine beachtliche Körperlänge von zehn Metern erreichen. Jedes Teilglied ist etwa 6 mm breit und 20 mm lang und zeigt eine erstaunliche Beweglichkeit.
Hilde war für ihr Vorhaben bestens präpariert und entschlossen, den Störenfried ins Jenseits zu befördern. Am Freitagabend sollte mit der Einnahme des Medikaments die Austreibungsphase eingeleitet werden. Hilde kreiste und gebar einen Bandwurm. In der Sonnabendnacht sah man Willy und dessen Schwager Fritz im blassen Licht der Scheunenlaterne, zusätzlich eine Stallampe schwenkend, mit einem Eimer, in dem sich das Corpus delicti befand. Sie trugen Wollhandschuhe, um den nötigen Abstand zu dem Wurm zu wahren und ihn besser entwirren zu können. Die Messung ergab die beachtliche Länge von 8,50 Metern.
1. Kapitel: Die Geburt
Die Wehen setzten am Heiligen Abend des Jahres 1939 ein. Die jungen Eltern wussten noch nicht, wie qualvoll und lang die Nacht werden würde. Fritz, der jüngste von drei Brüdern der Mutter, wartete mit seinem Schwager sorgenvoll auf die Geburt des Kindes. Er hatte eine innige Bindung zu seiner Schwester. Hatte sie doch schon früh für ihn die Mutter ersetzen müssen.
Als Hilde gerade 15 Jahre alt geworden war, starb ihre Mutter an den Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs. Ihr hilfloser Vater hatte sie und ihre drei Brüder bei Verwandten in Obhut gegeben. Er heiratete sehr bald nach dem Tod seiner Frau eine Witwe mit fünf Kindern und hatte beabsichtigt, seine Kinder im Haus seiner zweiten Frau zu integrieren. Mit den Worten: "So, dies ist eure neue Mutter! Ich verlange von Euch Respekt und Gehorsam und hoffe, keine Klagen über euch zu hören!" Er hatte vergessen, seiner zweiten Frau zu vermitteln, auch seinen Kindern eine fürsorgliche Mutter zu sein. Am meisten hatte das "Nesthäkchen" Fritz unter der neuen Familiensituation zu leiden. Der Tod seiner geliebten Mutter brachte ihm das Ende seiner glücklichen frühen Kindheit. Hilde war ihm Trost und Zuflucht, doch verließ sie sehr bald die problembeladene Großfamilie und fand eine Anstellung als Dienstmädchen im Haus eines Großkaufmanns in Braunschweig. Ihr Bruder Ernst, der Zweitgeborene, verließ als nächster die Familie. Er hatte in Goslar einen Malermeister als Lehrherrn gefunden. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts war es in Deutschland noch immer üblich, dass Lehrlinge in den Haushalt des Meisters aufgenommen wurden. Als auch Karl, der Drittgeborene, das Haus verließ, um eine Tischlerlehre in Salzgitter anzutreten, fühlte sich Fritz gänzlich verloren. Er ersehnte den Tag, an dem auch er das Haus verlassen konnte. Doch die noch vor ihm liegenden sechs Jahre ohne seine Geschwister erschienen ihm endlos.
Fritz schloß sich noch während seiner Ausbildung als Bäcker und Konditor der Sozialistischen Arbeiterpartei an. Seine neuen Freunde hatten ein leichtes Spiel, ihm ihre nationalsozialistische Weltanschauung zu indoktrinieren. So besuchte er mit ihnen Vortragsabende, die der Weiterbildung der "Volksgenossen" dienen sollten. An diesen Abenden vermittelten NSDAP-Referenten der interessierten Zuhörerschaft Rassentheorien vom Schlage der englischen Sozialdarwinisten Herbert Spencer (1820-1903) und Housten Stewart Chamberlain (1855-1927). Spencer hatte im Lebenskampf eine Quelle der Natur gesehen, die zur Höherentwicklung des Menschen führt. Der freie Wettkampf garantiere das Überleben der Besten und bewirke das Aussterben der Minderwertigen. Minderwertige seien Idioten, Geistesschwache, Verrückte, Wahnsinnige, Trunksüchtige und Arme. Chamberlain - Schwiegervater Richard Wagners und Herausgeber des ‚Handbuchs der Rassisten' - hatte die These vom "Vorrecht der arischen Rasse" vertreten.
Der Vater war Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, und so verband Fritz seine zerbrochene Vaterbeziehung mit dessen politischer Rolle innerhalb der SPD. Fraglos war das Versagen des Vaters der Grund für die Entwicklung der nationalsozialistischen Gesinnung seines jüngsten Sohnes. Nach der abgeschlossener Lehre meldete sich Fritz 1934 freiwillig zum Militär. Seine SA-Karriere war ein Tabuthema im Hause seiner Schwester. Zu oft endeten Streitgespräche mit Schwester und Schwager in einem tiefen Zerwürfnis, das in der Regel erst nach Wochen behoben werden konnte.
An diesem besagten Weihnachtsfest hatte er sich Urlaub genommen, um die Feiertage gemeinsam mit der Familie zu verbringen. Außerdem hoffte er insgeheim, die Enkeltochter der Oma Brennecke, wie sie von den Dorfbewohnern genannt wurde, wiederzusehen. Vom Küchenfenster aus war die Eingangstür des Hauses der Oma Brennecke gut zu erkennen. Fritz erinnerte sich an das Schützenfest des vergangenen Sommers, als er Helga das erste Mal gesehen hatte. Wenn er an ihre rehbraunen Augen dachte, schlug ihm das Herz ungestüm bis zum Hals. Das war ein Mädchen, ganz nach seinem Gusto! Zierlich, blond und noch etwas schüchtern. Fritz konnte sich vorstellen, dass sie als seine Frau so richtig erblühen würde. Er hatte noch große Pläne. Der Krieg bot ihm ausreichend Gelegenheit, seine Offizierslaufbahn noch weiter auszubauen. Es war ein wunderbarer Gedanke, sich Helga als Offiziersgattin an seiner Seite vorzustellen. Es musste ihm bald gelingen, ihr näher zu kommen und sie ganz zu erobern. Sein erster Fronteinsatz stand bevor und die Dauer der militärischen Einsätze war nie so ganz vorhersehbar.
Seine träumerischen Gedanken wurden durch das abrupte Öffnen der Schlafzimmertür unterbrochen. Die Hebamme, in tiefer Sorge um die Gesundheit von Mutter und Kind, bat den Bruder, aus dem Nachbarort Sickte den Arzt um Hilfe zu bitten. Fritz war sich dessen bewusst, dass er aus Liebe zu seiner Schwester gar nicht anders handeln konnte, als stillschweigend der Bitte nachzukommen und den einzigen Geburtshelfer der umliegenden Nachbardörfer aufzusuchen, obgleich dies nicht den Statuten seiner Partei entsprach.
Für Dr. Leo Rosenbaum war es grundsätzlich gefährlich, seine Praxis für Patientenbesuche zu verlassen. Doch blieb sein Haus an diesem Abend unbewacht. Auch die Herren der Gestapo feierten im Kreise ihrer Familien Weihnachten. Auch sie entzündeten die Lichter des Tannenbaums, legten Geschenke auf den Gabentisch, genossen ein festliches Mal und musizierten oder sangen Weihnachtslieder. Es waren die gleichen Menschen, die Bach, Mozart, Beethoven und Chopin liebten, sich gleichzeitig mit der faschistischen Ideologie identifizieren konnten. Es ist schwer zu verstehen, dass Menschen mit humanistischer Bildung in der Lage sind, zu morden und Massenmord an ganzen Völkern zu begehen.
Der Morgen brachte das Ende der dramatischen Entbindung. Nachdem der Geburtsvorgang während der Austreibungsphase stagnierte, das Köpfchen des Kindes nicht austreten wollte und erst eine Presswehe von immenser Kraft die Vagina kompliziert zerriss, war die Geburt vollzogen. Nachdem Dr. Rosenbaum die Wunde genäht und noch Kamillenteespülungen verordnet hatte legte die Hebamme der glücklichen und erschöpften Hilde eine gesunde Tochter in den Arm. Ein wundervolles Weihnachtsgeschenk für die kleine Familie. Das kräftige Schreien der neuen Erdenbürgerin ließ augenblicklich den sechsjährigen, frisch gebackenen Bruder ins Geburtszimmer stürmen. Der Vater verhinderte reaktionsschnell, dass er seine noch ungebadete blutige Schwester aus dem Bett der Mutter winden und an sich drücken konnte. Mit einem: "Kuck mal, Papa, richtige Augen hat sie!" versuchte er, die Schwester im Gesicht zu berühren. Der Vater nahm den Sohn in den Arm, sagte ihm, die Mama müsse Ruhe haben, die Schwester gebadet und gewindelt werden, er dürfe sich aber den Gabentisch in der Stube ansehen. Die Enttäuschung über das Nicht-berühren-können seiner Schwester war augenblicklich wie fortgewischt! dass er den Weihnachtsmann vergessen konnte! Ja, der Weihnachtsmann war da.
Sein Onkel Fritz hatte bereits die Kerzen des Weihnachtsbaumes angezündet, die die Wohnstube in ein geheimnisvoll märchenhaftes Licht tauchten.
Die "gute" Stube wurde nur zu besonderen Anlässen und Feiertagen benutzt. Hilde hatte vorsorglich zwei Wochen vor Weihnachten - sie wartete täglich auf ihre Niederkunft und wollte das Fest gut vorbereitet wissen - die Holzdielen des Fußbodens gescheuert und das rote Plüschsofa und die Sessel mit weißen Häkeldeckchen geschmückt. Das Vertiko und der Sekretär Willys waren mit Politur auf Hochglanz gebracht worden.
Es duftete nach Tannenharz und Lebkuchen. Unter dem Tannenbaum saß ein Teddybär, der größer war als die kleine Neugeborene. Die größte Überraschung war jedoch auf dem Eßtisch aufgebaut: Eine elektrische Eisenbahn! Onkel Fritz spielte hingebungsvoll mit seinem Neffen. Ganz unvermittelt sprang Wolfgang auf und rannte zum Geburtszimmer: "Wie heißt sie eigentlich, Mama?" "Wir hatten an Lena gedacht. Gefällt dir der Name auch, oder hast noch einen anderen Vorschlag?" "Nee, Lena finde ich schön! Wie die Gans in meinem Bilderbuch." Sie nannten sie Lena.
Sie war der Stolz der kleinen Familie und wurde zärtlich "Puttchen" gerufen. Die Nachbarn beglückwünschten die Eltern und bewunderten die kleine Tochter, die zufrieden und gesättigt in ihrem Stubenwagen lag. Sie hatte lange schwarze Haare, die mit einer roten Schleife auf dem Kopf zusammengebunden waren. Das runde Gesichtchen hatte hervorspringende Backenknochen und verrieten die Merkmale Hildes.
Auch die Nachbarin Caroline Brandes, von Wolfgang schlicht "Tante" genannt, machte ihren Höflichkeitsbesuch. Die nahezu 70-jährige alte Frau hatte schlohweiße Haare, die zu einem geflochtenen Nackenknoten hochgesteckt waren. Ihr Gesicht war fast faltenfrei, die Stirn war hoch, die Nase fein geschwungen. Ihre blaugrauen Augen schienen zuweilen eine traurige Ausstrahlung zu haben. Die alte Caroline legte großen Wert auf ein gepflegtes Äußeres: Das Kleid, bestehend aus einem dunkelblauen Oberteil und einem angekrausten, weiß-geblümten Rock, war mit einem ausknöpfbaren weißen Häkelkragen versehen. Über den Rock pflegte sie eine blau-weiß gestreifte Halbschürze zu binden. Ihr Gang hatte noch immer etwas grazil-mädchenhaftes, wenn sie über den Hof zum Obstgarten schritt, um ihre Hühner zu füttern.
Sie war in den letzten Schwangerschaftsmonaten Hildes immer schweigsamer und trauriger geworden. Mit der Geburt des Mädchens, so ihre Befürchtung, wird das Martyrium des Sohnes eingeleitet. Wolfgang war der Sonnenschein ihres Lebensherbstes. Tante Caroline hatte ihren Mann und ihren Sohn im ersten Weltkrieg verloren. Deshalb war sie glücklich, dass Hilde und Willy ihr Wolfgang anvertrauten, während sie ihrer Arbeit nachgingen. Argwöhnisch und eifersüchtig beobachtete sie das Verhalten der Eltern nach der Geburt der Tochter.
Es dauerte Wochen, bis das Misstrauen und die Bedenken der alten Caroline zerstreut werden konnten. Erst als ihr beim Blick in den Kinderwagen ein "wat for'n seutet Määken" entfuhr, war der Bann gebrochen und die Tür zu ihrem Herzen aufgestoßen.
Der Umzug
Der kalte Ostwind blies Franz Weidehake ins Gesicht, als er, aus dem Nachbardorf Gilzum kommend, endlich in Evessen auf dem schneeverwehten Hof ankam, auf dem Willy und Hilde wohnten. Opa Weidehake, wie er von allen genannt wurde, war Gärtner auf dem Gutshof in Gilzum und sollte der jungen Familie von seiner "Madame" eine Nachricht übermitteln. Er war ein fünfundsechzigjähriger Mann von kleiner Statur. Seine noch dichten, grauen Haare waren auf dem ganzen Kopf gleichmäßig kurz geschnitten. Er hatte ein von Wind und Wetter gebräuntes, faltiges Gesicht und rosige Wangen. Stets trug er eine Nickelbrille mit dunkelbraun getönten Gläsern, um die entzündeten Bindehäute seiner Augen zu schützen. Den Schirm seiner Ballonmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen und den Kragen seiner Winterjoppe mit einem Strickschal fest verschlossen, um dem eisigen Wind zu trotzen.
Er wurde in die warme Küche gebeten.
"Mine Madame will jüch sprääken! Ji süllt mol rumkohm' taun Kaffee. Wenn't geit, all an'n Sünnabend, wenn Willy ut Wulfenbüttel kummet."
"Jo, jo, datt wacht woll gahn", antworteten Hilde und Willy fast gleichzeitig und Willy fragte noch:
"Um watt geit dat denn? Soll ick watt strieken?"
"Nee, datt glööf ick nich. Mine Madame hatt mick nisst fotellt!"
Hilde hatte inzwischen Teewasser auf den Herd gesetzt und Opa Weidehake gebeten, noch zum Durchwärmen zu bleiben. Elise Oppermann, wie Franz Weidehakes Madame hieß, war die alleinstehende Gutsbesitzerin, der er treu diente. Sie bestand darauf, mit "Fräulein" angeredet zu werden. Elise Oppermann war eine schöne schlanke Frau. Die ausdrucksvollen blaugrauen Augen wurden betont durch die wohlgeformten, dunklen Brauen. Sie hatte ein energisches Kinn und die vollen Lippen verliehen dem Mund etwas Sinnliches. Ihre dunkelblonden Haare steckte sie zu einer dicken Nackenrolle hoch, so dass der ganze Hinterkopf davon umrahmt wurde. Ihr Gang war leicht und grazil. Die bevorzugte Farbe ihrer Kleidung war schwarz, als müsse sie damit einer ständigen Trauer Ausdruck verleihen. Und es war in der Tat die Trauer über den Verlust ihres Geliebten, der schon vor vielen Jahren eine andere Frau geheiratet hatte; für Elise ein nie enden wollender Schmerz! Standesdünkel der Eltern Elises hatten die Verbindung mit dem Sohn einer Großgärtnerei verhindert.
Fortan widmete sich Elise der Erweiterung ihrer botanischen Kenntnisse. Nach dem Tod ihrer Eltern ersetzte sie die grauen Theoriekenntnisse durch eine farbenfrohe Praxis: Sie ließ neben dem Rosengarten ein Gewächshaus bauen und den großen Park hinter den Wirtschaftsgebäuden gestaltete sie zu ihrem Garten Eden. In der Mitte des Parks befand sich ein Gartenhaus, das einem japanischen Teehaus nachempfunden war. Die Pflanzenwelt am Gartenhaus entsprach dem fernöstlichen Stil: Rhododendren in verschiedenen Rosatönen sowie in weiß und zartgelb, davor niedrigwachsende Azaleen und Glockenheide. Hoch überragten zwei Ginkgo-Bäume das Gartenhaus. Diese Ginkgos, ein männlicher und ein weiblicher Baum, waren schon von den Großeltern Elises gepflanzt worden, zu einer Zeit, in der es der Mode dieser Epoche entsprach, in Schloßgärten und Parks aus Japan importierte Pflanzen zu setzen. Auch der angrenzende Hain, nur durch einen breiten Weg vom japanischen Part des Parks getrennt, war von den Großeltern angelegt worden. Der Boden des Wäldchens war von Buchen- und Wurmfarnen bedeckt, Weiß- und Sternmoose bildeten ein weiches teppichartiges Polster unter den alten Bäumen, vornehmlich Hain- und Rotbuchen, Ebereschen und Schlehen. Am Waldrand hatten sich Walderdbeeren ausgebreitet. Das Wäldchen und die sich anschließende kleine Lichtung blieben von menschlichen Eingriffen nahezu unbehelligt. So konnte sich die Natur entfalten, und jede Jahreszeit brachte andere Düfte und Farben in verschwenderischer Fülle hervor. Der breite Weg zwischen Gartenhaus und Wäldchen führte zu einer Grotte, deren Muschelkalksteine aus dem nahen Steinbruch des Elms stammten. Die einzelnen Steinbröckchen unterschiedlicher Größe waren zu einer halbrunden Mauer aufgeschichtet und hatten zahlreiche fossile Einschlüsse aus dem Mesozoikum, dem erdgeschichtlichen Mittelalter. Versteinerte Ammoniten, kleine Krustentiere, Muscheln und unzählige Seelilienglieder machten das Grottengestein zu einer Kostbarkeit, die nicht nur Paläontologen bezaubert hätte. Im Halbrund der Grotte stand eine Steinbank klassizistischer Steinmetzkunst, eine Auftragsarbeit der Großeltern Elises. Die Wetterseite der Armlehne war algenüberzogen und bildete einen harmonischen Farbkontrast zum grauen Gestein der Bank. Diesen Ort der Ruhe beschirmte das Blätterdach einer Roßkastanie. Opa Weidehake pflegte hier gern seine Arbeitspausen zu verbringen und die Vögel zu beobachten. Er fühlte sich als Teil der Natur und wurde von den Bewohnern des Parks auch als Teil ihres Reviers akzeptiert. Der Buntspecht, der seine Bruthöhle in der Kastanie angelegt hatte, fütterte seine Jungen ganz ungestört und stimmte bald darauf sein "Kick, Kick, Kick" an. Der folgende kurze und schnelle Trommelwirbel verriet die erneute Larvensuche für seine hungrigen Jungen. Der Waldkauz hatte sich die alte Pappel, die vor einigen Jahren vom Blitz getroffen und gespalten war, als Kinderstube für seine drei Jungen ausgesucht.
Drohte dieser Idylle das Aus? Elise Oppermannn hatte sich entschlossen, Willy, Hilde und deren Kinder zu sich zu holen, um nicht mehr allein in dem großen Herrenhaus leben zu müssen. Doch klare Richtlinien, in einem Vertrag festgehalten, beruhigten den alten Gärtner: Der "Garten Eden" wurde verschlossen und nur Elise Oppermann und deren Gärtner besaßen den Schlüssel zum Park. Der westliche Trakt des Herrenhauses wurde separiert, die Türen, die zum Mitteltrakt führten, wurden zugemauert. Der obere Teil des Wirtschaftsgebäudes, in dem sich die Kornkammern befanden, wurde abgetrennt, hier sollte sich Willy seine Werkstätten einrichten. Unmittelbar darunter befanden sich Stallungen, die sich vorzüglich zur Kleintierhaltung eigneten. Die Hälfte des großen Gemüsegartens, der sich hinter dem Herrenhaus befand, durfte künftig von Hilde und Willy genutzt werden. Der monatliche Mietzins betrug zehn Reichsmark und war eine Minimalgebühr. Ein Braunschweiger Notar beglaubigte die vertraglichen Vereinbarungen, die ein Mietrecht auf Lebenszeit festlegten.
Die Zukunft Deutschlands bekümmerte Elise Oppermann nicht erst seit dem Überfall der Wehrmacht auf den Sender Gleiwitz, deren oberste Befehlsgewalt bereits seit 1938 in den Händen Hitlers lag. Glaubte Elise 1933 noch an eine vorübergehende Viruserkrankung der Demokratie, lehrten sie die darauf folgenden Jahre, dass an eine friedfertige Zukunft nicht mehr zu denken war. Es war ihr wichtig, mit politisch ungebundenen und zuverlässigen Menschen unter einem Dach zu leben.
Der Umzug der jungen Familie von Evessen nach Gilzum verlief unproblematisch. Er war von Hilde weitgehend allein vorbereitet worden, weil Willys Arbeitszeit in der Wolfenbütteler Landmaschinenfabrik erst mittags endete und die Motorradfahrt mindestens eine Stunde Zeit in Anspruch nahm. Es herrschten sommerliche Temperaturen in der zweiten Juniwoche des Jahres 1940, ein ideales Umzugswetter. In drei Touren mit dem Pferdefuhrwerk wurde die "Umsiedlung" von einem Dorf in das nächste bewältigt. Die folgenden Wochen gestalteten sich arbeitsreich: Zug um Zug wurden die Räume zunächst renoviert, dann eingerichtet. Bis spät in die Nacht waren Hilde und Willy beschäftigt und fielen dann erschöpft, aber glücklich ins Bett.
Wolfgang, der vor zwei Monaten in Evessen eingeschult worden war, musste nun die Schule wechseln. Der hiesige Leiter der Volksschule, Ernst Brock, erwies sich als linientreuer Parteigenosse mit absonderlichen didaktischen Unterrichtsmethoden, unter denen Wolfgang sehr zu leiden hatte. Zweifellos beeinträchtigte auch die Tatsache, dass Hilde und Willy nicht Mitglieder der NSDAP waren, das Lehrer-Schüler-Verhältnis. So mußte Wolfgang bei dem kläglichen Versuch, das Alphabet zu erlernen, Zornesausbrüche des Lehrers über sich ergehen lassen, wenn er nicht imstande war, die vom Lehrer vorgesprochenen Worte: Faucher-Eff, Faucher-Eff und Roller-Err, Roller-Err, aufzunehmen und nachzusprechen. Er schämte sich, zu Hause über seine vermeintlichen schulischen Mißerfolge zu sprechen.
Hilde und Willy lebten sich schnell in ihrer neuen Umgebung ein. Die Bedenken ihrer Evesser Freunde gegenüber der Gutsbesitzerin, sie sei eigenwillig und launenhaft, erwiesen sich als nicht ganz haltbar mit einer kleinen Einschränkung allerdings: Ihre Katzenliebe wies groteske Züge auf. Neunzehn Katzen lebten mit ihr. Tagsüber genossen sie absolute Bewegungsfreiheit. So waren sie nicht nur in den Stallungen, in Haus und Garten anzutreffen, auch die hinter dem Hof beginnende Feldmark gehörte zu ihrem Revier. Einige der Katzenleben endeten abrupt im Kornfeld durch die Mähmaschine oder aber durch den gezielten Schuss eines Jägers, der in vermeintlichen Streunern Nahrungskonkurrenten sah. Ein hartes Katzenleben. Abends wurden die dämmerungsaktiven Tiere in den Pferdestall gesperrt. Die Fütterung fand also abends im Pferdestall statt, auf diese Weise befanden sich die meisten Katzen schon in ihrem Quartier. Die noch fehlenden Katzen mußten eingefangen werden, was sich als äußerst schwierig erweisen konnte! Der uneingeschränkt Größte unter den Katzen war Dolly, ein von Geburt an blinder, dreifarbiger Kater. Sein Lebensrhythmus war nicht von der Dämmerung geprägt, er schien immer aktiv zu sein und hatte ein besonderes Gespür für ihm unheilvoll erscheinende Betriebsamkeit der Menschen, die ihn einzufangen gedachten. Es war an einem dieser wunderbar lauen Juniabende, das Gebrumm der Junikäfer erfüllte die Luft und lud Dolly eher zur Jagd, denn zum Eingesperrtwerden ein. Willy hatte an diesem Tag zugesagt, beim Einfangen zu helfen. Dolly war das letzte noch fehlende Tier. Schon glaubte er, den Kater am Nacken fassen zu können, da war dieser mit einem großen Satz in der Kanadischen Blaufichte, die am Rande des Rosengartens stand, verschwunden und erklomm in Panik die Spitze des Baumes. Willy versuchte hinterher zu klettern und schlitzte sich an einem abgebrochenen Totholzzweig der Fichte das Schienbein auf. Fast im gleichen Augenblick segelte Dolly, alle Beine vom Körper leicht abgewinkelt, einem Flughörnchen gleich, mit erhobenen Kopf zur Erde, um wie rasend an der mit Russischem Wein bewachsenen Wand des Wirtschftsgebäudes wieder hochzuwirbeln. Willy trat mit schmerzendem Bein den Abstieg an, fest entschlossen, Dolly sich seinen Schlafplatz selbst suchen zu lassen. Er war fasziniert von der gebündelten Lebensenergie dieses blinden Tieres.
Willy hatte für Wolfgangs Häsin Mümmi, wie sie von Wolfgang zärtlich genannt wurde, und deren Junge einen größeren Kaninchenstall gebaut. Für einen zweiten Stall hatte Willy sich vom Stellmacher Wendland aus Evessen bereits Holzabfälle besorgt. Der Anschaffung einer zusätzlichen jungen Häsin stand nun nichts mehr im Wege. Von einer unerklärlichen Unruhe getrieben, zimmerte Willy nach dem zweiten Kaninchenstall noch eine Behausung für die geplante Anschaffung von Hühnerküken. Er hätte zehn Arme haben mögen, um alles zugleich fertig stellen zu können! Waren die "Erfolgsmeldungen" des Propagandaministers, mit der die Bevölkerung täglich durch den Rundfunk berieselt wurden, die Triebfeder für Willys immenses Arbeitspensum? Polen war okkupiert, die "Operation" Dänemark und Norwegen "erfolgreich" beendet, die "Westflanke" Europas: Niederlande, Luxemburg, Belgien und Frankreich "eingenommen". War denn Europa aus den Fugen geraten? Alle Europäischen Faschisten schienen sich mit Hitler zu verbünden!
Willys bedrückende Vorahnungen wurden traurige Gewissheit: Die Postbotin Rosa Meier brachte den Einberufungsbefehl. Bis spät in der Nacht, sie lagen längst im Bett, besprachen Willy und Hilde ihre Zukunft. Eng umschlungen schliefen sie ein mit dem letzten Gedanken eines Funkens Hoffnung, dass vielleicht Amerika dem Spuk bald ein Ende bereiten könnte. Zwei Tage später begleitete Hilde ihren Willy zur Eisenbahn. Wolfgang war noch in der Schule, so nahmen sie zu dritt voneinander Abschied. Es war ein tränenreicher Abschied. Als Hilde die Schlusslichter des Zuges in der Ferne verschwinden sah, nahm sie ihr "Puttchen" aus dem Kinderwagen und drückte es an sich.
Die Entzauberung des Dörflichen
Lange vor dem Aufwachen der Kinder hatte Hilde in der Waschküche, die sich im Wirtschaftsgebäude befand, das Feuer unter dem großen kupfernen Wasserkessel angezündet. Das sonnige Wetter eignete sich hervorragend zum Waschtag. Wenn sie sich beeilte, konnte die Wäsche schon mittags auf der Leine hängen.
Sie weckte Wolfgang und bereitete für Lena das Frühstück, indem sie ihre Bluse öffnete und ihr die Brust gab. Erst als Lena satt und zufrieden eingeschlafen war, entzog Hilde ihr sanft die Brust und legte sie behutsam ins Kinderbett. Das Kaffeewasser auf dem Küchenherd simmerte bereits. Wolfgang legte zwei Frühstücksbrettchen auf den Tisch. Bald breitete sich der Duft von Hildes frisch gebrühtem Gerstenmalzkaffee in der Küche aus. Wolfgang trank aus dem blauschwarz gesprenkelten Emaillebecher seiner frühen Kindertage und durfte, seit Willy fort war, dessen Platz am Küchentisch einnehmen. Beide genossen dieses morgendliche Zusammensein, wenngleich das Frühstück nicht üppig war: Graubrotscheiben mit Erdbeermarmelade. Vom Küchenfenster aus konnte Wolfgang seinen Schulfreund Fritz Helmchen sehen, der die Dorfstraße entlang direkt auf das Haus zugehoppst kam. Wolfgang packte eilig seine blecherne Brotdose mit dem Pausenbrot in den Tornister, gab Hilde einen Abschiedskuss und lief Fritz entgegen.
Bevor Hilde sich ihrer Tochter zuwenden konnte, legte sie noch schnell einige Holzscheite in die Feuerstelle des Waschkessels. Lena lag schon wach in ihrem Bettchen und strahlte, als sie ihre Mutter gewahrte.
"Na, mein Puttchen, bist du denn schon wach? Nun wollen wir uns aber beeilen, dass wir in die Waschküche kommen!"
Schnell kleidete sie Lena an, legte sie in den Kinderwagen und stellte ihn so vor die weit geöffnete Waschküchentür, dass sie Blickkontakt miteinander hatten. So ein Waschtag war eine anstrengende Angelegenheit. Nachdem die Wäsche einige Zeit gekocht hatte, wurden einzelne Stücke aus dem Kessel genommen und auf dem Waschbrett bearbeitet, bis sie fleckenfrei waren. Hartnäckige Flecken mussten zusätzlich mit Schmierseife bearbeitet werden. In zwei Zubern mit klarem Wasser wurden die gereinigten Wäscheteile im Wechsel so lange gespült, bis das Spülwasser klar blieb. Die wasserschweren Teile wurden ausgewrungen und im großen Weidenwäschekorb gestapelt.
Hilde hatte bis zum Mittag ihre Arbeit in der Waschküche erledigt. Sie brachte Kinderwagen und Laufstall in den großen Obstgarten, der sich hinter dem zweiten Wirtschaftsgebäude befand. Den Laufstall Lenas stellte sie unter einen großen Boskop-Apfelbaum, breitete eine kleine Wolldecke aus. Es war ein wundervoller sonniger Tag, so holte Hilde auch die Häsin mit ihren Jungen in den Obstgarten und setzte sie in den Laufstall zu ihrer kleinen Tochter. Alle genossen die Wärme und den Duft der Wildkräuter. Die Margeriten standen in voller Blüte und verwandelten die Obstwiese in einen weißen Blütenteppich. Dazwischen kleine Farbtupfer: Das Violett des kleinen Storchschnabels, das Blau der Glockenblumen und des Natternkopfes, das Gelb des Löwenzahns und des Sichelklees. Die Häsin mümmelte die zarten Gräser, den Sauerampfer, den Klee. Es war Hilde ein Vergnügen, die kleine Laufstallgesellschaft zu beobachten. Mal lag Lena auf dem Rücken, strampelte lebhaft mit den Beinen und beobachtete die sich im Sommerwind leise wiegenden Blätter des Apfelbaums, mal drehte sie sich auf die Seite und versuchte zur Häsin zu krabbeln. Ab und zu unterbrach die Häsin ihr Mümmeln, um an Lena zart und behutsam zu schnuppern.
Hilde hatte die Wäscheleine von Obstbaum zu Obstbaum gespannt und schon bald wehte die Wäsche im Sommerwind. Nach getaner Arbeit belohnte sie sich heute mit einem dicken Margeritenstrauss, in den sie noch einige Gräser mischte. Sie liebte Margeriten, die besonders in der braunen Keramikvase -ein Verlobungsgeschenk ihres jüngsten Bruders Fritz- zur Geltung kamen. Hilde nahm Lena aus ihrem "Sommerdomizil" auf den Arm, wiegte sie und summte ein Lied. Willy hatte zwar hin und wieder bemerkt, sie träfe nicht immer den richtigen Ton, doch hinderte es Hilde nicht daran, ihren Kindern Lieder vorzusingen, wie es schon ihre Mutter getan hatte.
"So, Puttchen, jetzt wollen wir mal kucken, wo Wolfgang bleibt! Er müsste doch schon längst aus der Schule sein!"
Hilde legte Lena in den Kinderwagen und fuhr über den Hof auf die Dorfstraße in Richtung Schule. Sie sah Wolfgang schon von weitem im Trödelschritt mit seinem Schulfreund Fritz Helmchen. Mit Sicherheit kamen sie nicht erst aus der Schule, sondern hatten wohl einen kleinen Abstecher zu Fritz Mutter gemacht.
"Mama, Mama, kuck mal, was mir Fritz geschenkt hat!"
Er hielt ein pummeliges Etwas in seinen Händen.
"Darf ich das behalten?"
"Also, nun erst mal langsam! Wir hatten doch verabredet, dass du nach der Schule erst mal nach Hause kommen solltest. Hast du wohl vergessen!? Und nun zum Meerschweinchen: Warum sollte dir Fritz sein Meerschweinchen schenken?"
"Ach, Mama, Fritz hat doch schon vier Meerschweinchen!"
"Und hast du deine Mümmi vergessen, mein Junge?"
"Nee, bestimmt nich´, da kümmere ich mich auch drum, ganz bestimmt!"
So kam ein neues haariges Familienmitglied ins Haus. Sie nannten es Pummel. Wolfgang streute Stroh in den für Pummel vorgesehenen Stall, der die Größe eines Schweinestalls aufwies, fütterte das Tier mit Löwenzahnblättern und Kohl-Gänsediesteln. Willy hätte mit Sicherheit ein angemesseneres Ställchen für Pummel gezimmert.
Der folgende Tag brachte die Überraschung: Grund der Molligkeit Pummels war ganz einfach ihre Trächtigkeit!
"Mama, komm mal ganz schnell! Pummel hat zwei Junge gekriegt!"
Es waren ganz bezaubernde kleine Meerschweinchenkinder! Und es war der Beginn einer wachsenden, fröhlich wuselnden und pfeifenden Großfamilie!
Um dieser Inzucht Einhalt zu gebieten, musste Hilde bei ihrem Sohn harte Überzeugungsarbeit leisten und schaffte es schließlich, dass Wolfgang eine große Schenkaktion zuerst in der Gilzumer Schule, dann bei Freunden in Evessen startete. Nur Pummel und eine gerade geborene kleine Tochter durften bleiben. Das Geschlecht des jungen Meerschweinchens hatte Hilde bestimmt, indem sie dem Tier mit dem Daumen von der Nabelgegend in Richtung After strich. Bei einem männlichen Tier wurde ein kleiner Penis sichtbar. Sie hatte die Prozedur bei einigen Tieren vorgenommen, um sicher zu gehen, dass diese Untersuchungsmethode als sicher gelten könnte.
Hilde beobachtete bei Wolfgang eine ihr noch unerklärliche Bedrücktheit. Er erzählte kaum etwas über seine Schulstunden und schien mit einem größeren Problem belastet zu sein. Der Zufall brachte die ganze Problematik der seelischen Verfassung Wolfgangs ans Tageslicht. Als Hilde vormittags die Kaninchen füttern wollte, gewahrte sie hinter der Futtertonne, in der die getrockneten Rübenschnitzel aufbewahrt wurden, den sich schnell duckenden Kopf Wolfgangs. Sein Gesicht war tränenüberströmt und als Hilde ihn in den Arm nahm und an sich drückte, brach aller Kummer aus ihm heraus. Er war heute aus Furcht vor dem Lehrer Brock erst gar nicht zur Schule gegangen! Wolfgang erzählte, dass ihm Herr Brock oft die Ohren verdrehte, bis sie schmerzten, oder ihm Ohrfeigen verabreichte, wenn er Fragen nicht beantworten konnte.
"So, du wirst also heute zu Hause bleiben, mein Junge. Ich werde nach Schulschluss mit Herrn Brock sprechen. Du brauchst keine Angst zu haben, ich werde alle Probleme besprechen und er wird dich nicht mehr anfassen! Du kannst dich ganz fest darauf verlassen!"
Hilde fragte sich, ob sie am Außenseiterdasein Wolfgangs nicht so ganz unschuldig sei. Sie hatte sich bis heute dagegen gewehrt, Wolfgang bei der Hitlerjugend anzumelden. Zum einen widersprach es ihrer politischen Grundhaltung, zum andren hatte sie eine tiefe Aversion gegenüber allem Militärischen, und die Kriegsspiele der Pimpfe machten sie geradezu zornig! In dieser HJ wurde Kindern ein tiefer Hass gegenüber allen Andersdenkenden eingepflanzt, sie wurden zur "Härte erzogen": Ein deutscher Junge weint nicht, ein deutscher Junge ist hart wie Kruppstahl! Wie konnte sie bewerkstelligen, dass ihr Sohn nicht zur Grausamkeit gegenüber "Nichtariern" erzogen würde, wenngleich er sich dieser Organisation anschließen würde? Sollte sie Wolfgangs Drängen nachgeben? Schweren Herzens gab sie schließlich ihre Zustimmung zum Beitritt Wolfgangs in die HJ. Sie nahm sich vor, täglich mit ihm über die nachmittäglichen Spiele zu sprechen. Ungefährlich war es nicht, sie musste vorsichtig vorgehen, um Wolfgang nicht in erneute Konflikte zu stürzen. Auch hatte Hilde von ihrer Cousine Elsbeth bei deren letzten Besuch gehört, dass Eltern von ihren eigenen Kindern denunziert und ins Konzentrationslager nach Wolfenbüttel abtransportiert worden seien. Elsbeth hatte eine sichere Informationsquelle: Ihr Mann Männe Jordan war Lokomotivführer bei der Braunschweig-Schöninger-Eisenbahn und gehörte dem kommunistischen Widerstand an.
Das Gespräch mit Lehrer Brock verlief frostig. Nachdem Hilde ihren Sohn für die Fehlstunden wegen Übelkeit und Erbrechen entschuldigt hatte, erklärte sie dem Lehrer unumwunden, dass sie mit der Erziehungsmethode der körperlichen Züchtigung nicht einverstanden sei! Sie erklärte ihm, dass sie sich auch als alleinstehende Mutter zu wehren wisse. Lehrer Brock versuchte nicht, seine Handlungsweise gegenüber Wolfgang zu rechtfertigen, vielmehr sagte er Hilde, dass dem Jungen "die strenge führende Hand des Vaters" fehle und er verstockt und widerborstig sei. Nach einigem Hin und Her war klar, dass in puncto Erziehung kein Konsens gefunden werden konnte. Anna verabschiedete sich mit der Bemerkung, dass sie sich an die ihm vorstehende Schulbehörde in Wolfenbüttel wenden werde, sollten die Repressalien gegen ihren Sohn nicht eingestellt werden.
In der nächsten Zeit beruhigte sich die Schulsituation für Wolfgang. Hilde konnte jedoch nicht einschätzen, ob das die Auswirkung ihres Besuchs bei Lehrer Brock war oder ob Wolfgangs Eintritt in die HJ diesen Umschwung bewirkt hatte.
Hilde übte mit Wolfgang den kompliziert vermittelten Part des ABC-Lernens und erklärte mit ihren Worten, was sich hinter der Definition des Lehrers ("Faucher-Eff", "Roller-Err" und "Summer-Ess") verbarg. Es dauerte noch eine Zeit, bis sich die Lernblockade Wolfgangs löste und er seine Hausaufgaben in Sütterlin-Schrift bewältigte.
"Erzeugungsschlacht ist kriegsentscheidend", war vom Propagandaminister aus dem Radio zu vernehmen. Was sollte das bedeuten? Jeder Bauernhof solle zuverlässig bewirtschaftet werden, um so die Versorgung der Soldaten an der Front und der heimischen Bevölkerung abzusichern. Wie konnte das ohne ausreichende Arbeitskräfte funktionieren? Aus den Bauern und Landarbeitern waren im dritten Kriegsjahr Soldaten geworden. Auf einigen Höfen in Evessen wurden schon aus der Ukraine deportierte Arbeiter beschäftigt. In Gilzum arbeiteten bei dem Landwirt Grasshoff, der zugleich Ortsbauernführer war, aus Polen verschleppte Frauen und Männer.
Schon seit einiger Zeit beobachtete Heinrich Grasshoff die fehlenden Aktivitäten auf dem Hof der Elise Oppermann. Er hatte ihr nahegelegt, die inzwischen brachliegenden Felder an den Bauern Hermann Willstedt zu verpachten.
Seit Elise Oppermanns Gutsverwalter und die meisten ihrer Landarbeiter in den Krieg abkommandiert worden waren, hatte sie die Felder nicht mehr bestellen können. Die Traktoren standen wegen des fehlenden Treibstoffs schon länger ungenutzt im Schuppen. Pferde konnten die Traktorarbeit nicht übernehmen. Sie waren schon seit einiger Zeit wegen der kostspieligen Ernährung abgeschafft worden. Es gab Engpässe in der Getreideversorgung. Hafer, das von Pferden bevorzugte Getreide, wurde entweder gemahlen oder diente als Saatgut. Anfangs glaubte Elise, die fehlenden Traktoren durch Milchkuhgespanne ersetzen zu können, doch die Tiere gaben wegen der ungewohnten und harten Feldarbeit kaum noch Milch. Die schweren landwirtschaftlichen Geräte, auf Traktoren abgestimmt, waren mit zwei "Kuhstärken" je Ackergerät nicht zu bewältigen. Neue Geräte hätten angeschafft werden müssen, doch wurde der Landmaschinenbau zugunsten der Produktion von Waffen und Kriegsgerät nahezu eingestellt. Elise Oppermann stimmte der Zwangsverpachtung verzweifelt und entmutigt zu. Ihr blieben zwei große Gemüsegärten und der Obstgarten, die sie mit Marie, ihrer treuen Haushilfe und ihrem Gärtner hinreichend bewirtschaften konnte.
Es war schon dunkel geworden, als Willy, vom Zug kommend, die Dorfstraße entlang nach Hause ging. Seine Einheit war aus Frankreich abberufen worden, um in wenigen Tagen den Transport nach Russland anzutreten. Zwei Tage Urlaub! Wie oft hatte er sich in den vergangenen zwei Jahren diesen Tag ausgemalt! Hilde hatte ihm geschrieben, dass Lena laufen könne, wie ein kleiner Wiesel. Wie gerne hätte er die Entwicklung seiner Tochter miterlebt: Das erste Plappern, die ersten Gehversuche! Wie oft hatte er an seinen Jungen denken müssen! Wolfgang war schon im zweiten Schuljahr und Hilde hatte ihm von einigen Lernschwierigkeiten geschrieben... Ich werde alles mit Hilde besprechen.
Willy beschleunigte seine Schritte. Endlich zu Hause! Er riss die Tür auf und stürmte in die Küche. Er umarmte Hilde und Wolfgang zugleich. In der Küche war es behaglich warm. Hilde heizte schon seit Tagen abends den Küchenherd, weil die Oktoberabende ungemütlich kalt waren.
"Schläft unser Puttchen schon?"
Sie gingen ins Schlafzimmer. Hilde weckte Lena und nahm sie auf den Arm.
"Kuck mal, Puttchen, Papa ist da!"
Lena betrachtete Willy eingehend, um dann festzustellen:
"Is nich´ Papa, mein Papa is auf´n Nachtschrank!"
Hilde und Willy waren zutiefst betroffen. Sie schauten sich an, in ihren Augen standen Tränen. Es schnürte Willy die Kehle zu, und beide hatten den gleichen Gedanken: Was zerstört dieser Krieg noch alles?
Sie gingen zurück in die Küche. Willy kramte aus seinem Tornister zwei Mitbringsel aus Paris hervor: Für Wolfgang ein kleines Taschenmesser, für Hilde eine Messingnachbildung der Kirche Sacré Coeur.
Wolfgang konnte das Messer gut gebrauchen. Er hatte gerade für sich die Leidenschaft des Steinschleuderschnitzens mit Hildes kleinem Schälmesser entdeckt. Man benötigte für eine Schleuder eine kleine Astgabel der Rotbuche oder des Ahorns, etwa 15 cm lang, das Gummi eines Einweckglases, etwas Blumendraht und einen kleinen Lederflicken.
"Papa, ich zeige dir morgen mal, wie gut ich schon mit einem Messer ´ne Schlappschleuder schnitzen kann! Fritz und ich schießen immer mit der Schleuder auf Blechdosen, das knallt so schön!"
Willy konnte schon das Wort schießen nicht mehr hören! Bilder der vergangenen zwei Jahre wurden lebendig: Im Dreck der Schützengräben liegende Soldaten, auf den "Feind" schießende Kameraden, die Schreie der Verwundeten, zerfetzte Leiber auf blutdurchtränkter Erde und immer wieder die Schreie "Sani, Willy, Sani, hilf!". Er bekam einfach die Schreie nicht aus seinem Kopf. Auch nicht hier bei seiner Familie. Die Nacht brachte Willy nicht die ersehnte Ruhe; Hilde war längst neben ihm eingeschlafen. Willy lag noch Stunden schlaflos und hörte auf das gleichmäßige Atmen seiner Frau. Er nahm sich vor, am nächsten Tag mit ihr und den Kindern eine Fahrradtour in den Elm zu machen. Wolfgang hatte Herbstferien und würde wohl erst im nächsten Jahr zum Ernteeinsatz kommen. Hilde hatte ihm erzählt, dass Ortsbauernführer Grasshoff seit dem vorigen Jahr nicht nur Jugendliche des Landdienstes der Hitlerjugend aus Braunschweig anforderte, sondern sogar hiesige Schulkinder zur Feldarbeit verpflichtete.
Sie starteten gleich nach dem Frühstück. Lena saß im Fahrradkörbchen, das am Lenker von Willys Fahrrad eingehängt war. Sie beobachtete ihren Vater aufmerksam. Diese Nähe, die dennoch einen gewissen Abstand wahrte, tat beiden gut. Es war ein behutsames Sich-Annähern. Die Sonne sorgte für angenehme Temperaturen. Schon von weitem gewahrten sie den Elm in seinem schönsten Herbstkleid. Auf den Feldern rechts und links der Landstraße waren Frauen, alte Männer und Kinder mit der Zuckerrübenernte beschäftigt. Die Ausflügler fuhren am Evesser Friedhof vorbei in Richtung Erkerode, um dann an der Straßenkreuzung zum Elm in Richtung Reitlingstal rechts abzubiegen. Willy erzählte seinem Sohn, dass er schon als Kind im Elm rumgestromert sei und er später mit Mutter oft Sonntagsspaziergänge zum Elm gemacht habe.
Auf der Landkarte sieht der Elm wie der Fußabdruck eines Riesen aus. Die schmale Ferse im Osten, der breitere Fuß nach Braunschweig hin. Die Nordseite residierte einst ein Kaiser, Lothar III. von Süpplingenburg (Supplinburg). Der etwa 1060 geborene, als harter Krieger beschriebene und als gerissener Politiker gefürchtete Kaiser war zunächst Graf gewesen. Seine Karriere hatte mit der Heirat der reichen Richenza von Northeim begonnen. Reichtum, Gewalt und Diplomatie hatten ihn zum deutschen König aufsteigen lassen. 1132 war er in Rom zum Kaiser gekrönt worden. Er hatte die lombardischen Städte unterworfen und den Normannenkönig Roger II aus Sizilien vertrieben. Seine Rückkehr im Jahr 1137 über die winterlichen Alpen hatte der fast 80-Jährige nicht überlebt. Beigesetzt war er in Königslutter am Elm worden. Noch zu Lebzeiten hatte er hier für die Errichtung der Striftskirche berühmte Steinmetze und Baumeister aus Norditalien berufen. Sie sollten Zeichen der Weltkultur in diese bäuerlich-wilden Gefilde setzen. Der Kreuzgang des Doms zeigt die ganze Virtuosität italienischer Bildhauer. Keine der Säulen gleicht der anderen. Den Kreuzgang ziert ein Jagdfries mit der Darstellung eines am Boden liegenden gefesselten Jägers, auf dem zwei Hasen tanzen. Was wollten die Künstler damit ausdrücken? Den triumphalen Sieg der Schwachen über die Gewalttäter? Oder war die Aussage der Bildhauer ganz profaner Natur: Innige Tierliebe und tiefer Hass auf Jäger, die wehrlose Tiere erschießen? Die Darstellung der beiden Löwen am Tor des Doms lassen eher auf die tiefe Verbundenheit der lombardischen Steinmetze mit Tieren schließen.
Im Süden des Elms liegt das kleine Dorf Kneitlingen, der Geburtsort des Narrenkönigs Till Eulenspiegel. Der Schelm vom Elm foppte im 13. Jahrhundert erst die Schöppenstedter und Braunschweiger nach Herzenslust, dann zog es ihn in die weite Welt hinaus bis nach Italien und Polen. Das Heimweh trieb ihn wieder nach Deutschland, zum schleswig-holsteinischen Mölln, wo er mit etwa 50 Jahren starb. Unvergessen sein derber Streich mit den Bürgern aus Schöppenstedt, die er ermunterte, eine Kuh das Gras und die Baumsämlinge am schiefen Turm der Stephani-Kirche abgrasen zu lassen. Zunächst wurde ein Seil um einen schweren Stein gebunden und über das Kirchenschiff geworfen, das andere Seilende wurde um den Hals der Kuh geschlungen. Mit vereinten Kräften der Bürger wurde die Kuh den Kirchturm hinaufgezogen. Die heraushängende Zunge des erwürgten Tieres erklärte Till mit "se licket all, se licket all!" und feuerte die Bürger zum Weiterziehen an.
Der Duft des herbstlichen Waldes stieg den Ausflüglern in die Nasen. Es waren Düfte, die unvergessen blieben und noch heute die Erinnerung wachrufen an sich im Winde wiegende Buchenwipfel, an die Gesänge der Buchfinken, Laubsänger, Kleiber und an die Warnschreie der Eichelhäher.
Die ersten Pilzsammlerinnen kamen ihnen grüßend und mit gefüllten Körben entgegen. Pilze waren jetzt eine schmackhafte und willkommene Bereicherung des Speisezettels. Der Steinpilz war im Elm ein häufig anzutreffender Pilz, aber auch Marone, Champignon und Krause Glucke wuchsen gern auf Buchenlaub. Die Vier fuhren durch das Reitlingstal, einer größeren Lichtung im Elm. Rechts und links der Straße waren Kuhweiden, die zur kurzen Rast einluden. Kaum hatte Willy Lena aus dem Körbchen gehoben, lief sie auch schon auf die Absperrung zu und krabbelte unter den Balken auf die Wiese. Eine Kuh, aller Wahrscheinlichkeit nach die alte Leitkuh, kam auf sie zugelaufen, gefolgt von den anderen Kühen. Das alles geschah in solcher Geschwindigkeit, dass Eltern und Bruder erstarrt dastanden und Lena zuriefen, sie solle rasch zurückkommen! Lena war von den Kühen fasziniert und blieb stehen. Die Leitkuh beroch sehr behutsam das kleine Menschenkind, das ihr furchtlos die Hände entgegenstreckte. Auch die anderen Kühe kamen nach und nach auf sie zu. Nichts geschah, das den besorgten Eltern hätte Furcht einflößen müssen. Lena "unterhielt" sich sehr angeregt mit den Kühen und es schien, als verstünden diese das kleine Mädchen. Erst als Hilde rief, man wolle jetzt weiterfahren, war Lena zum Kommen zu bewegen. Die Fahrt ging weiter und führte sie über einen Steg, der das Flüsschen Wabe überbrückte in Richtung Reitling. Da die Straße eine größere Steigung hatte, stieg Hilde von ihrem Fahrrad. Die Anstrengung war ihrem kranken Herzen nicht zuzumuten. Auch Willy und Wolfgang schoben jetzt ihr Fahrrad, bis sie die Anhöhe erreicht hatten.
"Weißt du, dass Till Eulenspiegel immer gelacht hat, wenn es bergauf ging?" Fragte Willy seinen Sohn.
"Er hat gelacht, weil es gleich bergab gehen sollte! Und bergab hat er dann fürchterlich geheult, weil es bald wieder bergauf gehen würde! Der hat alles verdreht, ne?"
"Dann hat er den Leuten einen Spiegel vorgehalten. Er hat ihnen schelmisch ganz unbequeme Wahrheiten gesagt. Till Eulenspiegel hat alle zum Lachen gebracht und keiner konnte ihm etwas verübeln, weil er ja ein Narr war."
Die Familie war inzwischen am Ausflugslokal Reitling angekommen. An der Eingangstür stand in Großbuchstaben HEUTE GESCHLOSSEN. Die geplante "Trinkpause" mußte ausfallen. Sie beschlossen, zum Tetzelstein zu fahren.
"Na, Wolfgang, gleich müssen wir ja dann fürchterlich weinen, weil´s bergab geht! Benutze jetzt mal deinen Fahrrad-Rücktritt, dass du dein Tempo ´n bischen bremsen kannst."
Rasant ging es bergab. Die Abfahrt verlief sehr vergnüglich und nicht in der Manier des Till Eulenspiegels. Lachend nahmen sie die Linkskurve über die Wabebrücke und radelten in Richtung Tetzelstein. Die Straße sorgte mit ihrem wechselnden Gefälle und dem "per pedes" bergauf für willkommene Gespräche zwischen Eltern und Kindern.
"Na, Wolfgang", fragte Hilde,
"weißt du denn, woher der Tetzelstein seinen Namen hat?"
"Ja, ich glaube, das war so´n Mönch, der den Leuten Zettel verkauft hat, dass sie in´n Himmel kommen solln."
"Ja, die Zettel waren Ablassscheine. Ich erzähle Dir das mal, wie es sich zugetragen haben soll: Also, der Tetzel war ein armer, dicker Ablassprediger vom Papst, der ganz gerne über 'n Durst Wein getrunken hat und deshalb nie Geld hatte. Da kam er auf die Idee, die Dummheit der Menschen auszunutzen und zu Geld zu machen. Er schrieb kleine Zettel, auf denen stand, dass alle begangenen Sünden vergeben seien und sie zum lieben Gott ins himmlische Paradies kommen würden."
Willy ergänzte:
"Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Fegefeuer in den Himmel springt!"
"Ja", fuhr Hilde fort, "in Königslutter hatte Tetzel mit besonders vielen Leuten gute Geschäfte gemacht. Unter den Käufern war auch der Ritter von Hagen, der von Tetzel einen Ablasszettel für eine Sünde kaufte, die er erst noch begehen wollte! Tetzel hatte sich schon wieder zur nächsten Gaunerei durch den Elm in Richtung Schöppenstedt auf den Weg gemacht. Als er wohl eine Stunde gelaufen war, sprang Ritter von Hagen mit seinen Knappen aus dem Gebüsch und raubte Tetzels Geldkiste. Tetzels Proteste nützten ihm nichts. Der Ritter zeigte ihm den Ablaßzettel, den er ihm selbst verkauft hatte. Aber Ritter von Hagen behielt das Geld nicht, er verteilte es unters Volk. Und wir fahren jetzt genau zu der Stelle, wo das alles passiert sein soll."
Nach einiger Zeit erreichten die Ausflügler Tetzelstein und das Denkmal, das man der Begebenheit im Elm gesetzt hatte, ein riesiges Monument gotischer Baukunst aus hiesigem Muschelkalkstein. Im Innern des Monuments hatten Steinmetze die verwerflichen Machenschaften des Joh.Tetzels (1456-1519) und die gar rühmliche Tat des Ritters von Hagen auf eine Steinplatte gemeißelt.
Während Eltern und Bruder den Text der Steintafel entzifferten, verschwand Lena im Unterholz des Waldes. Ein Mistkäfer (Geotrupes) hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie war fasziniert von dem schwarz-blauen, metallisch glänzenden Käfer, der ganz behäbig im Laub krabbelte.
"Na, bisse ganz ´leine un wills´e zu Mama?"
Lena kommunizierte lebhaft mit allem, was sie umgab und ihre Aufmerksamkeit erregte. Sie redete mit Pflanzen und Tieren wie mit Menschen. Diese Eigenschaft behielt sie ihr Leben lang bei. Sie plumpste ins Moos und schaute nach oben, in den Wipfel der wohl 30 Meter hohen Buche, in dem sich ein Buntspecht an einem morschen Ast laut hämmernd zu schaffen machte. Die Mittagssonne tauchte die herbstlichen Buchenblätter in ein lichtes Rotgold. Die Baumkronen schienen sich im Winde einander zuzuneigen. Lena schaute ringsum in die Wipfel. Die Welt schien sich zu drehen, die rauschenden Blätter sangen die Melodie des Waldes. Nie würde sie die betörenden Gesänge und Gerüche ihres Elms vergessen!
Hilde hatte das Verschwinden Lenas zuerst bemerkt. Erschrocken verteilten sich die Drei in verschiedene Richtungen, um die Ausreißerin zu suchen. Sie konnten sie hinter Brombeersträuchern, Jungbäumen und Farnen zwar nicht sofort ausmachen, doch gewahrten sie nach längerer Zeit das Plappermäulchen, das gerade mit einer Blaumeise plauderte.
"Mein Gott", entfuhr es Hilde, "Dich kann man aber auch nicht einen Augenblick unbeaufsichtigt lassen!" Sie hob Lena aus dem Moos und sah ringsum das zarte Lila der Herbstzeitlosen leuchten.
"Ich dachte schon, Du pflückst einen Blumenstrauß aus Herbstzeitlosen, Puttchen. Da sind wir aber froh, dass Du das nicht gemacht hast, weil die sehr sehr giftig sind und Du davon ganz doll Bauchschmerzen bekommen kannst! Du musst sie immer stehen lassen und darfst sie niemals anfassen, hörst Du, Puttchen?!"
Das Waldlokal "Zum Tetzelstein" lud zum Verweilen ein. Die Familie betrat den Gastraum und suchte sich einen Tisch an der Fensterseite aus. Von hier aus waren das Denkmal und der angrenzende Wald gut zu sehen. In der Fensterbank standen einige Blumentöpfe mit traurigen, vergessenen Pelargonien, die nach Wasser zu schreien schienen. Zwischen den Töpfen lagen verendete Bienen, Wespen und Fliegen. Die Insektenschicksale schienen schon lange dort zu liegen und unterstrichen die Melancholie, die der fast leere Raum ausstrahlte. Ein betagter Kellner kam schlurfenden Schrittes an den Tisch. Sein Anzug war zerschlissen und schlotterte ihm um seinen Körper; die Fliege an seinem etwas zerknitterten weißen Hemd hing schlaff herunter. Er musterte die Familie und gewahrte an Willy den grauen Soldatenrock niederen Dienstgrades, ohne jegliche Auszeichnung am Revers. Es schien dem alten Mann zu gefallen, denn sein mürrischer Gesichtsausdruck erhellte sich etwas:
"Die Herrschaften wünschen, bitte sehr?"
Willy bat um die Menükarte. Die Auswahl war sehr bescheiden und einige Angebote waren durchgestrichen.
"Ja, wir haben nur noch wenige Gerichte zur Wahl", entschuldigte sich der Kellner. "Meine Frau und ich führen das Lokal jetzt alleine, seit unser Junge an ´er Front is. Alltags kommen nur wenige Leute, da lohnt es ja auch nich´! Meine Frau kann Ihnen aber Bratkartoffeln und Spiegeleier machen."
"Ja, das ist gut. Das schmeckt uns", sagte Hilde. "Und bringen Sie uns noch zwei Gläser Apfelsaft und ´ne Flasche Feldschlösschen-Malz mit zwei Gläsern, bitte!"
Der Nachmittag verging wie im Flug. Willy fühlte seine tiefe Verbundenheit mit seiner Familie und der Gedanke an die morgige Abfahrt in den grausamen Krieg schnürte ihm den Hals zu. Er verdrängte die grauen schicksalschweren Wolken und wandte sich seiner Tochter im Fahrradkörbchen zu: "Komm, wir wollen mal ´n Liedchen singen!
Das gefiel Lena! Sie strahlte ihren Vater an:
"Noch ein! Noch ein!"
Willy sang alles, was ihm aus seiner Gesangvereinszeit einfiel. Lena war begeistert und versuchte, einige Melodien nachzusingen, was Willy in Erstaunen versetzte! Sie war doch nicht einmal drei Jahre alt!
"Datt hat et von mick", rief er Hilde und Wolfgang zu, die dicht hinter ihm fuhren.
"Ja Papa, ich singe auch immer mit ihr. Und Mama!"
"Ja, mein Junge, darüber freue ich mich. Darüber freue ich mich ganz dolle, dass Ihr so schön zusammen singen könnt!"
Unausgesprochen ließ Willy, dass er gern dabei wäre, wenn sie fröhlich miteinander singen. Wie gerne bliebe er bei seiner Hilde und seinen Kindern!
Dicke weiße Nebelschwaden waberten über die Stoppelfelder, als die Familie am nächsten Morgen zum Bahnhof ging. Die feuchte Kühle dieses Herbstmorgens drang durch alle Kleidungsstücke. Hilde und Willy hielten sich bei den Händen, Wolfgang zog den Handwagen, in dem Lena saß und den Ranzen ihres Papas festhielt. Hilde wollte ihrem Willy noch so viel sagen! Es blieb unausgesprochen. Der Abschiedsschmerz verschloss ihren Mund. Nur Lena feuerte unbefangen ihren Bruder an: "Schneller, Pferdchen, schneller!" Wolfgang fiel in einen leichten Trab und war froh, sich etwas ablenken zu können. Er spürte die Schwere des Abschieds, in der viel Beängstigendes für ihn lag.
Der Bahnhof war nur schwach beleuchtet. Nur wenige Fahrgäste wollten in Richtung Braunschweig reisen. Das Bimmeln der alten Dampflok war zu hören, noch ehe man sie sehen konnte. Dann tauchten zwei verschwommene Lichter aus dem Nebel auf. Schnaufend und dampfend kam der anthrazitfarbene Koloß zum Stehen. Willy nahm Lena aus dem Handwagen auf den Arm und drückte sie fest an sich.
"Nun mach´s gut Puttchen. Ich komme bald wieder. Sei schön lieb zu Mama!"
Er setzte Lena wieder in den Wagen, wandte sich Wolfgang zu und nahm ihn in den Arm.
"Mein Großer, Du mußt jetzt gut auf Lena und Mama achten, dass es ihnen gut geht, hörst Du?"sagte Willy mit tränenerstickter Stimme.
Wolfgang nickte heftig mit dem Kopf und sah, dass seiner Mama Tränen über die Wangen liefen. Er konnte es nicht ertragen, wenn seine Mama weinte, und begann zu schluchzen. Nur gut, dass ihn sein Freund Fritz Helmchen jetzt nicht sehen konnte! Willy umarmte Hilde, die das Gefühl hatte, ihre Knie würden ihr den Dienst versagen. Sie zogen Wolfgang zu sich heran. Lena bekam es mit der Angst zu tun, kletterte aus dem Handwagen und klammerte sich am Hosenbein Willys und dem Rock Hildes fest. Sie begann lauthals zu schreien. Es war ihr einfach zu furchterregend, alle weinen zu sehen! Das "Alle einsteigen bitte" des Zugabfertigers beendete abrupt das Abschiednehmen. Willy griff sich seinen Ranzen und rief ein letztes "Bis-Bald-Ihr-Lieben!" Er schlug die Tür hinter sich zu, war sofort am Fenster und öffnete es. Winkend verschwand er, immer kleiner werdend, und war im Nebel bald nicht mehr auszumachen. Er fuhr einem ungewissen Schicksal entgegen. Wann würde sich die Familie wiedersehen? Würden sie sich überhaupt wiedersehen?
Frauenemanzipation 1943
Von der Herdhüterin und Mutter zur Arbeitssklavin
Das verklärte Mutterbild des Nationalsozialismus bekam spätestens zu dem Zeitpunkt tiefe Risse, als die Kriegswirtschaft einen argen Arbeitskräftemangel zu verzeichnen hatte. Männliche deutsche Facharbeiter aus der Konsumgüterindustrie und dem Handwerk wurden in größerem Maße in den Rüstungsbetrieben verpflichtet. Die so entstandenen Lücken wurden nun von "Lückenbüßerinnen" gefüllt. Sollte die Frau 1933 noch ihrer wahren Berufung folgen, den heimischen Herd zu hüten und dem Führer zur Erhaltung der deutschen Rasse Kinder zu gebären, wurde schon seit 1939 ein verändertes Frauenbild proklamiert. Appelle der NSDAP und der NS-Frauenschaft, des Oberkommandos der Wehrmacht und nicht zuletzt der Presse und des Rundfunks verhallten nicht ungehört: Bis 1942 konnten diese Institutionen 14 Millionen Frauen für den ausserhäuslichen Arbeitsprozess mobilisieren.
Hilde war eine von diesen 14 Millionen, die verpflichtet wurden, ihre Arbeitskraft für den "Endsieg" zur Verfügung zu stellen. Es war schon spät, Hilde hatte Lena gerade ins Bett gebracht, als Ortsgruppenleiter Meier an einem kalten Dezembertag des Jahres 1942 an die Tür klopfte. Wolfgang saß am Küchentisch und machte mit Hilde gemeinsam seine Schularbeiten. Hilde bat den Ortsgruppenleiter hereinzukommen und bot ihm einen Tee an, den er dankend ablehnte. Nun, er sei in besonderer Mission hier, die NS-Frauenschaft habe ihn gebeten, sie aufzusuchen.
Es war dem Ortsgruppenleiter Meier bekannt, dass Hilde keine "Volksgenossin" war, und so bemühte er sich, seiner Aufforderung Nachdruck zu verleihen, indem er an das Gewissen einer guten deutschen Frau appellierte, Tarnnetze für die tapferen deutschen Soldaten an der russischen Front zu nähen. Minna Helmchen hätte Stoffballen und die Maße der zu nähenden Tarnnetze und würde auch die fertigen Netze wieder einsammeln. dass Hilde im Besitz einer guten Nähmaschine sei, wisse er von ihr. Nachdem Hilde ihre Hilfe zugesagt hatte, verabschiedete er sich mit den Worten:
"Na, dann kann ja dem Endsieg nichts mehr im Wege stehen! Heil Hitler!"
Hilde konnte nicht einschätzen, ob in dieser Äußerung Meiers nicht ein sarkastischer Unterton mitschwang, oder ob er wirklich glaubte, was er sagte. Wusste Meier wirklich nicht, wie sich die Frontsituation zwischen Don und Wolga entwickelt hatte? Hilde hörte täglich die Berichterstattung des britischen Senders BBC in deutscher Sprache, wenn Lena und Wolfgang schon fest schliefen. Willy war nun schon drei Monate in diesem Hexenkessel am Don. Sein letztes Lebenszeichen, eine Feldpostkarte, kam im November 1942. Seine verschlüsselten Wünsche hatte Hilde gut verstanden: Es fehlten ihm warme Socken und Handschuhe. Willy schrieb ihr, wie froh er sei, dass sie so gut stricken könne, nicht alle Kameraden hätten eine so geschickte Frau, die Socken und Handschuhe stricken könne. Offen über solche Bedürfnisse zu schreiben war wenig ratsam, hätte es doch als Eingeständnis einer mangelhaften Versorgung der Soldaten gewertet werden können. Die Propaganda verbreitete ausschließlich Meldungen über Siege und Heldentaten der Frontsoldaten. Zwei Päckchen hatte Hilde an Willy geschickt und sie wusste nicht, ob sie ihn je erreichten.
Es war eine Nacht, wie viele vorhergegangene. Pausenlos waren die kämpfenden Soldaten im Einsatz. Das Luftbombardement tauchte die nächtliche Front in helles Licht. Willy stand mit seinen Kameraden nicht im Schützengraben, sondern bis zum Bauch im Eiswasser eines kleinen Nebenarms der Wolga. In heftigen Straßenkämpfen hatten die Soldaten der 6. Armee des Generalfeldmarschalls Friedrich Paulus den kleinen Ort Kalatsch für sich erobern können. Sie hinterließen unendlich viele tote Menschen, lodernde, qualmende und einstürzende Häuser, brennende Sträucher und Bäume. Die zum Teil stark verstümmelten Soldaten ließen eine Zuordnung Rote Armee oder deutsche Wehrmacht, nicht mehr zu. Der Tod hatte sie alle gleich gemacht. Die 6. Armee drang weiter östlich vor und die Soldaten standen kurz vor Stalingrad. Vor ihnen lag ein kleines Dorf, noch fest im Griff der 62. Armee des sowjetischen Generalleutnants Tschuikows. Ringsum ohrenbetäubendes Krachen und Bersten von Geschossen, Schreie getroffener Soldaten.
"Sani, Saniiii",
erklang ein markerschütternder Hilfeschrei von einem Kameraden Willys, nur zwei Meter von ihm entfernt. Willy eilte ihm zu Hilfe, ein schwieriges Unterfangen, sich im Granatenhagel und als Nichtschwimmer schnell fortbewegen zu wollen. Blut rann dem Kameraden aus Nase und Mund. Als Willy ihm die noch verbliebenen restlichen Knöpfe von Mantel und Uniform öffnen wollte, quollen ihm die Gedärme des von einem Dumdum-Geschoß zerfetzten Bauches über seine Hände. Er konnte seinem sterbenden Kameraden nicht mehr helfen. Die Strömung des Flüsschens nahm ihn mit sich fort und er versank. Die erbitterten Kämpfe dauerten nun schon zwei Tage und Nächte an. Die Unterstützung eines Panzerkorps der 6. Armee und einiger Fliegerverbände brachten eine Wende. Die Soldaten konnten das Wasser verlassen und stürmten durch den blutgetränkten Schnee in Richtung Dorf. Es war ein fast zerstörtes Dorf, die meisten Holzhäuser waren zerborsten, einige brannten noch, verkohlte Reste von Häusern qualmten. Über allem lag der Geruch von verbranntem Fleisch. Am Ende der Dorfstraße, etwas abseits der anderen Häuser, stand eine noch fast unversehrte Kate. Der Schuppen hinter ihr war jedoch zerstört. Verkohlte und zersplitterte Holzteile lagen verstreut zwischen toten Soldaten, einem Hundetorso und einer Kuh ohne Vorderextremitäten und Kopf. Hühnerfedern lagen überall im blutigen Schnee des kleinen Hofes. Ein paar noch lebende, aufgeregt gackernde Hühner erregten die Aufmerksamkeit der deutschen Soldaten. Sie versuchten, die Hühner einzufangen. Drei Hühnern gelang die Flucht in den nahen Wald unter einen ausgebrannten Panzer. Zwei Hühner entkamen den Verfolgern nicht. Die Soldaten drehten ihnen mit Brachialgewalt die Köpfe ab. Ein kopfloses Huhn entkam seinem Mörder noch wenige Sekunden und flatterte mit blutigem Federkleid ein kurzes Stück. Als es mit zuckenden Flügeln und Beinen wieder im Schnee landete, war der Soldat schon über ihm und packte es bei den Beinen. Er schwang seine Trophäe über seinem Kopf und brüllte:
"Füüür unsern Smuuutje!"
Hatte da nicht eben ein Kamerad nach ihm gerufen? Seit der heftigen Detonation unmittelbar neben ihm schien Willys rechtes Ohr taub zu sein. Er lief in Richtung des vermeintlich Verwundeten und stieß heftig mit einem Soldaten zusammen. Der Schreck war beiden gehörig in die Glieder gefahren als sie erkannten, dass ihr Gegenüber der gegnerischen Seite angehörte. Sie starrten sich an und Willy presste noch ein heiseres "stoij" hervor. Der noch blutjunge Soldat der Roten Armee schien sprachlos und schaute Willy mit weit aufgerissenen blauen Augen an. Sie trennten sich mit der gleichen Geschwindigkeit, in der sie kollidiert waren, ohne auf den Gedanken zu kommen, sich auch nur ein Haar zu krümmen. Der Soldat verschwand, von den Deutschen unbemerkt, im Wald. Willy hoffte für ihn, dass er seine Einheit unverletzt erreichen möge.
Die Eingangstür der Kate stand weit offen. Willy hörte das laute Gejohle seiner Kameraden und betrat einen großen Raum, der Küche, Schlaf- und Wohnzimmer zugleich zu sein schien. In der Zimmerecke war eine Konsole angebracht, auf der eine Vase mit vertrockneten Blumen neben einem Soldatenbild stand. Darüber befand sich ein Kreuz. Rechts davor hing ein Jesusbild mit blutendem Herzen, links prangte ein Madonnenbild. Quer durch den Raum, unmittelbar unter der Decke, war eine dünne Leine gespannt. Daran hingen getrocknete Pilze, Tomaten, Peperonis, Birnen und ganze Gewürzsträuße. Erst jetzt gewahrte Willy in der äußersten Ecke des Bettes, das neben dem Herd stand, die zusammengekauerte Gestalt einer alten Frau. Ihr galt offensichtlich der Lärm der Soldaten. Ein noch junger Soldat schmiss sich auf das Bett und riss der kleinen Alten die Kleider vom Leibe. Sie schrie durchdringend und schrill in panischer Angst, was die Soldaten noch mehr in Rage zu bringen schien! Fassungslos und erschüttert wurde Willy Zeuge einer unvorstellbaren sexuellen Brutalität, die das bisher erlebte Grauen des Krieges für ihn noch übertraf. Gewalt gegen Wehrlose! Mein Gott! Willy brüllte, so laut er konnte:
"Aufhören, hört auf! Sofort aufhören! Seid Ihr denn total verrückt geworden, Ihr Schweine? Aufhören!"
Seine Stimme schien sich zu überschlagen, doch er erreichte, dass der Soldat von der Frau abließ. Es sah nicht gut aus für Willy. Er fürchtete, dass sich jetzt die Aggressionen der Ertappten gegen ihn richten würden. Er stürzte zur Tür und schrie, sich noch einmal umdrehend:
"Ich mache Meldung beim Spieß!"
Der Kriegsverlauf in den letzten Dezemberwochen des Jahres 1942 machte eine Meldung durch Willy überflüssig. Vier der Soldaten fielen während der heftigen Straßenkämpfe in Stalingrad, darunter auch der Gewalttäter. 90 Prozent der Stadt waren von den deutschen Truppen eingenommen worden, doch machte die Großoffensive der Roten Armee sie zu Eingeschlossenen. Verzweifelte Kämpfe der Soldaten bis zur völligen Erschöpfung veranlassten General Paulus, Hitler um die Zustimmung für einen Ausbruch der 6. Armee an der Südflanke der Stadt zu bitten. Hitler verbot diesen am 23. Dezember 1942 ausdrücklich. Die Kämpfe gingen weiter. In der ersten Woche des neuen Jahres wurde Willy von einem Granatsplitter am linken Bein schwer verletzt, in dem Moment, als er einem verwundeten Kameraden zu Hilfe eilen wollte. Der Verwundete hatte eine Schulterverletzung davon getragen. Als ein unmittelbar darauf folgender Schlag dem Kameraden beide Beine abriß, wurde auch Willy getroffen.
Die Ju 52, eine dreimotorige Transportmaschine, rollte langsam auf dem Rollfeld des kleinen Flugplatzes aus. Sie hatte es geschafft, in der Hölle Stalingrads zu landen, trotzdem sie stark unter Beschuss genommen worden war. Der General hatte angeordnet, die Schwerverwundeten ausfliegen zu lassen. So drängten die verwundeten Soldaten mit blutdurchtränkten Verbänden, fehlenden Beinen oder Armen über das Rollfeld auf die Ju zu. Eine riesige menschliche Walze, die alles mit sich nahm. In der Mitte der Vorwärtsdrängenden befand sich Willy, der Mühe hatte, ohne Gehhilfe mit seiner Verwundung nicht zu stürzen und nieder getrampelt zu werden. Dann ging alles sehr schnell. Willy wurde auf die Ladefläche im Innenraum des Fliegers geschleudert, die Türklappe wurde hochgerissen und verriegelt. Das Brummen der Motoren setzte ein. "Mein Gott", dachte Willy, "wenn es Dich gibt, dann lass uns hier heil rauskommen!" Der Soldat, der vor ihm auf dem Boden kauerte, erbrach sich über Willys Stiefel. Er war nicht der einzige, dem die Turbulenzen zu schaffen machten. Der säuerliche Geruch von Erbrochenem vermengte sich mit dem beißenden Geruch erfrorener Gliedmaßen.
Ein eisiger Wind fegte über die Dorfstraße und trieb den Schnee vor sich her. Schneewehen erschwerten Hilde ein zügiges Vorwärtskommen. Sie hatte Lena in eine warme Decke gehüllt, so dass nur noch Augen und Nase zu sehen waren. Seit einigen Tagen brachte Hilde die kleine Lena morgens mit dem Schlitten in den Kindergarten, um zu arbeiten. Großbauer Walter Landgrewe hatte sie gebeten, seiner Frau Marie in der Winterzeit im Haushalt zu helfen und im Frühjahr solle dann noch der Garten von ihr betreut werden. Als Salär wurden Naturalien ausgehandelt. Das war Hilde sehr recht, da sie hoffte, sich und die Kinder dann etwas besser ernähren zu können.
Die gesamte Bevölkerung, die Landbewohner eingeschlossen, hatte unter Versorgungsengpässen zu leiden. Die Machthaber hatten sich zu einer Rationierung der Nahrungsmittel entschlossen. Jede zu einem Haushalt gehörende Person erhielt monatlich eine Lebensmittelkarte, die in briefmarkengroße Felder eingeteilt war. Darauf waren die auszugebenden Lebensmittel deklariert: 1000 g Brot, 500 g Fleisch, 250 g Butter, 500 g Zucker, 1000 g Mehl und so fort. Aufgrund der unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen entwickelten sich Lebensmittelmarken-Tauschgeschäfte. So waren für einen Bauern, dem es möglich war, seine Butter selbst herzustellen, die "Butterabschnitte" entbehrlich. Auch die "schwarz" geschlachteten Schweine erübrigten "Fleischmarken". Mit Hilfe vieler Butter- und Fleischmarken konnten ein Paar Winterstiefel "erkungelt" werden, wobei Verhandlungsgeschick gefragt war! Die auf die Marken ausgeteilten Lebensmittel deckten nur ein Minimum des Grundbedarfs der Nichtbauern ab und führten zu schweren Mangelerkrankungen. Die Tuberkulose war im Vormarsch und die Zahl an Rachitis erkrankter Kinder stieg enorm.
Hilde konnte keine der Lebensmittelmarken für einen Tausch entbehren, sie hatte nur ihre Arbeitskraft anzubieten. Sie arbeitete täglich bis in die Nachmittagsstunden bei Marie Landgrewe, die sie mit der gesamten Haushaltführung betraut hatte. Als Haushaltshilfe hatte man ihr Ilse Suck zugeteilt, ein junges Mädchen aus Wolfenbüttel, das sein Pflichtjahr als Angehörige des Reichsarbeitsdienstes abzuleisten hatte. Marie und Walter Landgrewe bewirtschafteten ihren Hof mit ihren drei Kindern, drei zwangsverpflichteten alten Männern aus den umliegenden Dörfern und zwei Jungen des Landdienstes der Hitlerjugend. Walter Landgrewe war mit seinen Parteifreunden, dem Ortsbauernführer Graßhoff und dem Ortgruppenführer Meier, übereingekommen, dass er bei der nächsten Zuteilung polnischer oder russischer Zwangsarbeiter berücksichtigt werden sollte.
Hilde hatte von "Tante", ihrer alten Nachbarin Caroline Brandes aus Evessen, bei ihrem letzten sonntäglichen Besuch mit den Kindern erfahren, dass ihre neuen Arbeitgeber miteinander verwandt seien. Walter Landgrewe hätte seine Cousine geheiratet.
"Sau kamm ain Hoff tau´n annern un datt Arbe moßte nich uppedeilt wäärn",
hatte Caroline mitgeteilt. Jetzt wurden Hilde die Gründe der geistigen Entwicklung der Kinder der Landgrewes plausibel. War die erstgeborene Isolde noch ein intelligentes Mädchen, hatte der zweitgeborene Otto schon einige intellektuelle Defizite aufzuweisen. Die als letzte geborene Hannelore war in ihrer geistigen und körperlichen Entwicklung zurückgeblieben, doch war sie ein besonders freundliches und anhängliches Mädchen, das sich gern bei Hilde in der Küche aufhielt. Leider war es Hilde nicht möglich, die "Tante" öfter zu besuchen. Sie hatte so viel Arbeit zu bewältigen, dass sie oft nicht wußte, wo ihr der Kopf stand! Der große Haushalt bei Landgrewes, dann Lena vom Kindergarten abholen, den eigenen Haushalt in Ordnung halten, die Schularbeiten Wolfgangs beaufsichtigen und diese verdammten Tarnnetze nähen, nachdem sie die Kinder zu Bett gebracht hatte. Wolfgang hatte "Tante" versprochen, nach der Schule mal ´rumzukommen.
In den letzten Jahren hatten sich die Umgangsweisen der Dorfbewohner miteinander verändert. Der politische Wandel selbst in den kleinsten Dörfern machte aus vormals vertrauten Nachbarn misstrauische Mitbewohner. Jede Äußerung musste wohlüberlegt getan werden, um eine politische Fehlinterpretation von vornherein auszuschließen. Hilde nahm als "Zugezogene" eine Außenseiterrolle ein. Sie verweigerte den Eintritt in die Partei, nahm demzufolge auch nicht an den Zusammenkünften der NS-Frauenschaft teil. Es gab nur noch wenige Menschen, die sich dem neuen Gesellschaftsleben verweigerten. Elise Oppermann war eine von diesen Wenigen, weshalb sich Hilde mit ihr austauschen konnte. Wenn es ihre knapp bemessene Zeit zuließ, ging sie abends zu einem kleinen Schwätzchen zu ihr. Beide hatten ein tiefes Vertrauen zueinander gefasst. Elise erzählte gern aus ihrer Kindheit, von ihrer unerfüllten Liebe. Sie sagte Hilde, wie sehr sie sie um ihre prächtigen Kinder beneide. Wie gerne hätte sie selbst Kinder gehabt. Hilde erzählte von ihren großen Sorgen, die sie sich um Willy machte. Sie hatte im Radio gehört, dass General Paulus am 8. Januar 1943 von der Roten Armee aufgefordert worden sei, die Stadt Stalingrad zu übergeben und zu kapitulieren.
"Haben Sie wieder diesen englischen Sender gehört?"
fragte Elise Oppermann. Hilde nickte nur traurig.
"Ich bitte Sie sehr, seien Sie vorsichtig, dass man das Radio zur Straße hin nicht hören kann und Sie angezeigt werden können!"
Sie nahm Hildes beide Hände und umschloss sie mit den ihren.
"Ich denke so oft an Sie und Ihren Willy. Mein Gefühl sagt mir, dass er zurückkommen wird. Ganz sicher."
Der Kindergarten lag direkt hinter der Kirche. Es war ein eingeschossiges Haus aus grauem Muschelkalkstein. Eine eingezäunte, große Spielwiese befand sich dahinter. Sie war nur von der Hintertür aus zu erreichen. Jetzt, im Januar, standen auf der Wiese zwei riesige Schneemänner, die die Kinder mit ihrer Tante Irene, wie die Kindergärtnerin genannt werden wollte, gebaut hatten. Den Gesichtern der Schneemänner fehlten die sonst üblichen Mohrrübennasen. Dieses leckere Gemüse wurde nicht verschwendet, sondern landete in den Bäuchen der Kinder. Kleine Stöckchen waren ein adäquater Ersatz für Mohrrüben. Die beiden Schaukelgerüste hatten im Winter keine Funktion, die Seile und Holzsitze wurden erst wieder vom Hängeboden geholt, wenn das Wetter es wieder zuließ. Im Innern des Hauses befanden sich zwei große Räume: ein Zimmer mit kleinen Betten für den Mittagsschlaf, im anderen waren Kindertische und -stühle. An der Wand standen halbrunde, etwas höhere Tische, die mit grünem Linoleum bezogen waren. Hier machten die Erstklässler ihre Schulaufgaben. Schob man diese halbrunden Tische zusammen, entstand ein großer, runder Tisch. Für Lena waren das richtige Zaubertische! Bei Abwesenheit der Schulkinder schob sie sich einen kleinen Stuhl vor den großen, zusammen geschobenen Tisch und baute im Stehen mit Bauklötzen Türme, Häuser und große Tiergatter für ihre Schafe. Alle kleinen Klötze waren Schafe. Sie liebte ihre Tante Irene, die wundervolle Spiele kannte und aufregende Geschichten vorzulesen verstand. Die größte Faszination übte auf Lena jedoch das Kindergartenklo aus! Ein Plumpsklo außerhalb des Hauses. In der oberen Tür war kein sonst übliches Herz ausgesägt, sondern ein Heinzelmännchen! Im Häuschen befand sich ein Klo für Erwachsene, daneben, eine Stufe tiefer angebaut, ein kleines Klo für Kinder. Auch die Öffnungen waren in unterschiedlicher, dem Po-Volumen angemessener Größe. Die Holzdeckel hatten einen dicken Knubbel zum Anfassen. Tante Irene bestand darauf, die Kloöffnungen immer mit dem Deckel zu verschließen. Neben jedem Sitz war ein Stapel in Rechtecke geschnittener Zeitungen, die als Toilettenpapier fungierten.
Seit gestern hatte Lena zwei neue Spielgefährten im Kindergarten: die Geschwister Renate und Volker Rollwagen, deren Eltern vor kurzem noch eine Fleischerei in Braunschweig am Kohlmarkt betrieben hatten. Ein britischer Fliegerangriff auf die Büssing-Werke hatte auch die Altstadt getroffen und die Fleischerei ausgebombt. In Gilzum wohnten nun schon einige evakuierte Familien aus Aachen und Braunschweig, die hier bei Verwandten untergekommen waren. Renate Rollwagen, ein fast fünfjähriges pummeliges Mädchen mit dicken, hellblonden Zöpfen, hatte ein ruhiges Wesen und spielte gern mit kahlköpfigen Zelluloidpuppen aus dem Hause Schildkröt. Alle Puppen hatten reliefartig geprägte Haarfrisuren. Die Puppenknaben trugen einen simulierten Seitenscheitel und einen Halbpony, die Mädchen zierte allesamt eine gewölbte Innenrolle. Volker Rollwagen, ein lebhafter Blondkopf, trug gern Ringkämpfe mit Lena aus. Dabei ging es beiden um ein Kräftemessen und um das Privileg, als Sieger mit dem Holzbollerwagen spielen zu dürfen. Sieger war, wer über dem anderen zu liegen kam und die Oberarme des Untenliegenden mit den eigenen Knien festhalten konnte. Meistens war Lena die Nutznießerin des Bollerwagens. Sie war, wenngleich von zierlicherem Körperbau, flinker als Volker. Mit dem Bollerwagen konnte sie ihre "Schafe" und ihren kleinen, einäugigen Teddy, den ihr Wolfgang geschenkt hatte, wunderbar in wildem Galopp und mit fliegenden Zöpfen spazierenfahren.
Wochen später, es war inzwischen März geworden, kam endlich ein Lebenszeichen von Willy. Nach vier Monaten hielt Hilde glücklich eine Feldpostkarte Willys in den Händen. Rosa Meier hatte ihr die gute Nachricht gleich in die Küche der Landgrewes gebracht. Sie freute sich mit Hilde, die sicher war, dass Rosa die Karte längst gelesen hatte. Willy schrieb, dass er verwundet gewesen, aber längst auf dem Weg der Genesung sei. Sie brauche sich keine Sorgen zu machen und solle mit den Kindern am ersten Sonnabend im Mai 1943 mit der Bahn nach Quedlinburg kommen, er sei dann am Zug. Hilde las die Karte wieder und wieder. Sie konnte die Worte schon auswendig, doch entdeckte sie immer noch etwas Neues. Beispielsweise den verwischten Stempel. War das Verwischen in Eile geschehen, oder absichtlich, um den Aufenthaltsort Willys nicht preiszugeben? Sie wollte nicht weiter darüber nachdenken. Der letzte Satz Willys "viele Grüße und Küsse von Deinem Dich ewig liebenden Willy und drück unsere Kinder von mir" machte Hilde glücklich. Als Marie Landgrewe vom Melken aus dem Kuhstall zu ihr in die Küche kam, zeigte Hilde ihr gleich die Karte. Marie freute sich zwar mit Hilde, doch träufelte sie gleich einen Wermutstropfen in deren Euphorie.
"Wai veel Dage ward datt denn sien? Ick bruuk Sai doch hier. Nur mit Ilse alleene in´ne Kööke gait datt nich. Na ja, denn wüllt wi ma´ sain."
Hilde schlug vor, für das besagte Wochenende das Mittagessen so vorzubereiten, dass es nur wieder erwärmt werden müsse. Sie würde das Essen dann Freitagabend in den Keller bringen.
Wolfgang hatte das Zugfenster zur Hälfte geöffnet und schaute auf den Bahnsteig, als der Zug in den Bahnhof Quedlinburgs einfuhr.
"Ich kann Papa nich sehn. Die Soldaten haben alle das gleiche Zeug an, da kann ich ihn nich erkenn´",
rief er seiner Mutter zu. Entmutigt schloss er das Fenster und ging zurück ins Zugabteil. Hilde hatte sich und Lena schon den Mantel angezogen und reichte Wolfgang dessen lange Jacke und den Rucksack. Der Zug verlangsamte sein Tempo und kam schnaufend zum Stehen. Hilde nahm Lena auf den Arm, schnappte sich den Koffer und drängte mit Wolfgang und den anderen Reisenden dem Ausgang zu. Auf dem Bahnsteig stellte sie den Koffer neben sich, erlaubte Lena, sich darauf zu setzen, und schaute in Richtung Ausgang. Aber Willy stand schon hinter ihr und umfasste sie, so dass sie heftig erschrak. Dann lagen sie sich in den Armen und drückten sich, ließen sich wieder los, um sich anzuschauen und drückten sich erneut, als wollten sie sich nie wieder loslassen. Schließlich beugte sich Willy den Kindern zu, und schloss sie zugleich in seine Arme.
"Wir müssen auf den anderen Bahnsteig, die Reise geht noch weiter", sagte Willy.
"Fahrkarten hab ich schon. Wir fahren jetzt nach Friedrichsbrunn. Is nich mehr weit."
Willy hatte nach seinem Lazarettaufenthalt noch ein paar Urlaubstage. Bereits gestern hatte er in einer Pension in Friedrichsbrunn ein Zimmer mit zwei Betten, einer Chaiselongue und einem Kinderbett gebucht. Der Ort im östlichen Teil des Harzes hatte höchstens 2000 Einwohner, die zum größten Teil von der Holzverarbeitung und von Ausflüglern lebten. Die Fachwerkhäuser gaben dem Städtchen ein besonderes Gepräge. Die Pension befand sich am Ortsrand. Im Vorgarten blühten noch einige Tulpen und Traubenhyazinthen. Die Lärche zeigte ihr erstes lichtes Grün. Auf dem Dachfirst saß eine Amsel, die ihr Abendlied sang. Alles sah so friedlich aus, als gäbe es diesen schrecklichen Krieg überhaupt nicht! Doch der Schein trog, auch hier waren Soldaten allgegenwärtig. In Friedrichsbrunn gab es eine Desinfektionsanstalt, in der die Kämpfer, die von der Ostfront kamen, entlaust und entfloht wurden.
Die Pensionswirtin empfing die Familie sehr freundlich und führte sie in ihr Zimmer, das durch die Wohnstube der Wirtin zu erreichen war. Sie stellte ihnen ihren Mann vor, der auf einem Sofa lag und sich nicht zum Begrüßen erhob. Die Wirtin entschuldigte sich für ihren Mann:
"Die Russen haben ihn zum Invaliden geschossen, er kann nicht mehr sprechen und liegt nur noch so da."
Als er ihnen sein Gesicht zuwandte, sahen sie mit Entsetzen, dass ihm der Unterkiefer fehlte.
Das Zimmer war nach Süden gerichtet und hatte eine große Glastür zur Terrasse hin. Von hier aus war die Wiese zu erreichen. Lena schmiss ihren einäugigen Teddy in einem eleganten Bogen aufs kleine Bett und kletterte gleich hinterher. Hilde zog ihr schnell die Stiefel aus. "Puttchen, doch nicht mit Stiefeln ins Bett!" Lena legte sich auf den Rücken, betrachtete die Decke, an der eine Lampe hing, die von vielen Stubenfliegen umtanzt wurde. Sie fand es toll hier. Die Wände hatten die blaue Farbe der Wegwartenblüte, die sie so sehr mochte und deren Stiele sie nie pflücken konnte, weil sie so faserig und hart waren. Ein schönes Blau. Willy fand es hingegen scheußlich. Wäscheblau. Eine schreckliche Farbe für Wände! Die waren mit Sicherheit von keinem Fachmann gestrichen worden.
Nach dem bescheidenen Abendbrot, Schwarzbrotscheiben mit Griebenschmalz bestrichen, dazu Pfefferminztee, machten die Vier einen Abendspaziergang. Sie entdeckten ein Ausflugslokal an einem kleinen See, auf dem noch einige Ausflügler auf Paddelbooten den Frühlingsabend genossen.
"Wollen wir uns morgen auch ´n Boot mieten?" fragte Willy.
Die Kinder waren begeistert.
"Wir gehen Schwimmen, wir gehen Schwimmen", ließ Lena in einem Singsang erklingen und hopste dabei rhythmisch von einem Fuß auf den anderen.
"Wir geh´n doch nich´ Schwimmen, wir geh´n Paddeln!", verbesserte sie Wolfgang.
Der Morgen weckte die Familie mit Sonnenschein. Wolfgang hatte sich schnell angekleidet und war auf die Wiese gelaufen, nachdem er ein Ziegenmeckern vernommen hatte. Er hatte sich nicht verhört und sah drei ausgewachsene Ziegen weiden. Ein etwa sechs Wochen altes Lämmchen hing am Euter seiner Mutter. Wolfgang rief laut nach seiner Schwester:
"Lena, komm mal! Komm mal schnell, hier sind Ziegen!"
Noch im Nachthemd und barfuß rannte sie auf die Terrasse. Weiter kam sie nicht, sie wurde von Hilde geschnappt.
"Hier geblieben, du Wirbelwind, erst wirst du angezogen!"
Willy betrachtete Hilde versonnen, als sie ihre Tochter ankleidete und sich mit ihr unterhielt. Seit er Lena das letzte Mal gesehen hatte, schien sie sehr gewachsen zu sein. Mit Stolz beobachtete er die Lebendigkeit in Gestik und Sprache, in der sie sich mitzuteilen verstand.
Lena war kaum zu bewegen, zum Frühstück zu kommen. Mal tätschelte sie den Hals der Ziegenmutter, mal schlang sie die Ärmchen um den Kopf des Lämmchens und herzte und küßte es. Entschlossen nahm Wolfgang seine Schwester bei der Hand und zog sie mit sich fort. Er hatte Hunger und wollte endlich frühstücken. Auf dem gedeckten Tisch standen ein großer, brauner Steingut-Topf mit frischer Ziegenmilch, Ziegenbutter, ein Glas mit Rübensirup und eins mit Kunsthonig. Die Wirtin wünschte ihnen einen guten Appetit und bemerkte noch, dass sie seit einiger Zeit Selbstversorger seien.
"Und Futter hab´n de Zicken ja auf ´er Weide jenuch. Schade, dass die Hühner noch nich´ so weit sind mit´n Eierlegen. Sind noch zu jung, gerade aus´n Kükenalter raus."
Der Harz lud zum Spaziergang ein. Anders als im Elm mit seinen Buchenbeständen, wuchsen im Harz überwiegend Fichten, Eiben und Kiefern. Als hellgrüne Farbtupfer leuchteten jetzt im Frühjahr vereinzelte Lärchen dazwischen. Hilde liebte den Harz. Als Schulmädchen hatte sie oft Ausflüge mit ihrem Lehrer Gude und ihrer Klasse in den Oberharz nach Lautenthal, Clausthal-Zellerfeld oder zu den Radauer Wasserfällen gemacht. Sie erinnerte sich noch an eine Kiefer irgendwo am Fuße der Achtermannshöhe, deren Stammwindungen dem Profil eines Kamelrückens glichen. Der Kiefernstamm war fast blankpoliert von all den Kindern, die sich auf ihm als Kamelreiter versuchten.
"Lena hat gaaanz dolle Durst", meldete sich die Kleine, nachdem sie wohl ein Stündchen gelaufen waren. Augenblicklich verspürte auch Wolfgang die gleichen Gelüste. Sie entschlossen sich, umzukehren.
"Na komm mal zu Papa auf´e Schultern, Lena. Deine Füße sind sicher schon ganz müde vom vielen Laufen. Bist ja auch schon doppelt so weit gelaufen, wie wir. Mit Deinen kurzen Beinen!"
Willy hob Lena über seinen Kopf auf die Schultern und verfiel in einen kleinen Galopp. Er lief vor und zurück. Umkreiste Hilde und Wolfgang, um noch schneller wieder vorwärts zu galoppieren. Willy und Lena lachten und lachten. Sie hatten ein sichtliches Vergnügen an dem Spielchen und aneinander. So ausgelassen konnte Willy lange nicht sein.
Sie erreichten das Lokal "Seeblick" erschöpft, aber vergnügt. Die Platzsuche im Garten des Restaurants erwies sich als schwierig, da die meisten Plätze von Soldaten, zum Teil mit ihren Angehörigen, besetzt waren. Wie Willy, warteten auch die Kameraden auf ihren Fronteinsatz. Ein fröhliches Stimmengewirr ringsum, in den verschiedensten Dialekten. Und doch war es eine Ängste bemäntelnde Fröhlichkeit. So fern die Front und doch so nah, zum Greifen nah! Es bedurfte nur eines schicksalschweren Befehls, um Familien wieder auseinander zu reißen und Ausgelassenheit in Angst zu verwandeln.
Willy hatte endlich Sitzplätze ausgemacht. Ein freundlicher älterer Herr, der sich im späteren Gespräch als Oberstudienrat im Ruhestand entpuppte, saß bereits am Tisch. Lena protestierte heftig, als Hilde sie auf den Schoß nehmen wollte:
"Leena sitzt ´leine!"
Sie gab erst Ruhe, als ein fünfter Stuhl für sie am Tisch stand. Die betagten Kellner hasteten mit schwankenden Tabletts durch ihre Tischreviere und schienen mit dem Besucherandrang und der Flut der Bestellungen nur schwer zurecht zu kommen. Ungeduldig zappelte Lena auf ihrem Stuhl herum. Wolfgang langweilte das Warten auf die Bedienung. Er startete eine Erkundungstour in Richtung Kahnverleih. Zu seiner großen Freude säumten Kieselsteine das Seeufer. Mit flachen Kieseln konnte man im Wasser wundervolle Figuren erzeugen, wenn man sie flach, mit einer kleinen Rechtsdrehung versehen, übers Wasser warf. Bei gekonnten Würfen hopste der Stein zwei, drei oder mehrere Male, ehe er im Wasser versank. Wolfgang war so im Spiel versunken, dass er Lena erst bemerkte, als sie neben ihm einen Stein aufnahm und ins Wasser warf. Lenas Stein versank augenblicklich und malte Kreiswellen auf die Wasseroberfläche.
"Lena, nich´ so dicht ans Wasser, Du fällst sonst rein und musst ertrinken!"
Lena wusste zwar nicht, was ertrinken zu bedeuten hatte, doch hörte es sich gruselig und bedrohlich an. Sie fasste Wolfgangs Hand, zog ihn an den am Ufer befestigten, tanzenden Kähnen vorbei in Richtung Garten.
"Unse Brause is´ da",
teilte sie ihrem Bruder mit und zog dabei mit wichtiger Miene die Augenbrauen hoch, um der Neuigkeit noch Nachdruck zu verleihen. Sie stürmten an den Tisch.
Hilde und Willy hatten sich mit dem alten Pädagogen angeregt über Kindererziehung unterhalten. Über Möglichkeiten einer humanistischen Erziehung in dieser schwierigen, unruhigen Zeit. Schon zu Beginn des Gesprächs wurde den Dreien deutlich, dass sie die gleiche politische Wellenlänge hatten. Bei aller Lebendigkeit der Unterhaltung war ihre Lautstärke verhalten und gedämpft, um nicht die Aufmerksamkeit der Tischnachbarn auf sich zu ziehen. Ganz außer Atem ließen sich die Kinder auf die Stühle fallen, um ihren Apfelsprudel zu trinken. Der alte Herr betrachtete sie wohlwollend.
"Prächtige Kinder! Prächtig. Prächtig und wohlerzogen. Wohlerzogen."
Es war eine Eigenart des Oberstudienrats, die letzten Worte oder Satzfragmente zu wiederholen. Sie erinnerte sehr an seinen "Filmkollegen" aus der "Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann. Er zog seine silberne Taschenuhr aus dem Täschchen seiner Weste und ließ den Uhrdeckel aufspringen. Mit einem kleinen Seufzer erhob er sich.
"Es war mir eine große Freude, Sie kennen gelernt zu haben. Große Freude! Wünsche Ihnen für Ihre Zukunft nur das Beste. Nur das Beste. Die Kinder werden ihren Weg finden, da brauchen Sie sich nicht zu sorgen. Nicht zu sorgen. Und das kleine Persönchen",
er betrachtete Lena mit freundlichem Lächeln, "sehr zart, aber sehr energisch. Energisch. Wird sich im Leben gut durchzusetzen. Gut durchsetzen. Leben Sie wohl!"
Sie winkten ihm noch nach, als er in Richtung Hauptstraße verschwand.
Willy hob erst Wolfgang, dann Lena in das Paddelboot und reichte Hilde die Hand, um ihr beim Einsteigen behilflich zu sein. Das Boot schwankte, so dass es Wolfgang mit der Angst zu tun bekam.
"Nich´ Mama, nich´! Das wird zu schwer! Dann gehen wir unter. Du kannst doch nich´ schwimmen, Mama!"
Er war kaum zu beruhigen. Erst als Willy auf die Boote zeigte, die zum Teil mit sechs Personen besetzt waren und sich schon in der Mitte des Sees befanden, ließ er sich von der Ungefährlichkeit überzeugen. Sie paddelten auf den See hinaus. Das Stimmengewirr des Gartenlokals wurde immer leiser, bis sie es nicht mehr wahrnehmen konnten und nur noch ihre eigenen Stimmen hörten, die sich mit dem Gesang der Vögel vermischten.
Endphase
Der dörfliche Alltag hatte Hilde wieder im Griff. Die schulischen Probleme Wolfgangs nahmen wieder zu. Hilde entschloss sich, an die zuständige Schulbehörde in Wolfenbüttel zu schreiben. Das Gespräch mit dem alten Oberstudienrat in Friedrichsbrunn kam ihr wieder in den Sinn, der sie ermutigt hatte, einen Antrag auf die Versetzung Wolfgangs in eine andere Schule zu stellen, falls es wieder zu Problemen kommen sollte. Hilde teilte der Behörde mit, dass ihr Sohn starke Lernschwierigkeiten hätte und unter dem Verlust seiner alten Schulkameraden in Evessen litte. Trotz seiner Zugehörigkeit zur hiesigen HJ-Gruppe hätte er eine gewisse Außenseiterrolle eingenommen, die durch die besondere Strenge des Lehrers Brock nicht abgebaut werden könne. Sie bat um die Versetzung Wolfgangs in seine alte Schule.
Die Antwort der Behörde ließ nicht lange auf sich warten. Drei Wochen später saß Wolfgang wieder in seiner alten Schulklasse. Die Evesser Schule hatte zwei Lehrkräfte. Der ältere Lehrer Schmelling, ein Kriegsversehrter des Ersten Weltkrieges, unterrichtete die ersten drei Klassen, Lehrer Gunther unterrichtete die Klassen vier bis acht. Beide waren Parteimitglieder, doch waren sie wohl eher als Mitläufer zu bezeichnen. Wolfgang erzählte Hilde, Herr Gunther sei Kettenraucher, und brächte es fertig, seine Zigaretten bis auf zwei Millimeter abzurauchen. Die Kuppen von Zeigefinger und Daumen seiner rechten Hand seien dunkelbraun bis schwarz vom Nikotin verfärbt.
Hilde war sehr froh, dass Wolfgang wieder in altgewohnter Weise über seinen Schultag berichtete. Ihm war mit dem Schulwechsel eine schwere seelische Last genommen worden. Als einzigen Nachteil empfand Hilde, dass die Schüler in Schichten unterrichtet wurden, da nur ein großer Klassenraum in der Evesser Schule vorhanden war. In der frühen Vormittagsschicht wurden die älteren Schüler unterrichtet, in den Nachmittagsstunden die ersten bis dritten Klassen. Es beruhigte Hilde, zu wissen, dass die Schule unterkellert war und somit Schutzräume für den Ernstfall einer Bombardierung vorhanden waren. Der BBC berichtete in letzter Zeit häufiger von Tagesangriffen alliierter Kampfverbände auf norddeutsche Großstädte. In der vorigen Woche kamen bei dem Anflug eines britischen Geschwaders auf Braunschweig, durch vorzeitiges Ausklinken von Brandbomben, in dem Dorf Groß-Dahlum über 40 Menschen ums Leben. Das Grauen des Krieges drang bis in die kleinsten Dörfer. In ihrer Wohnung fühlte sich Hilde mit ihren Kindern geborgen. Sie wusste durch vorsichtiges Abhören des "Feindsenders" immer rechtzeitig, wann sie die Kinder ankleiden und sich mit ihnen auf den Weg in die Schutzräume des Bauern Cramer begeben musste. Die beschwichtigenden Reden des Propagandaministers Göbbels, die Feinde würden nun mit V-Waffen vernichtet, vermochten Hilde nicht zu täuschen. Die Wunderwaffen konnten wegen Treibstoffmangels gar nicht zum Einsatz kommen. Die Alliierten Verbände beherrschten inzwischen den gesamten Luftraum Deutschlands.
Wolfgang kam erst spät nach Hause. Er war nach der Schule gleich zu seinen Pimpfen gerufen worden, um die Order der nächsten Ernteeinsätze zu erhalten. Hilde hatte mit Lena längst zu Abend gegessen und wollte sie gerade zu Bett bringen, als Wolfgang in die Küche kam. Er verkündete, die Türklinke noch in der Hand, dass er am nächsten Morgen ganz früh aufs Feld von Bauer Landgrewe zum Erbsenpflücken müsse. Das schwarze Rollo des Fensters war bereits heruntergelassen und zusätzlich am Rahmen mit Heftzwecken fest verschlossen worden. So konnte kein Lichtschein nach außen dringen. Nach der Verdunkelungsverordnung musste das gesamte Dorf im Dunkeln liegen, um den alliierten Kampffliegern nicht dörfliches Leben zu signalisieren. Der alte Pieleken kontrollierte jeden Abend, ob die Verordnung eingehalten wurde. Hilde hörte ihn immer schon von Weitem, wenn er mit schlurfenden Schritten die Dorfstraße entlang kam. Der Rhythmus seiner Schritte, schlurf-klapp, schlurf-klapp, ließ auf starke Plattfüße schließen. Der Veteran des Ersten Weltkrieges neigte zu Übertreibungen. Zu seinen Lieblingsgeschichten gehörte es, von seinem Einsatz auf dem Balkan zu berichten:
"Datt is´ da sau warm, datt dä Buurn da sauuu dicke Kartuffeln hätt", er unterstrich mit Gestik die Kartoffelgröße, indem seine Hände die Kontur eines Fußballs formten, "twei Kartuffeln ain Korff! Dä Tomooten sind sau dicke, wie Kinnerköppe! Datt könnt ji mick glööw´n!"
Er hatte das Gehör eines Luchses. Es kam vor, dass er vor dem Küchenfenster Hildes verweilte und mit verhaltener Stimme "Hilde, maak ma´ lieser", rief. Er wußte, dass Hilde ihr Radio in der Küche stehen hatte und welchen Sender sie hörte. Pieleken würde keine Meldung machen. Hilde vertraute ihm. Früher, als Gilzum und Evessen noch einen gemeinsamen Pastor hatten, war Pieleken der hiesige Kirchendiener gewesen. Er hatte eine kleine Kate in unmittelbarer Nähe der Kirche bewohnt. Nun war das Pfarramt verwaist, der Pastor in Russland an der Front und Pieleken zum Nachtwächter geworden. Er trug es mit der Gelassenheit eines alten Mannes, der nichts mehr zu befürchten hatte. Seine Frau war schon vor vielen Jahren gestorben. Lieschen, seine jüngferliche Tochter, hatte nie geheiratet und lebte noch in ihrem Elternhaus. Wenn die Dorfbewohner über die beiden sprachen, klangen ihre Stimmen verhalten-geheimnisvoll und leise. Hinter vorgehaltener Hand erzählten sie sich,
"datt gait üsch ja nisst an, aba dää maket ook noch watt anneres tausamme! Wenn Karline datt wüßte, dä´e se sick im Graawe umdrain!"
Hilde und Lena leisteten Wolfgang noch etwas Gesellschaft, als er sein Abendessen zu sich nahm, das Hilde noch schnell auf dem Küchenherd erwärmt hatte. Eine legierte Maisgrießsuppe mit Röstzwiebeln. Marie Landgrewe hatte Hilde heute zwei Eier und einen Liter Milch mitgegeben. Da ließ sich für alle Drei gut eine warme Mahlzeit zubereiten. Zur Suppe gab es noch eine Scheibe Schwarzbrot.
"Soll ich Dir noch ´n Pfefferminztee machen?" fragte Hilde ihren Sohn.
"Nöö, lass man Mama, ich habe keinen Durst mehr. Wir müssen für morgen Früh noch einen Korb, einen Zentnersack und unsere Fußbank zurechtstellen. Fritz holt mich ab, er ist um vier Uhr hier."
"Ja, machen wir gleich, ich muß nur noch Puttchen ins Bett bringen, das wird höchste Zeit!" Lena drückte Wolfgang einen stürmischen Gute-Nacht-Kuß auf die Wange und verschwand mit Hilde im Schlafzimmer. Hilde knipste die Nachttischlampe an. Sie hatte das ohnehin schon schwache Licht der 25-Watt-Birne mit einem dunklen Tuch bedeckt. Der so entstandene kleine Lichtkegel ließ nicht den kleinsten Schein nach außen dringen.
Das Abendritual, zuerst eine kleine Gute-Nacht-Geschichte oder ein Abendlied und zum Abschluss, als absolutes Crescendo, das Rückenkratzen, hatte schon bei Wolfgang begonnen. Bei Lena entwickelte sich das gleiche Procedere. Wolfgang las inzwischen lieber selbst, legte aber weiterhin besonderen Wert darauf, den Rücken gekratzt zu bekommen. Als Signalruf hierfür galt immer: ‚Mama, kannst Licht ausmachen komm´n'.
"Was ist heute dran, Puttchen, Singen oder Erzählen?"
"Gestern war Singen. Lena möchte das mit den Riesen und dem Spielzeug hören."
"Weißt Du denn noch, wer das Riesenmärchen mal aufgeschrieben hat? Ich glaube, ich hab Dir das schon mal gesagt."
"Ja, Albert Misso".
"Na ja, so ungefähr. Der hieß: Adalbert von Chamisso. So, jetzt also
Das Riesenspielzeug
"Wo hat das Mädchen den Bauern denn hingebracht?"
"Na, zurück auf seinen Acker, damit er weiterpflügen kann. So, nun komm Puttchen, dreh Dich um, dass ich Dir den Rücken kratzen kann."
Es dauerte nicht lange, da hörte Hilde am gleichmäßigen Atmen Lenas, dass sie eingeschlafen war. Hildes Arbeitstag war noch nicht zu Ende. Sie musste noch an einem Tarnnetz eine letzte Naht fertigen und die genähten zehn Netze zusammenlegen. Hilde hoffte, dass Wolfgang noch nicht zu müde war, um beim Zusammenlegen zu helfen. Manchmal beschlich sie ein ungutes Gefühl, wenn sie daran dachte, wie viele Alltagspflichten Wolfgang schon übernommen hatte. Sie erinnerte sich an ihre eigene Kindheit. Auch ihre Mutter war im Ersten Weltkrieg allein mit ihren Kindern gewesen, auch Hilde hatte als Älteste viele Arbeiten übernehmen müssen. Sie empfand das damals nicht als Belastung und hoffte, dass Wolfgang das heute auch so fühlte. Die tiefe Mutterbindung und der Wille, die schlimme Zeit gemeinsam durchzustehen, schmiedete die Familie fest zusammen. Irgendwie wiederholt sich alles, dachte Hilde. Damals, wie heute.
Sie hatten die Tarnnetze noch nicht ganz zusammengelegt, als ein Sirenengeheul die dörfliche Abendstille zerriß. Durch Wolfgangs späte Anwesenheit in der Küche, hatte Hilde die BBC-Vorwarnungen heute nicht hören können. Das Abhören des "Feindsenders" mußte sie vor Wolfgang geheimhalten, wollte sie ihn nicht unnötig in Konflikte stürzen. Die Zeit war heute eng bemessen. Schnell kleidete sie die noch schlafende Lena an, gab Wolfgang den Bereitschafts-Rucksack und nahm den kleinen Koffer mit wichtigen Papieren und Habseligkeiten. Von Ferne war bereits das tiefe Brummen der sich nähernden Bomberstaffel zu hören. Ein makaberes Kriegskonzert: Sirenengeheul und Fliegergebrumm. Sie mussten sich beeilen, in den Luftschutzkeller des Bauern Cramer zu kommen. Das war schwierig mit der schläfrigen Lena. Doch machte die enormen Zunahme alliierter Angriffsflüge die Luftschutz-Aktionen inzwischen zur traurigen Routine.
"Komm, Mama, schneller! Gib mir doch noch den Koffer, dann kannst Du Lena auf´n Arm nehm´n."
Pauline lief immer noch mit ihrer Sirene, die sie wie einen Bauchladen umgeschnallt hatte, durchs Dorf. Sie war ein junges, ukrainisches Mädchen von siebzehn Jahren, das man nach Deutschland verschleppt hatte. Deutsche Soldaten hatten sie vor der Deportation brutal vergewaltigt und geschwängert. Die Angehörigen Paulines waren verschollen, und sie hoffte voller Sehnsucht, sie irgendwann wiederzusehen. Pauline lief für ihre Peiniger durchs Dorf, um sie vor der drohenden Gefahr zu warnen. Ihr Baby lag unbeaufsichtigt in ihrer ärmlichen Unterkunft, einem Schuppenanbau einer kleinen Kate, in einem als Kinderbett umfunktionierten, alten Wäschekorb. "Slawische Untermenschen" durften die Schutzräume nicht aufsuchen. Hilde hatte für Paulines Tochter Babykleidung von Lena geschenkt. Es war gefährlich, einer Deportierten Hilfen anzubieten, um nicht der Kollaboration angeklagt zu werden. Geschenkaktionen mußten im Geheimen ablaufen. Auch ein Püppchen hatte Hilde für Paulines Tochter gebastelt. Aus einem Seidenstrumpf, Watte und einem alten Holzkochlöffel für den inneren Halt, hatte sie Körper, Arme und Beine gefertigt. Dem Gesichtchen hatte sie blaue Augen, einen rosafarbenen Mund und das Näschen mit Garn gestickt. Die prächtigen Haare bestanden aus rotbrauner Wolle, die zu Zöpfen geflochten waren. Aus rotem Inlett hatte Hilde noch ein Kleidchen für die Puppe genäht und mit weißen Blümchen bestickt. Sie hatte Pauline eines abends, als sie sie vom Küchenfenster aus gewahrte, zu sich herein gewinkt, um ihr den mit Kinderkleidung und Puppe gefüllten Persilkarton zu überreichen. Das schönste Dankeschön waren für Hilde die strahlenden Augen der jungen Mutter.
Es roch muffig im Keller. Die Ausstattung des Schutzraums bestand aus Holzbänken, verwitterten Gartentischen und -stühlen sowie ausrangiertem Wohnzimmermobilar. Auf den Tischen standen Kerzen. Die als Kerzenhalter fungierenden alten Konservendosen waren mit Wachs voll gekleckert und deuteten auf eine häufige Nutzung des Kellerraumes hin. Hilde hatte einen alten Stuhl erwischt, dessen Sitzfläche aus Peddigrohr-Geflecht ein größeres ausgefranstes Loch aufwies. Sie hatte Lena auf ihren Schoß genommen, die vor Übermüdung wieder eingeschlafen war. Die Stimmung unter den Schutzsuchenden war schläfrig, jeder hing seinen eigenen Gedanken nach. Hin und wieder sprachen einige Nachbarn miteinander, wenn auch sehr leise und verhalten. Hilde wiegte Lena sanft hin und her und schaute zu Wolfgang, der mit geschlossenen Augen auf ihrem Koffer saß. Sie dachte an ihren Willy. Seine letzte Feldpostkarte war vor Wochen aus Monte Casino in Italien gekommen. Seitdem hatte sie kein Lebenszeichen mehr von ihm erhalten. Ihr lief ein frostiger Schauer über den Rücken, wenn sie sich die gestrige Rede des Feldmarschalls Hermann Göring vergegenwärtigte. Was hatte er noch gesagt? dass es gleichgültig sei, wo ein Soldat stürbe? ... ob in Stalingrad, den Wüsten Afrikas, oder im Eise Norwegens ... Wenn er sein Opfer bringt und fällt, so wird es gleich groß. Immer bringt er es für das Leben seines Volkes... Mein Gott, was für eine infame und zynische Rede. Hilde wollte keinen heldentoten Willy, sie wollte ihn endlich lebendig wieder in ihre Arme schließen können.
Nach zwei Stunden verkündete durchdringendes Sirenengeheul die Entwarnung. Alle Nachbarn der Notgemeinschaft drängten dem Ausgang zu. Sie hatten es eilig, nach Hause zu kommen, um wenigstens noch ein paar Stunden schlafen zu können. Was würde der nächste Tag ihnen bringen?
Es dämmerte bereits, als Fritz pünktlich um vier Uhr an die Tür klopfte. Wolfgang hatte ihn schon erwartet. Er gab seiner Mutter schnell einen Abschiedskuß, schnappte die Fußbank, den Korb mit dem Sack und seinem Tagesproviant. Auf dem Hof des Bauern Landgrewe stand der Trecker mit seinem Anhänger schon bereit, die Erbsenpflücker aufs Feld zu transportieren. Wolfgang und Fritz waren die letzten Erntehelfer, die auf den Anhänger kletterten. Eng gedrängt hockten sie auf der Ladefläche. Eine buntgemischte Gesellschaft: Vier zwangsverpflichtete alte Männer aus den umliegenden Dörfern, die gleiche Anzahl Frauen, drei Zwangsarbeiter aus Polen, zwei Jungen des Landdienstes aus Braunschweig und die Pimpfe Fritz und Wolfgang. Die Fahrt ins Feld war beschwerlich. Große Schlaglöcher in der unbefestigten Straße schüttelten die Erntehelfer auf und nieder. Um der Fahrt die Eintönigkeit zu nehmen, stimmten die Jungen ein Lied an:
Die meisten Erntehelfer kannten dieses alte Wanderlied aus den zwanziger Jahren und sangen fröhlich mit. Das gemeinsame Singen hatte die Stimmung untereinander gelockert und die unbequeme Fahrt verkürzt.
Die Pflücker und Pflückerinnen verteilten sich mit ihren kleinen Sitzen über die gesamte Ackerbreite des Erbsenfeldes. Sie saßen auf Hockern oder Fußbänken, auf der rechten Seite immer den Korb. Mit der linken Hand wurden die Pflanzen aus dem Erdreich gerissen, mit der rechten die Schoten abgerissen und in den Korb geworfen. Die abgeernteten Erbsenstängel schmissen sie hinter sich, so dass nach einiger Pflückzeit hinter jedem eine Spur entstand. Die gefüllten Körbe wurden in die Säcke geschüttet. Landarbeit war keine Lieblingsbeschäftigung von Wolfgang. Er wusste mit Sicherheit, dass er kein Bauer werden würde. Er fand es langweilig, wieder und wieder die gleichen Arbeitsgriffe zu verrichten. Höchst langweilig. Da wäre er heute schon lieber zur Schule gegangen. Den einzigen Vorteil des Erbsenpflückens sah er darin, dass man zwischendurch einige Feldfrüchte essen konnte. Am besten schmeckten ihm die noch unausgereiften Schoten. Man brauchte sie nicht zu enthülsen, sondern konnte sie im Ganzen essen. Sie waren von zuckersüßem Aroma. Der Sonnenaufgang ließ die Silhouette des Elms geheimnisvoll dunkel erscheinen. Wolfgang betrachtete den großen rotgoldenen Sonnenball, der sich in den wolkenlosen Himmel schob.
"Kuck mal, Fritz, die Sonne sieht aus wie´n riesiger Feuerball!" rief er seinem Freund zu, der links von ihm in der Pflückspur saß. Fritz war nicht sehr gesprächig und nickte nur. Ihm schien die Ernteaktion auch nicht zu behagen. Es dauerte eine Ewigkeit, den Korb zu füllen. Fritz war mit seinen Gedanken bei Uwe, dem Jungscharführer, der gesagt hatte, die neuen V-Waffen ließen kein feindliches Flugzeug mehr in den deutschen Luftraum eindringen. Und trotzdem hatte gestern spätabends Pauline den Befehl erhalten, mit der Sirene durchs Dorf zu laufen. Das war einfach merkwürdig. War das nun Zufall? Am liebsten würde er mal mit Wolfgang darüber sprechen. Aber vor den anderen konnte man nicht offen reden. Was wäre, wenn nun die Tommys heute wieder einen Angriff auf Braunschweig oder Wolfenbüttel flögen? Vielleicht sogar jetzt am Tage? Und hier auf dem Feld, weit ab von Gilzum, konnte man Paulines Sirene bestimmt nicht hören! Fritz beschlich panische Angst. Er wandte sich an Wolfgang, hofftend, dass ihn die ältere Pflückerin zur Linken nicht hören könnte, und sagte mit gedämpfter Stimme:
"Meinst´e, die Flieger komm´ heute am Tage, wenn wir hier auf´m Acker sind? Was soll´n wir´n machen, wenn die komm´?"
"Flach auf´e Erde hinknall´n, wie beim Gewitter."
"Meinst´e, die sehn uns nich´?"
"Glaube ich nich´".
Die entstandenen Zweifel schürten ihre Angst. Das Bild der auf allen Fronten kämpfenden und siegenden deutschen Soldaten hatte erste Risse bekommen.
Es war Mittag geworden. Essenspause.
"Was hast´n Du auf´m Brot?" fragte Fritz.
"Butterschmalz mit Salz."
"Ich auch. Aber uns´re Augustäppel sind reif, hab ich´n paar mit. Will´ste einen?"
"Ne, hab ich auch. Meine Mama hat mir zwei eingepackt. Und ´ne Flasche Malzkaffee mit Milch."
Die Erntehelfer hatten alle erdige und bräunlich-grüne Hände vom Erbsenpflücken. Es gab zwar einen Bach, in dem sie sich die Hände hätten waschen können, doch der war einen Kilometer entfernt. Wolfgang konnte es nicht ausstehen, mit erdigen Händen zu essen. Seine Mutter hatte ihm gesagt, dass eine Mittagspause auf dem Felde, ohne Erde an den Händen zu haben, keine Mittagspause sei. Und falls etwas Erde in den Magen gelänge, würde die ohne Schaden ihren Ausgang finden. Fritz hatte seine Fußbank dicht neben die Wolfgangs gestellt. Plötzlich war aus der Ferne ein monotones Fliegerbrummen zu hören. Die Freunde stießen sich beide zugleich mit dem Ellenbogen in die Seite.
"Die komm´n", sagte Wolfgang.
"Was soll´n wer jetz´ machen?"
"Hab ich doch gesagt. Flach hinlegen. Aber erst ma´ wech vom Trecker, den kann man gut vom Flieger aus erkenn´. Rein in´s Feld."
Alle Pflücker schienen den gleichen Gedanken gefasst zu haben. Sie stieben in alle Himmelsrichtungen auseinander und schmissen sich bäuchlings ins Erbsenfeld. Über sich das ohrenbetäubende Donnern der Bomber. Die unerträgliche Lärmstärke ließ auf eine geringe Flughöhe der Bomber schließen. Der Spuk war in endlos erscheinenden Minuten vorüber. Einer der alten Männer glaubte, ein englisches Bombengeschwader erkannt zu haben. Würden die Flieger zurückkommen? Wolfgang hoffte, dass sie von der ‚siegreichen deutschen Abwehr' ´runtergeholt würden. Selbst wenn die Flieger zurück kämen, brauchte man sie nicht mehr zu fürchten, weil sie sich ihrer Bomben bereits entledigt hatten. Der Ernteeinsatz wurde fortgesetzt. Wie dieser würden noch viele Einsätze folgen.
War das Erbsen pflücken noch eine relativ leichte körperliche Tätigkeit für Schulkinder, so stellte die noch ausstehende Zuckerrübenernte im Spätherbst Kinderschwerstarbeit dar. Wolfgang dachte schon jetzt mit Grauen an die Herbstferien. Daran würde auch der bevorstehende "Endsieg", von dem Uwe in der letzten HJ-Zusammenkunft berichtet hatte, nichts ändern.
Der "Endsieg" ließ auf sich warten. Die täglichen Todes-Annoncen in der Braunschweiger Zeitung nahmen inzwischen eine ganze Seite ein. Da starben Gefreite, Obergefreite, Schützen, Oberschützen, Unteroffiziere, mit E. K. 1. Klasse und 2. Klasse und ohne. Sie fielen mit und ohne Verwundetenabzeichen. Doch immer endete ihr Soldatenleben in treuer Pflichterfüllung für das Vaterland. Sie starben den Heldentod. Was hatte Willy erzählt? Die überwiegende Mehrzahl der Soldaten schrie im Angesicht des schrecklichen Todes gellend und herzzerreißend nach der Mutter oder Geliebten oder nach dem lieben Gott! Hilde erinnerte sich auch, dass Willy während seines Kurzurlaubs nachts schlaflos dalag, weil er die Todesschreie nicht aus seinem Kopf heraus bekam. Sie sah kürzlich eine Annonce, in der eine Mutter und Ehefrau mitteilte, dass ihr beide Söhne und der Ehemann genommen worden seien. Welch unvorstellbarer Schmerz. Konnte der Überbringer dieser Todesnachrichten dieser armen Frau in die Augen schauen? In Pflichterfüllung für das Deutsche Vaterland? Dieser armen Frau war ihr Lebensinhalt genommen worden und die Reste der zerfetzten Leiber in fremder Erde verscharrt worden. Immer häufiger las Hilde auch Anzeigen, in denen Angehörige durch ein Bombardement zu Tode gekommen waren. An Hand der Häufung von Todesanzeigen in einem bestimmten Kriegsgebiet konnte der augenblickliche Standort der kämpfenden Einheiten und deren Zerschlagung relativ sicher ausgemacht werden: .... gefallen im Osten .... fiel im Donezbecken .... gefallen in den Ardennen .... fiel an der Westfront .... starb den Heldentod in Monte Cassino
Es schien Hilde, dass das Massensterben der Soldaten an der Westfront wieder zugenommen und die Ardennenoffensive nicht den militärischen Erfolg gebracht hatte, den Goebbels im Rundfunk verkündet hatte. Der Krieg hatte an Schärfe zugenommen. Vernichtung und Zerstörung von Westen nach Osten, von Norden nach Süden bis Tunesien. Versorgungsengpässe in der Bevölkerung, wie an den Fronten.
Hilde hatte die Braunschweiger Zeitung abonniert, obwohl sie wußte, dass die Berichterstattung dieses Blattes nicht politisch unvoreingenommen frei war. Sie hatte gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Früher, vor 1933, war diese Zeitung ein national-konservatives Blatt gewesen, heute konnte sie nur noch erscheinen, weil sich die Redakteure mit den Nationalsozialisten arrangiert hatten. Die "Braunschweiger Presse", eine sozialdemokratisch ausgerichtete Zeitung, mußte schon Ende 1932 ihr Erscheinen einstellen. Die Redaktionsräume wurden von der SA "gesäubert".
Wenige Monate zuvor, am 25. Februar 1932, wurde für das gleiche Braunschweig der Österreicher Adolf Hitler zum Regierungsrat ernannt. Sein Parteifreund, der nationalsozialistische Staatsminister für Inneres und Volksbildung des Landes Braunschweig, erreichte, dass Hitler mit einer freien planmäßigen Stelle als Sachbearbeiter beim Landeskultur- und Vermessungsamt betraut werden konnte. Der braunschweigische Regierungsrat leistete seinen Beamteneid jedoch nicht in Braunschweig, sondern in der Braunschweigischen Gesandtschaft in Berlin, Lützowstraße 11. Nunmehr Deutscher, war der Weg zur Kandidatur eines Reichskanzlers frei geworden.
Herbst 1944. Der Sturm fegte über die kahlen Stoppelfelder. Der größte Teil der Ernte in Gilzum war eingebracht, nur die Zuckerrübenernte war noch nicht ganz abgeschlossen. Für die Landbevölkerung blieb nur wenig von den Früchten des Feldes, der Löwenanteil wurde für die Frontsoldaten und die Stadtbevölkerung konfisziert. So jedenfalls hieß es von offizieller Seite. Die Ernte im Garten Hildes war auch eher dürftig ausgefallen, da es im Frühjahr kaum Saatgut zu erwerben oder zu "kungeln" gegeben hatte. Ein Tütchen Rot- und Grünkohlsamen, Steckzwiebeln, die gerade für eine Gartenbeetreihe ausreichten, zwei Körbe Pflanzkartoffeln, die einige Reihen Kartoffelernte ausgemacht hatten, waren alles. Zu wenig, um für den bevorstehenden Winter ausreichende Vorräte anzulegen. Eine Ausnahme machten die Kürbisse. Hilde hatte aus Kürbiskernen des Vorjahres, die sich im Komposthaufen prächtig entwickelt hatten, eine unglaublich gute Ernte einbringen können. Als sie die Riesenkürbisse mit dem Handwagen abends nach Hause transportieren wollte, begegnete ihr auf der Dorfstraße Stanislaus Prokov, der Fremtarbeiter des Ortsbauernführers Grasshoff. Ganz spontan schenkte sie ihm eine ihrer Riesengartenfrüchte. Sie selbst konnte aus der Ernte elf Gläser Kürbisse einwecken. In ihrer Vorratskammer hatte sie schon zwei Stiegen Goldparmänen und zwei Boskoop einlagern können. Beide Apfelsorten liebte sie wegen ihres köstlichen Aromas und ihrer guten Lagerfähigkeit sehr.
Das Leben im Dorf verlief im steten Wechsel: Arbeit auf Hof, Feld und für die ´siegreiche´ Wehrmacht, Aufsuchen der Schutzkeller bei Fliegeralarm. Der Kampf ums Überleben war voll entbrannt. Aus ehemals guter Nachbarschaft wurde lauerndes Mißtrauen.
Hilde hörte jetzt jede Nacht den Inselsender, um sich über die Frontsituation zu informieren. Seit die Amerikaner unter General Eisenhower in der Normandie an Land gegangen waren, "Der ´D-Day´ ist angebrochen" hatte der BBC verbreitet. Von keiner deutschen Jagdabwehr oder Flak behindert, donnerten tausende viermotorige Bomber ins Küstenland. Es begann eine technisch perfektionierte Material und Menschenschlacht, die in dieser Form erstmalig in der Weltgeschichte in Erscheinung getreten war. Der Himmel bestand aus einer einzigen, riesigen Wolke amerikanischer Fallschirmsoldaten. An der Küste eine Kette von Schlachtschiffen. Schiffsgeschütze flammten auf, im Schutz weittragender Kanonen konnten sich Transportschiffe dem Ufer nähern. Sie schickten die gepanzerten Landungsboote vor, riesige, schnell schwimmende Prähme, deren heruntergelassene Seitenwände zu Rampen wurden. Trojanischen Pferden gleich konnten so in Minutenschnelle Panzer, Geschütze und Infanterie entladen und als riesige Militärwoge an Land gespült werden. Der "heroische", verbissene Kampf der deutschen Soldaten war aussichtslos geworden. Der Übermacht der Alliierten konnten sie nicht mehr standhalten. Immer neue Divisionen waren an Land gegangen. Der Nachschub für die deutschen Einheiten war durch die zerbombten Straßen und Brücken unmöglich gemacht worden. Der Westwall war gefallen und aus dem BBC-Sender erklang das Lied: "Hang down your washes at the Siegfried-Line, Siegfried-Line, Siegfried-Line" ...
Hilde saß mit den Kindern in der wohlig-warmen Küche im schwachen Feuerschein des Küchenherdes, dessen Herdklappe geöffnet war. Es war Schlafenszeit, die Zeit, die immer eingeleitet wurde mit Geschichten aus Hildes Kindheit oder Gedichten, die sie in ihrer Schulzeit gelernt hatte. Wolfgang und Lena bestanden darauf, ein Gedicht hören zu wollen. Also rezitierte sie heute Johann Wolfgang Goethe:
Weiter kam Hilde nicht. Sie wurde mit durchdringendem Sirenengeheul unterbrochen. Pauline war wieder "auf Tour" geschickt worden. Mit fliegenden blonden Zöpfen rannte sie durchs Dorf, die "Feinde" anzukündigen.
"Mmmm, schon wieder. Die Komm´n jetz´ bald Tach und Nacht. Und immer in´n Keller!" maulte Wolfgang.
Hilde legte noch einen Holzscheit in die Feuerstelle des Herdes und begann, Lena wieder anzukleiden. Die gleiche Prozedur, wie gestern und den Tag davor und alle anderen Tage. Die Zunahme der Fliegerangriffe machte es auch zunehmend schwieriger, die ihr vertraute Frauenstimme schon eher zu hören. Bislang wartete Hilde mit dem Anschalten des Senders, bis beide Kinder im Bett lagen. Sie wollte es wagen, Wolfgang morgen ins Vertrauen zu ziehen. Hilde wollte ganz behutsam vorgehen, um sicher zu sein, ihn nicht in Konflikte zu stürzen. Der Spuk würde ohnehin bald sein Ende finden. Sie ging mit den Kindern in die schwarzverhangene Winternacht.
Die Flugzeuge, tausenfach gestartet, das tausendjährige Reich zu verkürzen, waren nicht mehr fern. Ortsgruppenleiter Meier, der ebenfalls keinen eigenen Schutzraum besaß, saß schon im Keller. Hilde hegte den leisen Verdacht, dass auch er "ihren" Sender abhörte. Wäre er sonst schon hier? Gläubiggehorsame Deutsche erschienen später, nachdem sie vom Sirenengeheul aus ihren Häusern getrieben worden waren. Wollgrau vermummt und dicht gedrängt füllten die Nachbarn den Kellerraum. Wie gestern. Fast in gleicher Konstellation. Lena schlummerte schon wieder. Ihr Kopf ruhte auf Hildes Brust, die sich rhythmisch-beruhigend hob und senkte.
Die beängstigende Stille des Kellerraumes wurde in kurzen Abständen durchbrochen von den Lageberichten des auf Urlaub weilenden Offiziers der Waffen-SS, Kurt Baumann. Seine beachtliche Körpergröße füllte die Kellertür, an Brust und Uniformrevers glänzten Abzeichen und Auszeichnungen und gaben beredt Auskunft über die wagemutigen Einsätze des Kämpfers. Der linke Uniformärmel war leer. Er war in die darunterliegende Tasche geklemmt worden. Eine Granate hatte ihm den Arm an der Nordkaukasusfront abgerissen. Sein Gesicht zierte eine leicht gebogene Nase, die ihm ein griechisch-klassisches Aussehen verlieh. Auf der linken Wange legte eine breit klaffende Narbe Zeugnis darüber ab, dass er einer schlagenden Verbindung angehört haben musste. Der Blick aus seinen dunkelbraunen Augen war sachlich und klar. Öffnete er die Kellertür, drang das monotone Brummen feindlicher Geschwader in den Raum.
"Weihnachtsbäume stehen über Braunschweig", verkündete der Offizier mit tiefer Stimme. Lena hob ungläubig ihren Kopf. Weihnachtsbäume? Weihnachtsbäume, schon jetzt? Hatte Mama nicht erst gestern gesagt, sie müsse sich noch etwas gedulden, einige Tage noch, bis endlich Weihnachten sei? Lag jetzt ein Irrtum vor, oder sollte es eine Überraschung werden? Zuerst meldeten sich die Kinder, die die Weihnachtsbäume sehen wollten, doch wurden sie zurückgehalten."Die Gefahr ist noch nicht vorbei", sagte Ortsgruppenleiter Meier. "Erst wenn die Sirene Entwarnung gibt, wenn die Feinde durch unsere siegreiche Abwehr vernichtet wurden, könnt ihr raus."
Doch nach und nach wurden auch die Erwachsenen von Neugier und Ungeduld erfaßt. Endlich setzte durchdringendes Sirenengeheul ein und leerte das Kellergewölbe. Als Hilde mit ihren Kindern inmitten der anderen heraustrat, war es taghell in der Winternacht geworden. Unzählige weißglühende Weihnachtsbäume - Leuchtraketentrauben - fielen fast gleichzeitig vom Himmel und bildeten einen großen Kreis über Braunschweig. Über dem Kreis schwebte ein roter Weihnachtsbaum, der als purpurn glühende Traube für eine geraume Zeit am Himmel stehen blieb. Die "Feinde" hatten das Vernichtungsfeld Braunschweigs klar anvisiert. Das Todesurteil für Tausende Braunschweiger. Ein grüner Weihnachtsbaum gab das Signal zum Angriff. Der Himmel erzitterte und die Erde bebte. Der Himmel über Braunschweig färbte sich glutrot.
"Das also sind die Weihnachtsbäume", dachte Lena, "Weihnachtsbäume ohne Tannenzweige, riesig groß und leuchtend. Ein kleiner grüner Tannenbaum mit weißen Kerzen, Glaskugeln und Silbervögeln mit wippenden Schwänzen und Silbertrompeten ist schöner. Viel, viel schöner. Ich warte lieber noch ein paar Tage. Die paar Tage kann man ruhig warten." "Komm jetz mal wech hier", sagte Lena und faßte entschlossen nach der Hand Hildes. "Die sind noch zu weit wech, die Weihnachtsbäume".
"Mama, er war da, er war da" rief Lena aufgeregt am Morgen des 1. Dezembers und kam vom Flur ins Schlafzimmer gestürmt. Sie hatte gestern Nacht trotz vorgerückter Stunde noch darauf bestanden, ihre Stiefel zu putzen und an die Flurtür zu stellen. Hilde hatte ihr noch zu bedenken gegeben, dass es für den Nikolaus vielleicht nicht so einfach sei, wenn so viele Flieger am Himmel unterwegs sind, zu den Kindern zu kommen, um nach ihren Stiefeln zu sehen.
"Himbeer-Bolchen sind drin und Nüsse", verkündete Lena.
Es war für Hilde zunehmend schwieriger geworden, stets eine Kleinigkeit für Lenas Stiefel vorrätig zu haben. Es entsprach aber einer alten Familientradition, vom ersten Dezembertag bis zum Heiligabend täglich eine Nascherei in die blankgeputzten Kinderstiefel zu legen. Nur gut, dass Wolfgang schon ein so großer, verständnisvoller Junge war. Er liebte seine kleine Schwester sehr und freute sich über die Begeisterung, mit der sie am noch frühen, dunklen Morgen ihre Stiefel untersuchte. Lena erübrigte einen Wecker, der den Alltag einklingelte.
Es hatte wieder zu schneien begonnen, als Hilde nach getaner Arbeit beim Bauern Landgrewe nach Hause ging. Sie beschleunigte ihre Schritte, um die Kinder nicht zu lange warten zu lassen. Frau Landgrewe hatte ihr heute zwei Eier und ein kleines Stückchen Speck mitgegeben, ausreichend für ein Abendessen aus Rühreiern mit Speck. Hilde hatte am Morgen mit Wolfgang den Tagesablauf besprochen. Ihre Vereinbarung war, dass er gleich nach der Schule Lena vom Kindergarten abholen sollte. Seit sie mit Wolfgang über den "Informations-Sender" gesprochen hatte, war es einfacher geworden, den Abend zu gestalten. Nun hörten sie immer gemeinsam den Lagebericht, wenn Lena im Bett lag. Hilde war sich sicher, dass Wolfgang ihr Geheimnis nicht preisgeben würde.
Nach dem Begrüßungszeremoniell entfachte Hilde schnell das Feuer im Küchenherd. Um es tagsüber nicht verlöschen zu lassen, pflegte sie morgens, bevor sie die Wohnung verließ, ein eng mit Zeitungspapier umwickeltes Holzscheit auf die Glut zu legen. Man mußte nur darauf achten, dass eine Papierlage durchfeuchtet und unter der Glut ausreichend Asche auf dem Rost vorhanden war. Auf diese Weise war das Scheit bis zum Nachmittag völlig durchglüht. Nach dem Entfernen der Asche und dem Öffnen der unteren Herdklappe konnte das Feuer neu zum Lodern gebracht werden. Hilde war froh, dass Wolfgang vom Spätherbst bis zum Wintereinbruch dafür gesorgt hatte, dass sie jetzt ausreichend Holz zum Heizen hatten. Wann immer Schule und HJ-Gruppe es zugelassen hatten, war er mit dem Handwagen in den Elm gegangen, um vom Sturm abgerissene Äste zu sammeln. Auf diese Weise war nach dem Zerhacken der Buchenäste ein beachtlicher Holzdiemen entstanden.
Wolfgang und Lena schauten aus dem Küchenfenster und beobachteten die Schneeflocken, die am Fenster vorbei tanzten. Lena hatte ihn zuerst erspäht: "Der Weihnachtsmann, der Weihnachtsmann", jauchzte sie. Von weitem noch sah er aus, wie die Kinder ihn aus den Erzählungen Hildes kannten: Der watteweiße Bart, der bodenlange, purpurrote Mantel.
Die Dämmerung des Winternachmittags kroch die Straße herauf. Schnee lag auf der Dorfstraße und auf den Dächern. Schnee lag auch auf den Wrackteilen des hinter dem Dorf abgestürzten Flugzeugs. Schneezugeweht war der tiefe Krater, den dieses Flugzeug gerissen hatte. Diese alles bemäntelnde Weiße brachte einen tiefen, aber trügerischen Frieden über das Dorf.
Das schrille Gebimmel einer Glocke zerriß diese winterliche Stille. Lena erinnerte sich, dass Mama gesagt hatte, Weihnachtsmänner hätten immer eine Glocke. Und Weihnachtsmänner kämen immer zu Kindern, die artig wären. Erneut war die Glocke zu hören. Eine Wünsche, Hoffnungen und Ängste zugleich weckende Glocke. Schlimme Gedanken an den gestrigen Tag durchfuhren Lena. Hatte sie nicht gestern mit ihrem Bruder den letzten Rübensirup aufgenascht? Und hatte Mama nicht furchtbar geschimpft, weil sie damit noch Weihnachtsplätzchen hatte backen wollen? Doch hoffnungsvolle Gedanken verdrängten die furchtsamen: Mama hatte auch erzählt, dass der Weihnachtsmann mitunter den Kindern auch Plätzchen brächte. Vielleicht bringt er uns ja Plätzchen? Vielleicht, ohne vom gestrigen Naschen zu wissen. Sonst war´n wir ja fast immer artig gewesen.
Plötzlich stand er in der Küchentür. Hager, rotwangig und jutesacktragend stand er da. Lena und Wolfgang hatten sich unter dem Küchentisch aneinander gedrängt. Das "Wart-ihr-auch-immer-artig?" klang sopranstimmig, ohne die erhoffte Tiefe und Wärme. War das der Weihnachtsmann, von dem Mama so viel erzählt hatte? Mit dieser Stimme? Die Kinder erahnten eine gewisse stimmverwandtschaft mit Edith Helmchen.
Eine Weihnachtsfrau also, dachte Lena. Eine Weihnachtsfrau mit Bart. Seltsam. Eine Weihnachtsfrau hatte Mama nie erwähnt. Unsicherheit hatte sich in der Küche verbreitet. Wolfgang durchbrach diese Unsicherheit, indem er, mutig geworden, unter dem schützenden Küchentisch hervorgekrochen kam. Er hatte die Puppe zuerst gesehen, die dekorativ aus dem Jutesack spähte. Er vergaß augenblicklich in Aussicht stehende Plätzchen, Äpfel oder Nüsse. Eine Puppe für Lena. Ja, dieses Ding aus Zelluloid mit starrblauen Augen im rosafarbenen Gesicht. Eine tolle Puppe. Mama könnte ja noch aus Stoffresten Kleidchen für die Puppe nähen ...
Noch ehe Wolfgang den Gedanken weiterspinnen konnte, noch ehe er die Puppe aus dem Sack winden konnte, wurden seine Träume und Hoffnungen durch ein dünnes Reisigbündel zerrissen. Die Arme schützend über dem Kopf, erduldete Wolfgang die Schläge, die weniger schmerzhaft waren, als die Ahnung, wohl auf die Puppe verzichten zu müssen. Eine schier unerträgliche Spannung erfaßte Hilde und ihre Kinder, die sich erst wieder löste, als sich die magere, rotbemäntelte Weihnachtsfrau verabschiedet hatte. Zurück ließ sie eine gewisse Traurigkeit, ein paar Nüsse, einige Äpfel, aber keine Plätzchen. Mit am Küchenfenster plattgedrückten Nasen sahen ihr Wolfgang und Lena nach. Und deutlich konnten sie noch den sich immer weiter entfernenden Jutesack auf dem Rücken der Frau erkennen, aus dem leuchtend der Puppenkopf hervorlugte.
Eine Weihnachtsfrau also, dachte Lena. Eine Weihnachtsfrau mit Bart und einer Stimme, wie Edith Helmchen. Und dabei hatte Mama nie eine Weihnachtsfrau erwähnt.
Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. Es waren nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Hilde hatte sich noch so viel vorgenommen und wusste nicht, ob alles klappen würde. Heute wollte sie Honigkuchen backen und Marzipankartoffeln herstellen. Wolfgang hatte geradezu eine Leidenschaft für diese süßen, kleinen Kugeln entwickelt. Aus Mangel an süßen Mandeln wurde diese Leckerei mit viel Phantasie aus Hartweizen-Griesbrei, etwas Bittermandel-Aroma und Zucker gefertigt. Der Brei musste noch eine feste Konsistenz haben. Das i-Tüpfelchen des guten Geschmacks war, wenn man dem Brei ein Stückchen Butter unterkneten, oder gar, sofern erhältlich, einige Gramm gemahlene süße Mandeln zufügen konnte. Nach dem Erkalten der Masse wurden kleine Kugeln daraus geformt, die zum Schluss in Kakao gewälzt wurden. Lena war Hilde eine große Hilfe. Sie formte aus dieser Grießmasse Kugeln verschiedenster Größe sowie kleine Würste, die sie "Marzischlangen" nannte. Sie liebte diese Zeit der Vorbereitungen und der Geheimnisse.
Wolfgang hatte sich mit Fritz verabredet, in aller Herrgottsfrühe mit dem Schlitten in den Elm aufzubrechen, um zwei Tannenbäume zu fällen, für jede Familie einen. Sie nahmen Säcke und Sackband mit, um die Bäume zusammenzuzurren und einzuwickeln, so dass man den Inhalt nicht so schnell erkennen konnte. In einer Zeit, in der jeder irgendwann irgendetwas zu transportieren hatte, schien es nicht zum Problem zu werden.
Endlich war es soweit. Um halb Acht Uhr morgens des ersten Weihnachtstages hörte Lena das ersehnte Signal zum Loszustürmen: "Puttchen, Wolfgang, der Weihnachtsmann war da!"
Lena öffnete die Wohnzimmertür und trat ein, dicht gefolgt von Wolfgang. Für diesen besonderen Tag hatte Hilde die Stube schon geheizt. In der linken Zimmerecke erglänzte der geschmückte Weihnachtsbaum. Die Kerzen waren angezündet und tauchten die Stube in ein geheimnisvolles, verzauberndes Licht. Nur schemenhaft waren die Geschenke unter dem Baum auszumachen. Lena entdeckte sofort ihren nicht mehr einäugigen Teddy. Hatte der Weihnachtsmann ihm doch tatsächlich einen Glasknopf als Augenersatz ins Gesicht genäht. Und eine neue Hose mit passender Weste hatte er auch noch genäht. Aber das Allerschönste war ein hellblau gestrichenes Bettchen mit blaugeblümten kleinen Kopfkissen und Deckbett. Darin konnte er jetzt immer schlafen. Den Wohnzimmertisch hatte Hilde zum Geburtstagstisch arrangiert. Es war Lenas Geburtstag. In der Mitte des Tisches stand ein Napfkuchen, in dem fünf Kerzen staken. Davor ein kleines Alpenveilchen. An der Seite lagen zwei kleine, in geblümtes Papier eingewickelte Päckchen, die rote Bändchen mit riesigen Schleifen zierten. Lena konnte gar nicht schnell genug das Papier entfernen. Hilde nahm ihr das Geschenkpapier ab, strich es wieder glatt und faltete es zusammen. Zum Vorschein kam ein Buch, mit dem Titel "Dackel Lüttche und das Katzenkind".
"Das Buch is´ von Mama und das andere schenke ich Dir zum Geburtstag," sagte Wolfgang und zeigte auf das Holzkästchen mit Schiebedeckel. Lena öffnete das Kästchen und entdeckte wunderschöne Buntstifte verschiedener Länge.
"Oh, Malstifte", jauchzte sie und drückte ihren Bruder stürmisch, "die habe ich mir schon lange ganz dolle gewünscht!"
Wolfgang verriet seiner Schwester, wie er die Stifte ´erkungelt´ hatte: "Für jeden Buntstift habe ich eine Glasmurmel gegeben. Und den Federkasten hat mir Fritz geschenkt, der braucht ihn nich´ mehr, weil er´n neues Etui hat."
Wolfgang zeigte seiner Schwester, was er vom Weihnachtsmann erhalten hatte: Ein Buch ´Die Höhlenkinder´, das die Geschichte von Kindern beschreibt, die allein auf sich gestellt, lernen müssen, in der Wildnis zu überleben. Dann hatte ihm der Weihnachtsmann noch einen dunkelgrünen Schal mit passenden Fausthandschuhen gestrickt.
"Da freust´e Dich auch, nech?" strahlte Lena ihren Bruder an.
"Na, klar. Meine alten Handschuhe waren schon n´bischen eng und zu oft gestopft. Und grün sieht auch schöner aus, als braun." Er nahm sich einen Keks von seinem bunten Teller.
"Wir werden gleich den Geburtstagskuchen anschneiden und uns einen Milchkaffe kochen. Und heute Nachmittag ziehen wir den Stubentisch aus und baun´ Wolfgangs Eisenbahn auf."
Die Kinder waren begeistert. Weihnachten wurde immer mit der Eisenbahn gespielt.
"Bei ´Eisenbahn´ fällt mir ein", sagte Hilde, "dass Onkel Männe uns eine Weihnachtskarte geschrieben hat. Nächste Woche fährt er wieder seine alte Strecke mit der Braunschweig-Schöninger-Eisenbahn. Wir könn´ ja mal zum Bahnhof geh´n und ihn begrüßen."
Die Postkarte war ein Signal. Männe, der Mann ihrer Cousine Elsbeth, hatte Hilde mitgeteilt, dass er wieder die Lok mit dem Heizer seines Vertrauens führen würde, wenn er ihr eine Postkarte zukommen ließ. Er sorgte sich um Hilde und ihre Kinder in dieser Zeit bitterer Not. Er hatte schon einige Male Braunkohle von seinem Heizer auf die Bahnböschung schaufeln lassen, nachdem die Lok etwa einen Kilometer nach der Bahnstation Gilzum/Evessen wieder auf der freien Strecke fuhr. Die Kohlenbrocken konnten dann von Hilde eingesammelt werden.
In Friedenszeiten wurden die Dampflokomotiven mit Koks geheizt. Jetzt, im Krieg, hatte die Schwerindustrie für die Stahlproduktion die alleinigen Rechte für den Steinkohleverbrauch. Braunkohle enthielt mehr Wasser als Koks, konnte die Glut nicht so lange halten und zerfiel zu Asche. Koks hatten einen höheren Heizwert, enthielt kaum Wasser und hinterließ nach der Verbrennung krustige Schlacken, die noch weiter verwertet werden konnten. Waren die Sparmaßnahmen im Verbrauch von Rohstoffen für die Konsumgüterindustrie schon seit 1942 extrem gewesen, so konnte man sagen, dass die Wirtschaft im fünften Kriegsjahr im Begriff stand, zu kollabieren. Auf den Bahnhöfen klebten Plakate, die zu Reisebeschränkungen aufriefen: ´Die Front geht vor! Unterlaßt unnötige Reisen!´ oder ´Saatgut-Beförderung geht vor! Unterlaßt unnötige Reisen!´ und ´Kohlentransporte gehen vor! Unterlaßt unnötige Reisen!´ Eine zeitgenössische Figur auf dem Plakat der Energiesparpropaganda war der Kohlenklau, ein finsterer Geselle mit Schiebermütze und dickem Kohlensack auf dem Rücken: ´Kohlenklau geht um! Er klaut das Gas und stiehlt das Licht, raubt Strom und Kohle, duldet´s nicht! FASST IHN!´
Schon am zweiten Weihnachtstag machte sich Hilde mit den Kindern auf den Weg zum Bahnhof. Wolfgang hatte Lena auf den Schlitten gesetzt und spielte für sie das Schlittenpferd. Hilde hatte den zweiten Schlitten mit zwei Säcken bepackt und hoffte, sie füllen zu können. Hoffentlich würde alles gut gehen. Doch Hilde dachte, dass ein Winterspaziergang am Weihnachtsfeiertag unauffälliger sei, als an einem Wochentag. Sie stampften durch den Schnee und erreichten den Bahnhof, ohne einen Menschen getroffen zu haben. Der Zug kam mit Verspätung angeschnauft. Bei dem nächtlichen Fliegerangriff auf Braunschweig waren Teile des Braunschweig-Gliesmaroder Bahnhofs getroffen worden. Männe konnte seine Fahrt erst aufnehmen, als die Gleise vom Schutt geräumt worden waren. Zugverspätungen waren in dieser Zeit die Normalität.
Männe hatte es so eingerichtet, dass auf dem Gilzum/Evesser Bahnhof Wasser für die Lok aufgenommen werden musste. Es blieb also etwas Zeit, ein paar Worte miteinander zu wechseln. Er lehnte sich aus dem Fenster seiner Lok, seine Augen suchten den Bahnsteig ab. Männe war ein hochgewachsener Mann von hagerer Gestalt. Seine dunklen Augen hatten eine gütige Ausstrahlung und schauten aus einem markanten Gesicht, auf dem Kohlenstaub Spuren hinterlassen hatte. Er glich einem Schornsteinfeger ohne Zylinder oder Käppchen. Seine schwarzen, ansonsten gescheitelten Haare flatterten im Fahrtwind, als der Zug in den Bahnhof einfuhr. Er kletterte aus seiner Lok und nahm erst Hilde, dann die Kinder in den Arm und begrüßte sie herzlich.
"Ich soll Euch von Elsbeth grüßen. Sie würde Euch gern Anfang Januar für ein paar Tage besuchen kommen. Vorausgesetzt natürlich, dass nichts dazwischen kommt. Es kann ja immer was dazwischen kommen, so wie die Lage aussieht. Die nächste Zeit wird uns alle die letzten Kräfte kosten. Durchhalten, Hilde! Wir alle müssen tapfer durchhalten."
"Wir werden es schaffen, Männe", sagte Hilde. "Wenn nur ein Lebenszeichen von Willy käme!"
Der Heizer hatte sich am Fenster der Lok bemerkbar gemacht: "Männe, unsere dicke Jule hat Wasser geschluckt, wir könn´ dann." Sie verabschiedeten sich. Hilde sagte noch, dass sie sich riesig freuen würde, Elsbeth mal wieder zu sehen. Sie sei immer herzlich willkommen. Langsam setzte sich das schwarze Ungetüm in Bewegung.
Hilde und die Kinder gingen mit ihren Schlitten auf dem tief verschneiten Feldweg, der parallel zur Bahnböschung in Richtung Evesser Feldmark verlief. Als sie fast an der Schöppenstedter Landstraße angelangt waren, gewahrten sie von weitem die dunklen Braunkohlebrocken im Schnee. Sie füllten zwei große Säcke. Bei sparsamem, überlegtem Verbrauch würden die Wärmebrocken die Familie über den Winter bringen.
Elsbeth kam schon in der ersten Woche des neuen Jahres 1945 mit dem Abendzug. Sie war eine kleine, schlanke Frau von fünfunddreißig Jahren. Mit seinen 1,95 Meter Körpergröße überagte Männe seine Frau um 35 Zentimeter. Elsbeth trug Ihre schwarzen Haare kurzgeschnitten als Bubikopffrisur. Sie kleidete sich betont sportlich und schaute aus blaugrauen Augen munter in die Welt. "So, Kinder, da bin ich", verkündete sie und stellte ihren Koffer ab. Hilde bereitete gerade das Abendbrot, das schwarze Rollo im Küchenfenster war schon heruntergelassen und mit Heftzwecken lichtundurchlässig am Fensterrahmen befestigt worden. Es folgte eine fröhlich-laute Begrüßung. Sie hatten sich wohl ein Jahr nicht mehr gesehen und Elsbeth freute sich ganz besonders über die Entwicklung von Wolfgang und Lena. Sie liebte die beiden Kinder. Besonders, weil ihre Ehe kinderlos geblieben war. "Nun woll´n wir ma´ sehn, was alles so im Koffer is´. Neugierig und gespannt beobachteten Wolfgang und Lena, wie Tante Elsbeth den Koffer öffnete. Sie packte ihr Nachthemd auf den Stuhl. "Nein, das bekommt keiner, und meinen Büstenhalter und die Strümpfe brauch´ ich auch für mich. Aber, was haben wir denn da? Eine Berchtesgadener Strickjacke für unsere Lena! Na, da woll´n wir ma´ kucken, ob die Größe richtig is´."
"Ah, dieselbe Jacke, wie Renate aus´n Kindergarten, doll. Dolle schön." Elsbeth hatte ihren Geschmack getroffen. Lena zog augenblicklich die Jacke an und war begeistert. Für Wolfgang hatte Elsbeth einen dunkelblauen Pullover gestrickt, dem sie im oberen Brustbereich ein Norwegermuster aus weißen Sternen eingearbeitet hatte. "Warm und schön", kommentierte Wolfgang schlicht. Hilde freute sich über einen schwarz-weiß karierten Schal, der mit besonderer Drapiertechnik zum Hut avancieren konnte. Der Schal wurde dabei um den Hinterkopf über die Ohren gelegt, die zwei Schalenden auf dem vorderen Kopf über der Stirn verknotet und dann über die obere Kopffläche gelegt und am Hinterkopf eingeschoben. Ein absolut modischer Hutersatz. Elsbeth packte weiter aus: ein Paket weiße Bohnen, ein Paket Linsen, zwei Päckchen Leipnitz-Kekse, zwei Tafeln Kokosfett, ein Päckchen Kakao, ein Paket Lindes-Kaffee, ein Paket Rohrzucker und eine Schachtel Schokakola.
"Mein Gott, Elsbeth, wo hast Du denn diese Köstlichkeiten aufgetrieben?"
"Pssst, nicht weitersagen. Ab Morgen werde ich kochen und Du kannst in Ruhe zur Arbeit gehen, Hilde. Vielleicht kann Lena mir ja´n bißchen helfen?" Lena wollte gern, doch davor sollte ihre Tante Irene im Kindergarten erst mal die neue Strickjacke bewundern.
Es wurde ein fröhlicher Abend. Das resolut-witzige Wesen Elsbeths wirkte ansteckend und herzerfrischend auf Hilde. Die ausgelassene Stimmung änderte sich auch nicht, als plötzlich die Küchenlampe ausging und die Kerzen angezündet werden mußten. Die Überlandzentrale Helmstedt schaltete wegen der angeordneten Sparmaßnahmen den Strom um zehn Uhr abends ab. Als die Kinder im Bett lagen, wurden die Gespräche ernster. Bis in die tiefe Nacht redeten die Frauen miteinander. Elsbeth bestätigte Hilde, was sie bereits im BBC gehört hatte, dass die alliierten Truppen schon den Rhein überquert hatten und unaufhaltsam von Süden bis Norden in breiter Front ostwärts vorrückten. Als Eisenbahner erlebte Männe täglich die ganze Härte des Krieges, mußte seine Fahrten oft Tage unterbrechen, weil Schienen und Brücken auf der Strecke zerstört worden waren. Häufig begleitete Elsbeth als Mitreisende Männes Fahrten. Sie brachte in den Toiletten Zettel an, die über die tatsächliche Kriegssituation aufzuklären versuchten und die täglichen Propagandareden als Lügen entlarvten. Die bereits vorhandenen größeren Plakate der Nationalsozialisten mit Durchhalteparolen wie: "alle Kraft für den Endsieg" wurden von Elsbeth einfach in der unteren rechten Ecke schräg überklebt. Es war für die Gestapo schwer, in den berstend überfüllten Zügen Widerstandskämpfer auszumachen. Diese Bahnfahrten würde Elsbeth in ihrem Leben nicht mehr vergessen. Menschentrauben klammerten sich an den Trittbrettern der Züge fest, Schwerverwundete mit zerlumpten blutigen Uniformen in den Gängen, Evakuierte aus den zerbombten Städten, verwirrte elternlose Kinder, Menschen im Chaos auf der Flucht vor der absoluten Zerstörung.
"Und Braunschweig, Hilde, unser geliebtes Braunschweig würdest Du nicht wiedererkennen! Die Gegend um den Hauptbahnhof ´rum ist zerbombt. Einige Hauswände recken sich verkohlt in´n Himmel. Dazwischen Trümmerberge und Trampelpfade zu den paar noch stehenden, kaputten Häusern. Die Fabriken sind zerstört. Eine Versorgung der Menschen gibt es kaum noch. Die Leute, die jetzt noch aushalten, sind ohne Hoffnung. ´Ne traurige Stadt. Immer, wenn ihr hier im Dorf in den Luftschutzkellern wart, wurden in Braunschweig die Bomben ausgeklinkt, wurde zerstört, verreckten die Menschen. Von Männe weiß ich, dass es in den meisten Städten Deutschlands auch so aussieht. Trümmerberge und verzweifelte Menschen auf der Flucht, wohin man auch kuckt."
"Es wird bald ein Ende haben, Elsbeth. Wenigstens das Morden wird dann ein Ende haben. Aber hungern werden wir wohl noch lange. Irgendeinen Weg aus´m Elend werden wir finden müssen."
"Klar, Hildchen, werd´n wir. Wo wir grade vom Hunger sprechen, ich weich schon mal für morgen die weißen Bohnen ein, dass ich uns´n feines Süppchen kochen kann." Sie wusch die Bohnen und weichte sie im großen Suppentopf ein.
"Sag mal, Hilde, was machen eigentlich deine Brüder?"
Elsbeth hatte die Verbindung zu den Brüdern ihrer Cousine Hilde, die ja auch ihre Vettern waren, abgebrochen. Fritz, der jüngste Cousin, trat als erster der SA bei. Bald darauf folgten der älteste Ernst und der mittlere Karl. Elsbeth lehnte es kategorisch ab, mit Menschen dieser Gesinnung Kontakt zu pflegen. Für sie waren das Arbeiterverräter und Demagogen, Verbrecher.
"Vor Kriegsbeginn hatten wir öfter Kontakt. Aber jetzt beschränkt sich unser Kontakt auf den weihnachtlichen oder österlichen Kartengruß ihrer Frauen an mich. Meine Brüder haben mir nie Feldpost zukommen lassen. Ellen, die Frau von Ernst, lebt mit ihren drei Söhnen in Wolfenbüttel. Karl hat sich mit seiner Frau Traudel und seinen beiden Töchtern in Lüdenscheid im Sauerland niedergelassen, und Helga lebt mit der Tochter Inge und den beiden Jungen Harald und Achim in Salzgitter. Du weißt vielleicht, dass die Eltern von Helga hier in Gilzum wohnen. Wenn sie ihre Eltern besucht, sieht sie schon mal bei mir vorbei. Ich habe das Gefühl, dass die Frauen meiner Brüder noch den Kontakt mit mir pflegen, weil sie wissen, wie sehr ihre Männer noch an mir hängen. Tatsache ist ja nun mal, dass ich ihnen lange die Mutter ersetzen musste. Meine Gesinnung spielt bei meinen Brüdern da keine Rolle. Aber meine Schwägerinnen mißtrauen mir wegen meiner politischen Haltung. Kein Parteibuch, keine NS-Frauenschaft."
"Weißt du denn, an welchen Fronten sich deine Brüder befinden?"
"Ja, Ernst ist in Russland vermisst. Ellen hat mir geschrieben, dass er sich in einem Schweigelager befinden soll. Fritzens Kompanie soll in den Ardennen kämpfen und Karls Einheit in Italien. Ich wünsche mir so sehr, dass sie bald wieder gesund mit ihren Familien vereint sein werden."
Es war noch dunkel, als Hilde am nächsten Morgen das Herdfeuer entfachte und begann, das Frühstück zu bereiten. Sie war sehr froh, dass Elsbeth mindestens eine Woche bleiben wollte. Alles, was Hilde bekümmerte, konnte sie mit Elsbeth besprechen. Viele Sorgen verbarg sie vor den Kindern, um sie nicht zu überfordern und zu ängstigen. Ihre Cousine war nicht nur eine gute Zuhörerin, sie war auch eine kluge Ratgeberin. Elsbeth hatte ihren Lebensrhythmus nur unwesentlich geändert, seit sie ihre Tätigkeit als Gewerkschaftssekretärin durch die Widerstandsarbeit ersetzt hatte. Ihr war bewußt, dass sie sich durch ihre jetzigen Aktivitäten einer ständigen Gefahr aussetzte. Doch sagte sie immer, dass sie es sich selbst und der Bevölkerung schuldig sei, Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie war Frühaufsteherin, auch wenn sie oft bis in den späten Abend tätig sein mußte. So kam sie auch an diesem Morgen in die Küche, als die Kinder noch schliefen. Die Frauen umarmten sich herzlich und versicherten sich gegenseitig, wie gut es täte, sich wieder mal richtig austauschen zu können.
"Ich mach´ schon mal das Schulbrot für Wolfgang fertig und pack ihm noch´n Leibniz-keks in die Brotdose, ja, Hilde?"
"Oh ja, da wird er sich freuen, da hat er mal ´ne leckere Überraschung."
"Mit den restlichen Keksen und den mitgebrachten Zutaten wollte ich für uns einen Kalten Hund fabrizieren. S´wär nich schlecht, wenn dir deine Bäurin für den Kuchen heute ein Ei mitgeben würde. Muss aber nich sein, schmeckt auch ohne Ei ganz lecker."
"Werd´ ich sehn, Elsbeth. Vielleicht gibt sie mir heute für unsere Bohnensuppe auch ein Stückchen Speck mit. So, ich weck jetzt mal die Kinder. Die Zeit wird sonst zu knapp, wir woll´n doch noch in Ruhe zusammen Kaffee trinken."
Wolfgang aß morgens gern Eingeflocktes. Er brockte sich sein Brot in mundgerechte Stückchen, streute braunen Zucker darüber und übergoß die Brotbröckchen mit Milchkaffee. Lena bevorzugte die zuckerfreie Frühstücksvariante. Sie bestrich sich ihre Brotscheibe mit Butterschmalz und streute eine Prise Salz darauf. Auch der Kaffee wurde von ihr nur mit reichlich viel Milch getrunken. Elsbeth amüsierte sich über die unterschiedlichen Eßgewohnheiten der Kinder.
"Wie ich das so sehe, wird dem Wölfchen wohl der Kalte Hund sehr gut schmecken, den ich heute mit Lena machen möchte. Oder ißt du auch mal ein Stück davon, Lena?"
"Doch, Tante Elsbeth, der schmeckt mir. Der kalte Hundekuchen schmilzt so schön frisch auf der Zunge."
Alle mussten über Lenas Wortschöpfung "Hundekuchen" lachen. Wolfgang verschluckte sich beim Lachen und prustete sein Kaffee-Brot-Gemisch, das er gerade im Mund hatte, über den Tisch. Das erschien allen so urkomisch, dass sie sich vor Lachen ihre Bäuche halten mußten.
Als sie sich wieder beruhigt hatten sagte Lena: "Tante Elsbeth, darf ich mal was fragen?"
"Mmm, nur zu, frag!"
"Warum knackt es bei dir immer so laut, wenn du kaust?"
"Das will ich dir gern erzählen. Die Klammer an meinem künstlichen Gebiss hat sich gelockert. Darum macht das Gebiss diese Knackgeräusche. Ich hab jetzt nämlich keinen Zahnarzt mehr, der mir meine Beisserchen wieder in Ordnung bringen könnte. Wo früher die Zahnarztpraxis war, ist jetzt ein riesiger Bombenkrater. Als die Engländer die Büssing-Werke bombardierten, hat das Haus, in dem mein Zahnarzt praktizierte, einen Volltreffer abbekommen. Ich weiß nich´, ob mein Arzt sich noch in dem Haus aufhielt, oder ob er sich vorher hatte in Sicherheit bringen können. So ist das jetzt in Braunschweig. Ein Kriegsdurcheinander. Man is´ immer auf der Suche nach Irgendjemandem, der plötzlich nich´ mehr da is´. Wenn der Krieg vorbei is´, werde ich in Ruhe nach meinem Zahnarzt suchen."
Wolfgang war mit seinen Gedanken bei der "siegreichen Abwehr", von der sein Jungscharführer immer erzählte. Irgendwie konnte das ja nicht stimmen. Wenn die Abwehr die Flieger ´runtergeholt hätte, müsste Tante Elsbeth nicht ihren Zahnarzt suchen, und die Büssing-Werke wären auch noch da.
"Ich geh dann ma´ los, Mama." Wolfgang gab seiner Mutter und Schwester einen Abschiedskuss.
"Und wer küßt mich?" fragte Elsbeth. Wolfgang drückte seiner Tante mit hochrotem Kopf einen flüchtigen Wangenkuss auf, schnappte seinen Tornister und verschwand ohne sich noch einmal umzudrehen auf den Flur, um sich warm anzuziehen. Mein Gott, war ihm das peinlich mit dem Kuss!
"Ja, ja, ´s ís´ alles nich´ so einfach, n´ Mann zu werden, nich´ wahr, Hildchen?"
"Das is´ wirklich wahr, Elsbeth. So, ihr Beiden, ich muss dann auch los. Die Pflicht ruft. Oder besser: Frau Landgrewe ruft. Ich freu´ mich schon auf die Bohnensuppe heute Abend. Ihr könnt ja nachher einen Winterspaziergang zum Kindergarten machen. Und du mußt doch deiner Tante Irene deine neue Strickjacke zeigen, Puttchen. Macht ´s ma´ gut."
Hilde zog sich ihren Wintermantel an, band den langen Strickschal um Kopf und Hals und gab beiden einen Abschiedskuss. Ein kalter Ostwind blies ihr ins Gesicht, als sie durch den Pulverschnee stampfte.
Die Woche selbst verordneter Sonderurlaub verging Elsbeth wie im Flug. Sie hatte festgestellt, dass die nationalsozialistische Diktatur und der Krieg die Menschen bis in dieses kleine Dorf Gilzum verändert hatten. Innerhalb eines Jahres war aus der Neugier der Bewohner lauerndes Mißtrauen geworden. Elsbeth war es während der täglichen Aufenthalte im Luftschutzkeller auch nicht entgangen, dass sich der Umfang der großen Klappe des Ortsgruppenleiters immens verkleinert hatte. Sie schloss daraus, dass der Wahnsinn seinem Ende zusteuerte. Der Todeskampf des deutschen Volkes hatte begonnen.
Immer, wenn Hilde die Postbotin auf den Hof kommen sah, klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Sie hatte jedoch inzwischen gelernt, aus der Mimik in Rosa Meiers Gesicht die Art der Botschaften zu deuten. Mit ernster Miene betrat sie die Küche der Landgrewes und überreichte Hilde ein schwarz umrandetes Kuvert. Sie wartete, bis Hilde den Brief mit zitternden Händen geöffnet hatte. Die nach links gerichteten steilen Schriftzüge verrieten die Handschrift ihrer Cousine aus Leinde.
"Miene Groottante is nich mehr. Is ganz friedlich inneslaapen."
"Tja, datt Freujahr", sagte Rosa, die Türklinke schon wieder zum Hinausgehen in der Hand, "da haalt sick Jefatter Doot de maasten Lüe."
Traurig faltete Hilde den Brief und steckte ihn in ihre Schürzentasche. Sie wollte unbedingt zur Beerdigung nach Leinde, um ihrer Großtante die letzte Ehre zu erweisen. Es war ein schwieriges Unternehmen, im Krieg mit zwei Kindern in ein entferntes Dorf zu verreisen. Das Dorf Leinde lag zwischen Salzgitter-Watenstedt und Wolfenbüttel abseits des Eisenbahnnetzes. In Friedenszeiten hätte man die Strecke problemlos mit dem Fahrrad zurücklegen können, doch das war nun passé. Die Räder waren in der vergangenen Woche für den Volkssturm konfisziert worden. Jeder Bewohner Gilzums war zur Abgabe seiner Fahrräder aufgefordert worden, um, wie es amtlich hieß, den Endsieg zu beschleunigen. Hilde hatte zwei Fahrräder abgegeben. Sie besaß noch ein drittes, ein Geschenk von Caroline Brandes aus Evessen, das sie bereits zerlegt und unter Säcken im Stall verborgen hatte. Gleich nach der Beerdigung wollte sie das kostbare Markenfahrrad der Wanderer-Werke an einem sicheren Ort verstecken.
Der gute Zufall wollte es, dass Ortsbauernführer Grasshoff von seiner ihm vorgesetzten Dienstbehörde in Wolfenbüttel zum Rapport zitiert worden war und sich auf Bitten von Marie Landgrewe bereit erklärt hatte, Hilde und die Kinder in seinen Daimler-Benz nach Wolfenbüttel mitzunehmen. Er ließ sie am westlichen Stadtrand Wolfenbüttels aussteigen, von wo sie ihren Weg zu Fuß fortsetzten. Hilde war lange nicht in der schönen Lessingstadt gewesen und stellte fest, dass sich ihr Gesicht verändert hatte. Von Elsbeth wusste sie, dass sich in Braunschweig die Gestapozentrale befand und hier in Wolfenbüttel das Aussenkommando eines Konzentrationslagers errichtet, sowie eine Hinrichtungsstätte etabliert worden war. Die allgegenwärtige Militärpräsens bildete einen bedrückenden Kontrast zu den altehrwürdigen Fachwerkhäusern, dem Schloss, der Herzog-August-Bibliothek und dem Fachwerkbau der Johanniskirche. Auf wunderbare Weise war die ehemalige Residenz der Herzöge von Braunschweig-Wolfenbüttel bisher vom Kriegsbombardement verschont geblieben.
Sie hatten bereits das Dorf Fümmelse hinter sich gelassen, etwa zehn Kilometer Fußmarsch lagen noch vor ihnen. Hilde war erstaunt, wie zügig Wolfgang und Lena Schritt hielten. Die Märzsonne wärmte schon sehr angenehm und hauchte ein zartes Frühlingsahnen in die Natur. Sie hatte die Straßen bereits vom Schnee befreit, doch auf den Feldern ringsum hielt sich der Schnee hartnäckig. Plötzlich hielt unmittelbar neben ihnen ein Trecker. Der betagte freundliche Bauer fragte die kleine Gesellschaft, ob er sie ein Stück auf dem Anhänger mitnehmen solle? Wie aus einem Munde riefen sie: "Ja, das wär´ toll!" Der Bauer sagte ihnen, dass er die geladenen Säcke mit Saatgut nach Drütte transportieren wolle. Zwischen den Säcken sei noch ausreichend Platz für die Fahrgäste. Sie kletterten auf den Anhänger, der Trecker setzte sich in Bewegung. Die Schlaglöcher der Straße ließen den Anhänger wild auf- und nieder tanzen. Die Drei wurden tüchtig durchgerüttelt. Die kahlen Bäume flogen an ihnen vorüber, die Entfernung schrumpfte zusehends. Es war Nachmittag, als sie in Drütte ankamen und sich beim Bauern herzlich für die Mitnahme bedankten. Mit allen guten Wünschen für die Zukunft verabschiedeten sie sich und winkten ihm nach, bis er nicht mehr zu erkennen war. Sie legten eine kleine Rast ein.
"Mutti, wann sind wir´n da?", fragte Lena.
"S´is nich´ mehr weit, keine zwei Kilometer mehr. Wir sind doch bis jetzt mit viel Glück gut vorangekommen."
In der Ferne konnten sie die Reichswerke Hermann Göring erkennen. Davor befand sich ein riesiges, von einer hohen Mauer mit Stacheldraht umgebenes Areal, auf dem dunkelbraun gebeizte Holzbaracken standen. Aus dieser Entfernung glich die Festung einer friedlichen Barackenstadt, wenn nicht die Wachtürme auf das Konzentrations- und Arbeitserziehunglager Watenstedt hingewiesen hätten. Wie in anderen Großkonzernen der Schwerindustrie und in den Chemiebetrieben Deutschlands wurden auch hier in den Hermann-Göring-Werken die Insassen des KZ´s als Arbeitssklaven "gehalten". Die Losung der Nationalsozialisten in dieser Phase der Beseitigung politischer Kontrahenten und Andersdenkender lautete: Vernichtung durch Arbeit. Allmorgendlich vollzog sich in den betriebseigenen KZ´s der Großkonzerne das gleiche schauderhafte Ritual: Die zu Skeletten abgemagerten Häftlinge defilierten in Fünferreihen an einem Tribunal der Werksleitung vorüber. Aus dieser Position wurde unmittelbar über weitere Ausbeutung oder sofortige Vernichtung entschieden. Um dem sofortigen Tod zu entrinnen, nahmen die noch halbwegs aufrecht gehenden Gefangenen die kraftlosen Kranken in ihre Mitte und schleiften sie mit sich fort in die Fabrik.
"Mama, was sind´n das für braune Häuser?", fragte Wolfgang.
"Das ist ein großes Lager. Da werden Menschen gefangen gehalten, die andere politische Ansichten haben, als die jetzige Regierung. Aber es werden da auch Kriegsgefangene aus Rußland und Polen gefangen gehalten."
"Das is´ nich´ wahr, oder? Nur weil se anders sind, werden die einsperrt? Kann man garnich´ so richtig glauben, dass die so gemein sind!"
"Man kann da aber gar keine Leute seh´n", meldete sich jetzt auch Lena.
"Vielleicht kann man das nicht erkennen, weil die Entfernung zu groß ist. Lasst uns mal jetzt weiter laufen. Ich trau den Soldaten in diesen Wachtürmen nich´. Die beobachten uns sicher längst durch ihr Fernglas. Kuckt mal jetzt links rüber. Na, seht ihr auch, was ich sehe?"
"Das muss Leinde sein, nich´ Mama?" "Genau, mein Junge, nun aber Endspurt! Wenn wir nicht in Barum ankommen woll´n, müssen wir jetzt links abbiegen."
Erschöpft erreichten die drei endlich den kleinen Bauernhof der Verwandten und wurden von Roland, dem Schäferhund, der freudig bellend an ihnen hochsprang, begrüßt. Minna, die Schwester von Hildes Großmutter, erschien an der Haustür, dicht gefolgt von August, ihrem Ehemann.
"Da seid ihr ja endlich eingetrudelt! Kommt, lasst euch mal drücken!" Minna umarmte zuerst Hilde, dann die Kinder. "Mein Gott, seid ihr gewachsen, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben!"
Nachdem auch August die Drei herzlich begrüßt hatte, wurden sie in die große Wohnküche gebeten. August brachte den kleinen Handkoffer Hildes und den Rucksack Wolfgangs in die im oberen Stockwerk gelegene Gästekammer. Minna setzte Teewasser auf den Herd. Sie war eine stattliche, resolute Frau. Ihre schwarzen Haare hatte sie zu einem Nackenknoten hochgesteckt. Die hohen Backenknochen und rosigen Wangen verrieten eindeutig die Verwandtschaft mit Hilde. Ihre blauen Augen hatten eine fröhliche Ausstrahlung. Beim Sprechen zeigten sich dicht an den Nasenflügeln tiefe Grübchen, ein Familienmerkmal, das sich bis in Hildes Familie fortgesetzt hatte. Der Wahl ihres Ehemannes waren Minna´s Eltern ablehnend gegenüber gestanden. August hatte nicht der Vorstellung entsprochen, die sie sich von ihrem künftigen Schwiegersohn gemacht hatten. Selbst an der Körpergröße hatten sie etwas auszusetzen: Minna überragte August um zehn Zentimeter. Erst als sie festgestellt hatten, dass auch ein junger Schuhmachermeister in der Landwirtschaft tüchtig zupacken kann, hatten sich die anfänglichen Aversionen zerstreut. Als Minna nach dem Tod ihrer Eltern das Erbe des kleinen Hofes angetreten hatte, hatte sich August seine Schuhmacher Werkstatt eingerichtet. Der Hof erwirtschaftete keine großen Reichtümer, doch ernährte er letztlich die Familie. Sie hatten zwei Töchter großgezogen. Friedel, die älteste Tochter, war längst verheiratet und hatte sie zu glücklichen Großeltern gemacht. Die Zweitgeborene, Ilsemarie, lebte noch bei ihnen. Auch Minnas älteste Schwester Henriette, die morgen zu Grabe getragen werden sollte, hatte hier gelebt, seit ihr Mann im Ersten Weltkrieg gefallen war. Nun lag sie feierlich aufgebahrt in der ehemaligen Gesellenkammer, die sich hinter der Werkstatt befand.
Ilsemarie hatte inzwischen den großen Küchentisch fürs Abendbrot gedeckt. Nachdem sie das Rührei mit Zwiebeln vom Herd genommen hatte, legte sie einen Ring Mettwurst und ein größeres Ende Rotwurst auf ein Holzbrett, stellte einen mit blauen Ornamenten bemalten grauen Steinguttopf mit Schmalz und den Butterteller neben den großen Brotlaib. Ein verlockend üppiger Abendbrottisch. Minna sagte, als sie die hungrigen Blicke der Kinder gewahrte, dass ihr Tisch nicht immer so reichlich gedeckt sei.
"Wie wüllt nich´ klaag´n. Wie häwt´ Heuner, Swiene und de Kau. Wenn wie ook nich´ all´ns vor üsch behooln künnt, mött wi nich´ daarb´n."
Sie stellte die große Kanne mit duftendem, frisch gebrühten Pfefferminztee auf den Tisch. Bevor sie sich an den Tisch setzte, schnitt sie noch einige Scheiben Brot von dem Laib und legte sie auf einen größeren Teller. Zu den Kindern gewandt sagte sie "so, nun faßt mal tüchtig zu!" Auf dieses Signal hatten die Kinder sehnlichst gewartet. Sie fassten tüchtig zu! Es war den Verwandten eine Freude, Lena und Wolfgang zuzusehen, wie sehr es ihnen schmeckte.
"Na, wie wär´s, soll ich noch´n Glas Pflaumenkompott aus´m Keller holen?"
Die Kinder waren begeistert. Lena wollte Ilsemarie unbedingt in den Keller begleiten. Der Geruch feuchtkühler Keller übte auf sie eine geheimnisvolle Faszination aus. Sie differenzierte sehr wohl zwischen dem Luftschutzkeller des Bauern Cramer in Gilzum und einem Keller als Aufbewahrungsort köstlicher Nahrungsmittel und nicht mehr benötigtem Hauskrempel. Sie stiegen die schmale Treppe herunter. Ilsemarie wischte einige Spinnweben beiseite und öffnete die Tür des ersten Kellerraumes. Auf der linken Seite wurden in großen Holzverschlägen Kartoffeln, Mohrrüben, Rote Bete, Steckrüben und Sellerieknollen gelagert. In dem Regal der rechten Wandseite befanden sich Tonkrüge mit Sauerkraut, Gewürzgurken und sauer eingelegtem Kürbis. An der Stirnseite des Kellerraumes befand sich das Regal mit den Einweckgläsern. Obwohl Lena "pappsatt" war, wie sie gern zu sagen pflegte, lief ihr beim Anblick der köstlichen Früchte das Wasser im Munde zusammen.
"Nun such dir mal aus, was dir am besten schmeckt, Lena."
Lena entschied sich für Sauerkirschen. "Kirschen isst Wolfgang auch gerne."
"Nun komm, Lena, wir wollen im anderen Kellerraum nachsehen, ob wir noch Äpfel in der Steige haben, die noch nicht zu schrumpelig sind. Tante Minna will morgen zu den zwei Blechen Zuckerkuchen auch noch einen Apfelkuchen backen."
"So viel Kuchen, Tante Ilsemarie? Wer soll den denn alle essen?"
"Na, wenn wir morgen Tante Hennriette beerdigt haben, wird danach mit den Trauergästen Kaffee getrunken. Ich denke mal, dass wir so vierzehn Leute sein werden." Ilsemarie raffte ihre Schürze zu einer Tragmulde und füllte sie mit Boskop-Äpfeln.
"Tante Ilsemarie, habt ihr hier unten keinen Luftschutzraum?"
"Na klar, Lena. Is´ doch Vorschrift. Hinter dem Raum mit den Einmachgläsern haben wir einen Raum mit ausgedientem Tisch, altem Sofa und Stühlen. Matratzen mit Wolldecken sind da und falls das Licht nicht funktionieren sollte, haben wir noch die alten Petroleumlampen meiner Großmutter hingestellt. Die funktionieren sogar noch. Verhungern brauchen wir auch nich´, im Nebenraum gibt's reichlich zu futtern."
"Müßt ihr denn oft in den Keller? In Gilzum haben wir beinahe jeden Tag Fliegeralarm."
"Nö, wir in Leinde sind ganz gut geschützt durch die Reichswerke und das Lager in Watenstedt. Da passen unsere Soldaten mit ihrer Flugabwehr gut auf, dass die Feinde mit ihren Bombern nicht bis zu uns kommen. Ihr Gilzumer wohnt einfach zu dicht bei Braunschweig, das is´ Pech.
So, Lena, nun lass uns mal wieder in die warme Küche gehen, is´ doch ganz schön frisch hier unten."
Wolfgang saß erwartungsvoll vor einem leeren Kompottschälchen und wartete auf die "Füllung". "Mmm, Schattenmorellen, lecker!" Während Lena die Kirschen ungezuckert aß, bat Wolfgang um die Zuckerdose.
"Oh, ihr habt ja noch weißen Zucker, Tante Minna!"
"Ja, wir haben noch´n ganzen Sack für unsere Zuckerrüben getauscht. Wir verbrauchen auch nich´ so viel Zucker, da wird der Sack noch lange reichen!"
"So, Wolfgang, Lena, jetzt geht's ab in den Kahn. Ihr müßt doch hundemüde sein!" Hilde erhob sich, um die Kinder in die Schlafkammer zu bringen.
Hilde hatte ihre Verwandten lange nicht gesehen. Wenngleich der Anlaß des Besuchs trauriger Natur war, erlebte sie ihr Hiersein als eine lange vermißte Geborgenheit. Der Krieg schien hier in Leinde eine Atempause eingelegt zu haben.
Hilde erzählte von ihren Überlebensängsten, von ihren Sorgen um Willy, die ihr nachts den Schlaf raubten. Es war für Hildes wunde Seele wohltuend, über ihre Sorgen und Probleme offen sprechen zu können. So saßen sie noch bis spät in die Nacht und machten sich gegenseitig Mut, diese letzte Kriegsphase heil zu überstehen. Minna erzählte Hilde, dass auch sie lange Zeit große Furcht gehabt hatte, dass ihr kranker August noch zum Volkssturm abgeholt werden könnte. Im Ersten Weltkrieg hatte ihm eine Granate den linken Fuß zerfetzt.
"In irgendeinem Schützengraben bei Verdun habe ich meinen Fuß samt Knobelbecher verloren. Man kann´s nich´ glauben, seit über dreißig Jahren habe ich mir meinen linken Fuß nich´ mehr pedikürt!" Mit seinem "Kunstfuß" hatte sich August gut anfreunden können. Sorgen bereitete ihm jedoch eine zunehmende Herzmuskelschwäche. Jede größere physische oder psychische Anstrengung wurde zum Auslöser für einen Anfall von Herzrasen und Atemnot, der sich dann über Stunden hinzog.
Es war noch nicht hell, als Lena von lautem Schweinequieken geweckt wurde. Sie rieb sich die Augen und blinzelte zu Wolfgang und Hilde. Beide schliefen noch. Lena hopste aus dem Bett und kleidete sich hurtig an. Sie hatte sich vorgenommen, Tante Minna beim Füttern der Tiere zu helfen. Lena schwang sich bäuchlings auf den Handläufer des Treppengeländers und landete im rasanten Rutsch geradewegs vor der Küchentür, die augenblicklich aufgerissen wurde.
"Mein Gott, Lena, hast du mir ´n Schrecken eingejagt! Wer hat dich denn so früh aus´m Bett geschmissen?"
"Moin, Tante Minna. Mich hat keiner rausgeschmissen, ich bin ganz alleine aufgewacht, weil ich dir beim Schweinefüttern helfen wollte."
"Oh ja, Hilfe kann ich immer gut gebrauchen. Wenn Tante Ilsemarie mit dem Füttern und Melken unserer Lotte fertig ist, komm´ die Schweine ´ran. Und dann die Hühner und Roland. Wenn das Vieh am Futtern is´, komm´ wir an die Reihe. So machen wir das: Zuerst die Tiere, dann die Menschen."
Auf dem Küchenherd köchelte ein 20-Liter-Topf mit Futterkartoffeln.
"Lena, angel dir doch mal ´ne Kartoffel aus dem Dämpfer und probiere, ob sie schon gar sind, ja? Aber verbrenn´ dich nich´. Topflappen hängen rechts neben dem Herd. "
Lena holte sich eine Untertasse aus dem Küchenschrank und buxierte eine dicke Kartoffel aus dem Topf. Die Kartoffel ließ sich mühelos aufbrechen.
"Sie ist gar, Tante Minna".
"Dann mach dir Butterflöckchen drauf und lass dir´s schmecken. Dann hast du schon mal dein erstes Frühstück erledigt."
Das Fruchtfleisch der Kartoffel war goldgelb und hatte ein köstliches Aroma. Lena verputzte sie mitsamt der Schale.
"Tante Minna, kann ich mal in´n Kuhstall und Tante Ilsemarie beim Melken zukucken?"
"Na klar. Aber erschreck dich nicht, die Schweine quieken ziemlich laut, wenn sie hungrig sind."
"Nö, das kenn ich schon. Vom Schweinequieken bin ich ja wach geworden!"
Der Stall war nur schwach beleuchtet. Lena hatte Mühe, sich in diesem Dämmerlicht zurechtzufinden. Zuerst sah sie die weiß leuchtende Stirn der Kuh Lotte, dann das hellgeblümte Kopftuch von Tante Ilsemarie. Als sich die Augen Lenas an das schwache Licht gewöhnt hatten, sah sie, dass Lotte, von einem Stirnfleck abgesehen, ein völlig schwarzes Fell hatte.
"Moin, Tante Ilsemarie!"
"Moin, Lena! Konnt´ste nich´ schlafen? Oder wolltest du dir mal unsere Lotte ankucken?"
"Ich habe ganz gut geschlafen. Mutti und Wolfgang sind noch nicht wach, aber mich haben die Schweine geweckt. Da hatte ich die Idee, dass ich euch beim Füttern helfen könnte."
Lena beobachtete Ilsemarie, die auf dem einbeinigen Melkschemel saß und mit flinken Fingern die Milch aus den Zitzen drückte. Es sah spielend leicht aus und Lena hatte den brennenden Wunsch, auch einmal zu melken. Als könnte sie Gedanken lesen, sagte Ilsemarie, dass sie ja morgen mal versuchen könne, Lotte zu melken. Heute wäre nicht so viel Zeit, es seien noch so viele Vorbereitungen zu treffen, um die Beerdigung der Großtante würdig zu begehen. Sie goss den vollen Eimer in die Milchkanne und ging mit Lena ins Haus.
Das Quieken der Schweine war inzwischen zu einem schier unerträglichen Crescendo angeschwollen. Eilig trugen Minna und Ilsemarie den schweren Kartoffeldämpfer in den Stall zu einem großen Trog, entleerten ihn, zerstampften die Kartoffeln und bereiteten aus Weizenkleie, Zuckerrübenschnitzeln und Wasser einen dicklichen Brei. Das Schweinegeschrei hörte abrupt auf. Dem lauten Schmatzen nach zu urteilen, schien es ein ausgeprochen leckeres Schweinefrühstück zu sein.
Die Fütterung der Hühner war weniger aufregend und von weniger Lärm begleitet. Der Hahn des Hühnerhofes stand schon seit der Tagesdämmerung im Sängerwettstreit mit den Hähnen der Nachbargehöfte, um sein Revier abzugrenzen. Seine Hühner warteten geduldig auf ihr Futter, das nicht ausschließlich aus Getreide bestand, sondern auch zerkleinerte Gemüseabfälle und gekochte Kartoffeln enthielt, um den Saatgutbestand zu schonen. Als der Hahn die Frauen gewahrte, stürzte er, halb rennend, halb flatternd, auf sie zu. Sein lautes "Toock, Toock, Toock, Toock" war das Signal für die Hühner, nach Rangordnung gestaffelt auf die Futterstelle zuzuhasten. Das verhaltene "Guook, Guook, Gock, Gock" der Hühner signalisierte Zufriedenheit und war erneuter Anlaß für den Hahn, den Hähnen der Nachbargehöfte mit seinem kehligen "Ückerücküüü" stolz zu verkünden, dass in seinem Revier alles in bester Ordnung sei.
Roland kannte das tägliche Prozedere und empfing Minna freudig schwanzwedelnd. Er sprang an ihr hoch und versetzte ihr einen Nasenstüber, gleichsam zur Ermunterung, seine Mahlzeit herzurichten. Minna hatte für Roland in der hiesigen Schlachterei Abfälle fest abonniert, die meistens sonnabends abgeholt und dann im kühlen Keller aufbewahrt wurden. Heute stand zerkleinerter gekochter Pansen, Haferbrei mit einigen gedämpften Kartoffeln, die Minna von den Schweinekartoffeln abgenommen hatte, auf dem Speisezettel. Der gefüllte große Hundefutternapf, ein henkelloser ausgedienter Kochtopf, war im Nu wie blank geputzt. Minna tätschelte Roland das Hinterteil.
"Na, ohlet Freetgreul, bis´se nu tofreen?" Roland antwortete mit kräftigem Schwanzwedeln.
Das gemeinsame Frühstück fiel heute etwas kürzer aus. Minna war voller Unruhe. Der Beerdigungstermin rückte unerbittlich näher und die Kuchen waren noch nicht gebacken. Hilde bot an, sich um den Kuchen zu kümmern. Die erwachsenen Familienmitglieder legten ihre dunklen Trauerkleider an und hatten noch Zeit, sich von der geliebten Henriette zu verabschieden.
Die vier schwarz gekleideten Landarbeiter trugen den Sarg zu dem vor der Einfahrt zum Hof stehenden einspännigen Pritschenwagen. Der alte schwarze Wagen hatte kunstvolle Eisenbeschläge und wurde von einem schwarzhaarigen Hannoveraner-Wallach gezogen. Seine edle Herkunft aus dem Hannoveraner-Gestüt Celle und die guten Beziehungen des Pferdebesitzers zum Ortsgruppenleiter bewahrten den Zwanzigjährigen vor dem Schlachthof. Jetzt war der Wallach als Totenwagenpferd fest abonniert. Die Landarbeiter verständigten sich mit wenigen Worten und Gesten. Ihre gemeinsame Sprache war ein bruchstückhaftes Deutsch, aus dem Grunde: Sie waren Fremdarbeiter aus Polen und verschiedener Regionen der Sowjetunion.
Es war inzwischen Mittag geworden, als der Trauerzug sich in Bewegung setzte, nachdem Haus- und Hoftür sorgfältig verschlossen worden war. Unmittelbar hinter dem Wagen folgten die nahen Verwandten, dann die Bekannten aus den umliegenden Gehöften. Minna hatte mit der Predigerin Charlotte Klages vereinbart, dass sie ihre Schwester Henriette und deren Trauergäste am Grabe empfangen sollte. Die betagte pensionierte Lehrerin sah in ihrem jetzigen Dienst noch eine humane Aufgabe, die zur bescheidenen Pension noch ein Zubrot an Naturalien einbrachte. Sie sah es als Verpflichtung und Ehrerbietung für die Verstorbenen an, sorgfältig über Höhen und Tiefen im Lebens der Toten zu recherchieren. Es war ihr auch nicht unangenehm, ihren bescheidenen Speisezettel durch eine Einladung der Betroffenen zu bereichern. In der Regel wurde Charlotte Klages unmittelbar nach der Bestattung zum Kaffee geladen.
Die Lehrerin empfing die Trauergemeinde am offenen Grab. In Ermangelung eines Totengräbers hatten schon am Vormittag die gleichen Arbeiter das Grab ausgehoben, die jetzt den Totenwagen eskortierten.
Hilde hielt Wolfgang links und Lena rechts bei der Hand. Sie war sehr erstaunt, dass Lena ihre Ermahnung, im Trauerzug und während der Beerdigung still zu sein, sich zu Herzen genommen hatte. Sie war mucksmäuschenstill und beobachtete, wie die Träger den Sarg über den mit Brettern abgedeckten, schlammigen Weg zum Grab trugen und ihn langsam ins Grab hinab senkten. Charlotte Klages erzählte in einem traurigen Plauderton von den glücklichen und kummervollen Lebensabschnitten Henriettes und las aus dem 31. Psalm des Alten Testamentes: "Meine Zeit stehet in deinen Händen. Errette mich von der Hand meiner Feinde und von denen, die mich verfolgen. In deine Hände befehle ich meinen Geist; du hast mich erlöset, Herr, du treuer Gott"...
Lena verstand nicht so richtig, was Charlotte Klages da rezitierte. Ein Eichhörnchen huschte unmittelbar hinter der Predigerin in den Wipfel einer alten Kiefer. Auch Wolfgang hatte das Tier bemerkt und fürchtete, Lena könnte die Entdeckung des Tieres spontan und laut verkünden. Ein kurzer ruckartiger Händedruck Hildes erinnerte Lena an ihr Schweigeversprechen.
Charlotte Klages nahm nach der Predigt als erste den Spaten, schaufelte etwas Erde auf den Sarg und warf drei Alpenveilchenstängel hinterher. Die anderen Trauergäste folgten ihr. Es hätte Henriette sicher gefallen, zu sehen, wie viele Menschen über ihren Verlust trauerten und ehrerbietig Blumenblüten auf den Sarg warfen. Lena schmiegte sich eng an ihre Mutter, als sie sah, dass dieser Tränen die Wangen herunterliefen. Sie konnte es nicht ertragen, Hilde weinen zu sehen.
Die Kondolenzen bildeten den würdigen Abschluß der Beisetzung. Die trauernde Familie stand am noch offenen Grab neben Charlotte Klages, die Trauergäste defilierten entweder stumm die Hände drückend oder "Beileid" murmelnd vorüber. Minna bat während dieser Zeremonie die Menschen, die zu Henriette eine besondere Beziehung hatten, zum Kaffee.
Die auserwählten Trauergäste saßen in der guten Stube, die nur an besonderen Festtagen benutzt wurde. Auch das Meißener Kaffeegeschirr kam nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch. Der zur Tafel ausgezogene Esstisch war mit einer weißen Damastdecke geschmückt, die das Blau des Porzellans leuchtend zur Geltung brachte. Vier große Kuchenteller waren auf der Kaffeetafel verteilt, dazwischen kleine Schneeglöckchensträußchen, eine Schale mit Schlagsahne, die Zuckerdose und ein Topf mit frischer Kuhmilch. Die Krönung der Tafel war für die Gäste jedoch der Bohnenkaffee. Als Minna die duftende Kaffeekanne auf den Tisch stellte, verriet das "Aaa" und "Ohh" der Gäste, wie lange sie nicht mehr in den Genuss von Bohnenkaffee gekommen waren. Niemand fragte nach der Herkunft des Luxusgetränks. Jedem war klar, dass solche Köstlichkeiten nicht auf legalem Markt zu beschaffen waren. Ilsemarie hatte sich eigens, mit Mettwurst und Eiern bestückt, zu einer zuverlässigen Bekannten nach Bad Salzgitter begeben und den Kaffee erkungelt. Städter hatten eher die Möglichkeit, Genussmittel zu organisieren. Sie waren glücklich, den dürftigen Speisezettel durch bäuerliche Produkte aufzubessern zu können.
Die Tafel war eröffnet und die Gäste langten beherzt zu. In kurzer Zeit waren die zu Türmen gestapelten Kuchenstücke abgetragen. Erst jetzt begannen die Trauergäste miteinander zu plaudern. Zuerst über die liebe Verstorbene, doch dann auch über die ernste politische Situation. Ein jeder gab nur politisch Unverfängliches von sich preis. Es war zu gefährlich, sich kritisch zu äußern. Es war Hilde nicht unangenehm, dass Lena sie im Flüsterton bat, auf den Hof gehen zu dürfen, weil es ihr zu langweilig sei. Wolfgang schloß sich seiner Schwester gern an. Draußen wurden sie von Roland freudig begrüßt, als hätte er schon lange auf sie gewartet. Schwanzwedelnd sprang er an ihnen hoch. Lena legte die Arme um seinen Hals und drückte ihn stürmisch. Sie hatte die Idee, dem Hund eine zusätzliche Mahlzeit zu verschaffen, und rannte ins Haus. Minna war in der Küche dabei, nochmals Kaffee aufzubrühen und Kuchenstücke zu schneiden, um die Teller wieder aufzufüllen.
"Na, Lena, möchtest du dir auch noch ein Stück Kuchen holen?"
"Oh, ja. Für mich und Wolfgang. Darf ich ein Stück Apfelkuchen und ein Stück Zuckerkuchen, Tante Minna? Für jeden?"
"Na klar, wenn Euch das so sehr schmeckt."
Wolfgang aß nur noch ein Stück Apfelkuchen, das Zuckerkuchenstück gab er Roland, dem beim Anblick des Kuchens der Speichel aus den Mundwinkeln tropfte. Lena verfütterte gleich beide Kuchenstücke und stellte fest, dass Roland kein so närrischer Apfelesser war. Er fraß den Kuchen, ließ aber die Apfelstücke liegen. Lena hob sie auf und trug sie zu den Hühnern in den Obstgarten. Die Kleine wurde nicht müde, Kuchen für Roland zu beschaffen. Als sie das vierte Mal in der Küche erschien, um für leckeren Nachschub zu sorgen, war Minna gerade damit beschäftigt, Eierlikör in kleine Gläschen zu füllen.
"Ihr habt ja tüchtigen Appetit, Lena"!
"Ja, wirklich. Und Roland erst mal!"
Minna verschlug es die Sprache. Sie wurde blass, doch konnte sie Lena nicht gram sein.
"Weißt du, Lena, Roland bekommt doch ausreichend Futter. Und Kuchen ist kein Hundefutter", sagte Minna ernst. "Heute Abend habe ich für Roland gekochten Pansen mit Haferflocken und ein paar Pellkartoffeln aus dem Schweinekartoffeldämfper, das darfst du ihm dann zubereiten. Kuchen gibt's jetzt also keinen mehr!"
Es schwangen schon Schuldgefühle mit, als Lena Wolfgang erklärte, warum es jetzt keinen Kuchen mehr für Roland geben sollte. Doch hatte Lena spontan eine neue Idee parat, sich mit dem Hund zu beschäftigen: Stöckchen schmeißen und apportieren. Sie holten aus dem Garten vertrocknete Aststücke. Wolfgang stellte sich in die Stalltür und Lena postierte sich vis-a-vis in der Hofeinfahrt. Sie warfen sich ein Aststück zu, und Roland hastete von ihm zu ihr und zurück, um das Holzstück zu erwischen. Das Spiel wurde von freudigem Gebell begleitet. Hatte Roland das Holz geschnappt, beutelte er den Ast knurrend und bellend. Ein tolles Spiel, das erst beendet wurde, als sich nach und nach die Kaffeegäste verabschiedeten.
Aus dem Kuhstall meldete sich Lotte mit lautem Muhen. Das volle Euter drückte sie schmerzhaft, sie wollte gemolken werden. Beschwichtigend rief ihr Ilsemarie zu:
"Is´ ja gut, Lotte, ich komm´ ja gleich."
Die Arbeitsteilung klappte perfekt. August setzte den Kartoffeldämpfer auf den Küchenherd, Minna fütterte die Hühner und sammelte die Eier aus dem Hühnerwiemen ein, Ilsemarie versorgte ihre Lotte und Hilde bot sich an, das Kaffeegeschirr und die Gläser abzuwaschen.
Lena war froh, dass wieder bäuerlicher Alltag eingekehrt war und sie endlich von Ilsemarie in die Feinheiten der Melkkunst eingeführt werden konnte.
Wolfgang setzte sich zu August in die Küche und unterhielt sich angeregt mit ihm über seine Erfahrungen, die er im Ersten Weltkrieg gesammelt hatte. Doch nahm für Wolfgang das Gespräch eine unerwartete Wende: Wenig war zu vernehmen vom Heldenmut und der Ehre, fürs Vaterland zu sterben. Der Junge war verunsichert, als er hörte, wie die Soldaten diesseits und jenseits der Grenzen verreckten, bis zum Bauch im Schlamm, ihnen Gliedmaßen abgerissen oder zerfetzt wurden. Detonationen von einer Lautstärke, dass die Trommelfelle platzten. Ringsum apokalyptischer Feuerregen und die Schreie Sterbender und Verwundeter in diesem Vorhof der Hölle. Was August aus dem Ersten Weltkrieg erzählte, hörte sich völlig anders an, als das, was Uwe im gegenwärtigen Krieg seiner HJ-Gruppe bei ihren Kriegsspielen immer wieder zu suggerieren versuchte. Was nützt denn die Flinkheit eines Wiesels, die Schnelligkeit eines Windhundes und die Härte Krupp´schen Stahls, wenn dich eine Granate zerfetzt? Am liebsten wollte Wolfgang jetzt gar nichts mehr hören. In seinem Kopf brausten und vermischten sich die dumpfen Gongs der BBC-London mit dem Gebrumm feindlicher Bomber, die Braunschweig anflogen. Die Leuchtraketen, die den nächtlichen Himmel in gleißendes Rot und Grün tauchten wirbelten über dem Watenstedter Konzentrationslager und vermischten sich mit einem ohrenbetäubenden Sirenengeheul. Am liebsten würde er sich die Ohren zustopfen und seinen Kopf in ein Kissen wühlen, tief, tief unter der Bettdecke. Er beneidete Lena, die diese schlimmen Dinge des Krieges noch nicht in ihrer Härte verstand und lebhaft und unbekümmert durchs Leben wirbelte. Ich werde immer auf sie aufpassen, so wie ich es Papa versprochen habe. Immer. Sie ist einfach noch zu dumm.
August bemerkte, dass Wolfgang bekümmert und hilflos seinen Gedanken nach hing, und fragte ihn ganz unvermittelt:
"Soll ich dir mal meine Schuhmacher-Werkstadt zeigen?"
"Oh ja, Onkel August, die wollte ich mir schon lange mal ansehen ."
Höchst amüsiert betrachtete Ilsemarie Lena, die vergeblich versuchte, aus den Zitzen der guten Lotte einen Milchstrahl zu drücken. Als Ilsemarie ihr das Melken demonstrierte, sah es verdammt einfach aus. Rechts, links, rechts links. Stripp, strapp, stripp, strapp. Lena brachte nicht den kleinsten Tropfen Milch aus dem Euter.
"Du musst nicht am Euter ziehen, Lena. Nimm die Zitze zwischen Zeigefinger und Daumen und drücke sie leicht zusammen, ein wenig in Richtung deines Körpers. Also ganz leicht die Zitze zusammen drücken, im schrägen Winkel zu deinem Körper. Komm, lass mich wieder auf den Schemel, ich zeig´s dir noch mal." Doch alle Mühe blieb vergebens, Lenas Finger waren einfach noch zu klein, um den richtigen Druck ausüben zu können.
"So, Lena, ich werde Lotte schnell fertig melken, dann gehen wir rein und du kannst für Roland das Abendbrot zubereiten. Dann müssen nur noch die Hühner und die Schweine bedient werden. War heute ein anstrengender Tag. S´wird Zeit, dass wir alle zur Ruhe kommen."
Das zufriedene Schmatzen und Grunzen der Schweine läutete den Feierabend ein.
Hilde deckte den Abendbrottisch, Minna brühte den Pfefferminztee auf und Ilsemarie hängte ihre Kittelschürze an den Haken der Küchentür und ließ sich erschöpft auf den Stuhl fallen. August legte sein linkes Bein auf den Küchenschemel. Ihn plagten heute starke Schmerzen an dem Fuß, den er im Schützengraben von Verdun gelassen hatte. Der Phantomschmerz war ein Teil seines Lebens geworden und trat verstärkt dann auf, wenn Psyche und Physis einer starken Belastung ausgesetzt waren. Der Tod und die Aufbahrung Henriettes hatten ihn sehr belastet. All die vielen Toten des Krieges kamen ihm in Erinnerung. Minna sah mit Besorgnis, dass sich August wiederholt mit der Hand den Brustkorb hielt. Sie ging an den Küchenschrank, holte Digitalis-Herztropfen und verabreichte August die verordnete Tropfenanzahl in einem Teelöffel. Sie streichelte ihrem August den Kopf und küsste ihm die Stirn.
"Mien Leewe, datt was wohl allns ´n bettchen tau veel de letzten Daage. Moßt wedder tau Freed´n koom´. Kumm, drink erst mal ´n bettchen Waater."
Sie stellte ihm ein Glas Leitungswasser hin.
"Tau´ Nacht kook ick dick noch´n Baldriantee."
Wenn ihre Blicke sich trafen, war noch immer die tiefe Verbundenheit einer guten Ehe zu erkennen.
"Nun lasst uns mal´n Happen essen. Onkel August wird es bald wieder besser gehen, wenn die Tropfen angeschlagen haben."
Die beruhigenden Worte Minnas ließen Lena erleichtert aufseufzen. Sie kannte aus eigener Erfahrung das Beängstigende und Bedrohliche einer Herzattacke. Wie oft schon hatte Hilde einen Herzkrampf erlitten! Anfangs holte Wolfgang, von Panik ergriffen, in solch einer Situation die Nachbarin, während Lena hilflos und verzweifelt neben Hilde kniete und wie wild ihre Hand streichelte. Im Laufe der Zeit lernten die Kinder, welche Hilfsmaßnahmen bei Atemnot und rasenden Brustschmerzen ergriffen werden mussten: Sie öffneten Hilde das Kleid und legten ihr eine heiße Kompresse auf den schmerzenden Brustbereich.
Im Laufe des Abends besserte sich der Zustand Augusts. Ilsemarie holte eine Flasche selbst gekelterten Johannisbeerwein aus dem Keller, und die drei Frauen genehmigten sich ein Gläschen, um noch ein wenig zu plaudern. August bevorzugte Baldriantee.
In der Morgendämmerung des nächsten Tages wollte sich Hilde mit ihren Kindern wieder auf den Heimweg begeben. Minna packte noch einen Ring Mettwurst und ein Stück Schinkenspeck in Wolfgangs Rucksack, als von draußen heftiges Klopfen am Hoftor zu vernehmen war.
"Minna, kumm mal ruut!" Der alte Bauer Heinrich Schmidt vom Nachbargehöft stand am Tor.
Minna beeilte sich, rauszukommen und fürchtete, dass etwas passiert sein könnte. Der betagte Heinrich erzählte, dass er riesige Truppenbewegungen des Volkssturms aus Barum kommend in Richtung Reichswerke Watenstedt gesehen hätte. Er bot an, Hilde und die Kinder mit dem Trecker über einen Umweg nach Halchter bei Wolfenbüttel mitzunehmen. Er sei so beunruhigt, weil seine Schwiegertochter, die in Halchter lebt, so lange nicht geschrieben hätte.
"Ick mott ma´kieken, watt da los is. Sait min Junge ín Russland vermisst is, kümmert wie üsch ´noch ´n bettchen mehr um dat Määken un use baiden Enkel. Ick bring hüte wedder ´n Sack Kartuffeln und Mähl hen. Sech ma´ diene Lüe beschaad, datt ick glieks los feure."
Hilde und die Kinder verabschiedeten sich herzlich. Minna konnte ihre Tränen nicht zurückhalten: "Kommt bald wieder! Kommt, wenn Frieden is´ und man das Fahrrad nehmen kann! Is´ ja eigentlich nur´n Katzensprung über die Dörfer."
Ohne auf Soldaten zu stoßen, kam die kleine Reisegesellschaft mit dem Trecker trotz stark ramponierter Landstraße in Halchter an. Hier trennten sich ihre Wege. Hilde schlug mit den Kindern die Route über Stöckheim nach Ahlum ein. Es war noch früher Morgen, die Lerchen stiegen jubilierend auf und es versprach ein sonniger Tag zu werden. Wolfgang konnte es nicht verstehen, dass die Lerchen unbekümmert ihr Lied sangen. Es ist Krieg und die singen!
Hilde hoffte sehr, dass ihr Heimweg ohne Komplikationen verlaufen möge. Sie bat Wolfgang und Lena, aufmerksam die Umgebung zu beobachten, um zeitig Militäreinheiten ausmachen zu können. Nur so könnten sie noch über Feldwege ausweichen und sicher in Gilzum ankommen. Sie kannte die Umgebung gut. In Friedenszeiten war sie mit Willy oft nach Leinde geradelt, um ihre Verwandten zu besuchen. Hilde erinnerte sich noch gut, doch es war ihr, als sei es in einem anderen Leben gewesen. Wolfgang war damals noch klein und saß in dem Fahrradkörbchen, das sich am Lenkrad von Willys Fahrrad befand. Ach, Willy, wärst du doch hier! Sie schickte ein Stoßgebet gen Himmel: Mein Gott, laß endlich Frieden werden! Laß endlich Willy wieder bei uns sein!
Sie kamen gut voran und schon bald erblickten sie die Kirchturmspitze von Stöckheim.
"Mutti, stimmt´s, es is´ doch März, oder?"
"Ja, Puttchen, stimmt."
"Tante Irene hat mit uns ein Lied gesungen. Das geht so" - Lena sang aus voller Brust - "im Märzen der Bauer die Rösslein anspannt. Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand. Er pflüget den Boden er egget und sät und freut sich wenn alles schön grünet und blüht." Sie brach den Gesang ab.
"Ich sehe keinen einzigen Bauern. Keinen einzigen! ´N bischen Schnee liegt noch auf´m Feld".
"Na, Puttchen, ich denke mal, in zwei Wochen wird es so warm sein, dass mit der Feldarbeit begonnen werden kann."
Plötzlich vernahmen sie ein Brummen. Zwar noch in größerer Entfernung, doch machte ihnen die Lautstärke des Brummens klar, dass sich ihnen Bomber aus nordwestlicher Richtung näherten. Hilde war klar, dass sie sich in Sicherheit begeben mussten, doch war das Dorf Stöckheim noch zu weit entfernt.
"Mama, kuck mal, da hinten an der Weide sind Büsche. Da könn´ wir uns verstecken."
Wolfgang nahm Lenas Hand und zerrte sie so schnell mit sich fort, dass Hilde Schwierigkeiten hatte, ihren Kindern zu folgen. Der Schlehenstrauch war zu dornenreich. Neben Schlehen und Wildrosen stand ein Hasel, der sich schon frühlingshaft mit Kätzchen geschmückt hatte. Hilde grub mit den Händen eine flache Mulde aus, indem sie Laub und Erde beseitigte. Das näherkommende Brummen trieb sie zur Eile an. Wolfgang deponierte seinen Rucksack und den Koffer Hildes unter dem Schlehenstrauch, dann legten sich die Drei eng aneinander gekuschelt in die Mulde. Über ihnen der schier furchterregende Höllenlärm der Bomber. Hilde schaute nach oben.
"Es sind Amerikaner. Das sind unheimliche Massen von viermotorigen Bombern in großer Höhe", schrie sie gegen den Lärm an, um verstanden zu werden. "Wir bleiben liegen."
Die Flughöhe ließ den Schluss zu, dass Wolfenbüttel nicht das Ziel der Bomber sein würde, sondern wieder Braunschweig. Da wird wohl bald kein Stein mehr auf dem anderen liegen, dachte Hilde. Sobald wir zu Hause sind, muss ich wieder abends das Radio anknipsen, um über die Lage an den Fronten Bescheid zu wissen.
Obwohl die Verwandten in Leinde einen Volksempfänger besaßen, war er in die gute Stube verbannt worden. August nannte ihn Märchenempfänger und weigerte sich, ihn zu hören. Die Gegenwart sei zu traurig, um sich mit Märchen zu beschäftigen. Die Wahrheit war, dass die Hetztiraden des Propagandaministers ihn sehr erregten und damit immer eine Herzattacke bei ihm auslösten. Zeitweilig wurde das Radio nur von Ilsemarie genutzt. Sie hatte Hilde erzählt, dass sie ab und zu spätabends BBC London hören würde. Immer aber dann, wenn sie Goebbels nicht mehr ertragen könne.
Aus der Ferne waren Detonationen zu vernehmen, die dem Grollen eines noch entfernten Gewitters glichen.
"Wir bleiben so lange hier, bis sie wieder zurückgeflogen sind. Hoffentlich ist dann erst mal Ruhe, dass wir weiter komm´".
Hilde stand auf, schlug sich die Erde vom Mantel und holte Koffer und Rucksack.
"Na, ihr seht ja ganz schön schmuffelig aus, ihr kleinen Erdferkel. Setzt euch mal auf´n Koffer, bis wir wieder loslaufen können."
Hilde glaubte ihren Augen nicht ganz trauen zu können, als sie auf der Landstraße zwei beladene Handwagen gewahrte, die zuvor nicht dagewesen waren. Dann tauchten aus dem Straßengraben plötzlich einige Köpfe auf.
"Mutti, kuck mal, da sind Leute."
"Ja, Puttchen, hab´ ich auch gerade gesehn. Kommt mal, woll´n mal sehen, ob sie in unsere Richtung laufen woll´n. Sind wir nich´ so alleine auf weiter Flur."
Wolfgang schulterte sich seinen Rucksack, Hilde schnappte sich ihren Koffer und nahm Lenas Hand. Nach und nach kamen alle aus dem Graben gekrochen, in dem sie vor dem Bombergeschwader Schutz gesucht hatten. Die Wangen hohl, die Augen übernächtigt und leergebrannt. Sie boten einen traurigen Anblick. Zwei alte Männer, fünf Frauen und drei Mädchen. Eine der jüngeren Frauen hatte sich mit einem Tuch ihr Baby auf den Rücken gebunden. Ihre Kleidung war zerschlissen. Die wenigen Habseligkeiten, die sie aus der lodernden Hölle Braunschweigs retten konnten, war auf zwei Handwagen geladen. Bis auf die junge Mutter schienen alle stumm zu sein. Sie betrachtete Hilde und deren Kinder, sah deren Unversehrtheit und erzählte, dass ihre Straße in Braunschweig nur noch ein Trümmerberg sei. Die anderen habe sie in dem Bunker getroffen, in dem sie Schutz gesucht habe.
"Wir sind sozusagen eine Schicksalsgemeinschaft. Ausgebombt und ausgehungert. Die Versorgung der Bevölkerung ist zusammengebrochen. Es gibt keinen Strom. Es gibt kein Essen. Jeder von uns hat Tote zu beklagen. Die drei Mädchen sind Gott sei Dank noch mit ihrer Mutter zusammen. Der Säugling auf meinem Rücken ist nicht mein Kind. Ich habe ihn unter Trümmern hervorgeholt. Der Kleine lag wimmernd in einer Luftblase zwischen Gesteinsbrocken und einer eisernen Tür. Überall Tote und Schwerverletzte. Mit bloßen Händen graben die Überlebenden nach Angehörigen oder hasten panisch schreiend über Trümmerberge. Ich will mit dem kleinen Jungen nach Dettum zur Schwester meiner Mutter. Hoffentlich steht das Dorf noch."
Hilde war tief betroffen und bat Wolfgang, seinen Rucksack zu öffnen und das Proviantpaket und die Flasche Pfefferminztee herauszuholen. Wolfgang beeilte sich sehr, den Rucksack zu öffnen. Er hatte keinen Hunger. Schon gar nicht beim Anblick dieser Leute! Ob das unser Führer weiß, was da überall für schlimme Sachen passieren? Er konnte es nicht glauben.
"Wir kommen von unseren Verwandten aus Leinde. Meine Tante hat uns reichlich Butterbrote für unseren Fußweg eingepackt. Gut aufgeteilt, hat jeder wenigstens eine Kleinigkeit im Bauch."
Sie setzten sich an den Rand des Grabens und überließen das Aufteilen der Brotschnitten der jungen Frau. Die Teeflasche ging von Mund zu Mund. Selbst der Säugling bekam etwas Tee aus der Flasche eingetrichtert.
"Sie sind ´ne gute Frau. Ich heiße übrigens Renate. Könn´ ruhig Renate zu mir sagen."
"Das will ich gerne machen," sagte Hilde. "Wir woll´n übrigens auch in Richtung Dettum. Müssen dann aber noch weiter, bis nach Gilzum."
Lena hatte sich an Hildes Seite geschmiegt und beobachtete die drei Mädchen, die ab und zu verstohlen aus den Augenwinkeln zu ihr herüber blinzelten und dann miteinander flüsterten. Lena fand, dass ein Mädchen aussah, wie Barbara aus dem Kindergarten. Die gleiche Haarfarbe und Frisur. Das konnte man ja leicht herausbekommen. Ohne zu zögern schwang sie sich auf die Füße und hopste auf die Mädchen zu.
"Wie heißt´n ihr?" Lena betrachtete die vermeintliche Barbara. "Heißt du Barbara?" Das angesprochene Mädchen nickte und ein kleines Lächeln huschte über ihr Gesicht.
"Woher weißt'n das?"
"Hab ich geraten. Bei mir im Kindergarten is´ ´n Mädchen, dass genau so aussieht, wie du."
"Meine Schwestern heißen Marie und Ursel".
Ein Brummen war zu vernehmen. Es war noch nicht auszumachen, aus welcher Richtung sich der Flugzeuglärm näherte. In höchster Anspannung beobachtete die Gruppe den Himmel. Ein Stoßseufzer ging durch die Grabenreihe, als sie das Bombengeschwader, aus Braunschweig kommend, erblickten. Es bestand also keine Gefahr mehr für sie, die Flugzeuge hatten sich ihrer vernichtenden Fracht bereits entledigt.
"So, Leute, laßt uns mal aufbrechen. Man kann nicht wissen, wie oft wir noch in Deckung gehen müssen," gemahnte Renate.
Sie zogen weiter. Einer ungewissen Zukunft entgegen.
Das vergrabene Fahrrad
Sie hatten Dettum längst hinter sich gelassen und liefen querfeldein in Richtung Gilzum. Hilde schaute sich um und betrachtete den Abendhimmel, der heute etwas Bedrohliches hatte. Ein dunkler, graublauer Rauchschleier hing vor dem glutroten Sonnenball. War der Himmel ein Omen für die kommende Zeit? Die Erlebnisse des Tages beunruhigten sie sehr. Sie spornte ihre Kinder an, trotz der müden Beine einen Endspurt einzulegen. Hoffentlich würden sie ihr Zuhause so vorfinden, wie sie es verlassen hatten. Wolfgang sorgte sich um die Kaninchen und Meerschweinchen. Ob Fritz sie wirklich richtig versorgt hatte? Versprochen hatte er es ja. Er würde es gleich wissen.
Sie durchquerten die letzte Weide vor dem Gutshof. Der Trampelpfad neben dem Wirtschaftsgebäude führte sie direkt auf die Straße zum Herrenhaus. Um diese Zeit war das große Tor zum Hof längst vom Gärtner verriegelt worden. Sie mußten den Nebeneingang benutzen.
"Mama, gibst du mir schnell die Stallschlüssel?"
"Warte noch die Sekunde Wolfgang, bis wir in unserer Wohnung sind. Die Schlüssel sind im Küchenschrank. Wie immer."
Kaum waren sie in ihrer Wohnung, sauste Lena ins Schlafzimmer, kam mit ihrem Teddy zurück und verkündete:
"Is noch alles an seinem Platz!"
Wolfgang hatte es eilig, in den Stall zu kommen, um sich zu vergewissern, dass es den Tieren gut geht. Beruhigt sah er, dass Mümmi und ihre vier Kaninchenkinder an Weißkohlblättern knabberten. Im kleinen Napf war noch ausreichend Hafer und das Wasserschälchen war noch halbvoll. Er öffnete die Maschendrahttür und streichelte die Kaninchen. Als die Meerschweinchen Wolfgang gewahrten, begrüßten sie ihn mit einem ohrenbetäubenden Quiekkonzert. Er schwang sich über den Holzverschlag und setzte sich zu seinen beiden Tieren ins Stroh. Zärtlich nahm er Pummelchen und Krümel auf den Arm und herzte und küßte sie. Ihr zufriedenes "Mukukukuk" verriet Wolfgang, dass sie sich bei ihm sehr wohl fühlten und in der Lage waren, sich mit ihren Lauten mitzuteilen. Das war, was Wolfgang bei den Kaninchen vermisste. Sie waren stumm und schnupperten nur an seinen Händen. Manchmal leckten sie an seinem Handrücken, wahrscheinlich schmeckte ihnen das Salz seiner Haut. Wenn das stimmte, was Fritz ihm erzählt hatte, sind Kaninchen nur beim Rammeln laut. Hatte er noch nicht beobachtet. Und bei Todesangst oder im Sterben sollen sie markerschütternd schreien. Das wollte er lieber nicht hören.
In der Küche hatte Hilde schon die Fenster verdunkelt und das Herdfeuer angezündet. Sie war dabei, aus alten Brotresten eine Suppe zu kochen. Lena saß am Küchentisch, ihren Teddy auf dem Schoß und schlief fast im Sitzen ein.
"Ich mag keine Brotsuppe, Mutti!"
"Ach, Lena, wir haben doch nichts anderes mehr im Hause gehabt. Morgen gibt's leckeren Spinat. Ich hab vorhin gesehen, dass an der Scheune schon die Brennesseln tüchtig gewachsen sind. Ganz zarte junge Blätter! Das gibt ´ne schöne Mahlzeit Brennessel-Spinat für uns."
Hilde bereitete Brennessel auf die gleiche Weise zu, wie sie Spinat oder Mahngold kochte. Die Brennessel wurden gewaschen und in leicht gesalzenem Wasser fast gar gekocht. Auf einem Sieb ließ sie das Wasser abtropfen und hackte die Blätter grob. Sie dünstete eine Zwiebel in Fett an, gab die gehackten Brennessel-Blätter dazu und füllte die Masse mit Milch auf, bis ein sämiger Brei entstand. Gewürzt wurde mit etwas Salz und geriebener Muskatnuß.
"Morgen geh´ ich auch wieder zu Frau Landgrewe arbeiten. Ich werd´ sie um ein paar Eier und Milch bitten. Kartoffeln ham´ wir noch."
"Oh ja, Spinat mit Rühreiern und Bratkartoffeln. Lecker. Mutti, darf ich ein Glas Kürbis aus der Kammer holen? Dann eß´ ich auch ´n ganz bischen Brotsuppe, ja? Darf ich? Ach, bitte!"
"Puttchen, du kannst herrlich betteln. Na, geh´ schon, hol´ ein Glas. Aber erst wirst du dir Hände und Gesicht waschen. Gründlich."
Als Wolfgang in die Küche kam, ließ er sich erschöpft auf den Küchenstuhl plumpsen.
"Mm, Mama was riecht´n hier so gut?"
"Brotsuppe mit Rosinen."
"Ah, toll. Die mag ich so gerne."
"Kannst meine Suppe mit essen, Wolfgang. Aber erst Hände waschen, hat Mutti gesagt. Aber gründlich", flötete Lena und verschwand in die im oberen Stockwerk gelegene Vorratskammer.
Die drei genossen es, wieder zu Hause zu sein. Sie sprachen noch über den ereignisreichen Tag, über Leinde und darüber, dass sie ganz zufrieden sein könnten, ein Dach über dem Kopf zu haben und ein warmes Bett zum Einkuscheln. Das Essen sei nicht immer ausreichend, aber irgendwie kämen sie doch über die Runden. Lena hatte ihren Kopf in beide Hände gestützt, blickte von Hilde zu Wolfgang und sagte mit vor Müdigkeit halb geschlossenen Augen:
"Aber das Schönste is´, dass wir uns lieb haben."
Ja, das sei das Schönste bestätigten Hilde und Wolfgang. Es bedurfte keiner großen Überredungskünste, um Lena heute ins Bett zu bitten. Sie drückte beide, gab ihnen einen Kuss und verschwand ins Schlafzimmer. Nach kurzer Zeit folgte ihr Hilde, um ihr den Rücken zu kratzen und sie richtig zuzudecken.
Der Abend war für sie noch nicht zu Ende. Hilde wollte mit Wolfgang noch in den Garten, um das Fahrrad einzugraben. Da nicht vorhersehbar war, wie lange das Fahrrad in der Erde liegen würde, wollte sie die zerlegten Teile in den Gummimantel Willys einpacken und mit Isolierband verschließen. Waren die beiden beschlagnahmten Räder auch verloren, so wollte sie doch wenigstens ein Fahrrad vor der Beschlagnahme und dem Wahnsinn des Kriegseinsatzes retten. Sie mussten sich beeilen. Ein plötzlicher Fliegeralarm könnte ihre Aktion verhindern oder unterbrechen.
"Wolfgang, komm. Lass uns im Stall das Fahrrad fertig einpacken. Ich hab soweit alles vorbereitet. Das Rad ist zerlegt, der Gummimantel ist umgelegt. Du musst nur das Eingepackte festhalten, dass ich´s verkleben kann. Es darf nur keinen Fliegeralarm geben, sonst müssen wir unsere Aktion morgen machen. Es wär´ schon beruhigend, wenn wir´s heute schaffen könnten, denn wer weiß, was morgen ist in diesen schlimmen Kriegszeiten."
Wolfgang schnappte sich die Taschenlampe und ging mit Hilde in den Stall. Es war ruhig an diesem späten Abend. Sie horchten beide angestrengt in die Dunkelheit, doch es blieb still. Das Einpacken der Fahrradteile stellte kein Problem dar. Schwieriger würde es sein, auf dem Weg zum Garten nicht auf Menschen zu treffen, die die Aktion anzeigen könnten. Die Taschenlampe durfte nur im Notfall angeschaltet werden.
Sie trugen das schwere Gummibündel durch den Seiteneingang auf die Straße und setzten es ab. Hundegebell erklang aus der Richtung des Landgreweschen Hofes. Hilde und Wolfgang standen regungslos und lauschten. Plötzlich war es wieder still. Sie setzten ihren Weg in Richtung Gemüsegarten fort. Geschafft. Jetzt schnell mit dem Spaten eine Grube ausgehoben. Hilde hatte eine Stelle neben dem Komposthaufen ausgewählt. Das Graben ging besser, als sie befürchtet hatte. Die Erde war nicht mehr gefroren. Das tiefe Umgraben und Auflockern des Gartenbodens im Herbst erleichterte jetzt das Ausheben der Grube.
"Wolfgang, leuchte mal ganz kurz", flüsterte Hilde.
Sie überprüfte die Tiefe und Breite des Loches.
"Mach die Lampe wieder aus. `N bisschen muß ich noch."
Wolfgang lauschte angestrengt in die Dunkelheit. Dunkel verhangen war auch der Himmel über Gilzum. Stille. Nur das Geräusch des Grabens war zu vernehmen. Es war kein Stern zu sehen. Trotzdem beschlich ihn Angst. Die Angst, entdeckt zu werden.
"Leuchte doch noch mal, mein Junge," flüsterte Hilde.
"Gut, das reicht. Komm, wir packen´s rein."
Sie legten das Gummibündel in die Grube. Hilde schaufelte eine Erdschicht darauf und trampelte sie fest. So verfuhr sie bis zur letzten Lage Erde, um durch das Volumen des Fahrradpaketes keinen Hügel entstehen zu lassen.
"Gleich ha´m wir´s. Noch´n bisschen Kompost darauf verteilen und fertig."
"Beleuchte noch mal kurz unser Werk."
Wolfgang leuchtete kurz auf. Sie waren zufrieden mit ihrer Arbeit. Es war eine gute Tarnarbeit. Die verwitterten Kohlstrunke und dürren Pflanzenstängel, die sie auf der Grabestelle verteilt hatten, machten den Eindruck, als hätte der Herbststurm das Kompostgut ringsum verteilt.
"Mama, ich hatte ganz schön Schiss. Mein Herz hat mir zum Hals raus geschlagen. Ich dachte, das is´ so laut, das hört jetzt jemand."
"Ja, mein Junge, mir war auch ganz mulmig bei der Sache. Hätte ja auch schief gehen können. Nun sind wir ja wieder im Warmen. Soll ich uns noch ´n Tee kochen?"
"Ja. ´N Pfefferminztee. Ich habe richtig gebibbert im Garten. So kalt war´s mir."
"Das war die Angst, Wolfgang. Wenn man Angst hat, friert man auch."
Es war fast neun Uhr geworden. Wenig Zeit blieb jetzt, die Nachrichten des Senders BBC zu hören. Um 10 Uhr stellte die Überlandzentrale jeden Abend den Strom ab. Jeden Abend. Sie saßen am Küchentisch, tranken ihren Tee und lauschten der Frauenstimme aus dem Äther.
"Mama, die Sprecherin hat doch eben gesagt, dass Braunschweig genommen ist. Das sind doch nur noch zwanzig Kilometer von hier! Was soll´n wir denn jetzt machen?"
"Wir können nichts machen. Abwarten und hoffen, dass hier nicht auch noch Blut vergossen wird und Unschuldige sterben."
"Und wenn das nun doch stimmt, was uns Uwe erzählt hat, dass in Peenemünde eine Wunderrakete fertig gebaut worden ist, die jetzt abgefeuert werden soll?"
"Ich glaube nich´, dass das noch klappt. Die Rote Armee ist längst über die Oder in Richtung Rostock. Peenemünde is´ also schon überrollt worden. Die Front is´ jetzt überall und ringsum. Im Westen stehen die alliierten Soldaten von Wesel und Bremen bis in den tiefen Süden in Nürnberg, München und Stuttgart. Alle großen Städte in Deutschland haben die Bomber in Schutt und Asche gelegt. Jetzt rücken die Bodentruppen nach, um die letzten noch kämpfenden Soldaten vom Volkssturm zu erledigen. Wie sagte die Sprecherin vorhin? 'Die Truppen wurden aufgerieben'... ‚Aufgerieben' is´´n harmloses Wort für den Tod."
"Kann man´s richtig mit der Angst kriegen, Mama."
"Brauchst keine Angst zu haben, meine Junge. Ich glaube nich´, dass die alliierten Soldaten der Landbevölkerung was antun wollen. Lass uns mal jetzt in´s Bett gehen. War´n anstrengender, langer Tag heute."
Als sie im Bett lagen, gingen ihnen die Ereignisse des heutigen Tages durch den Kopf. Die Beerdigung, der lange Marsch, die Begegnung mit den heimatlosen, ausgehungerten Menschen...
Sie kamen im frühen Morgengrauen. Hilde wurde geweckt vom lauten Rasseln der Panzerketten und dem Lärm der Militärfahrzeuge. Stampfende, knirschende Schritte der Knobelbecher auf der Dorfstraße. Schreiende Befehlsstimmen. Nie war Hilde schneller aus den Federn gesprungen und angekleidet gewesen. Sie eilte ans Flurfenster und schob das Verdunkelungsrollo einen Spalt beiseite. Es war der Volkssturm. Das letzte Aufgebot der sterbenden Nation.
Es wurde heftig an die Seitentür des Hoftores geschlagen, dann wurde sie aufgerissen. Als auch an der Haustür zu Hildes Wohnung derb gepocht wurde, öffnete sie. Vor ihr standen ein älterer Offizier, wahrscheinlich der befehlende Hauptmann, und ein jüngerer Offizier, sicher sein Adjutant. Beide sahen erschöpft und müde aus. Der ältere Offizier trug eine Augenklappe, dem jüngeren fehlte der rechte Arm, der leere Ärmel seiner Uniformjacke war in die Tasche eingeklemmt worden.
"Sind sie die Besitzerin dieses Hofes?"
"Nein, die Gutsbesitzerin wohnt im Haupteingang des Herrenhauses. Sie schläft wahrscheinlich noch."
"Wir werden diesen Hof konfiszieren und hier unser Basislager stationieren. Sorgen sie dafür, dass sie davon in Kenntnis gesetzt wird. Sie brauchen die Wohnung nicht zu räumen. Die Eigentümerin kann einen Wohnraum und ein Schlafzimmer behalten. Die Offiziere belegen das Gutshaus, die Soldaten die Stallungen."
Die Panzer und anderen Militärfahrzeuge fuhren durch das Tor auf den großen Innenhof. In der Mitte des Hofes standen zwei Holzdiemen, die von Hilde und den Kindern kunstvoll zu Pyramiden gestapelt worden waren. Eines der Fahrzeuge rammte die Stapel und brachte sie zum Einsturz. Hilde gewahrte den Schaden, als sie auf dem Weg zu Elise Oppermann war, um sie zu informieren, welche Probleme auf sie zukommen würden. Es war Krieg, was bedeuteten da schon zwei Holzdiemen! Wie unwesentlich waren die von Wolfgang mühselig im Elm gesammelten Äste, die mit dem Handwagen transportiert worden waren! Wie banal die Mühe des Holzhackens! Es war Krieg, in all seinen erbarmungslosen Facetten. Die Holzdiemen bedeuteten für drei Menschen Wärme und die Möglichkeit der Zubereitung ihrer Speisen. Für die Drei waren die Pyramiden allerdings lebensnotwendig.
"Wolfgang, Wolfgang, wach auf! Mutti is´nich´ mehr im Bett und auf´m Hof is´was los!"
Lena rüttelte und schüttelte an Wolfgangs Armen. Wolfgang horchte kurz und war augenblicklich hellwach. Vorsichtig spähten beide aus dem Schlafzimmerfenster.
"Das sind unsere Soldaten. Jetz´ geht's los! Lena, komm! Schnell anziehn."
Wolfgang sollte recht behalten, es ging wirklich los. Eine heftige Detonation war zu hören. Die Erde erzitterte. Die Gläser im Küchenschrank klirrten. Wolfgang nahm Lena in den Arm und beschwichtigte sie.
"Brauchst keine Angst zu haben, Lena. Wir warten, bis Mama wieder hier is´. Nachher versuch´ ich mal, ob ich zu Fritz laufen kann. Vielleicht können wir rauskriegen, was da passiert is´."
"Ach, nich´, Wolfgang! Bleib´ hier!"
Hilde kam zur Tür hereingestürzt.
"Seid ihr in Ordnung? Ich war nur schnell bei Fräulein Oppermann. In ihrem Haus haben sich die Offiziere vom Volkssturm eingenistet. Und zum fürchterlichen Knall erklärte mir ein Offizier, dass wir nichts zu befürchten hätten. Seine zur Asse abkommandierten Jungs hätten einen feindlichen Flieger runtergeholt."
"Oh, Mama, das will ich mir ankucken."
"Nein Junge, das is´ zu gefährlich. Du bleibst hier!"
"Ich will mit Fritz hin. Ich verspreche dir, wir werden ganz vorsichtig sein! Bestimmt!"
Wolfgang war nicht zurückzuhalten.
Im Hof und in den Stallungen herrschte rege Bertriebsamkeit der Soldaten. Hilde hatte den Eindruck, als wollten sie sich auf einen längeren Zeitraum einrichten. Der hier befehligende Hauptmann der Reserve kannte mit Sicherheit den Kriegslagebericht und führte dennoch gehorsam die wahnwitzigen Befehle aus der Schaltzentrale des Grauens aus. Die Soldaten des Volkssturms befanden sich in einem erbarmungswürdigen Zustand. Undenkbar, mit diesen ausgemergelten Kriegsversehrten, Greisen und zum Teil 14-jährigen Kindern die Niederlage aufzuhalten oder gar einen Sieg davonzutragen! Die verzweifelt kämpfenden Soldaten wurden einer Übermacht von Feinden entgegengeworfen. Beim Anblick der Kindersoldaten, deren viel zu große Uniformen ihnen um die abgemagerten Körper schlotterten, stiegen Hilde Tränen in die Augen. Was würden diese menschenverachtenden Bestien im fernen Berlin noch alles anordnen? Wann endlich würde sie das Schicksal ereilen, das sie ihrem Volk und anderen Völkern schon angetan haben? Warum ließ Gott diese Grausamkeiten zu?
Wolfgang und Fritz waren nicht die Ersten an der Absturzstelle des amerikanischen Fliegers. In der Mitte des brachliegenden Ackers hinter der Scheune des Gutshofes war ein tiefer Krater gerissen worden. Überall waren Wrackteile verstreut, die von einigen Dorfbewohnern auf ihre Verwertbarkeit untersucht wurden. Wolfgang erspähte unter einem Schrotteil, den ein weißer Stern zierte, eine nahezu unbeschädigte Aktentasche.
"Kuck mal, Fritz, richtiges Leder."
"Oh, schön! Sieht aus, wie neu."
Noch während die beiden die Tasche bestaunten, grapschte die Hand des Ortsbauernführers Grasshoff nach der Tasche und riß sie an sich.
"Die wird abgegeben! Muß untersucht werden und kommt ins Kontor von Ortsgruppenleiter Meier!"
Aus der Mitte des Kraters stieg Rauch auf. Wolfgang und Fritz kletterten vorsichtig vom Rand des Kraters abwärts zum Bug des Bombers.
"Wolfgang, da liegt einer."
"Ja, der is´ tot. Sieht aus, wie ´n großes Stück Kohle."
"Der is´ verbrannt. Da, kuck ma´, da liegt noch einer. Der is´ auf seinem Sitz verkohlt. Richtig verschmolzen."
"Ne, ne Fritz, das is´ mir alles zu gruselig. Ich will hier wech. Laß uns hier wieder abhauen."
Sie kraxelten wieder aufwärts. Wolfgang fand einen leicht ramponierten Kompaß, den er sofort in seiner Hosentasche verschwinden ließ. Wer weiß, ging es ihm durch den Kopf, was dieser Grasshoff noch alles untersuchen lassen will ...
Seit der Volkssturm sich in Gilzum etabliert hatte, war der dörfliche Rhythmus durcheinander geraten. Der Schulunterricht fand nur noch unregelmäßig statt. Hilde hatte im Radio gehört, dass die 9. US-Armee bereits bis zum westlichen Teil des Elms vorgedrungen sei. In den Elbauen bei Magdeburg fänden erbitterte Kämpfe alliierter und deutscher Verbände statt. Östlich der Elbe ständen die Einheiten der Roten Armee, weiter westlich das amerikanische Bataillon. In wenigen Tagen sei der Widerstand der Deutschen gebrochen. Es sei unmöglich, sich aus dieser militärischen Umklammerung freizukämpfen.
Hildes Entschluß stand fest, sie wollte Wolfgang so lange nicht mehr zur Schule nach Evessen lassen, bis dieser Wahnsinnskrieg sein Ende gefunden hätte. Der Kindergarten war ‚vorübergehend' geschlossen worden, wie ein Zettel an der Tür verkündete. So kam auf Wolfgang die Aufgabe zu, seine Schwester zu behüten, solange Hilde ihrer Arbeit bei den Landgrewes nachgehen mußte. Diese Pflicht erwies sich als schwieriges Unterfangen. Wolfgang verspürte nur wenig Lust, mit den Aktivitäten Lenas Schritt zu halten. Es war ihm zu dumm, seine Schwester zu beaufsichtigen, wenn sie sich in den Stallungen mit den Soldaten unterhielt. Er ließ sie einfach gewähren, in der Hoffnung, dass schon nichts passieren würde.
Lena fand die Belagerung des Hofes durch die Soldaten höchst aufregend. Diese vielen unterschiedlichen Sprachen! Manche Soldaten waren gar nicht zu verstehen! Ein noch sehr junger Soldat war ihr durch seine Sprache besonders aufgefallen.
"Du hast aber ´ne ulkige Sprache. Ulkig und lustig. Woher kommst´n du?"
"I komm´ vom andern Ende der Welt, scheint mor. Aus Stugart und da schwätzt mor halt so."
"Is´das auch in Deutschland?"
"Freile!"
Nicht nur die Sprachmelodie des Soldaten übte auf Lena eine Faszination aus. Sein freundliches Wesen, die großen blauen Augen und das gelockte, dunkle Haar fand sie einfach toll! Das Größte war jedoch, dass er Akkordeon spielen konnte!
"Wie heißt ´n du? Ich heiße Lena."
"I bin der Erwin Fleiderer."
"Du bist doch ´n Soldat, der schießen muß. Warum spielst ´n du Akkordeon?"
"I schpiel nett so oft. Meischtens muß i halt schiaßa".
Der Hauptmann der hier stationierten Einheit hatte angeordnet, einen Variétéabend zu veranstalten, um die Soldaten bei "Laune" zu halten. Voraussetzung sei jedoch, dass die Asse militärisch gehalten werden könnte und eine längere Kampfpause diese Veranstaltung zuließe.
Die Asse ist ein Höhenzug im Kreis Wolfenbüttel. Sie liegt westlich des Flüsschens Altenau, bevor dieses in die Oker mündet. Dieser Höhenzug besteht, wie der Elm, aus Muschelkalk und prangt ebenso im Schmuck des Buchenwaldes. Der Name Asse ist mit einer Sage verknüpft:
Ein armer Bauer aus der Umgebung, dessen Achse (plattdeutsch: Asse) seines Ochsenkarrens zerbrochen war, begegnete dem Landesherren. Der sagte zu ihm: "Mit dieser zerbrochenen Achse wirst du nicht mehr weit kommen!" "Oh", entgegnete ihm der Bauer, "wenn mir nur alles Land gehörte, das ich noch damit umfahren kann!" Der Herr versprach, ihm das Land zu schenken. Der Bauer umfuhr noch den ganzen Höhenzug und erhielt ihn als sein Eigentum. Er nannte es Asse.
Wenngleich die Asse nicht die Größe des Elms aufweist, so war sie doch durch ihr Salzvorkommen schon früh für die Menschen von besonderem Interesse. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Salzbergbau erweitert. Abnehmer der abgebauten Kali- und Steinsalze waren die Düngemittel- und Chemische Industrie. Viele Schächte bis zu einer Tiefe von 750 Metern wurden in die Tiefe getrieben. Mit den nahezu 135 Abbaukammern entstand ein Hohlraumvolumen von über 3 Millionen Kubikmetern.
In den Dörfern der Umgebung wurde gemunkelt, dass in den Abbaukammern der Salinen in der Asse unendliche Mengen von Nahrungskonserven gehortet würden. Andere Gerüchte sprachen von gelagerten Kunstschätzen, die in Frankreich erbeutet worden seien.
Es war später Nachmittag, als Lena der von der Arbeit kommenden Hilde die frohe Botschaft verkündete, dass heute eine Variété-Veranstaltung stattfinden würde. Der große Balkonvorbau des Herrenhauses avancierte zur Bühne für die Künstler. An den zwei tragenden Säulen des Vorbaus rankten sich Glyzinien empor, die ihre ersten zarten, hellblauen Blütentrauben an den noch blattlosen Ranken zum leuchten brachte. An den kahlen Stellen der Säulen hatten die Soldaten bunte Tücher angebracht. Die Sonne schien an diesem April-Nachmittag. Ein Frühlingstag, wie geschaffen für eine künstlerische Atempause mitten im Krieg. Auf der Suche nach angemessenen Kleidungsstücken für die Aufführung fanden die Soldaten auf dem Boden des Gutshauses eine wahre Requisiten-Fundgrube vor. Kostbare Kleider und Anzüge einer längst vergangenen Epoche. Vom Chapeau claque bis zum kleinen Satinhütchen und passenden Täschchen war alles in großen Schränken auf dem Boden verstaut. Sorgfältig gelegte Leinenbettwäsche und Samttischdecken füllten die Schrankregale. Die Künstler unter den Soldaten konnten ihrer Phantasie freien Lauf lassen und begeistert ihre Auswahl treffen.
Zwischen den Säulen des Balkons hing, an einer Wäscheleine fest geklammert, ein roter Samtvorhang, der den Blick auf die Bühne versperrte. Vor den Stufen der Freitreppe zum Eingang des Herrenhauses war eine Reihe von Gartenstühlen und Küchenhockern aufgestellt worden. Sie bildeten die einzige Sitzreihe. Doch der große Hof bot ausreichend Raum für Stehplätze. Allmählich füllte er sich. Auf den Stühlen hatten die geladenen Ehrengäste und Offiziere Platz genommen. An der linken Seite Elise Oppermanns saß ihr Gärtner Weidehake, zur Rechten hatten Hilde und Lena Platz genommen. Wolfgang stand mit seinem Freund Fritz bei den Soldaten. Ihm war es peinlich, in der ‚Ehrenloge' zu sitzen. Hilde bemerkte, dass sich auch einige Dorfbewohner unter die Soldaten gemischt hatten. Die Nachricht, dass hier eine Variété-Veranstaltung stattfinden sollte, hatte sich wie ein Lauffeuer verbreitet, sie bot eine willkommene Ablenkung vom dörflichen Überlebenskampf und von der Kriegstristesse.
Der Vorhang wurde beiseite geschoben. In der Mitte der Bühne stand ein Tisch, den eine blaue Samtdecke zierte. Daneben ein Armlehnenstuhl, auf dem ein Akkordeonspieler saß. Elise Oppermann erkannte das Mobilar des Herrensalons - und Lena erkannte ihren neuen Freund Erwin. Mit einem Shanti wurde die Veranstaltung von ihm eröffnet. Seine warme Baritonstimme wurde begleitet vom lebhaft vorgetragenen Spiel auf seiner Ziehharmonika. Die Soldaten nahmen den Vortrag mit Begeisterung auf. Einige sangen mit:
Plötzlich sprang hinter Erwin ein Clown auf die Bühne. Sein verbeulter schwarzer Hut saß quer auf seinen karottenroten, wirren Haaren, eine rote, kuglige Nase leuchtete über einem breiten, roten Mund. Er trug ein viel zu großes Jackett, und die riesige Hose wurde mit einem Gürtel zusammengerafft. Zur Gaudi des Publikums war er ständig damit beschäftigt, sich den Riesenschuh wieder überzustreifen, den er beim Springen verlor. Er zupfte grob an Erwins Ärmel, um ihm das Akkordeon zu entreißen.
"Komm, gib Freddo die Quetsche! Sei kein Frosch nicht! Na, gib schon!"
Sie zankten und zerrten hin und her, aber da war nichts zu machen, Erwin hielt sein Instrument fest mit beiden Armen umschlossen. Schließlich resignierte der Clown, griff in seine rechte Hosentasche und zog eine winzig kleine Ziehharmonika hervor. Erwin trat ab, die Bühne gehörte Freddo, dem Musikclown. Es war erstaunlich, welch wundervolle Melodien er dem kleinen Instrument entlocken konnte! Nach einer Weile unterbrach er sein Spiel, griff in seine linke Hosentasche und kramte eine etwa fünf Zentimeter kleine Mundharmonika hervor. Sie war so winzig, dass sie in seinem großen Mund zu verschwinden drohte. Er spielte das Lied "Alle Vögel sind schon da ..."
"Sind noch nicht alle da", flüsterte Lena Hilde ins Ohr. "Ich möchte nur wissen, wie son´n kleines Ding funktioniet. Da is´ bestimmt ´n Trick bei!"
Lena war tief beeindruckt und wünschte sich, auch ein so kleines Instrument spielen zu können. Erneut griff Freddo in seine Hosentasche, zog eine kleine Trompete hervor und schwenkte sie wie eine Trophäe über seinem Kopf. Er preßte das Mundstück des Blasinstruments an seine Lippen und ließ einen Fanfarenstoß ertönen. Langsam drehte er sich um, schlurfte zu einem Wassereimer, tauchte den Trichter der Trompete ins Wasser und schien Wasser anzusaugen. Gemächlich drehte er sich um und blies in die Trompete, der eine breite Fontäne entwich. Das Publikum raste. "Bravo, Freddo! Bravo, bravo!" Sie klatschten und grölten.
Freddo war nicht zu bremsen. Erneut nahm er mit dem Trichter Wasser auf und blies dieses Mal den Wasserstrahl in Richtung der Zuschauer. Er traf einen Offizier, der die Wasserdusche unter dem Gelächter der anderen gelassen und heiter aufnahm. Wieder schlurfte Freddo zum Eimer, um Wasser zu saugen. Er drehte sich gemächlich um, genoss es, dass sich einige der Zuschauer duckten, verschloss den Trichter fest mit seiner Hand, damit das Wasser nicht entweichen konnte. Er nahm das Mundstück an seine Lippen und blies hinein. Aus seinem linken und rechten Ohr ergoss sich ein feiner Wasserstrahl über das Publikum. Frenetischer Beifall war der Lohn für die große Darbietung des kleinen Clowns.
Drei Akrobaten wirbelten auf die Bühne. Handstand, Überschlag und Aufstehen erfolgten im Sekundentakt. Sie stellten sich nebeneinander mit leicht gespreizten Beinen, beugten den Kopf rückwärts bis zum Boden und schoben sich, einer Schlange gleich, mit dem Kopf durch die Beinbrücke, wobei der Bauch den Boden berührte. Ihre Gelenke schienen aus Gummi zu sein. Sie sprangen auf, einer nahm einen Jonglierstab und hielt ihn weit über seinen Kopf gestemmt. Die beiden anderen Künstler griffen nach dem Ende des Stabes und machten Klimmzüge und Bauchwellen. Der Untermann drehte sich langsam mit der Last seiner beiden Freunde um seine Achse, während diese ihre akrobatischen Übungen fortsetzten. Tosender Beifall für die künstlerischen Kraftnummern ertönte.
Auf der Bühne erschien erneut Erwin, der sein Akkordeon in der Hand hielt. Er trat an den Bühnenrand.
"Es ischt uns mit vielen Mühen gelungen, eine wundervolle Künschtlerin für diesen Nachmittag zu gewinnen. Bitte begrüßen sie mit viel Applaus Lale Andersen".
Sie erschien. Die Zuschauer tobten. Eine Blondine mit keck schräg sitzender Baskenmütze. Beim breiten Lächeln ihres kirschrot geschminkten Mundes strahlten ihre großen, weißen Zähne. Sie trug einen Rollkragenpullover und eine schmal geschnittene Tweedhose, die ihre schlanke Figur noch unterstrich. Mit unsicherem, stelzenden Gang trat sie an die Rampe, als sei sie noch nie auf einer dörflichen Bühne aufgetreten. Sie verbeugte sich tief und wandte sich nickend dem Akkordeonspieler zu.
Erwin griff einige Akkorde aus dem Lied Lili Marleen des Hamburger Lehrers Hans Leip. Der hatte es geschrieben, als er im Ersten Weltkrieg als Gardefüselier eingezogen werden sollte. Mit der Vertonung des Liedes durch den Komponisten Norbert Schultze im Jahr 1938 wurde Lili Marleen zum berühmtesten Soldatenlied aller Zeiten. Seit 1941 dieses Lied im Soldatensender Belgrad verlässlich jeden Abend drei Minuten vor zehn gespielt wurde, trat es seinen Siegeszug an durch die kriegsgeschüttelte Welt. Im Krieg entstanden, war es doch kein Kriegslied. Liebe, Abschiedsschmerz und Trennung waren Gefühle, die Soldaten aller Fronten gleichermaßen empfanden.
Lale Andersen trat neben den sie begleitenden Erwin und begann mit dunkler Stimme zu singen:
Bei der Laterne, vor dem großen Tor,
Tosender Applaus! Bravorufe! Sie verbeugte sich tief und streifte bei der Verbeugung ihre Perücke ab. Zum Vorschein kam ein junger, geschminkter Soldat, der seine Parodie perfekt vorgetragen hatte. Der wahren Lale Anderson war es seit 1942 nicht mehr vergönnt, mit diesem Lied öffentlich aufzutreten. Die Nationalsozialisten erteilten ihr Auftrittsverbot, um die Verbreitung des sentimentalen Liedes einzudämmen. Die darin zum Ausdruck kommende Furcht vor Trennung, der Angst vor Einsamkeit und Tod hatte nichts gemein mit deren Durchhalteparolen, der Verherrlichung des Soldatentums und der heroischen Pflicht, fürs Vaterland zu sterben.
Der Plüschvorhang wurde wieder zugezogen und das Publikum unterhielt sich noch angeregt über die gelungene Veranstaltung. Erwin kam auf Hilde und Lena zu, verbeugte sich vor Hilde und gab ihr die Hand.
"I bin der Erwin Fleiderer. Hab´ heut die Bekanntschaft ihrer kleinen Tochter gmacht. Ein nettes Mädle."
Zu Lena gewandt, fragte er, ob es ihr gefallen habe?
"Das war toll, Erwin! Ganz toll! War nur zu kurz, ich hätte noch viel länger zuhören können!"
"Wenn´s deiner Muator recht isch und mer noch nett fort sin´, kann i euch am Abend a bissle vorschpieala."
Hilde war beeindruckt von der Höflichkeit des jungen Soldaten. Sie sagte ihm, dass er heute Abend sehr gerne auf einem Tee herum kommen könne.
Sie saßen am Abendbrottisch, als Erwin an die Tür klopfte. Hilde bat ihn, am Tisch Platz zu nehmen.
"Möchtest du einen Teller Grießsuppe mit uns essen?"
Noch während Hilde fragte, stellte sie ihm einen Teller hin, ohne die Antwort abzuwarten. Sie konnte sich vorstellen, dass es für einen Jungen angenehmer war, sich in der warmen Küche innerhalb einer Familie aufzuhalten, als mit den Soldaten in einem kalten Stall oder Getreideboden die Zeit bis zum nächsten Einsatz in furchtsamer Erwartung zu verbringen. Erwin stellte sein Akkordeon auf die Holzkiste und überreichte Hilde ein kleines Päckchen.
"Nur eine Kleinigkeit. A bißle Brot halt. I weiß, dass halt nur noch Maisbrot z´ kriega isch. Mir Soldate erhalte Komissbrot aus Roggemehl, des hat noch bißle G´schmack".
"Oh, da danken wir dir sehr. ´S wäre aber nicht nötig gewesen, dass du uns was mitbringst", sagte Hilde.
Wolfgang interessierte sehr, warum er schon Soldat geworden sei. Ohne Umschweife erzählte Erwin, dass es nicht sein Wunsch gewesen sei, in den Krieg zu ziehen. Seine ganze Abiturklasse sei einberufen worden. Die meisten seiner Mitschüler seien begeistert gewesen, für den Führer und den Endsieg ihren kämpferischen Mut beweisen zu können. Sein Vater sei Volksschullehrer gewesen und vor drei Jahren in Stalingrad gefallen. Seine Mutter habe verhindern wollen, dass er auch noch einberufen würde. Es hatte nicht geklappt. Nun sei sie mit seinen beiden jüngeren Schwestern in einen kleinen Ort bei Stuttgart zu den Großeltern gezogen, um das Ende des Krieges abzuwarten. Hilde gefiel, dass Erwin so ganz ohne Pathos seine Familiensituation schilderte. Sie stellte sich die Mutter Erwins vor, wie sie vor Angst und Sorge um Ihren Jungen die Nächte durchwachte.
"Du kannst ja deiner Mutter eine Postkarte schicken, damit sie weiß, wie es dir geht und sie sich nicht sorgen muss. Ich hab noch eine Karte und eine Briefmarke da. Kann ich dir gleich geben."
"Danke, des isch arg nett."
"Ich nehme die Karte dann morgen zum Postamt mit, wenn ich zur Arbeit gehe."
Der Abend verlief anders, als sich Lena dies in lebhaften Farben ausgemalt hatte. Also keine fröhliche Musik, kein Gesang, nur ernste Gespräche. Während Erwin ein paar beruhigende Zeilen für seine Mutter auf die Postkarte schrieb, war es still in der Küche. Ein jeder blickte vor sich hin, als lausche er einer imaginären Stimme. Plötzlich zerriß Sirenengeheul diese trügerische Stille. In wenigen Sprüngen war Erwin an der Haustür. Lautes Stimmengewirr der Soldaten war zu vernehmen. Es vermischte sich mit einem durchdringenden Marschbefehl.
"Paß gut auf dich auf, Junge!", rief Hilde noch hinter Erwin her.
Sie schloss bedächtig die Haustür und nahm sich vor, ihre Unruhe und Angst nicht auf ihre Kinder zu übertragen. Immer wieder sagte sie sich, dass sie nur noch wenige Tage durchhalten müssten, bis die Amerikaner hier einträfen. Mit ruhiger Stimme sagte sie zu ihren Kindern:
"Wolfgang, Lena, nehmt eure Sachen. Wir müssen in den Keller".
Der folgende Morgen offenbarte das Ausmaß der hohen Verluste der heroisch und verzweifelt kämpfenden Soldaten des Volkssturm-Bataillons. Im Wirtschaftsgebäude des Gutshofes, in dem früher die Landauer untergebracht waren, hatten die Pioniere ein Feldlazarett eingerichtet. Der große Raum war erfüllt vom Wimmern und Schreien der schwer verwundeten Soldaten. Es grenzte an ein Wunder: Erwin war mit dem Leben davon gekommen. Hilde gewahrte ihn von Weitem, als sie sich auf den Weg zur Arbeit machen wollte. Er winkte ihr zu. Sie fasste den Entschluss ihm zu helfen, dieser Hölle zu entfliehen. Hilde hoffte inständig, dass sie ihren Dienst bei den Landgrewes beendet haben würde, bevor ein erneuter Marschbefehl ihr Vorhaben durchkreuzen könnte.
Lena half ihrem Bruder beim Füttern seiner Tiere.
"Soll ich dir noch beim Holzreintragen helfen?"
"Nö, lass man! Mach ich alleine."
Wolfgang hatte Hilde versprochen, die Holzkiste in der Küche aufzufüllen, damit abends wieder geheizt werden könnte. Was ist einheimelnder als ein Küchenherd, in dem das Feuer knistert und auf dem das Wasser im Teekessel singt!
Mit einem "ich bin mal eben auf´m Hinterhof", war Lena verschwunden. An den Hinterhof grenzte ein großer Obstgarten. Hier schien der Krieg eine Atempause eingelegt zu haben. Die Pflaumen- und Reineclaudenbäume standen in voller Blütenpracht. Auch die frühen Apfel- und Birnbäume waren eingetaucht in ein weißes Blütenmeer. Lenas Lieblingsbaum, der alte geliebte Boskop, stand noch in der Knospe. Sein Stamm war schräg gewachsen. Mit einem Anlauf schaffte es Lena, zwei Drittel des Baumstamms hochzulaufen, sich dann festzuklammern und den Rest bis in die Krone zu klettern. Hier war ihr Hochsitz. Sie fühlte sich wunderbar aufgehoben unter dem Gesang der Meisen, Grasmücken und Gartenrotschwänze, die sich durch ihre Anwesenheit nicht stören ließen. Lena schien mit ihrer Umgebung verschmolzen zu sein. Wegen der aufregenden vergangenen Tage war sie länger nicht hier gewesen. Mit großem Staunen machte sie eine sensationelle Entdeckung: Hinter dem Gartenzaun des Obstgartens saßen einige Soldaten mit nacktem Hintern auf einem Balken, der auf zwei Pfählen ruhte. Lena reckte sich etwas in die Höhe, um genauer zu ergründen, was sich da abspielte. Sie konnte nur erkennen, dass es mehrere dieser merkwürdigen Balken gab. Schlehensträucher versperrten die Sicht für eine genaue Erkundung. Flugs kletterte Lena vom Baum, um Wolfgang auf schnellstem Wege ihre Entdeckung mitzuteilen.
Wolfgang war noch immer dabei, Brennholz in die Küchenkiste zu stapeln, als Lena die Küchentür aufriss.
"Wolfgang, Wolfgang, hinterm Obstgarten sitzen Soldaten mit´m nackten Po auf´m Balken!"
"Na und? Weiß ich längst! Hab´ ich schon mit Fritz beobachtet."
"Warum machen se ´n das?"
"Wo soll´n se denn sonst hin machen? Unser Klo is´ zu klein für die vielen Soldaten und auf Fräulein Oppermanns Klo gehen die Offiziere. Wir haben gesehn, wie se mit´m Spaten ´n großes Loch ausgebuddelt haben, so groß wie ´n Grab. Pfähle eingepflockt, ´n dickes Rundholz drüber un´ festgenagelt, fertig war´s Klo."
Als Hilde Marie Landgrewe bat, etwas eher Feierabend machen zu dürfen, willigte diese sofort ein. Es erschien Hilde sehr merkwürdig, dass die Bäuerin sie nicht einmal befragte, warum sie zeitiger nach Hause gehen wollte. Überraschend fragte sie in gestelztem Hochdeutsch:
"Hilde, wir waren doch immer gut zu Ihnen und den Kindern, oder haben Sie Grund, Klage zu führen? "
Hilde verneinte. Was hatte diese Frage zu bedeuten? Hing das mit dem plötzlichen Verschwinden des Ortsbauernführers Grasshoff zusammen? War es einfach so, dass das Ende der Schreckensherrschaft unmittelbar bevorstand und mit ihr die Angst der Herrenmenschen vor Vergeltung? Zu viele Fragen schwirrten Hilde durch den Kopf. Sie hatte nur den Wunsch, schnell zu den Kindern zu kommen und verabschiedete sich eilig. Sie wollte noch schnell in den Obstgarten, um eine große Ration Brennesseln zu ernten. Unter den Obstbäumen wuchsen sie besonders gut und waren nicht so mit Staub belastet, wie an den Staketen der Straßenränder.
"Wolfgang, Lena, ist alles in Ordnung?" rief Hilde, als sie die Haustür zum Flur öffnete.
"Ja", tönte es ihr entgegen. Die Kinder freuten sich, dass ihre Mutter früher als sonst bei ihnen zu Hause war.
"Wolfgang, ich habe gesehn, dass die Soldaten noch auf dem Hof sind. Geh´ und such´ den Erwin. Sag ihm, dass er mal schnell zu uns kommen soll, um uns mal kurz behilflich zu sein, ja? Bitte, beeil dich!"
Hilde verschwand im Schlafzimmer und holte Willis grauen Anzug aus dem Kleiderschrank. Sie überlegte, welches Hemd sie dazu auswählen sollte, ohne dass es zu feierlich aussehen würde. Also kein weißes, sondern das dunkelblaue Hemd, ohne Schlips natürlich. Jetzt musste alles sehr schnell gehen. Hilde war froh, dass der Volkssturm noch nicht wieder abgerückt war. Ihr Plan, Erwin in Zivilkleidung auf den Weg in Richtung Heimat zu schicken, rückte in greifbare Nähe.
Sie eilte in die Küche und entfachte das Feuer im Küchenherd, um einen Topf mit Wasser aufzusetzen. Hilde wusch die Brennesseln und zerkleinerte sie grob, blanchierte sie und ließ sie auf einem Sieb abtropfen. Sie hatte noch einen kleinen Rest Speck. Den würfelte sie, ließ ihn in einem anderen Topf aus und briet eine Zwiebel darin an. Ein verführerischer Duft verbreitete sich in der Küche. Hilde löschte die Zwiebeln mit etwas Milch ab und fügte die gewiegten Brennesseln hinzu. Den letzten Pfiff bekam der Brennessel-Spinat durch einen Hauch Muskat und Salz.
"Puttchen, sei doch so lieb und deck´ den Tisch für vier Personen, ja? Wir wollen Erwin zum Abendbrot einladen. Also vier flache Teller, Gabeln und Messer."
"Oh, ja, Erwin kommt! Was machst´n zum Spinat dazu?"
"Frau Landgrewe hat mir heute vier Eier und zwei Liter Milch und Kartoffeln gegeben. Sie war heute sehr großzügig, muss ich ja sagen! Ich werde zum Spinat noch roh gebratene Kartoffeln und Spiegeleier machen. Aus der restlichen Milch wird morgen ´ne Suppe."
Hilde beeilte sich, die Kartoffeln zu schälen und in Scheiben zu schneiden.
"Machst´e noch Kümmel und Zwiebeln an die Bratkartoffeln?"
"Klar, Puttchen. Und Salz und Pfeffer."
Hilde war sich darüber im Klaren, dass sie jetzt keinen strategischen Fehler begehen durfte, um die Aktion nicht durch die kleinste Unachtsamkeit zu gefährden. Auch vor den Kindern musste sie ihren Plan geheim halten. Wolfgang würde sie mit einer Offenbarung ihres Vorhabens nur in Konflikte stürzen und die Plaudertasche Lena würde das brisante Geheimnis nicht für sich behalten können!
Wolfgang und Erwin erschienen, als das Abendbrot fertig zubereitet war.
"Mensch, Erwin, du hast ja dein Akkordeon mitgebracht! Toll!" Lena war ganz aus dem Häuschen! Erwin legte sein Akkordeon auf die Holzkiste und nahm am Tisch Platz. Er fühlte sich sehr wohl in dieser Familie und wünschte sich sehnlichst, nicht so bald durch einen Marschbefehl wieder herausgerissen zu werden.
"Des duftet arg schee!"
"Lang nur zu, Erwin. Lass dir´s gut schmecken!"
"Und als Dessert hab i mir fescht vorgnomme, dass i bissle auf meim Akkordeon schpiel!"
Es herrschte eine "gefräßige" Stille am Abendbrotstisch. Hilde sah mit Freude, dass der Boden des Topfes mit dem Brennessel-Gemüse in kurzer Zeit wie blankgeputzt war.
"Ein Lob für die Köchin! So fei hab´ i die Brennessel noch nie net ´gässa! - So und nun dr´ Nachtisch!"
Erwin erhob sich und holte sein Akkordeon. Lena strahlte Erwin an. Das war ein Tagesausklang nach ihrem Geschmack! Stundenlang konnte sie seiner Stimme und dem Klang der Harmonika lauschen. Ein noch nie zuvor gekanntes, sie verwirrendes Glücksgefühl durchströmte sie und trieb ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Lena wünschte sich sehnlichst, dass Erwin noch lange in Gilzum bleiben möge! Noch ehe sie ihre Gedanken weiterspinnen konnte, übertönte unerbittlich und durchdringend Sirengeheul das "Küchenkonzert". Dieses fand sein abruptes Ende. Erwin zog erneut mit seinen Kameraden in die Schlacht und Hilde beeilte sich, mit den Kindern in den Luftschutzkeller zu gelangen.
Hilde sah ihre Pläne, Erwin aus diesem Kriegselend herauszuhelfen, als nicht gescheitert an. Der erneute Fronteinsatz bestärkte sie, die Aktion so schnell wie möglich durchzuziehen! Herr Gott im Himmel, lass den Jungen unversehrt zurückkommen! Ich bitte dich! Er ist doch noch so jung!
Sie kamen im Morgengrauen zurück. Ein zerschundener Haufen, unzählige Verwundete und alle ohne jede Hoffnung, noch mit dem Leben davonzukommen. Der Kommandeur war im Kampf gefallen und mit ihm Zwei Drittel der Einheit.
Hilde hatte nach der Entwarnung die Kinder ins Bett gebracht und sich angekleidet aufs Bett gelegt, um die Rückkehr der Soldaten nicht zu verpassen. Als sie das rasselnde und scheppernde Kettengeräusch der Panzer gewahrte, sprang sie in ihre Schuhe, nahm Willys Anzug und Hemd und brachte es in die Küche - in der Hoffnung, Erwin unter den lebenden Heimkehrern ausmachen zu können. Sie ging vor die Haustür. Der Anblick der blutverschmierten und zerlumpten Soldaten schnürte ihr den Hals zu. Plötzlich löste sich ein Soldat aus dem Haufen und kam auf Hilde zugewankt. Erwin hatte nur einige Blessuren davongetragen. Er lebte. Sie umarmten sich weinend.
"Komm mit rein, Erwin." Sie führte Erwin in die Küche. "Ich habe dir von meinem Mann einen Anzug und ein Hemd ´rausgesucht. Wasch´ dich bitte und zieh die Sachen an. Für dich soll der Krieg heute zu Ende sein. Ich möchte nicht, dass dir noch in den letzten Kriegstagen etwas zustößt."
Erwin war gerührt und erschrocken zugleich.
"Sie wisset scho, dass des für uns beide g´fährlich isch?"
"Weiß ich, Erwin, weiß ich. Bitte beeile dich, bevor es ganz hell wird. Ich möchte, dass du dich zu deiner Familie nach Stuttgart durchschlägst. Du schaffst das! Deine Uniform verbrenne ich im Küchenherd! Nun mach schon! Bitte!"
Erwin zog seine Uniform aus und wusch sich am Waschbecken. Er schlüpfte in das Hemd und zog die Anzughose an. Alles passte, wie angegossen, nur die Beine der Hose waren etwa zehn Zentimeter zu kurz.
"Ach, das geht, Erwin. Ich putz´ dir noch deine Stiefel, dann fällt das nicht sofort in´s Auge."
Hilde holte eilig das Schuhputzzeug aus der Abstellkammer, reinigte und putzte die Stiefel. Sie beeilte sich, noch einige Scheiben Maisbrot mit Butterschmalz zu bestreichen und sie dann einzupacken.
"Hier, dein Reiseproviant. Steck´s in die Jackentasche. Und jetzt los, Erwin! Alles, alles Gute!"
Sie umarmten sich erneut.
"Danke, für alles! Sie waret wie mei Muater z´mir!"
Hilde drängte Erwin zur Haustür und schaute ihm nach, wie er eiligen Schrittes durchs Tor ging und in die Dorfstraße einbog, ohne sich noch einmal umzuschauen.
Noch bevor die Kinder wach wurden, wollte Hilde die Uniform verbrannt haben. Sie hatte vor, sie zu zerschneiden und Stück für Stück mit Holzscheiten zu verbrennen. Das Schneiden war mühseliger, als sie es sich vorgestellt hatte. Die Uniform war mit einem Gemisch aus Erde, Lehm und Blut verkrustet und ließ sich nur mit großem Kraftaufwand mit der Schere zerlegen. Als Hilde das letzte Stoffteil mit einem Holzscheit in den Herd gelegt hatte, ging die Küchentür auf und Lena erschien. Sie rieb sich noch schlaftrunken die Augen und gähnte herzhaft.
"Bist ja schon aufgestanden, Mutti. Ich bin noch so müde!"
"Das glaube ich. Wir sind ja auch erst mitten in der Nacht aus dem Keller gekommen. Du mußt noch nicht aufstehen, Puttchen. Der Kindergarten ist doch geschlossen. Kuschel dich man noch mal ins Bett. Ich ruf euch dann, wenn der Kaffee fertig ist, ja?"
Hilde saß noch mit ihren Kindern am Frühstückstisch, als an der Haustür barsch geklopft wurde. In banger Vorahnung öffnete sie die Tür und ließ den Ortsgruppenleiter Meier eintreten. Dieser kam ohne Umschweife zur Sache.
"Es wurde Meldung gemacht, dass sie einen Soldaten mit Zivilkleidung ausgestattet und ihm geholfen haben, sich von der kämpfenden Truppe zu entfernen. Leider haben wir diesen Verbrecher nicht mehr erwischen können. Ich habe die Order, sie festzunehmen und in das Lager Watenstedt zu überführen."
"Nein", schrie Hilde schluchzend auf.
"Sie scheinen den Ernst der Lage nicht zu kapieren!" sagte Meier mit schneidend kalter Stimme. "Außerdem habe ich die Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass ihr Mann von seinem Afrika-Einsatz in Tunis nicht zurück gekommen ist. Er gilt amtlich als vermisst."
Erneut schluchzte Hilde auf. Ihr Körper begann zu zittern und die Tränen rannen ihr über die Wangen. Sie nahm allen Mut zusammen und wischte mit dem Handrücken die Tränen fort. Den Kampf ums Überleben würde sie so schnell nicht aufgeben. Und niemals die Kinder allein lassen! Niemals! Wolfgang und Lena klammerten sich an ihr fest und begannen laut zu weinen. Lena schluchzte: "Mama, Mama, Mama", sie ahnte nur dunkel, dass etwas Erschreckendes und Furchtbares geschehen sein musste, wenn Wolfgang und Mama weinten. Hilde wischte sich erneut die Tränen fort.
"Herr Ortsgruppenleiter, dieser Soldat war noch ein Schuljunge! Und er war schwer herzkrank. Ich habe ihn mit meinen Herztropfen versorgt und ihm den Anzug meines Mannes gegeben. Bitte lassen sie Gnade vor Recht ergehen! Bitte! Ich flehe sie an, im Namen meiner Kinder!"
Der Gesichtsausdruck des Ortsgruppenleiters verriet keine Regung. Das Schicksal der drei Menschen vor ihm erreichte nicht sein Herz. Die Situation war ihm ganz einfach nur lästig. Doch plötzlich hatte er einen genialen Gedanken. Es könnte doch sein, dass diese Frau ihm noch einmal von Nutzen sein würde! Die Amerikaner hatten sich in Torgau an der Elbe mit sowjetischen Truppen gegen den deutschen Volkssturm verbündet und ihn niedergeschlagen. In den Elbniederungen bei Magdeburg war die Schlacht verloren. In der vergangenen Nacht kam nur eine kleine Anzahl des hier in Gilzum stationierten Volkssturms mit dem Leben davon. Die militärische Lage war absolut hoffnungslos, darüber war sich Meier im klaren. Er war informiert genug, seine Durchhalteparolen nicht selbst zu glauben. Was sagte doch gleich die BBC-Sprecherin? Die Dörfer südlich des Elms seien eingenommen! Berlin ist zwar weit weg, aber da sollen die Russen vor dem Brandenburger Tor stehen. Ich denke, es ist an der Zeit, mich umzuziehen. Mein alter Anzug passt mir noch.
Nach schier endlos erscheinendem Schweigen des Ortsgruppenleiters gewahrte Hilde ein leichtes Zucken seiner Mundwinkel.
"Also, gute Frau, ich denke, wir sind da einer Fehlmeldung aufgesessen. In der Morgendämmerung kann man mit Sicherheit einen zivilen Anzug von einer Uniform nicht unterscheiden. Und die Sache mit ihrem Mann tut mir leid. Kopf hoch! Vermisst sein heißt noch nicht gefallen. Heil Hitler!"
Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, drückte Hilde die Kinder an sich. Sie herzten und küssten sich und ließen ihren Tränen freien Lauf. Doch nicht aus Furcht, sondern weil der Albtraum vorüber war.
Der Pfad am Fuße des Monte Petroso, mit seinen 2247 Metern der höchste Berg der Abruzzen, war sehr schmal. Mühsam kam der Trupp deutscher Soldaten im Morgengrauen voran. Das Ziel, das Kloster Monte Cassino, schien nahe zu sein. Doch standen die deutschen Soldaten seit einigen Wochen unter ständigem Beschuss amerikanischer Einheiten, der den Aufstieg verzögerte. Die Soldaten gingen zu zweit mit je einem Maultier, das die Verpflegung und Munition zu schleppen hatte. Sie hielten einen größeren Abstand zueinander, um die Gefahr, getroffen zu werden, zu minimieren. Jeweils ein älterer Soldat ging mit einem jüngeren, zumeist mit einem unmittelbar von der Schulbank an die Kriegsfront gerissenen Jungen.
"Willy, hast du was dagegen, wenn wir tauschen und ich mit Josef gehe? Der Josef kommt nämlich auch aus Köln, wie ich."
"Ne, mach man, Kalle. Frag aber Erich, ob er damit einverstanden is. Könnt ihr euch schön von zu Hause erzählen."
Mit Vorsicht versuchte Kalle, Erich und Josef einzuholen. Er ließ die vereinzelt aufflammenden Einschläge nicht aus den Augen. In diesem Dämmerlicht konnte der Bergpfad von den Amerikanern noch nicht gezielt unter Beschuss genommen werden. Doch die Sonne hatte den Gebirgskamm schon in goldenes Licht getaucht und würde in wenigen Minuten vollends aufgehen. Von Unruhe getrieben, beschleunigte Kalle seine Schritte.
"Jupp, Erich, wartet mal'n Moment!"
Das Maultier schnaufte, als Erich die Zügel anzog. Mit hochgezogenen Augenbrauen sah Erich dem Jungen fragend entgegen. Fast flehend richtete Kalle seinen Wunsch an Erich. Mit einem wohlwollenden Lächeln betrachtete der alte Soldat den Jungen.
"Wenn ihr versprecht, besonders vorsichtig zu sein und unseren Aufstieg nicht als Schulausflug betrachtet, habe ich nichts einzuwenden."
Erich hockte sich auf einen kleinen Felsbrocken, um auf Willy zu warten. Die Soldaten waren mit kurzen Verschnaufpausen die ganze Nacht marschiert. Entsprechend malade war ihre körperliche Konstitution. Willy freute sich, mit Erich laufen zu können. Sie waren schon seit der Sammlung und Neuaufstellung der ehemals verwundeten Soldaten in Dänemark in der gleichen Einheit und hatten sich angefreundet. Beide waren der Hölle Stalingrads entronnen, wenngleich zu verschiedenen Zeiten. Erich war von stattlicher Statur und überragte Willy um zwei Köpfe. Er hatte buschige, dunkelblonde Augenbrauen und graugrüne Augen, die zuweilen einen bekümmerten Ausdruck hatten. Sein ruhiges Wesen und seine Besonnenheit machten ihn zu einem angenehmen Kameraden. Erich kam aus einem münsterländischen kleinen Dorf bei Oelde. Als selbständiger Schmiedemeister betrieb er eine Schmiedewerkstatt. Er war der einzige Schmied des Dorfes, beschlug die Pferde der Bauern und fertigte für seine Kundschaft kunstvolle schmiedeeiserne Türen und Stakete an. Aus den Briefen seiner Frau wusste er, dass es keine Pferde mehr in dem Dorf gab, weil kein Futter mehr für sie aufzutreiben war. Und welchen Stellenwert hatte ein mit Ranken und Blüten verzierter Eisenzaun, wenn es nicht einmal ausreichend Nahrung für die Menschen gab? Wie es aussah, war durch den elenden Krieg ein Schmied im Dorf überflüssig geworden.
"Na, Willy, dann wolln wir mal."
Erich tätschelte dem Muli liebevoll den Hals und nahm Willy die Zügel aus der Hand."
"Bist 'n treues Tier. Die ganze Nacht hast 'de die schweren Klamotten den Berg raufgeschleppt! Wir machen bald mal Rast, was Willy? Dann reib ich unsrem Muli seinen dampfenden Leib ab."
Es war inzwischen taghell geworden. Die Karawane der Soldaten auf der Serpentine zum Kloster waren durch das Tageslicht für die Amerikaner besser auszumachen. Verstärkt wurden sie nun unter Beschuss genommen. Aus unmittelbarer Nähe vernahmen Erich und Willy eine ohrenbetäubende Detonation. Herzzerreißende Schreie und Hilferufe in nächsster Nähe. "Die Jungen", brüllte Willy. Ohne auf Deckung zu achten, stürmte er mit seinem Sanitätsrucksack vor. Ihm bot sich ein Bild des Grauens. Eine Granate hatte Bauch und Kopf des Maultieres zerfetzt. Menschliche Gliedmaßen lagen zerstreut im Blut auf dem steinigen Weg und klebten an den Felswänden. Hier konnte Willy nicht mehr helfen. Wimmern und Stöhnen drang an sein Ohr. Einige Schritte weiter, unmittelbar am Hang neben dem Pfad, lag Jupp in seinem Blut. Ein Schock ließ seinen Körper erzittern. Ein Granatsplitter hatte ihn am rechten Oberarm getroffen. Willy versuchte ihn zu beruhigen.
"Du lebst Junge. Dein Oberarm is' getroffen, das kriegen wir wieder hin. Wichtig is' nur, dass du lebst!"
Willy legte ihm einen Verband an und half dem schluchzenden Jungen auf die Beine. Jupp hatte seinen Freund verloren.
"Wir woll'n mal versuchen, nich' mehr auf'm Präsentierteller zu laufen und suchen uns 'n geschützten Platz für 'ne Pause. Brauchst jetz' auch 'n bisschen Ruhe, Kalle."
Sie fanden einen Felsvorsprung, der ihnen ausreichend Deckung bot, um aus der Schusslinie der Amerikaner zu gelangen. Verstärkt wurden die Deutschen unter Beschuss genommen. Die im Kloster stationierten Einheiten, die sich stolz "die Teufel von Monte Cassino" nannten, leisteten erbitterten Widerstand. So wurde das Kloster zu einem Hexenkessel. Während die äußeren Klostermauern, die mit dem Berg zu verschmelzen schienen, den heftigen Einschlägen standhielten, war das Kirchenschiff inmitten des Klosterhofes völlig zerstört. Die 5. US Armee war, aus dem Süden kommend, weiter im Vormarsch. Östlich des Klosters rückte die 8. Britische Armee bis Foggia vor. Eine Niederlage der deutschen Einheiten schien unausweichlich näher gerückt zu sein.
Nach längerer Rast wagten die Drei die letzte Etappe des Aufstiegs. Es schien ihnen, als hätten auch die "Teufel" die in größeren Abständen erschöpft aufwärts stampfenden Kameraden auf der Serpentine ausgemacht, leisteten ihnen Feuerschutz. Die ersten Soldaten aus der Einheit Willys waren schon auf dem kriegszerschundenen Monte Cassino angelangt. Befehlsschreie mischten sich mit den Schreien Verwundeter und Sterbender.
Als Willy und seine beiden Kameraden, am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte, auf dem klösterlichen Kriegsstützpunkt ankamen, traf sie ein überraschender Marschbefehl wie ein Keulenschlag: "Vorwärts Kameraden, wir müssen zurück!" Willys Vorhaben, sich im Feldlazarett mit schmerzlindernden Medikamenten und neuem Verbandszeug zu versorgen, musste er auf später verschieben. Vielleicht könnte ihm ein anderer Sani aushelfen. Der blutverkrustete Verband Kalles musste unbedingt gewechselt werden, um einen Wundbrand zu verhindern. Vorsichtig schnitt Willy die verkrustete Binde auf, reinigte die Wunde und legte einen frischen Verband an.
"Jupp, du kommst auf den Verwundeten-Laster, musst nicht mehr laufen." Dankbar schaute Jupp zu Willy auf.
Der Marschbefehl lautete: Durchschlagen, egal wie, bis Caserta bei Neapel. Richtung Südwest. Das bedeutete, die Stiefelbreite Italiens durchqueren, von der Adria bis zum Mittelmeer. Und weiter: Übersetzen nach Palermo auf Sizilien. Ziel: Tunis zur Unterstützung der in Nordafrika kämpfenden Einheiten.
Der scheinbar undurchführbare Marschbefehl wurde verbissen befolgt. Es war die letzte Etappe, die mit der im Hafen Neapel liegenden deutschen Kriegsmarine angetreten wurde. Willy und Erich beschlossen, sich auf Gedeih und Verderb nicht mehr zu trennen.
Die deutschen Einheiten in Tunesien waren nahezu zerschlagen. Die 7. US Armee hatte Tunis eingenommen, und die marokkanischen Soldaten standen vor Bizerta. Es war März 1945. Die Sonne brannte erbarmungslos vom Himmel. Nie hatten die Soldaten größere Hitze ertragen müssen als hier im Norden Afrikas. Es war nur noch ein Haufen Soldaten im Kriegseinsatz. Der Befehl lautete: Zu zweit in Erdlöchern ausharren, bis die Marokkaner passieren, dann Überraschungsangriff von hinten und zuschlagen. Waren sich die Befehlshaber dieser wahnwitzigen Anweisungen ihrer Situation nicht bewusst? Wie sollte ein nahezu aufgelöstes Afrika-Korps von den zerschundenen und ausgemergelten Soldaten der von hohen Verlusten gezeichneten Einheiten Monte Cassinos unterstützt werden können? Die unheilvollen Geräusche des Krieges kamen näher und näher. Aus westlicher Richtung drang die 7. US Armee vor, aus östlicher Richtung die 8. Britische Armee. Das Rasseln der Panzerketten kam näher und ließ die Erde erbeben.
Willy und Erich schaufelten, von Todesangst getrieben, ein Erdloch. Die Erde war hart und steinig, so dass das Ausheben viel kostbare Zeit in Anspruch nahm. Der Aushub des Schützenlochs musste noch verteilt werden, um den Unterschlupf nicht zu verraten. Durch einen Erdspalt beobachteten die beiden, wie sich eine schier endlos erscheinende Panzerkolonne, die beiderseits von Soldaten flankiert wurde, direkt auf sie zu bewegte.
"Kannste sehen, ob das Amis oder Marokkaner sind? Marokkaner soll'n keine Gefangenen machen", flüsterte Willy.
"Ich kann weiße Sterne auf'm Panzer erkennen, 's sind Amis".
Dicht aneinander gedrängt erwarteten sie ergeben ihr Schicksal. Ihre Arme und Beine waren durch die verkrampfte Haltung nicht mehr zu spüren. Erich wollte die Stellung des Kopfes etwas verändern und stieß mit seinem Stahlhelm gegen einen Stein. Der Schreck fuhr ihnen in die tauben Glieder. Es folgte ein Stimmengewirr, von dem sie nichts verstanden. Drei Gewehrläufe stießen zugleich in das Erdloch.
"Hands up! Hands up!"
Das verstanden Sie und krochen mit erhobenen Händen aus dem Loch. Der Krieg war für sie zu Ende. Nach grausamen fünf Jahren würden sie keinen wahnwitzigen Marschbefehl mehr ausführen müssen. Dennoch lag eine ungewisse Zukunft vor ihnen.
"O.K. boys, time to take a little trip over the ocean!"
In der ersten Maiwoche des Jahres 1945 überschlugen sich die Kriegsereignisse. Das Tausendjährige Reich lag nach zwölf Jahren zerschunden am Boden. Die BBC-Sprecherin verkündete, die Deutsche Wehrmacht habe kapituliert. In Gilzum waren die führenden Nationalsozialisten spurlos verschwunden. Ohne die Furcht, denunziert zu werden, konnte Hilde jetzt den BBC-Sender einschalten, um in Erfahrung zu bringen, wo sich die Truppen der Alliierten bewegten. In wenigen Stunden würde die 9. US-Armee bis Gilzum vorgedrungen sein. Wie sehr hatte sie diesen Tag herbeigesehnt, an dem das Blutvergießen ein Ende haben würde. Doch befiel sie jetzt die Sorge, dass die amerikanischen Soldaten sich an der Bevölkerung rächen könnten, weil sie alle Deutschen für Faschisten hielten. Sie musste unbedingt zu Elise Oppermann, die immer noch den Osttrakt ihres Gutshauses bewohnte, um sie von der neuen Lage zu informieren.
"Wolfgang, Puttchen, ich lauf mal schnell zu Fräulein Oppermann rum. Sie muss auf alle Fälle weiße Bettlaken aus allen Fenstern hängen, die zur Straße raus gehen. Wir machen das auch gleich. Also, tschüss, ich bin gleich wieder hier."
Als Hilde auf den Hof kam, stellte sie fest, dass auch das kleine Häuflein der Soldaten des Volkssturms abgerückt war. Nur die aufgewühlte schlammige Erde und die tiefen Rillen und Spuren der Militärfahrzeuge auf dem Hof waren letzte Indizien für eine verlorene Schlacht. Wohin werden die Soldaten marschiert sein? In den Elm? In die Asse? Die Alliierten waren doch überall! Hoffentlich ist Erwin heil bei seiner Mutter angekommen!
Hilde betrat die Diele, die gänzlich ausgeräumt war. Wo früher große Kübel mit Palmen und Eichenschränke, Anrichte und Tischchen mit gepolsterten Biedermeierstühlen standen, war jetzt gähnende Leere. Der Charme der Empfangsdiele des Gutshauses war dahin. Elise Oppermann hatte sämtliche Möbel, die sie jetzt entbehren konnte, auf den Boden des Wirtschaftsgebäudes bringen lassen. Hildes Schritte hallten in den leeren Räumen. Sie klopfte an die Gästezimmertür. Mit zarter Stimme wurde sie hereingebeten. Das Gästezimmer war ziemlich dunkel, die schweren Samtvorhänge waren zugezogen. Elise Oppermann saß in einem Ohrensessel und legte das Buch, in dem sie gerade gelesen hatte, auf den kleinen Tisch. Sie hatte sich diesen Raum zum Wohnen und Schlafen eingerichtet und hoffte, dass die Belagerung bald ein Ende haben würde.
"Bin ich froh, Sie zu sehen!"
"Ich freue mich auch, Sie wohlbehalten zu sehen. Also, zuerst mal die gute Nachricht: Der Krieg ist aus, der Volkssturm hat den Hof verlassen. Aus dem Radio weiß ich, dass die Amerikaner bald hier sein werden. Wir müssen uns also beeilen, weiße Laken aus dem Fenster zu hängen, als Zeichen dafür, dass wir uns ergeben."
"Herrgott im Himmel! Der Krieg ist vorbei! Nun wird sich alles zum Guten wenden. Liebe Hilde, könnten Sie mir beim Befestigen der Laken behilflich sein?"
Schien Elise Oppermann zuvor bedrückt und ängstlich, erhellten sich jetzt ihre Gesichtszüge und das alte muntere Wesen kam wieder zum Vorschein. Sichtlich aufgeregt lief sie zum Fenster, schob den schweren Vorhang beiseite und öffnete es.
"So, nun kann die Frühlingsluft herein! Warten Sie, Hilde, ich muss überlegen, wo ich die Bettwäsche verstaut habe. Ich glaube im großen Wäscheschrank auf dem Trockenboden. Können Sie noch kurz mit mir auf den Boden kommen?"
Sie schien wieder ein junges Mädchen geworden zu sein. Sie hüpfte vor Hilde die Bodentreppe hinauf, dass diese Mühe hatte, ihr zu folgen. Die Laken waren schnell gefunden und in den Fensterrahmen eingeklemmt. Acht große Laken bewegten sich sacht im Frühlingswind und verkündeten die Botschaft: Wir ergeben uns!
"Wir müssen jetzt erst mal abwarten, was die Amerikaner vorhaben", sagte Hilde. Aus dem Radio weiß ich, dass sich riesige Flüchtlingsströme aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien in Richtung Westen bewegen. Die müssen ja irgendwo bleiben. Die größeren Städte sind zerbombt, also müssen die Menschen auf kleinere Städte und Dörfer verteilt werden. Schlafen Sie heute gut, Fräulein Oppermann. Wir sprechen uns morgen."
"Ihnen auch einen guten Abend, liebe Hilde. Und eine ruhigere Nacht, als in den vergangenen Tagen. Ganz ohne Sirenengeheul!"
Wolfgang und Lena erwarteten Hilde schon voller Ungeduld.
"Mmm, was riecht denn hier so gut?"
"Wolfgang hat Pfefferminztee gekocht und in der Pfanne Brot geröstet, und ich habe den Tisch gedeckt, Mutti".
"Da habt ihr mich aber ganz schön überrascht. Freut mich, freut mich sehr! Haben wir denn noch Rübensirup? Kuck doch mal, Lena. Ich staune immer wieder, wie fleißig ihr schon zupacken könnt! Jetzt woll´n wir uns mal einen gemütlichen Abend machen."
Hilde goss den Tee in die Becher.
"Heute bleibt das Küchenrollo oben. Wir brauchen auch nicht in den Keller. Das ist aus und vorbei! Wenn ihr wollt, können wir auch das Radio anknipsen."
"Was is'n los Mama, is' was passiert, seit ich heute Nachmittag kurz bei Fritz war?"
"Das kann man wohl sagen! Nach dem Schock heute Morgen musste ich mir Klarheit verschaffen, wie weit die Amerikaner gekommen sind. Ich war ganz froh, dass du Lena mitgenommen hast. Konnte also am helllichten Nachmittag in Ruhe Radio hören. Also Kinder, der Krieg ist aus! Der Volkssturm ist verschwunden! Für uns in Gilzum ist erst mal Ruhe. Stellt euch mal vor, Ortgruppenführer Meier und sein Parteifreund Grasshoff haben sich davon gemacht. Noch vor den Soldaten!"
Wolfgang wusste nicht, ob er nun heulen oder sich freuen sollte. Der frühe Morgen mit dem Ortsgruppenführer steckte ihm noch gehörig in den Knochen. Sein Gesicht drückte Ratlosigkeit aus.
"Und was ist mit unserem Führer, Mama?"
"Is' tot, soll seine Eva und sich umgebracht haben. Seine Schäferhunde soll er davor erschossen haben."
"Was soll'n wir ´n jetzt machen, Mama? Und wenn das gar nicht stimmt, weil die Frau vom BBC gelogen hat? "
"Ach, Wolfgang, die Nachrichten von diesem Sender haben bisher immer gestimmt, werden bestimmt auch weiter nicht falsch sein. Aber das Wichtigste für uns alle ist doch, dass jetzt kein Blut mehr vergossen wird und Frieden einkehrt. Die Amerikaner werden in wenigen Stunden hier sein, dann sehen wir, was sich da tut. Mein Gott, ich hab' ja ganz vergessen, die Bettlaken rauszuhängen! Nu' aber schnell!"
Hilde sprang auf, um die Laken zu holen, Lena folgte ihr.
"Mutti, warte doch, ich komme mit."
Hilde holte zwei Bettlaken aus dem Wäscheschrank des Schlafzimmers und ging mit Lena ins obere Stockwerk. Hier befanden sich eine größere Vorratskammer und ein kleines Kämmerchen, in dem das Spielzeug aufbewahrt wurde, das nicht im ständigen Gebrauch war. Beide Räume hatten Fenster zur Straße. Während Hilde die Laken anbrachte, stöberte Lena in den Schubfächern des Schrankes der Vorratskammer. In einem Fach bewahrte Hilde Samen von Wildpflanzen auf, die sie in kleine Baumwollsäckchen gefüllt hatte. Alle Samenbeutel waren gekennzeichnet mit dem Pflanzennamen, dem Fundort und dem Funddatum.
"Mutti, was is´n hier drin?" Lena hielt ihr einen Beutel vor die Nase.
"Fenchel. Kannst du ruhig draußen lassen. Und das Säckchen daneben nimm mal auch gleich raus, da ist Kümmel drin. Mach doch mal bitte das untere Schubfach auf, da müssen noch Kürbiskerne sein. Wir werden in den nächsten Tagen unsern Garten auf Vordermann bringen. Ich denke mal, dass es keinen Frost mehr geben wird. Heute morgen hätte ich noch keinen Gedanken an unseren Garten riskiert und plötzlich habe ich solche Lust auf Gartenarbeit!"
"Ich auch, Mutti. Meinst du, meine Kreuzspinne lebt noch?"
"Das weiß ich auch nicht, Puttchen. Musst du einfach mal abwarten, bis die Schwertlilienblätter größer geworden sind. Sie hatte doch im Herbst noch ihr Netz in den Schwertlilien, oder?"
"Ja. Und sie war richtig dick und rund geworden. Sie hat sich über alle Mücken und Fliegen gestürzt, die ich ihr ins Netz getan habe."
Hilde nahm die Saatgutbeutel und das Apothekerglas mit den Kürbiskernen an sich.
"Na, Puttchen, wie is´ es, möchtest du uns noch ein Glas Kompott aus dem Regal aussuchen?"
"Oh ja, Kürbiskompott, ich liebe Kürbisse! Und dazu das gebratene Brot von Wolfgang! Lecker!"
Als Hilde und Lena wieder in die Küche kamen, saß Wolfgang gedankenverloren am Tisch. Er hatte seinen Kopf in beide Hände gestützt. Viele ungeklärte Fragen wirbelten ihm durch denselben. Wolfgang hatte seinem Freund Fritz erzählt, dass seine Mutter in´s Lager abgeholt werden sollte. Er hatte ihm alles ohne Scham erzählt, auch dass er geweint hatte! Von wegen, ein deutscher Junge weint nicht! Fritz musste ihm sein großes Ehrenwort als Hitlerjunge geben, niemandem etwas davon zu erzählen! Niemandem! Auch nicht Uwe oder seiner Mutter!
"Na, Wölfchen, so alleine? Dürfen wir uns vielleicht zu dir setzen und mit dir die lecker gebratenen Brote verputzen? Mit Kürbiskompott?"
"Oh ja, Mama, ich dachte schon ihr kommt gar nicht wieder."
Inzwischen war es dunkel geworden. Wolfgang bestand darauf, das schwarze Küchenrollo herunter zu lassen. Es gab ihm ein Gefühl der Sicherheit, wenn kein Licht nach außen drang und die Anwesenheit der Familie verriet.
"Mama, wenn der Krieg jetzt wirklich aus ist, kommt dann Papa wieder nach Hause?"
"Ich weiß es nicht, Wolfgang. Papa ist vermisst. Das heißt, keiner weiß, wo er sich aufhält. Ich bete, dass wir bald ein Lebenszeichen von ihm erhalten! Wenn Soldaten in die Hände der Gegner geraten, werden sie entweder erschossen oder geraten in Kriegsgefangenschaft. Wir hoffen von ganzem Herzen, dass ihm nichts Böses zugestoßen ist und er unversehrt zurück kommt. Er ist doch Sanitäter und könnte selbst niemandem etwas zuleide tun!"
"Ach, Mama, es ist alles so furchtbar, man weiß überhaupt nicht, was noch alles auf uns zukommt!"
"Wir müssen auf das Gute hoffen, Wölfchen! Ein Gutes ist doch heute schon da: Wir müssen nicht in den Keller. Und wir fliegen nicht mehr aus den Betten hoch, wenn sich Amerikaner und Volkssturm beschießen!"
"Ja, Mama. Das ist wahr. Ich glaube, ich will jetzt einfach schlafen. Ich geh´ in´s Bett. Das war´n schlimmer Tag. Kommste noch, mich zudecken und den Rücken kratzen?"
"Ich komme gleich, Wolfgang."
Lena hatte sich auf den Schoß Hildes gesetzt und angekuschelt. Sie hatte das Gespräch aufmerksam verfolgt und hatte zum Platzen viele Fragen! Lena beschloß, sich die Müdig- keit aus den Augen zu wischen und noch lange nicht ins Bett zu gehen. Flink und entschlossen kletterte sie auf den Küchentisch, um die Heftzwecken am Rollo zu entfernen und das schwarze Monstrum in die Höhe schnellen zu lassen. Gespannt schaute Lena aus dem Fenster auf die dunkle Straße. Es war nichts Ungewöhnliches auszumachen, so sehr sie auch ihre Augen anstrengte! Hilde betrat wieder die Küche. Ein Lächeln huschte über ihr müdes, von den Geschehnissen des Tages geprägtes Gesicht, als sie das vom Rollo befreite Fenster erblickte. Es erstaunte sie immer wieder, wie sehr sich ihre Kinder im Wesen unterschieden. Wolfgang, der Ernste und Bekümmerte. In der Fröhlichkeit Lenas erblickte Hilde die Wesenszüge ihrer eigenen Mutter. Der Grund der Unbekümmertheit Lenas mochte darin liegen, dass sie den Ernst und die Problematik der Kriegsgeschehnisse noch nicht erfassen konnte.
"Mama, ich sehe nichts! Nichts, nichts, wirklich nichts!"
"Was denkst du denn, was du jetzt sehen möchtest?"
"Na, Amerikaner oder Soldaten oder Panzer!"
"Wir trinken jetzt erst mal im Dunkeln unseren Tee, Puttchen. Wenn draußen irgendwelche Lichter auftauchen, kann ich das vom Fenster aus gut erkennen. Du mit deinen nachtblinden Augen natürlich nicht so deutlich! Soll ich mal das Radio anknipsen? Vielleicht erfahren wir ja was Neues."
"Ja, Mutti, mach mal. Vielleicht hör'n wir, wann se kommen."
Hilde schaltete das Radio ein. Nicht die so vertraute weibliche Sprecherin, sondern eine männlich tiefe Stimme verkündete: ... "ich komme nicht als Befreier, sondern als Eroberer und überlasse die Bevölkerung dem ehemaligen Heer der Arbeitssklaven und fordere auf, sich zu nehmen, was sie für sich benötigen.... das war die übersetzte Rede des Oberkommandierenden der Westalliierten Captain Dwight D. Eisenhower...."
"Zu spät eingeschaltet, Puttchen. Das war die Übersetzung vom Schluss einer wichtigen Rede."
Hilde schaltete das Radio wieder ab, um die Schwere der Worte in ihrer ganzen Tragweite zu begreifen. Was bedeutete das für dieses Dorf Gilzum, in dem sie lebten? Spontan fielen ihr die "Arbeitssklaven" Stanislaw Prokop und dessen Familie sowie Sirenen-Pauline ein, die allesamt aus ihrer Heimat verschleppt und hier von ihren "Herren" ausgebeutet und gedemütigt worden waren.
Die Bewohner Gilzums schienen in bleierne Agonie gefallen zu sein. Eine unheimliche und ungewohnte Stille lag über dem Dorf. Nur der zarte Gesang eines Rotkehlchens war zu vernehmen.
"Hörst du auch das Rotkehlchen singen, Puttchen?"
"Ja, das ist richtig schön!"
"Ich glaube, das ist ein richtig schönes Gute-Nacht-Lied für dich. Nu' geh mal in's Bett. Du bist doch zum Umfallen müde! Wenn sich draußen was tut, werde ich euch sofort wecken. Versprochen! Nun komm, waschen, Zähne putzen und ab in die Molle! Ich komme dann gleich zum Rückenkratzen."
Hilde saß noch viele Stunden grübelnd am Küchentisch. Sie ließ den Tag Revue passieren und dankte Gott, dass sie nicht ins KZ Watenstedt abtransportiert worden war. Gleichzeitig hätten ja die Kinder ins Heim eingewiesen werden müssen. Hilde mochte diese dunklen Gedanken nicht weiter spinnen. Sie verschränkte die Arme zur Mulde, legte ihren Kopf hinein und wurde vom Schlaf übermannt.
Die Amerikaner kamen im Morgengrauen. Das Rasseln der Panzer ließ Hilde abrupt aus dem Schlaf fahren. Sie glaubte, ihren Augen nicht trauen zu können, als sie einen Panzer gewahrte, der quer durch den Garten der Helmchens den Staketenzaun zermalmte und durchbrach. Auf der Dorfstraße kam er zum Stehen. Das Rohr des Panzers war bedrohlich auf das Gutshaus gerichtet. In panischer Angst sprang Hilde auf, um die Kinder zu wecken. Wolfgang kam ihr schon auf dem Flur mit angstgeweiteten Augen entgegen. Er war vom Kriegslärm aufgewacht. In Windeseile war er in seine Trainingshose gesprungen, ohne zu merken, dass die Innenseite nach außen gekehrt war.
"Wolfgang, keine Bange! Wir bleiben im Haus, in der Küche. Ich hole schnell Puttchen, ja?"
Hilde und die Kinder beobachteten durch das Küchenfenster den Panzer, der seinen Standort nicht verändert hatte. Nur das Rohr schwenkte zeitlupenartig von links nach rechts und wieder zurück.
"Der gibt den andern Soldaten Feuerschutz, dann werden se wohl gleich kommen. Uwe hat uns das beigebracht: Sichern und stürmen! So geht das!"
Wolfgang hatte recht. Sie gewahrten einen Trupp Soldaten, die aus Richtung Kirchstraße kommend, ihre Gewehre im Anschlag hielten. Dann ging alles sehr schnell: Die Seitentür zum Hof wurde aufgerissen, dann die Haustür. Hilde stieß die Küchentür auf, um zu zeigen, dass sie nichts zu verbergen hatte.
"Where are the soldiers?"
Der Offizier, der sie fragend anschaute, sah gar nicht so bösartig aus, wie Uwe die Feinde beschrieben hatte, dachte Wolfgang. Er versuchte, sich mit spärlichen englischen Sprachbrocken verständlich zu machen.
"No soldiers! Alle weg!" Wolfgang gestikulierte wild mit seinen Armen. Einige Soldaten durchsuchten die unteren Räume, andere stürmten die Treppe zur Vorratskammer und zum Abstellraum hoch.
So schnell, wie die Soldaten gekommen waren, verschwanden sie auch wieder. Die Amerikaner durchkämmten jedes Haus und Gehöft, um auszuschließen, dass sich noch Soldaten des Volkssturms verborgen hielten. Hilde ging ins Wohn- und Schlafzimmer, um zu prüfen, ob sich noch alles an Ort und Stelle befand. Hier war alles unversehrt. Doch die Vorratskammer und der Abstellraum boten ein Bild der Verwüstung! Die Gläser mit den eingeweckten Kürbissen waren geöffnet worden, und ein Teil der Früchte hatte sich über den Fußboden ergossen. Die Flaschen mit dem Holunderbeersaft hatten die Soldaten offensichtlich übersehen. Doch der Abstellraum mit dem Kinderspielzeug bot ein grauenvolles Bild: Die Dampfmaschine und das Feldlazarett mit seinen kleinen Rotkreuz-Fahrzeugen lagen zertreten auf dem Boden.
"Oh, Mama, das kann man doch gar nicht glauben! Die schöne Dampfmaschine! Sogar die kleinen Krankenschwestern- und Sanitäterpüppchen, alles kaputt. Aber auch alles! Gut, dass die elektrische Eisenbahn unterm Bett verstaut ist."
Diese erste Begegnung mit den Befreiern war ihnen gehörig in die Glieder gefahren. Bedrückt und mit wackligen Knien stiegen sie die Treppe herab und gingen wieder in die Küche.
"Ich mach mal Feuer und koch' uns n' Kaffee. Wollt ihr was essen? Ich habe noch gar keinen Appetit. Mir ist alles irgendwie auf den Magen geschlagen!"
"Ich flocke mir Brot in meinen Kaffeepott, Mama."
Lena hatte auch nicht den großen Hunger und wollte sich ihrem Bruder anschließen. Der Küchenherd verbreitete eine angenehme Wärme an diesem frischen Maimorgen. Der Duft frisch gebrühten Malzkaffees durchströhmte die Küche. Wolfgang und Lena gossen sich Kaffee und Milch über die Brotbröckchen.
"Na, Wölfchen, heute keinen Zucker?"
"Mm, hab ich ganz vergessen! Deshalb hat das heute so komisch geschmeckt. Mama, ich lauf nachher mal schnell zu Fritz, da sind die Soldaten ja schon durch, ja? Ich seh' mich auch vor, brauchst keine Angst zu haben, ja? Bitte! Die Soldaten tun Kindern nichts. Bestimmt nicht!"
"Ich will mit, Wolfgang. Nimm mich bitte mit, ja? Ich will wissen, was da so los is'", sagte Lena.
"Ach, Kinder, ich weiß nicht, hab' kein gutes Gefühl dabei. Versprecht mir, ganz vorsichtig zu sein. Und Puttchen, ganz besonders du: Sei nicht so vorwitzig! Ich sehe in der Zeit mal zu Fräulein Oppermann, ob sie den Besuch der Soldaten gut überstanden hat. Aber noch mal: Seid ganz vorsichtig!"
Beide beteuerten, dass sie gut auf sich aufpassen wollten. Fast zugleich sprangen sie vom Tisch auf, zogen sich ihre Strickjacken über und drückten Hilde einen Abschiedskuss auf die Wange. Hilde sah sie vom Küchenfenster aus die Straße zu Helmchens hin laufen. Wolfgang hatte seine Schwester an der Hand gefasst. Immer einen Schritt voraus, zerrte er sie hinter sich her. Fritz hatte seinen Freund schon erwartet.
"Du, den Uwe hab'n die Amis abgeholt. Mit son' Militärwagen", begrüßte er Wolfgang und Lena.
"Oh, Mist! Hat er denn was gemacht? Ich meine, hat er wen getötet?"
"Nö, glaub ich nich'. Der hat doch nur unsere HJ-Gruppe ausgebildet."
Mit ratlosen Minen schauten sich die Freunde an. Lena drängelte ungeduldig zum Aufbruch. Wolfgang und Fritz nahmen Lena in die Mitte und hielten sie fest an den Händen. Sie rannten vor das Dorf, zur Landstraße, die aus Dettum über Hachum kommend nach Evessen führte. Soldaten waren überall. Und überall waren Panzer, die mit einem weißen Stern gekennzeichnet waren. Den Straßenrand zur Landstraße nach Evessen säumten einige Gilzumer, überwiegend Frauen mit grauen, versteinerten Gesichtern, die sich einen Überblick der Kriegsniederlage verschaffen wollten. Schmucklos waren sie erschienen, ohne die sonst Kragen oder Revers zierende Anstecknadel der NSDAP oder die der NS-Frauenschaft. Plötzlich erschien ein Panzer-Konvoi, der sich, aus Hachum kommend, in Richtung Evessen bewegte. Fritz stieß Wolfgang in die Seite und raunte ihm mit gedämpfter Stimme zu:
"Kuck mal, auf jeden Panzer ham' se einen deutschen Soldaten geschnallt. Siehste das auch?"
"Ja, ich glaube, die woll'n se erschießen. Das sind ja für die auch Feinde. Wie Uwe uns das beigebracht hat. Die sind unsere Feinde, und wir sind ihre Feinde. Und wir ham' jetzt den Krieg total verlor'n, so is' das."
Als der letzte Panzer der Kolonne die Straßenkurve passiert hatte, löste sich die Gruppe der Schaulustigen auf.
Hilde hatte sich länger mit Fräulein Oppermann unterhalten als sie geplant hatte. Als sie sich vergewissert hatte, dass der "Besuch" der Amerikaner glimpflich verlaufen war, erzählte sie ihr ausführlich vom Auftritt des Ortsgruppenleiters Meier am Vortag. Elise Oppermann faßte Hildes Hände.
"Mein Gott, Hilde, was haben sie durchgemacht und müssen sie noch ertragen! Ich bete für sie und ihren Willy, dass sie bald wieder vereint sein werden. Wahrscheinlich ist er in die Kriegsgefangenschaft geraten und wird bald ein Lebenszeichen von sich geben. Ganz sicher. Auch wenn ich diesen Herrn Meier verabscheue, in diesem Punkt wird er nicht falsch liegen: Willy ist vermisst und nicht gefallen."
"Ach, Fräulein Oppermann, ich wünsche mir so sehr, dass sie recht haben! Ich will mal wieder rüber. Wolfgang und Lena sind mit Fritz Helmchen vors Dorf, um die amerikanischen Panzer zu beobachten. Ich bin etwas beunruhigt, aber ich konnte sie vorhin nicht zurückhalten. Eine Frage noch: Haben sie eventuell noch aus ihrer Schulzeit ein englisches Wörterbuch? Es wäre vielleicht ganz hilfreich, wenn man auftauchende Mißverständnisse mit den Amerikanern mit Hilfe eines Wörterbuches klären könnte."
"Ich muss mal scharf nachdenken, Hilde. Meines Erachtens habe ich die ausrangierten Bücher aus meiner Schulzeit in irgendeinem Bücherschrank auf dem Trockenboden verstaut. Wir können ja heute Nachmittag zusammen nachschauen, ja?"
"Ja, das wär' gut. Dann komme ich nachmittags ´rum."
Hilde verabschiedete sich. Ihr tat Fräulein Oppermann leid. Immer war sie allein mit ihren Ängsten und Problemen. Ich habe die Liebe meiner Kinder und bin nicht gänzlich allein, dachte sie im Stillen. Bald wird Willy wieder bei uns sein, dann werden wir gemeinsam an einer Zukunft bauen, die das Leben wieder erträglicher macht. Sie beeilte sich, wieder in ihre Wohnung zu kommen und das Radio einzuschalten. Es waren keine beruhigenden Nachrichten. Im gesamten Deutschen Reich herrschte Chaos: Heimatlose Flüchtlingsströme aus den deutschen Ostgebieten auf der Flucht vor der Roten Armee, vertriebene Menschen aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland, unendliche Menschenströme mit Handwagen, Pferdegespannen mit Habseligkeiten, vollgestopfte Kinderwagen auf dem Weg nach Westen. Abgemagerte Menschengestalten auf der Suche nach einer Bleibe. Ihr Weg führte sie durch zerbombte Städte, verbrannte Erde und Wälder, zerstörte Eisenbahnschienen und Brücken. Eine Infrastruktur gab es nicht mehr. Nirgendwo fanden sie Zuflucht. Weiter, weiter nach Westen. Die Flüchtlingsströme vermischten sich mit dem Heer befreiter KZ-Insassen und Fremdarbeiter. Im ganzen ausgemergelten Land waren Plünderungen an der Tagesordnung.
Hilde war erschöpft. Sie hoffte darauf, dass die Alliierten wieder Ordnung herstellen würden, um den Frieden zu sichern und den Menschen neuen Lebensmut zu geben. Doch all die Kriegsverantwortlichen, Demagogen, Menschenverächter und Schlächter sollten einer gerechten Strafe nicht entgehen! Möge man sie vor ein Tribunal alliierter Richter zerren und verurteilen! Hilde fiel ein, dass sie über die Geschehnisse des Tages vergessen hatte, sich um etwas Essbares zu kümmern. Es war ja erst Mittag, da konnte sie schon noch irgendetwas organisieren. Sie zog sich die Strickjacke an, schrieb eine kleine Nachricht für die Kinder und legte den Zettel auf den Küchenschrank. Zuerst wollte sie zum Gemischtwarenladen, dann zu den Landgrewes. Auf der Straße waren nur amerikanische Soldaten, parkende Panzer, Jeeps und Kinder aus dem Dorf zu sehen, die die Fahrzeuge belagerten. Wolfgang und Lena waren nicht dabei. Wo sie bloß stecken mögen!? Die erwachsenen Gilzumer waren in ihren Häusern, wahrscheinlich hinter den Gardinen.
Als Hilde den Laden betrat, kam der alte Bäcker Wellmann aus der Backstube geschlurft. Er hatte sich hinter dem großen Backofen einen kleinen Aufenthaltsraum eingerichtet. An der Rückwand des Backofens befand sich eine gemauerte Bank, die ihm als Schlafstatt diente. Man erzählte sich im Dorf, dass die Eheleute Wellmann seit nahezu zwanzig Jahren kein Wort mehr gewechselt haben sollen. Er war zum eigenbrödlerischen Kauz geworden, sie verbittert und mürrisch. Doch bekam er von seiner Frau täglich die Mahlzeiten in die Backstube gebracht.
"N' Tach ook. Häft sai de Lebensmittelmarken bie?"
"Ja, is' aber nich' mehr so viel drauf. Haben sie denn noch Käse oder Quark? Für Butter hab ich keine Marke mehr, nur für Butterschmalz."
"Ick heff noch'n Maisbrot und ´n lüttchen Harzer. Fett heff ick nich mehr. Wüllt sai noch Reubensirup?"
"Oh ja, Herr Wellmann. ´N Glas hab' ich mit."
Sie reichte ihm das Glas und der Bäcker füllte den dunklen zähen Sirup ins Glas, legte das Maisbrot und den Käse auf den Thresen. Er entwertete das Käse- und Brotfeld der Lebensmittelkarte mit seinem Stempel und verlangte 1 Mark 20. Hilde verabschiedete sich. Sie beeilte sich, zu den Landgrewes zu kommen. Als sie am Spritzenhaus der Feuerwehr vorbeikam, gewahrte sie Fritz, Wolfgang und Lena, die sich mit Händen und Füßen mit den Soldaten eines parkenden Jeeps unterhielten. Die Soldaten hatten offensichtlich Spaß mit den Kindern.
"Mutti, Mutti, die Soldaten haben uns Kaudinger geschenkt", flötete Lena und kam Hilde entgegen gehopst.
Interessiert schaute Hilde sich die "Kaudinger" an und konnte nichts Schlimmes feststellen.
"Na, wenn's den Soldaten bekommt, wird es euch nicht schaden. Ich geh noch mal schnell zu Frau Landgrewe und versuche, Milch zu bekommen, ja? Ihr kommt dann aber gleich mit nach Hause. Ihr seht mich ja, wenn ich vom Hof komme."
Marie Landgrewe schien Hilde schon erwartet zu haben, wahrscheinlich hatte sie vom Küchenfenster aus ihr Kommen beobachtet. Hilde klopfte an die Küchentür und wurde herein gebeten. Die Begrüßung fiel freundlich aus. Hilde erschien sie jedoch eine Spur zu freundlich.
"Na, alles gut überstanden heute Morgen?", fragte Hilde.
"Ja, dat ging ja ganz hille. Walter mosste noch naa Wulfenbüttel feuern, war ick alleene tau Huse. Na, ick leewe noch."
Die Wahrheit wird sein, dass Walter Landgrewe die beiden Landdienst leistenden Hitlerjungen wieder in Richtung Heimat gebracht haben wird, dachte Hilde. Möglicherweise hat er sich auch aus dem Staube gemacht, wie seine Parteigenossen Grasshoff und Meier.
"Ich wollte sie um etwas Milch und Eier bitten, Frau Landgrewe."
"Ja, will ick ma kieken, watt noch da is."
Sie ging in den gut gefüllten Vorratsraum, der sich hinter der Küche befand. Hier befanden sich zwei große Schränke und vier große Regale, in denen sorgfältig lagerfähige Lebensmittel gestapelt waren. Auf dem Kühle ausstrahlenden Fußboden aus Terrazzo-Fliesen standen vier gefüllte 20-Liter Milchkannen.
"Hett sai denn de Melkkanne bie?" fragte sie laut in Richtung Küche. Hilde brachte ihr die Kanne. Die Bäuerin nahm ihren Halbliter-Schöpfbecher und goss drei Becher in die Kanne, nahm aus dem Eierkorb drei Eier und reichte sie Hilde.
"Brukt sai hüte nich tau betaaln, Hilde. Nu, wo allet vorbie is, ward ja woll wedder de Kindergarten upp hemn? Wüllt sai mick nich wedder helpen koom?"
Da brauchte Hilde nicht lange zu überlegen. Sie musste sich und die Kinder irgendwie durchbringen und sagte freudig zu, unter der Voraussetzung, dass Schule und Kindergarten wieder geöffnet haben. Hilde bedankte sich für Milch und Eier und verabschiedete sich. Wolfgang und Lena erwarteten sie schon an der Hoftür.
"Oh, Mama, hast du Essen besorgt?", fragte Wolfgang. "Kaugummis machen überhaupt nicht satt, weisste?"
"Kann ich mir vorstellen, Wolfgang. Wir müssen uns noch überlegen, ob es ungefährlich wäre, wenn du mit Lena hinter der Scheune jungen Löwenzahn sammeln würdest? Was meinst Du?"
"Nee, da passiert schon nichts. Das machen wir gleich. Wir hol'n nur noch den Korb von zu Hause."
"Ach, da fällt mir ein, dass das Heu für Mümmi und Pummel nicht mehr ausreicht. Kannst ja mal nach leckerem Frischfutter für die Tierchen Ausschau halten. Ich dachte da an Gänsediesteln, Giersch und Brennesseln. Lena, du kannst ja dein kleines Körbchen mitnehmen, da sammelst du nur für uns die ganz jungen Löwenzahn- und Gierschblätter. Ich möchte uns nachher einen leckeren Salat machen."
"Oh, ja, toll! Wir sammeln einen Riesenberg Kräuter! Wirst'e sehen, Mutti! Ich lauf schon mal vor und hol die Körbe."
Lena rannte los.
"Junge, versprich mir, dass du nachher ganz besonders aufmerksam bist und auf euch aufpasst, ja? Wenn ich das vorhin aus dem Radio richtig verstanden habe, kommen die Amerikaner in zwei Schüben. Erst die Vorhut, die klären soll, ob noch Widerstand geleistet wird, dann eine größere Einheit aus der 9. Amerikanischen Armee. Das steht uns jetzt also noch bevor. Ich habe ´n bisschen ´n mulmiges Gefühl."
"Ach, Mutti, brauchst kein' Schiss haben. Die Amis waren zu uns ganz freundlich. Aber wenn ich mit Lena hinter der Scheune bin, pass' ich auf wie ein Adler. Und wenn ich sehe, dass wieder Panzer und andere Militärfahrzeuge im Anrollen sind, komm' wir nach Hause geflitzt. Versprech ich dir."
Lena kam ihnen mit zwei Körben entgegengelaufen.
"Komm, Wolfgang, hier haste deinen Korb, nun kann's los gehen."
Lena küßte Hilde, schnappte Wolfgangs freie Hand und zerrte ihn mit sich fort. Ohne sich noch umdrehen zu können, rief er Hilde noch ein Tschüss zu. Zum Gutshof gehörten zwei riesige Scheunen, die aus Muschelkalk gebaut worden waren. Die schwarz gebeizten Balken und Tore brachten das helle Gestein zum Strahlen. Eine Scheune begrenzte die linke Seite des Guts und befand sich hinter dem Obstgarten. Die andere Scheune auf der rechten Seite des Anwesens bildete die Begrenzung zum Park. Das Innere der Scheunen war in drei Bereiche eingeteilt: Je ein Drittel war rechts und links bis zum obersten Dachbalken mit Strohballen aufgestapelt. Im mittleren Drittel standen zu Friedenszeiten landwirtschaftliche Geräte und Pferdewagen. Fast alle waren sie vom Ortsgruppenleiter für die Kriegswirtschaft konfisziert worden. Seit Fräulein Oppermann sich von den Tieren hatte trennen müssen, wurde auch kein Stroh mehr benötigt. So war nicht einmal die Hälfte der Strohballen abgetragen. Als Wolfgang und Lisa am Obstgarten vorbei kamen, gewahrten sie, dass das große Rolltor der Scheune weit aufgeschoben war.
"Komm Lena, wir kucken mal kurz in die Scheune. Die Amis haben hier bestimmt nach unseren Soldaten gesucht."
"Ach nee, Wolfgang, das ist zu gruselig und dunkel."
Die Scheune war nur im Lichteinfallsbereich des geöffneten Rolltores erhellt, der Rest lag im Dunkeln.
"Kuck doch mal, Lena. Siehst du auch, was ich sehe? Die liegen mindestens drei Haufen Gewölle auf der Erde."
Wolfgang stellte seinen Korb ab und sah sich die Häufchen genauer an.
"Ja, genau, das sind kleine Knochen und Mäusefell. Hier leben Eulen. Vielleicht Schleiereulen. Genug Mäuse gibt's hier ja. Ich glaube hier leben auch Marder. Platz für viele Tiere is' hier ja. Woll'n wir uns das mal zusammen mit Fritz ankucken, morgen oder übermorgen?"
"Ja, könn' wir machen, aber jetzt hol'n wir erst mal Löwenzahn."
Unmittelbar hinter der Scheune war ein sanfter Hügel, der sich bis zum Feldrain erstreckte. Hier hatte sich ein großes Areal an Wildpflanzen halten können, weil die Militärfahrzeuge den Hügel mieden. Auch der Graben, der sich vom Zaun des Obstgartens bis zur angrenzenden Viehweide erstreckte, hatte keine Kriegsschäden davongetragen. Das große Feld vor der Weide war eine Kriegswüste: Kleinere und größere Krater, Stahlhelme und tiefe Spuren der Panzer. Ein übler Verbrennungsgeruch lag über dem Feld. Die Weide hatte keine Umzäunung mehr, nur einige Pfahlstümpfe ragten noch aus dem Gras.
"Lass uns mal schnell die Pflanzen sammeln und dann nichts wie weg hier, Wolfgang. Das stinkt hier, dass man brechen möchte."
Lena hielt Ausschau nach jungen Blättchen des Löwenzahns und zupfte sie emsig. Brennesselstängel fasste sie sehr beherzt an, um sich nicht zu verbrennen. Sogar den Gundermann konnte sie erkennen und legte einige Blättchen in ihren Korb. Giersch wuchs direkt am Zaun des Obstgartens, er hatte sich unter den Schlehenbüschen sehr verbreitet und streckte seine Ausläufer unter dem Zaun durch bis zum Graben. Hiervon pflückte sie reichlich. Lena betrachtete zufrieden ihr Werk und schaute zu Wolfgang, der noch am Graben pflückte.
"Haste bald genug für die Tiere? Ich bin jedenfalls fertig."
"Ja, mein Korb ist fast voll. Das reicht. Ich hab ordentlich Gras mit gerupft, Pummelchen ist da ganz wild drauf."
Sie trugen ihre Ernte nach Hause. Wolfgang fütterte erst die Meerschweinchen, die ihn laut quiekend empfingen. Sie hatten ihn schon von Weitem kommen gehört. Die stumme Mümmi hopste nur aufgeregt in ihrem Stall hin und her, als sie Wolfgang sah. Er betrachtete seine Tiere ein Weilchen und erfreute sich an ihrem emsigen Mümmeln.
Als Wolfgang und Lena die Küche betraten, stand Hilde am Kochtopf und ließ Maisgrieß in die kochende Milch rieseln. Sie fügte noch eine handvoll Korinthen zu, legierte die Grießsuppe mit einem verquirlten Ei und schmeckte sie mit einer Priese Salz ab.
"So, die Suppe ist fertig. Nun lasst mal sehen, was ihr so geerntet habt."
Sie betrachtete und prüfte eingehend die Blätter und war sehr zufrieden.
"Wunderbar, Puttchen, hast ja wirklich nur die zarten und jungen Pflanzen gepflückt. Die Brennnesseln werde ich kurz aufkochen, dann brennen die Blätter nicht mehr; die anderen Blätter könntest du ja schon mal waschen und abtropfen lassen, Lena."
Während Lena die Blätter wusch, blanchierte Hilde die Brennnesseln. Aus Essig, Rapsöl, Salz, Pfeffer und einer in kleine Würfel geschnittenen Zwiebel bereitete sie eine Salatsoße. In einer großen Salatschüssel vermischte sie sämtlichen Blätter, auch die grob gehackten Brennnesseln und fügte die Soße hinzu.
"Passt auf, Kinder, jetzt kommt die Krone des Salats! Ich habe vorhin schon zwei Eier hart gekocht, die werde ich jetzt hacken und unter den Salat heben. Nu' hab ich die drei Eier von Frau Landgrewe verbraucht."
Wolfgang hatte inzwischen den Tisch gedeckt. Vorsorglich hatte er auch die Dose mit dem braunen Zucker neben seinem Teller gestellt. Ihm schmeckte eben Grießsuppe nur mit Zucker. Während sie sich das Mahl schmecken ließen, erzählte Hilde, dass sie noch zu Fräulein Oppermann müsse, um mit ihr auf dem Boden nach alten Englisch-Büchern zu suchen.
"Wie die Lage aussieht, werden wir uns wohl noch lange Zeit mit den Amerikanern einrichten müssen. Da ist es schon gut, wenn man sich mit einigen Sprachbrocken verständigen kann."
"Mutti, kann ich mit auf den Boden? Oh ja, bitte! Der Boden riecht so schön muffig und dann sind da so schöne alte Sachen, bitte nimm mich mit!", bettelte Lena.
"Na gut. Kommste eben mit."
"Ich geh dann mal zu Fritz, Mama", meldete sich Wolfgang.
"Ja, das kannst du. Aber vorher könntest du noch die Holzkiste auffüllen, ja?"
Hilde räumte den Tisch ab und begann, das Geschirr abzuwaschen. Ihr Küchentisch hatte eine doppelte Funktion: Er war Ess- und Abwaschtisch zugleich. Willy hatte Hilde zu Beginn ihrer Ehe diesen raumsparenden praktischen Tisch konstruiert: Die an der Breitseite herausziehbare zweite Tischplatte lief auf Schienen und hatte zwei zusätzliche Beine. In diese Platte hatte Willy für zwei große Abwaschschüsseln Löcher gesägt und sie eingepasst.
Während Wolfgang die Holzkiste auffüllte, goss Hilde das zuvor auf dem Herd erhitzte Wasser in die Abwaschschüsseln. Die rechte Schüssel diente dem Abwasch, die linke dem nachträglichen Spülen der Geschirrteile. Abwaschzeit war Wunschkonzertzeit. Hilde wusch ab und durfte sich ein Lied wünschen. Lena trocknete das Geschirr und sang aus dem breiten Repertoire der Schlager- und Operettenmelodien, die sich ihr aus dem Rundfunk eingeprägt hatten. Sie sang voller Hingabe aus voller Kehle. So wurde einer notwendigen ungeliebten Arbeit die Eintönigkeit genommen. Nur wenn es daran ging, die Töpfe abzutrocknen, verspürte Lena ein totales Drücken und Kneifen im Bauch und musste dringend aufs Klo. Sie hasste es, Töpfe abzutrocknen und kehrte erst zurück, wenn sie sicher sein konnte, dass die Töpfe abgetrocknet und im Schrank verschwunden waren.
"Oh, Mutti, bist ja schon fertig" flötete Lena erleichtert. "Wolln wir jetzt mit Fräulein Oppermann auf den Boden?"
"Na, klar. Sie wird sicherlich schon auf uns warten!"
Während Hilde und Fräulein Oppermann die großen Bücherschränke nach Englisch-Büchern durchforsteten, machte sich Lena an den Truhen zu schaffen und tauchte ein in die fantastische Welt modisch gekleideter Damen des vergangenen Jahrhunderts. Sie setzte sich ein Hütchen mit Gesichtsschleier auf, umwickelte ihren Körper mit einem Organzaschal und zog sich viel zu große Samthandschuhe an. Aus einer anderen Truhe kramte sie einen kleinen rosafarbenen, mit Rüschen verzierten Sonnenschirm heraus und schwang ihn über ihrem Kopf. In der Schublade einer Kommode waren unzählige Taschen aufbewahrt. Lena wählte einen mit Perlen bestickten Samtbeutel aus und fand sich unwiderstehlich schick gekleidet. Wie eine feine Dame aus vergangener Zeit. Stolz präsentierte sie sich den Damen der heutigen Epoche. Die waren höchst amüsiert über die festliche Verkleidung Lenas. Fräulein Oppermann fand im Bücherschrank Englischbücher verschiedener Schuljahrgänge, Wörterbücher und einige Biologiebücher, sowie einen dicken Band Brehms-Tierleben und gab sie Hilde.
"Da haben Sie erstmal ausreichend Englischbücher für ein Anfangsstudium. Mit Biologie und dem Tierleben werden sich die Kinder wohl erst später in der Schule beschäftigen. Aber Lena wird sich sicherlich schon jetzt gern die Bilder und Zeichnungen betrachten, ja?"
"Oh, ja! Das ist wunderbar! Da danken wir Ihnen sehr herzlich, Fräulein Oppermann!"
Lena war ganz versessen darauf, den Band Brehms-Tierleben zu tragen. Schon der Einband faszinierte sie: Goldene Jugendstil-Ornamente auf dunkelgrünem Leinen umrankten einen Löwenkopf mit prächtiger Mähne. Sie entledigte sich ihrer fantastischen Verkleidung und verstaute sie wieder in den Truhen. Vorsichtig griff Lena das kostbare Buch und trug es wie einen wunderbaren Schatz nach Hause.
, Prisoner Of War in Louisiana
Das Erstaunlichste, was die gefangenen Soldaten der deutschen Wehrmacht bei ihrer Ankunft in Amerika wahrnahmen: Keine zerbombten Städte, keine zerstörten Brücken und Eisenbahnschienen, keine zerborstenen Bäume. Es war Frieden und die Sonne schien auf das grüne fruchtbare Land. Die Menschen schienen ohne Not und satt zu sein. Schon auf den Schiffen wurden die Gefangenen neu eingekleidet. Ihre olivgrünen Baumwollhemden waren mit riesigen Buchstaben auf Rücken und Brust "POW" gekennzeichnet. Prisoner of War, für jeden sichtbar, für jeden erkennbar. Die Neuankömmlinge wurden auf Lastwagen verteilt und in Gebiete transportiert, in denen Arbeitskräfte gebraucht wurden. Die Lastwagen fuhren eine lange Strecke auf der Straße, die den Mississippi begleitete, durch Orangenplantagen und Baumwollfelder. Eine beeindruckende Vegetation für Menschen, die gerade der Hölle des Krieges entronnen waren. Das Ziel des Lastwagenkonvois, in dem sich auch Willy befand, war das Camp Ruston, ein Ort zwischen Bossier Citty und Monroe in Louisiana, eines der größten Kriegsgefangenenlager der USA. Das Camp war mit großem Hospital, Großküche, Wäscherei und Veranstaltungsräumen bestens auf die Gefangenen vorbereitet. Trotz guter Organisation der amerikanischen Behörden machte sich eine gewisse Unruhe unter den Gefangenen breit. Sie wussten nicht, was mit ihnen vorgesehen war, weil sie aus Unkenntnis der Sprache die Aussagen und Anordnungen der amerikanischen Offiziere nicht verstanden. Um die Problematik halbwegs in den Griff zu bekommen, ordneten die Amerikaner an, dass Deutsche, die des Englischen mächtig seien, ihre Kameraden nach getaner Arbeit in Kursen zu unterrichten hätten.
Die englisch sprechenden Gefangenen, zumeist Offiziere, fungierten tagsüber als Dolmetscher für ihre Kameraden. So gab es bei den Anweisungen der amerikanischen Offiziere weniger Komplikationen. Ein Teil der Gefangenen wurde in den Versorgungseinrichtungen eingesetzt. Willy wurde als Pfleger in dem Lagerhospital beschäftigt. Sein unmittelbarer Vorgesetzter auf der Krankenstation war deutscher Sanitätsoffizier, ebenfalls POW, der den Anordnungen der amerikanischen Chefärzte Folge zu leisten hatte. Willy war bei seinen Vorgesetzten und den Kranken der Station wegen seines offenen Wesens sehr beliebt. Sie nannten ihn Billy.
Der überaus größte Teil der Kriegsgefangenen wurde zur Ernte auf den Baumwollfeldern herangezogen. Es war der schwierigere Part der Arbeitseinsätze. Die Gefangenen waren auf den großflächigen Baumwollfeldern der Südstaaten der Glut der Sonne ausgesetzt. Sie schufteten bis zur völligen Erschöpfung unter strenger Bewachung amerikanischer Soldaten. Die Entlohnung der Gefangenen für einen Arbeitstag betrug 80 Cent, die größtenteils für alkoholfreie Getränke, Zigaretten und Leckereien ausgegeben wurden. Die Kantine war bestens bestückt.
Das Lager Ruston entwickelte unter einem sehr entgegenkommenden amerikanischen Lagerkommandanten ein lebhaftes kulturelles Leben. Es wurden Operetten- und Theateraufführungen veranstaltet. Auch war das Freizeitangebot an weiterbildenden Kursen, ob in der amerikanischen Sprache oder anderer Interessensrichtungen immens. Willy hatte sich in der Lagerbibliothek Bücher über Insekten, ganz speziell über Bienenzucht, beschafft. Die Staaten bildenden Immen übten schon in seiner frühen Kindheit eine Faszination auf ihn aus. Wenn er abends nach arbeitsreichem Tag erschöpft auf sein Feldbett sank, malte er sich aus, an einem lauen Sommerabend in seiner Heimat in Gilzum im Garten bei seinen Bienenvölkern zu sitzen. Um ihn herum Bienensummen und Blumenduft. Hilde und die Kinder in der Nähe. In einer Kladde hatte er Aufzeichnungen über die Biologie der Bienen, über die Aufzucht und über die Honiggewinnung gemacht. Aber noch war die Heimat weit. Willy hatte keine Vorstellung, wie die Familie wohl jetzt leben würde, nachdem die Welt in Scherben lag. Gleich nach der Ankunft in Amerika benutzte er einen der Faltbrief-Vordrucke, die im Postoffice des Lagers auslagen, um an Hilde ein Lebenszeichen auf den Weg zu bringen. Offensichtlich war sein Brief nicht angekommen. War die Post fehlgeleitet worden? Gab es die Adressatin Hilde nicht mehr in Gilzum? Geflohen vor der anrückenden Armee? Die Ungewissheit machte ihn ganz krank. Willys Sehnsucht machte ihm das Herz schwer. Er hatte in Erfahrung gebracht, dass die Post der Kriegsgefangenen einer strengen Zensur unterlag und über das General Postoffice in New York geleitet wurde. Hier konnte es passieren, dass vom U.S. Censor ganze Passagen der Briefe oder der Postkarten geschwärzt wurden, bevor sie weitergeleitet wurden. Willy blieb ohne eine Nachricht von Hilde.
Die Besatzer
Beim ersten Durchblättern der Englisch-Bücher stellte Hilde fest, dass viele englische Worte den gleichen Ursprung wie die plattdeutschen Begriffe zu haben schienen. Die Vokabel Wasser hieß zum Beispiel im Plattdeutschen wie im Englischen "Water". So fasste Hilde für sich den Entschluss, bei Verständigungsschwierigkeiten mit den Amerikanern einfach plattdeutsch zu sprechen. Sie ahnte nicht, dass ihre begrenzten Sprachkenntnisse schon bald zum Einsatz kommen würden.
Eine große Einheit aus der 9. Armee der amerikanischen Streitmacht fiel in Gilzum ein. Die erste Bestandsaufnahme der amerikanischen Offiziere über die dörflichen Strukturen gestaltete sich zunächst schwierig, da das Bürgermeisteramt verwaist war. Lediglich das Postamt war noch funktionstüchtig. Rosa Meier, eine gewissenhafte kleine Postbeamtin, war bestens vertraut mit allen Geschehnissen und Zusammenhängen dörflichen Lebens und gab den Besatzern bereitwillig Auskunft. So geschah es, dass der plötzlich aus dem Gefängnis Wolfenbüttel entlassene Albert Bachmann zum kommissarisch eingesetzten Bürgermeister Gilzums avancierte. Er galt unter den Nationalsozialisten als politisch unzuverlässig, kränkelnd und arbeitsscheu. Sein Arbeitseifer wuchs jedoch mit den neuen Verwaltungsaufgaben. Gilzum war ein kleines Dorf mit überschaubarer geschrumpfter Einwohnerzahl. Abgesehen von den sehr alten Männern und den Zwangsarbeitern gab es nur noch wenige männliche Bewohner. Viele waren über Nacht verschwunden, die meisten waren in Kriegsgefangenschaft, einige galten als vermisst.
Die amerikanischen Offiziere beschlossen, den Gutshof der Elise Oppermann als Hauptquartier einzurichten. Die Anordnung des Captains lautete: Auszug der Bewohner des Hofes. Lediglich die Mitnahme von Kleidung, notwendigem Hausrat sowie Betten und Bettwäsche wurden erlaubt. Die Unterbringung von Elise Oppermann, Hilde und den Kindern wurde in die Hände des Bürgermeisters gelegt. Hilde und den Kindern wies er ein Zimmer mit einer kleinen Kammer im Haus des Nachtwächters Pielecken zu und Elise Oppermann brachte er im Haus des Bauern Cramer unter.
Die wenigen Habseligkeiten waren schnell zusammen geräumt. Das Ehebett von Hilde und Willy, in dem Hilde mit den Kindern wohl zunächst würde schlafen müssen, wurde auseinander genommen, die sechs dazugehörigen Matratzenteile übereinander gestapelt und die unter dem Bett verstaute Märklin-Eisenbahn daneben gestellt. Wolfgang hatte darauf bestanden, seine Eisenbahn mitzunehmen. Für diese sperrigen Bett- und Matratzenteile würde Hilde wohl Hilfe organisieren müssen. Spontan fiel ihr der Landarbeiter Stanislaus Prokop ein, zu dem sie immer einen guten Draht gehabt hatte. Hilde hatte ihm oft von den immer weniger werdenden Ernteerträgen ihres Gartens Kürbisse oder Zwiebeln geschenkt. Stanislaus Prokop wohnte gegenüber dem Gehöft der Landgrewes. Hilde hoffte sehr, dass sie ihn trotz der ganzen Wirrnisse der letzten Tage antreffen würde und beschleunigte ihre Schritte. Wolfgang und Lena folgten ihr auf dem Fuße.
"Mutti, renn' doch nicht so schnell, ich muss dich was Wichtiges fragen! Was wird denn nun aus unseren Tieren?"
"Ach, Wölfchen, wir werden fragen, ob sie im Stall bleiben und wir sie immer füttern dürfen. Da wird schon eine Lösung gefunden werden. Aber erst mal müssen wir dafür sorgen, unsere Sachen zu Pieleckens abtransportieren zu können!"
Als sie am Spritzenhaus vorbei kamen, sahen sie Stanislaus Prokop aus seinem Schuppen kommen. Er winkte ihnen freundlich zu. Hilde winkte zurück.
"Tach, Herr Prokop. Gut dass wir sie treffen. Ich glaube, ich brauche ein paar kräftige Hände, die zupacken können. Wir müssen für die amerikanischen Offiziere unsere Wohnung verlassen und dürfen nur Betten, Hausrat und Kleidung mitnehmen. Könnten sie uns bitte helfen? Ich werde die schweren Betten und Matratzen mit den Kindern allein nicht schleppen können!"
"Da, Frau, da da! Helfen gerrne. Du immerr gutte Frau zu uns! Wohin Betten und andre Sachen?"
"Zum Nachtwächter Pielecken und seiner Tochter. Wir kriegen da erst mal zwei Zimmer."
Drei Fuhren mit hochbeladenem Handwagen waren bereits in die neue Unterkunft transportiert worden. Nachtwächter Pielecken und seine Tochter hatten ein größeres und ein kleineres Zimmer für Hilde und die Kinder vorbereitet. Im größeren Raum befand sich ein altes Sofa, ein geräumiger Schrank, in dem Kleidung und Haushaltsgeschirr untergebracht werden konnte und ein Tisch mit drei verschiedenen Stühlen. Die Betten wurden im kleineren Zimmer aufgestellt. Es war ein sehr kleiner Raum, so dass das Ehebett den ganzen Raum ausfüllte und nur von einer Seite bestiegen werden konnte. Die Küche durfte von Hilde mit benutzt werden.
"Wi künnt üsch ja awsprääken, wer in de Köke tauerst kooken mott. Datt is allns kaan Maleur, Hilde." Die jüngferliche Tochter Pieleckens schaute Hilde aus freundlichen graugrünen Augen an und tätschelte ihr wohlwollend die Schulter. Sie hatte ihre dünnen dunklen Haare, die schon leicht ergraut waren, zu einem winzigen Knoten am Hinterkopf zusammengesteckt. Ihr Teint war immer etwas gelblich, was ihr ein kränkliches Aussehen verlieh. Die Pieleckens lebten sehr zurückgezogen. Der einzige dörfliche Kontakt, den Pielecken als Nachtwächter pflegen musste, war nun nicht mehr nötig. Es gab keine Verdunkelungspflicht mehr, deren Einhaltung kontrolliert werden musste. Es war Frieden im Land, doch Chaos, Hunger und Elend waren die wahren Herrscher des zerschlagenen "Reiches".
Die amerikanischen Soldaten kontrollierten nur flüchtig, was aus der Wohnung getragen und abtransportiert wurde. Vor dem großen alten Hoftor waren zwei Wachsoldaten postiert, die Maschinengewehre geschultert hatten. Lena stellte sich vor die Soldaten, betrachtete sie sehr eingehend und stellte fest, dass einer der Soldaten lustige schwarze Augen hatte und eine sehr braune Hautfarbe. So braun, ja nahezu schwarz, wie sie sie noch nie gesehen hatte.
"Mutti, warum haben die Soldaten denn weiße Helme auf? Und warum hatt'n der eine so'n braunes Gesicht?"
"Ich glaube, die haben weiße Helme auf, weil sie dann sofort als Militärpolizisten erkannt werden können. Und zu deiner anderen Frage: In Amerika leben Menschen mit allen nur möglichen Hautfarben. Von rot, weiß, hellbraun, dunkelbraun bis gelb. Das ist in Amerika so, also ganz normal. Haben wir nun nichts vergessen, was wir in der nächsten Zeit noch dringend benötigen werden, Kinder? Denkt mal nach."
"Das Radio und den kleinen Koffer mit den Papieren, Mutti", meldete sich Wolfgang und beeilte sich, die existentiell wichtigen Utensilien aus der Wohnung zu holen.
"Ich will noch meinen Teddy und den Puppenwagen mitnehmen", tönte Lena und flitzte wieder zurück in die Wohnung. Sie stopfte noch ihr Buntstiftkästchen und das Malheft unter das Kopfkissen des Puppenwagens und verließ sehr zufrieden die Wohnung.
"Kinder, ich hab eine Idee, wie wir das Problem mit Mümmi und den Meerschweinchen lösen könnten. Wenn wir unsere Sachen bei den Pieleckens untergebracht haben, schnappt ihr die beiden Körbe und pflückt Futter hinter der Scheune. Dann zeigt ihr den Wachsoldaten eure gefüllten Körbe und führt sie in den Stall zu den Tieren. Dafür braucht man, glaube ich, keine großen Worte, um euer Vorhaben zu erklären."
Hildes Idee mit den Futterkörben war genial. Wolfgang hatte sich im Wörterbuch einige Vokabeln angeschaut und auf einen Zettel geschrieben. Nun konnte nichts mehr schief gehen. Die Kinder liefen mit ihren gefüllten Körben auf die Wachsoldaten zu. Wolfgang griff beherzt in die Kräuter und ließ sie wieder in den Korb rieseln.
"Food for our animals", sagte er, den Soldaten freundlich angrinsend. Ein Soldat blieb bei den Kindern, der andere Wachposten verschwand im Haus und kam zurück mit seinem Captain. Der lächelte die Kinder wohlwollend an.
"Okay, it's time for supper now."
Der Captain war ein Mann von kleiner Statur. Er hatte einen blonden Bürstenhaarschnitt und freundliche blaugraue Augen. Sein Kinn zierte ein tiefes Grübchen, das auf Lena ganz besonders beeindruckend wirkte. Die Kinder fütterten ihre Tiere und sahen ihnen noch eine Weile beim Mümmeln zu. Sie waren heilfroh, dass das so gut geklappt hatte. Das tägliche Füttern schien kein Problem mehr zu sein. Sie verabschiedeten sich von den Wachsoldaten, die ihnen "good by" hinterher riefen.
Hilde war dabei, ihre Notunterkunft etwas wohnlich herzurichten. Sie verstaute die wenigen Dinge des täglichen Bedarfs im Schrank und betrachtete prüfend den Wohnraum. Blumen, es fehlen einfach noch Blumen. Sie klopfte bei Pieleckens an die Küchentür und wurde hereingebeten. Fräulein Pielecken saß am Küchentisch und trank einen Tee.
"Wüllt sai ook'n Tee, Hilde?"
"Nee, machen sie sich mal keine Umstände, Fräulein Pielecken. Ich will gleich mit den Kindern Abendbrot essen und Tee trinken. Sie müssten eigentlich jeden Augenblick kommen. Wolfgang und Lena wollten versuchen, unsere Kaninchen und Meerschweinchen zu füttern. Ob die Amerikaner sie zum Füttern in den Stall lassen, muss sich erst noch zeigen. Na, wird schon alles schief gehen!"
"Ick glööw woll, datt datt gut geit! Wenn ick saii noch mit watt helpen kann, mösst saii mick dat seggen, Hilde!"
"Ja, wäre schön, wenn sie für mich eine kleine Vase hätten? Ich hab gesehen, dass am Schuppen im Hof der Jasminstrauch blüht. Würd' ich mir gern einen kleinen Strauss pflücken und ins Zimmer stellen. Braucht keine Vase zu sein, ein Einmachglas würde auch reichen."
Fräulein Pielecken ging zum Küchenschrank, holte eine bauchige Kristallvase und reichte sie Hilde.
"Vielen Dank auch. Ich wollte mich auch noch dafür bedanken, dass sie und ihr Vater uns so freundlich aufgenommen haben. Das ist in diesen Zeiten nicht so selbstverständlich!"
"Is' schon gout, Hilde. Maakt wie doch geern!"
Hilde beeilte sich, den süß duftenden Jasmin zu pflücken und damit den Esstisch zu schmücken. Es war nicht einfach, sich darauf einzustellen, den eigenen Tagesrhythmus dem der Mitbewohner anzupassen. Sie hatte sich schon von Fräulein Pielecken verabschiedet und musste doch nochmals in die Küche, um für sich und die Kinder das Abendbrot zuzubereiten. Hilde nahm Maisbrot, Butterschmalz und die Teedose aus dem Schrank und klopfte also erneut an die Küchentür. Sie wurde hereingebeten. Auf dem Herd simmerte bereits der Wasserkessel. Der Pefferminztee war schnell zubereitet. Hilde schnitt einige Scheiben Maisbrot, beschmierte sie dünn mit Butterschmalz und legte sie auf einen Essteller. Morgen würde sie wieder Kräuter im Haus haben, heute müssen Maisbrot mit Fett und Salz genügen.
Die Abenddämmerung brach herein und gab dem Zimmer eine fast gespenstische Aura. Alles war noch so fremd. Hilde wartete sehnsüchtig auf ihre Kinder und schaltete das Radio an, um der Stille und Fremdheit etwas entgegen zu setzen. Es war schier unmöglich, einen Sender klar einzustellen. Letztlich entschied sie sich für einen, der einigermaßen gut zu empfangen war und ernste Musik ausstrahlte. Es unterstrich ihre Gemütslage.
Plötzlich gewahrte sie Kinderstimmen, es waren die ihrer Kinder. Gott sei Dank! Endlich! Wolfgang und Lena kamen ins Zimmer gestürmt und verkündeten, dass die Fütterung der Tiere ohne Probleme abgelaufen sei und die Soldaten sehr nett seien! Sie schnatterten aufgeregt wie die Enten und fast zugleich.
"Mein Gott, bin ich froh, dass ihr wieder hier seid! Nun esst erst mal. Morgen werde ich für kurze Zeit Frau Landgrewe helfen. Is' ja noch keine Schule und kein Kindergarten, da müsst ihr auf euch alleine aufpassen und morgens und mittags die Tiere füttern. Lena, wir beide gehen in den Garten, wenn ich von Frau Landgrewe komme. Wölfchen, tu mir bitte den Gefallen und bring mir Hacke, Spaten und Harke mit, wenn ihr die Tiere füttern geht? Du weißt ja, wo die Gartengeräte im Stall sind, ja?"
"Klar, Mama, mach dir mal keine Sorgen, kannst ruhig arbeiten gehen. Wir werden schon alles richtig machen! Morgen früh werden wir erstmal die Tiere füttern."
"Mach, wie du denkst. Aber vergiss mir die Gartengeräte nicht, ich habe mir viel vorgenommen für morgen!"
Die Drei verbrachten eine unruhige Nacht. An die Enge des kleinen Zimmerchens, die neuen Gerüche und fremden nächtlichen Geräusche mussten sie sich erst gewöhnen. Offensichtlich hatte sich Nachtwächter Pielecken noch nicht darauf eingestellt, nachts im Dorf nicht mehr nach dem Rechten sehen zu müssen. So polterte er in der Nacht vom Schlafzimmer in die Küche, dann fiel irgendetwas in der Stube zu Boden. Offenbar fiel es ihm genau so schwer, wie Hilde und den Kindern, sich mit der neuen Wohn- und Arbeitssituation zurecht zu finden.
Die neuen Mitbewohner waren die Ersten in der Küche am Waschbecken. Das Becken glich eher einer großen Wasserstelle. Es bestand aus Sandstein, war groß und breit im Fußboden eingelassen und war von einer Größe, dass sich Hilde und die Kinder gleichzeitig waschen konnten.
"Weiß einer von euch, wo ich die Zahnbürsten hin sortiert habe?"
"Ich glaube, die ham' wa vergessen, Mama. Is' doch nich' schlimm! Nehm' wa mal die Finger. Bisschen Salz rauf un gewienert, fertig."
"Is' ja nich' so toll, Wolfgang, aber nicht zu ändern."
"Wenn wir nachher unsere Tiere gefüttert haben, geh ich mit Lena in unsere Küche und hole unser Zahnputzzeug. Werden die Amis ja wohl nichts gegen haben!"
"Ihr könnt's ja versuchen."
Hilde beeilte sich, Feuer im Herd zu machen und Wasser aufzusetzen. Sie wollte mit dem Frühstück fertig sein, bevor die Pieleckens aufstehen würden. Es war ein mehr als bescheidenes Frühstück. In Ermangelung von Milch und Zucker gab es heute kein Eingeflocktes, sondern Pfefferminztee pur und Maisbrot.
"Also, Kinder, ich werde heute dafür sorgen, dass einige Lebensmittel für uns in Pileckens Speisekammer gestellt werden können. In dem Wohnzimmerschrank in unserem Zimmer scheinen sie mir nicht gut aufbewahrt zu sein. Brot und Butter neben dem Geschirr, der Wäsche und Bekleidung! Is' nich' so gut! Mal sehn, was Frau Landgrewe heute für uns erübrigen kann. Dann geh' ich auch noch zum Bäcker. Und Lena, du kannst ja mal kucken, ob du wilden Schnittlauch findest. Ich glaube, am Schlehenbusch hinter der Scheune wächst welcher. Wenn du mit Wolfgang Grünfutter holst, kannst Du ja gleich mal kucken."
Die Drei verließen das Haus, als die Pieleckens noch schliefen. Auf der Straße kamen ihnen Militärfahrzeuge entgegen, kleine Jeeps und große Transporter, auf denen sich Soldaten befanden. Die Soldier unterhielten sich laut und lebhaft ausgelassen, sie winkten Hilde und den Kindern im Vorbeifahren zu. Die amerikanischen Besatzer hegten offensichtlich keinen Groll gegen die Dorfbewohner.
Vor dem Gehöft der Landgrewes trennten sich Hilde und die Kinder. Wolfgang nahm Lena an die Hand und sie bogen schnellen Schritts in die Kirchstraße ein. Die beiden Wachsoldaten gewahrten sie schon von weitem.
"Good morning!" rief ihnen Wolfgang zu und Lena ahmte es ihrem Bruder nach. Die Soldiers erwiderten erfreut den Morgengruß. Wolfgang hielt im Vorbeigehen seinen Korb in die Höhe, um zu signalisieren, dass sie gleich mit Futter zurück kämen, um die Tiere zu versorgen.
Die täglichen Fütterungen führten zu einer gewissen Vertrautheit zwischen den Kindern und den amerikanischen Soldaten. Häufig stattete Lena dem Captain einen kurzen Besuch ab, während Wolfgang die Tiere versorgte. Die Küche hatte für Lena jetzt etwas aufregend Fremdes. Selbst die sonst so vertrauten Gerüche aus dem Kochtopf erlebte sie als etwas völlig Neues. Auch sah sie das erste Mal einen Koch von dunkler Hautfarbe am Herd hantieren. Neugierig schaute sie in den Topf und sah dunkelbraune Fleischstückchen, rote Bohnen, Möhrenscheiben und kleine Zwiebelchen, die in einer sämigen rotbraunen Soße schwammen. Es roch einfach wunderbar!
"Mmm, das riecht lecker!" strahlte Lena den Koch an. Der sah in ihr begeistertes Gesicht und lachte, dass sein dicker Bauch tanzte. Er rückte Lena den Stuhl zurecht und machte ihr gestikulierend klar, dass sie sich setzen solle. Entgegen der früheren Sitzordnung saß sie heute auf Wolfgangs Platz, auf ihrem Stuhl saß der Captain und vor dem Tisch nahm Sam, der Koch, den Platz von Hilde ein. Der Tisch wurde von Sam für drei Personen gedeckt. Erstaunt betrachtete Lena das Besteck. Eine Löffelgabel oder ein Gabellöffel? Sie war unschlüssig, welche Seite sie zum Essen benutzen sollte. Lena entschied sich für die Löffelseite. Jedenfalls ganz praktisch, brauchte man nur ein Stück abwaschen. Als Sam sah, mit welchem Appetit Lena aß, strahlten und blitzten seine schwarzen Augen. Auch der Captain betrachtete Lena wohlwollend. Ihre Lebhaftigkeit erinnerte ihn sehr an seine kleine Tochter, die er schon so lange nicht mehr gesehen hatte. Verdammter Krieg!
Der Captain stand auf, holte aus einer Kiste, die auf dem Flur stand, eine große Apfelsine. Er nahm ein kleines Küchenmesser und schälte die Frucht vor den erstaunt geweiteten Augen Lenas wie eine Kartoffel. Die abgeschnittene Apfelsinenschale glich einer orangefarbenen Spirale. Der Captain zerteilte die Frucht und reichte Lena eine Spälte.
"Do you like oranges, Blondy?" Lena war sich sicher, dass er was Nettes gefragt hatte, wenngleich sie die Worte nicht verstand und nickte freudig mit dem Kopf. Sie biss in die Frucht und war überwältigt. Süß, saftig und säuerlich zugleich! Lecker! Das muss ich Mutti erzählen. Lena hatte es plötzlich sehr eilig, in ihr neues Domizil zu kommen. Sie stand auf und verabschiedete sich gekonnt in amerikanisch: "Bye-bye!"
Hilde und Wolfgang waren schon zu Hause, als Lena ins Zimmer gestürmt kam. Die Ereignisse des Tages waren für Lena so überwältigend, dass ihre Berichterstattung ungeordnet chaotisch aus ihr heraus sprudelte.
"Ich brauche heute gar nichts mehr zu essen, ich habe schon Bohnensuppe mit ganz viel Fleisch und Mohrrüben gegessen. Und zwar mit einem Gabellöffel. Lecker, lecker, lecker!"
Wobei sie den Begriff Gabellöffel besonders betonte.
"Und zum Nachtisch hat mir der Captain eine Rosine geschenkt. Ich sage nur noch eins: Saftig, lecker!"
"Da ist's dir ja heute richtig gut ergangen, Puttchen. Aber du musst mir noch mal erklären, was um Himmels Willen ein Gabellöffel ist? Und mit der Rosine kann ich auch nichts Rechtes anfangen!"
"Also, pass auf, Mutti. Ein Gabellöffel hat oben eine Gabel und unten einen Löffel, dazwischen ist der Griff. Das ist ganz schön praktisch, weil man dann nur ein Teil abwaschen muss! Und die Rosine ist so groß, wie'n Apfel, ganz orange, nur viel viel saftiger!"
"Dann war's keine Rosine, Lena," stellte Wolfgang fest.
"Was immer es sein mochte, wir werden das Rätsel der Frucht bestimmt irgendwann lösen!So, Kinder, ich hatte heute auch einen guten Tag. Wir haben wieder etwas mehr zu essen, als in den vergangenen Tagen. Brot, Mehl, Eier, Milch und Kartoffeln habe ich in der Speisekammer Pielekens untergebracht. Wenn ihr morgen Futter für unsere Tiere holt, könnt ihr ja für uns junge Brennnesselblätter sammeln. Dann mach ich uns mal wieder Spinat mit Bratkartoffeln."
In den folgenden Tagen arbeitete Hilde fast täglich einige Stunden im Garten der Landgrewes. Das hatte den Vorteil, dass sie nun auch für den eigenen Garten Steckzwiebeln, Pflanzkartoffeln und wertvolles Saatgut, wie weiße Buschbohnen und Erbsen, in kleinen Mengen zur Entlohnung erhielt. Die Zukunft schien allmählich ihre Düsternis zu verlieren. Die Chancen für ein Überleben im Chaos des zerschlagenen "Reiches" schien für Hilde und die Kinder möglich zu werden. Sie war zutiefst dankbar und froh, dass die Kinder und sie zusammen waren und sie ein inniges Band umschlang. Wie unendlich viele Familien wurden auseinander gerissen! Unzählige Kinder wurden Waisen! Grausam viele Menschen starben auf der Flucht!
Der Captain der in Gilzum stationierten amerikanischen Einheit hielt sich nicht an die Richtlinien, die der Oberbefehlshaber der US-Truppen in Deutschland, Dwight D. Eisenhower, angeordnet hatte: Ein jeglicher Kontakt der amerikanischen Soldaten zur deutschen Bevölkerung sei zu unterbinden. Der Befehl lautete: Es besteht absolutes Fraternisierungsverbot! Der Captain strebte zwar keine Verbrüderung mit den Dorfbewohnern an, doch hegte er keine Rachegelüste und hatte ein freundlich zugewandtes Wesen. Ganz besonders hatte er Lena ins Herz geschlossen, die ihn immer wieder an seine Tochter erinnerte. Sie wurde von den Soldaten Blondy genannt.
Hilde sah es mit zwiespältigen Gefühlen, dass Lena fast täglich auf dem Gutshof war und von Sam dem Koch des Captains mit warmen Mahlzeiten versorgt wurde. Als Lena eines nachmittags mit frisch gewaschenem und gebügeltem Kleid nach Hause kam, machte sie sich große Sorgen, dass da etwas aus dem Ruder laufen könnte.
"Na, sag mal Puttchen, dein Kleid war doch heute Morgen schon etwas schmuddelig und jetzt ist es sauber und gebügelt, wie ist das denn möglich?"
"Ich bin im Hof in den Schmodder gefallen. Der Captain war bei den Soldaten am Panzer und ich wollte ihm entgegen laufen. Bin ich auf den Panzer-Rillen ausgerutscht und lang hingefallen. Der Captain hat dann den Sam gerufen. Sam hat mich in unsere Küche getragen und den Dreck mit einem Messer vom Kleid geschabt. Dann hat er's gewaschen und trocken gebügelt, fertig!"
"Du machst Sachen, Lena! Hättest doch gleich nach dem Malheur nach Hause kommen können!"
"Du warst doch noch bei Frau Landgrewe und nun brauchst du das Kleid nicht mehr waschen. Is doch gut, oder?"
Dem hatte Hilde nichts entgegen zu setzen. Dennoch hatte sie einfach Angst, dass Lena in ihrer vorwitzigen und unbekümmerten Art etwas zustoßen könnte. Als Lena schon ins Bett gegangen war, nahm sie Wolfgang das Versprechen ab, dass er noch mehr auf seine Schwester aufpassen solle.
"Ja, Mama, mach ich. Wenn ich morgen Nachmittag unsere Tiere gefüttert habe, werde ich Lena einfach abholen. Und falls ich dann noch zu Fritz gehe, kann sie dir ja im Garten helfen, wenn du von Frau Landgrewe kommst, oder?"
"Das is' 'ne gute Idee, Wölfchen. So könn' wir's machen. Und jetzt gehen wir auch ins Bett, ich bin zum Umkippen müde!"
"Mama, is' dir eigentlich aufgefalln, dass heute unsere Schwalben eingetroffen sind?"
"Nein, Wolfgang."
"In Landgrewes Kuhstall müssten doch auch welche angekomm' sein. Im Kuhstall von Fräulein Oppermann ham' se ihre alten Nester wieder belegt, obwohl's da keine Kühe mehr gibt, also auch keine Fliegen."
"Also die Ankunft unserer Glücksbringer hab ich glatt verpasst! Mein Gott, ist das schön, dass sie wieder im Dorf sind! Das ist ein wunderbares Omen! Morgen werd' ich darauf achten, ob sie auch in den Stall der Landgrewes eingezogen sind."
Am darauf folgenden Morgen wurde Lena von einem Witt-witt-witt geweckt. Sie glaubte ihren Ohren nicht trauen zu können! Sie turnte über die noch Schlafenden, sprang aus dem Bett und rannte barfuß und im Nachthemd auf den Flur. Sie riss die Haustür auf und spähte den Himmel ab, den die Sonne in ein rotgoldenes Licht getaucht hatte. Lena hörte das Zwitschern und sah den munteren Flug der Rauchschwalben. Sie war erregt und glücklich zugleich und beeilte sich, wieder in die Schlafkammer zu kommen.
"Mutti, Wolfgang, schnell! Wacht auf! Unse' Schwalben sind wieder hier!"
Wolfgang rieb sich den Schlaf aus den Augen.
"Hab' ich gestern schon gesehen, Lena! Toll, nich'? "
"Eine gute Nachricht am frühen Morgen, Puttchen. Dann woll'n wir uns mal schnell waschen, anziehen und die Schwalben im Hof gebührend begrüßen."
Die Ankunft der Rauchschwalben schien eine hoffnungsfrohe Veränderung der Dorfbewohner zu bewirken. Es war, als ob die Frühlingsboten die Menschen aus tiefer Lethargie gerissen und verzaubert hätten. Beim Anblick der in Formationen fliegenden Schwalben hellten sich ihre versteinerten Gesichter auf und ein Lächeln huschte über ihre Züge. Erst jetzt wurde ihnen bewusst, dass Bäume und Sträucher sich mit zartem Grün geschmückt hatten und die Frühlingsblumen den Bienen ihre Kelche entgegen reckten.
Die Gegenwart der amerikanischen Soldaten war Garant für tiefe gesellschaftliche Veränderungen. Hier in diesem kleinen Dorf und rings um im Land. Der Krieg war zu Ende. Mit der Anwesenheit der Besatzer und dem Bewusstwerden dieser verzaubernden Frühlingszeit wurde der Weg frei für eine bessere Zukunft trotz der gegenwärtigen Versorgungsengpässe.
Hilde hoffte, dass sie heute etwas früher in ihrem eigenen Garten tätig werden könnte. Sie verabschiedete sich von ihren Kindern und verschwand im Haus der Landgrewes. Wolfgang und Lena begaben sich auf Futtersuche hinter der Scheune.
"Wolfgang, ich kümmere mich mal um die Brennnesseln fürs Abendessen, ja?"
"Ja, is in Ordnung. Wir beeilen uns mal. Ich möchte nach dem Füttern noch zu Fritz, ja?"
"Kannst'e ja. Ich gehe dann erst mal zu Sam. Vielleicht kann ich ihm beim Kochen helfen, okay? "
Lena fand es total schick, einige Brocken in amerikanischer Sprache einzuflechten, die sie aufgeschnappt hatte. Sam sagte fast hinter jedem seiner Sätze fragend "okay?".
Die Kinder beeilten sich, die Tiere zu versorgen. Es war ein Ritual, nach dem Füttern die Tiere einzeln und nacheinander auf den Arm zu nehmen und zu streicheln. Während die Kaninchen nur stumm ihre Näschen flink auf und nieder bewegten, ließen die Meerschweinchen ein zufriedenes und lautes "Muck, Muck, Muck" ertönen.
Sam strahlte, als Lena in der Küche erschien und rückte ihr sofort den Stuhl zurecht. Er summte eine Melodie und schnitt, am Küchentisch sitzend, Zwiebelringe. Lena glaubte, die Melodie schon mal gehört zu haben und summte mit Sam gemeinsam. Das begeisterte Sam. Es beflügelte ihn, das Lied aus seiner Heimat zu singen:
"Okay, Blondy, come on, sing with me!" Sam sang betont langsam und eindringlich ermunternd:
Lena hörte angestrengt und aufmerksam zu. Sie versuchte, die Wortlaute von den Lippen abzulesen. Sam wiederholte sein "Oh, Susanna" wieder und wieder bis Lena begann, es vorsichtig mitzusingen. Sie sang, ohne den Inhalt wirklich zu verstehen. Es klang für Lena lustig und sie sang mit Spaß im Tempo, das Sam vorgab. Die erste Strophe sang Sam allein, den Refrain sangen sie gemeinsam. Plötzlich öffnete sich die Küchentür und der Captain erschien.
"Oh Blondy, nice to see you! And nice to hear you!"
"Hi, Captain!"
Lena strahlte ihn an. Sam beeilte sich, das Essen für seinen Captain fertig zuzubereiten. Das schon vorbereitete zerkleinerte Gemüse und den in Streifen geschnittenen Schinken briet er in einem großen tiefen Topf an, löschte das Ganze mit Milch ab und ließ alles einige Minuten köcheln. Er verquirlte vier Eier und legierte das Gemisch im Topf. Ein köstlicher Essensduft verbreitete sich in der Küche. Jetzt vermengte er die bereits vorgekochten Makkaroni mit dem Gemüse-Schinken-Gemisch und ließ alles nochmals aufkochen.
"Sit down, Blondy!"
Sam schöpfte eine große Portion auf Lenas Teller.
"Have a good appetite, Blondy!"
Das verstand Lena. Sie aß mit großem Appetit mal mit der Gabel, mal mit der Löffelseite des Essgerätes. So einen leckeren "Eintopf" hatte sie noch nie gegessen. Den so köstlich schmeckenden Schinken kannte sie nur aus Erzählungen Wolfgangs. Als Dessert schälte der Captain für jeden eine Orange. Lena verputzte die Orangenspälten, dass ihr der Saft am Kinn herunterlief. Der Captain und Sam betrachteten Lena wohlwollend und amüsiert. Plötzlich war ein zaghaftes Klopfen an der Küchentür zu hören.
"Come in!"
Zögernd wurde die Küchentür geöffnet und Wolfgang trat ein. Er grüßte und suchte sofort Blickkontakt zu Lena.
"Lena, du sollst gleich zu Mama in'n Garten kommen, du sollst ihr da helfen."
"Sofort, ich muss mir nur noch den Saft abwischen!"
Jetzt gewahrte Wolfgang die Apfelsinenschalen auf dem Tisch. Seine Augen wurden größer und größer. Der Captain verschwand kurz auf den Flur, holte zwei Orangen aus der Kiste und drückte sie Wolfgang in die Hände.
"It's for you!"
"Siehste Lena, das sind Apfelsinen und keine Rosinen, wie du's gedacht hattest!"
Sam tätschelte Wolfgang die Wange und schaute ihn freundlich an.
"Waite a minute, Boy!"
Er holte die große Suppenterrine aus dem Wohnzimmerschrank, füllte die Reste des Makkaroni-Gerichts in die Terrine und reichte sie Wolfgang.
"It's for you und your mother!"
Wolfgang reichte Lena schnell die beiden Orangen und ergriff hocherfreut die Suppenschüssel.
"Oh, thank you! Thank you!"
"Okay, it's okay!"
Die Kinder verabschiedeten sich und brachten die Schüssel wie einen kostbaren Schatz nach Hause. Wolfgang stellte sie in das Regal der Speisekammer und Lena brachte die Apfelsinen ins Wohnzimmer.
"Du, Lena, ich lauf dann mal zu Fritz und du sollst ja Mutti helfen, okay?"
"Is' gut, mach ich. Sag mal Wolfgang, meinst du, Mutti freut sich über die leckeren Schinkennudeln? Dann braucht sie doch heute nicht mehr kochen, oder?"
"Ich glaube schon. Sind doch so gute Sachen im Essen. Sachen, die wir gar nicht kaufen können!"
Als Lena im Garten erschien, hatte Hilde schon eine große Fläche flach umgegraben. Im Frühjahr war das Umgraben nicht ganz so mühsam wie im Herbst. Im Herbst wurde tief gegraben. Alle Pflanzenabfälle wie Kohlblätter, Kohlstrünke und Laub wurden in der Grabefurche verteilt und untergegraben. Die Pflanzenabfällle entwickelten sich durch die Verrottung bis zum Frühjahr zu bestem Naturdünger.
"Puttchen, du kannst ja schon mal das Gegrabene glatt harken, Ja? Wir wollen heute noch die Kartoffeln in die Erde bringen."
"Okay, Mutti, mach ich. Du, Mutti, Wolfgang und ich haben für dich nachher eine große Überraschung. Ich sag nur noch eins: Lecker, lecker. Mehr sag ich nicht."
"Da bin ich ja ganz schön gespannt!"
Lena harkte verbissen und schweigsam. Es fiel ihr schwer, die Botschaft von der Nudelterriene für sich zu behalten.
Mit Hilfe einer Pflanzschnur teilten sie die große Fläche in einzelne Beete ein. Zwischen den Beeten legten sie Wege an, um sie für die spätere Bearbeitung zugänglich zu machen. Hilde trampelte den Pfad mit kurzen Trippelschritten vor und Lena folgte ihr. Das erste Beet war breiter angelegt, hier sollten vier Reihen Pflanzkartoffeln in die Erde gebracht werden. In Abständen von etwa dreißig Zentimetern wurde je eine Kartoffel in die lockere Erde gedrückt.
"Mutti, jetzt haben wir vier Reihen mit Kartoffellöchern, sieht lustig aus, nicht? Wie ein Häkelmuster."
"Ja, Puttchen, du hast recht, sieht wirklich lustig aus. Müssen wir aber noch zuharken. Erst wenn Erde auf auf den Kartoffeln ist, fangen sie an zu keimen."
Zufrieden betrachteten sie ihr Nachmittagswerk.
"Haben wir ja alles geschafft, was wir uns vorgenommen hatten, Puttchen. Nun laß uns mal Spaten und Harke in unseren Stall bringen und dann ab nach Hause. Ich bin schon gespannt, welche Überraschung da auf mich wartet!"
Die Wachsoldaten vor dem Tor begrüßten sie schon von weitem und winkten ihnen zu. Lena schnappte sich Spaten und Harke und verschwand im Stall. Befriedigt stellte sie fest, dass Wolfgang bereits die Tiere gefüttert hatte, sie mümmelten und knabberten zufrieden vor sich hin.
Als Hilde und Lena den Flur betraten, stieg ihnen ein wunderbarer Duft in die Nase. Der Duft kam aus der Küche und hatte sich in der ganzen Wohnung verbreitet.
"Was riecht denn hier so köstlich, Wolfgang?"
Wolfgang hatte sich von Fräulein Pielecken einen großen Topf ausgeborgt und die Schinkenmakkaroni umgeschüttet. Eifrig rührte er die Nudeln, um ein Anbrennen zu verhindern.
Ungläubig schaute Hilde in den Topf.
"Hast du das alleine zubereitet, Wölfchen?"
"Nee, Mama. Gekocht hat es Sam. Ich hab's nur warm gemacht."
Hilde war der Appetit vergangen. Wenngleich sie der Lügenpropaganda der Nationalsozialisten nicht glaubte, hatten die täglich auf sie einhämmernden Diffamierungen, dass die "Erzfeinde" vergiftete Nahrungsmittel in Umlauf brächten, ein Körnchen Misstrauen gesät.
"Wölfchen, ich möchte lieber nicht, dass wir das essen. Vielleicht ist es vergiftet. Ich weiß nicht, bin ganz unsicher."
Wolfgang schob den Kochtopf von der Kochstelle auf die Seite des Herdes.
"Ach, Mama, ich glaube nicht, dass Sam unser Essen vergiftet hat. Der ist ganz gutmütig. Und außerdem haben wir ihm doch nichts getan! Der Uwe hat uns mal erzählt, dass die Amis in Nachtflügen Coloradokäfer auf unsere Felder abgeschmissen hätten, um unsere Kartoffelernten kaputt zu machen. Das kann man schon eher glauben. Aber unser Essen, das kann ich nich' glauben. Lena hat es doch auch gegessen und die lebt noch, oder?"
Wolfgang verschwieg, dass er sich schon eine gehörige Portion einverleibt hatte, um zu testen, ob das Essen schon heiß genug sei.
"Kinder, ich möchte, dass wir es nicht essen. Ich mach uns Brote, ja?"
"Nee Mutti, ich bin noch satt", meldete sich Lena.
"Und mir is' der Hunger jetzt auch vergangen", maulte Wolfgang.
"Dann lasst uns in die Stube gehen und Radio hören".
Nachts, als Hilde und Lena längst schliefen, lag Wolfgang noch immer wach neben ihnen im Bett. Er hatte Hunger und seine Gedanken kreisten um den Topf mit dem köstlichen Essen. Er vergewisserte sich, dass seine Mama und Lena wirklich schliefen und verließ vorsichtig das Schlafzimmer, dann horchte er, ob aus dem Schlafzimmer der Pieleckens auch kein Laut zu vernehmen war. Einige Dielen knarrten. Er verharrte und lauschte. Erst als er sicher war, dass alles ruhig blieb, öffnete er die Küchentür, schloss sie vorsichtig und knipste das Licht an. Da stand er noch immer auf dem längst erkalteten Herd, der Topf seiner Begierde. Er holte sich einen Löffel aus dem Schubfach des Küchenschranks und aß genüsslich die kalten Schinkennudeln. Er aß und aß ohne zu merken, dass der Magen zum platzen voll war. Erst als sein Löffel auf dem Boden des Topfes kratzte, seufzte er tief befriedigt, reinigte noch Topf und Löffel am Spühlstein und legte sich glücklich erschöpft ins Bett.
Ein Wimmern und Stöhnen riss Hilde aus dem Schlaf.
"Was is' denn Wölfchen, hast du schlecht geträumt?"
"Oh Mama, mir is ja so schlecht! Ich glaube, ich muss brechen!"
"Warte, halt noch durch! Ich hole schnell den Aufwascheimer aus der Küche."
Sie eilte in die Küche, schnappte den Eimer, der am Spülstein stand und füllte ihn mit etwas Wasser. Wolfgang war aufgestanden und kniete vor dem Bett. Hilde stellte ihm den Eimer hin und hielt Wolfgangs Kopf mit beiden Händen. Das war Rettung in letzter Sekunde. Wolfgang drückte seine Stirn gegen Hildes Hände und erbrach sich mit lautem Wehklagen und Jammern.
"Mein Gott, Junge, was sind denn das für Mengen! Das sind ja Berge von Nudeln! Hast du etwa den ganzen Topf Schinkennudeln verschlungen?"
"Ja, Mama", stöhnte Wolfgang, "mir is' ja so schlecht!"
"Oh, Wölfchen, ich hoffe nur, dass du brechen musstest, weil dein Magen mit dieser Riesenmenge nicht klar gekommen ist und die Makkaroni nicht doch vergiftet wurden!"
"Das glaub' ich nicht, Mutti", kam die besorgte Stimme Lenas aus dem Bett.
"Das würde Sam niemals machen! Niemals! Und außerdem habe ich zugekuckt, wie er die Nudeln gekocht hat. Wir haben alle in unserer gemütlichen alten Küche gesessen und dieselben Nudeln gegessen. Der Captain, Sam und ich. Uns hat's geschmeckt und nix Schlimmes is' passiert."
"Ich hoffe, du hast recht! So, Wölfchen, wir lassen den Eimer noch hier stehen, falls du ihn nochmals brauchst. Leg dich mal an die Außenseite des Bettes, dass du schnell am Eimer bist. Wir müssen schon noch ein bisschen schlafen. Gute Nacht ihr beiden und gute Besserung, Wölfchen!"
Am nächsten Morgen hatte sich der Magen Wolfgangs beruhigt. Die Drei nahmen wie gewohnt ihr Frühstück ein und besprachen den Tagesablauf. Solange der Kindergarten noch geschlossen war und die Schule ihren Lehrbetrieb noch nicht wieder aufgenommen hatte, musste Hilde sich Gedanken über die Gestaltung des Tages für ihre Kinder machen, ohne ihre Arbeit bei den Landgrewes zu gefährden. Da gab es die kleinen Aufgaben und Pflichten, die die Kinder zu erledigen hatten: Versorgung der Tiere, ihre jetzige Unterkunft aufgeräumt und sauber zu halten und im Garten zu helfen. Als sie das Haus verließen, vernahmen sie Schwalbengezwitscher.
"Kinder, das kann ja nur ein schöner Tag werden, wenn man mit fröhlichem Gezwitscher begrüßt wird!"
Doch schon bald verlor sich das Gezwitscher in dem Lärm der Militärfahrzeuge auf der Dorfstraße. Hilde registrierte ein größeres Aufgebot an Großfahrzeugen, Jeeps und Panzern, die sich in Richtung Dorfausgang bewegten.
"Mama, was is'n jetzt los? Ha'm die Manöver, oder was?"
"Keine Ahnung, Wolfgang. Kann man ja nur gespannt sein, was sich da tut."
Als die Kinder auf dem Gutshof ankamen, um die Futterkörbe zu holen, gewahrten sie nur noch wenige Jeeps und zwei Panzer, die ganz verloren auf dem großen Innenhof standen.
"Lena, so wie das aussieht, ham' die Manöver im Elm. Die Wachsoldaten stehn' vor dem Tor, wie immer. Ham' uns auch begrüßt, wie immer. Also is' auch nix Besonderes los. Lass uns mal Futter holen."
Sie holten Futter, versorgten ihre Tiere und hielten sich noch eine Zeit bei ihnen auf.
"Du gehst doch sicher noch zu deinem Fritz, wie ich das sehe, Wolfgang, oder? Dann gehe ich nämlich noch zu Sam. Vielleicht kann ich ihm in der Küche helfen."
"Okay, Lena, ich hol dich dann wieder ab."
Lena stürmte in die Küche und war erleichtert, Sam Gemüse schnippelnd vorzufinden. Sie hatte schon befürchtet, dass er mit seiner Einheit abgerückt sei. Die Konversation zwischen Lena und Sam war einfach, mit wenigen Worten, aber gesten- und mimikreich.
"Hi, Blondy, nice to see you! Come on, sit down, please!"
Lena ließ sich auf den Küchenstuhl plumpsen.
"Sam, heute sing ich dir mal ein Lied vor."
Sie sprach laut, nachdrücklich und betont langsam, als wären die Worte für Sam so verständlicher. Lena erinnerte sich immer gern an die Variété-Vorstellung der deutschen Soldaten und an Erwins Lied der Lili Marleen, das sie oft nachgesungen hatte. Sie trällerte aus voller Kehle:
Die letzte Strophe kann ich nicht mehr auswendig, Sam, tut mir leid."
Beide strahlten sich an.
"I know this song! Sing it again, little darling!"
Sam ermunterte Lena, indem er die Melodie auf "la la la la la - la la la la la" sang, um ihr das Lied erneut zu entlocken. Und Lena sang. Sie mit heller Stimme den Text und Sam mit voller Bariton-Stimme die Melodie auf la la la. Ein kleines Duett mit Inbrunst gesungen, das das Chaos der Nachkriegszeit vergessen machte. Vor der Küchentür war ein heftiges Applaudieren zu vernehmen. Der Captain wollte den Gesang nicht unterbrechen und wartete das Ende des Liedes ab, ehe er die Küchentür öffnete. In der Begrüßung des Captains spürte Lena eine gewisse Traurigkeit. Er nahm Lena das erste Mal in den Arm und drückte sie an sich.
"Oh, Blondy, wat a wonderful song!"
Lena bemerkte, dass der Captain Tränen in den Augen hatte. Was hatte das zu bedeuten? Er betrachtete Lena und strich ihr über die Haartolle.
"Wir alle gehen zu Munich in next Woche, Blondy."
Lena war zutiefst erschrocken und starrte den Captain mit großen Augen an.
"Aber warum denn, es war doch schön bei uns, oder?"
Auch wenn der Captain nicht jedes Wort Lenas verstand, ihre Körpersprache vermittelte ihm die zwischen ihnen gewachsene Zuneigung.
"Amerikan Soldiers gehen zu Munich und British Soldiers kommen zu Braunsweig. Oh, Blondy, know it! Please, know it! It's eine Order from unser General Eisenhower. Wir mussen gehen!"
Lena schaute ungläubig und traurig von Sam zum Captain und zurück. Genau so wie bei Erwin Flederer, dachte sie. Genau so! Sie kommen und gehen einfach wieder. Abschied nehmen von Freunden ist total traurig und total blöde.
Nächste Woche also werden sie abfahren.
Es war schon später Nachmittag, als die Vorbereitungen zum Truppenabzug der amerikanischen Soldaten aus Gilzum ihrem Ende zugingen. Hilde, Wolfgang und Lena kamen auf den Gutshof, um sich vom Captain und Sam zu verabschieden. Es war ein trauriger Abschied. Der Captain nahm Lena in den Arm und küsste ihr die Stirn.
"Good bye, little Blondy."
Er wandte sich Hilde zu und schüttelte herzlich ihre Hände und klopfte Wolfgang freundlich auf die Schulter.
"I wish you good luck for your future, little Family!"
Sam nahm alle nacheinander in den Arm. Ihm liefen Tränen über die runden Wangen. Es verschlug ihm die Sprache und er sagte kein einziges Wort, als er langsamen Schrittes auf seinen Jeep zuging.
Bereits als das Ende des "tausendjährigen Reiches" in greifbare Nähe gerückt war, im Februar 1945, beschlossen Roosevelt, Churchill und Stalin auf der Krim, dass Deutschland in drei westliche Besatzungszonen zugunsten der Westmächte USA, Großbritannien und Frankreich, sowie eine östliche Besatzungszone zugunsten der Sowjetunion aufgeteilt werden sollten. Anfang Juni 1945 übergab die 12. Heeresgruppe von US-General Eisenhower die niedersächsischen Gebiete Hildesheim und Braunschweig an die britische Besatzungsmacht.
Die britischen Soldaten unterschieden sich von den amerikanischen durch ihre auffallende Distanziertheit. Die Kriegsbombardements der Deutschen auf die Insel hatten einen nachvollziehbaren Hass der britischen Besatzungsmacht auf die deutsche Bevölkerung entfesselt. Eine menschliche Annäherung zwischen Soldaten und Bevölkerung war zu diesem Zeitpunkt von der Briten unerwünscht und somit unmöglich.
Mit der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands war nicht nur der militärische Sieg der Alliierten über Deutschland verbunden, sondern auch der absolute Wille einer totalen Zerschlagung aller nationalsozialistischen Strukturen. Noch während des Krieges waren Vorstellungen der Westmächte erarbeitet worden, wie die besetzten Gebiete konkret regiert und verwaltet werden sollten. Die Militärregierungen in den Ländern, Städten und Gemeinden kamen jedoch nicht umhin, auf vorhandene Strukturen der deutschen Verwaltung zurückzugreifen. Die Amtsinhaber wurden auf die Militärregierung verpflichtet und nachdrücklich darauf hingewiesen, dass sie ihr Amt allein der Besatzungsmacht zu verdanken hätten und im Auftrag der Militärregierung handelten. Die Deutschen Amtsstellen hatten allenfalls beratende Funktion und verfügten nicht über legislative und exekutive Befugnisse. Das Elend dieser chaotischen Nachkriegszeit machte eine Anstellung bei der Militärregierung attraktiv, sie bedeutete Sicherheit für das Überleben der Bewerber. Doch davor hatte die Besatzungsmacht das Zeugnis der Unbedenklichkeit gesetzt. Zeugnisgeber konnten nicht nationalsozialistisch belastete Nachbarn, Pastoren oder Kommunisten sein. Der Volksmund nannte diesen Entlastungsschein "Persilschein". Das im Haus Henkel produzierte Waschmittel Persil wusch die braun befleckten Westen wieder weiß. Ein Persilschein befreite von brauner Vergangenheit und machte den Weg frei für einen neuen Lebensabschnitt. Wohnungsbeschaffung und Bewerbung um eine Anstellung konnten problemlos in Angriff genommen werden. Gut, wenn man in den Amtsstuben verschwiegene Freunde aus vergangenen Tagen kannte, die schon wieder fest im Sattel saßen.
Die größte Herausforderung an die britische Militärregierung war es, der Flüchtlingsströme aus den ehemaligen Deutschen Ostgebieten Herr zu werden. Eilends errichteten sie Durchgangslager, in denen die Menschen versorgt, registriert und auf Landkreise und Dörfer verteilt wurden. Oft konnten die Flüchtlinge und Vertriebenen auch nur notdürftig untergebracht werden. Sie kamen in Massenquartieren wie Fabrikhallen, Turnhallen und auch in ehemaligen Konzentrationslagern unter. Die Lebensbedingungen waren katastrophal! Am besten trafen es die Menschen in den kleinen Gemeinden, wo jeder Dorfbewohner vom andern wusste, wo noch Räumlichkeiten zur Verfügung standen, um als Wohnung belegt werden zu können.
Der Sommer verabschiedete sich und hauchte goldgelbe Farbtupfer in das Laub der Bäume. Eichhörnchen sammelten Bucheckern und Eicheln für ihre Vorratsstellen im Winter. Menschen sammelten bei der Ernte liegen gebliebene Ähren auf den Stoppelfeldern. Ein Volk von Sammlern. Ausgemergelte Gestalten auf den noch spärlich bestellten Feldern, da es den Bauern noch an Saat- und Pflanzgut mangelte.
Auch Hilde besprach mit den Kindern einen Ernteplan. An zwei Tagen in der Woche sollten Ähren gesammelt und an einem Tag auf dem Frühkartoffelfeld Kartoffeln nachgestoppelt werden. Wenn es die Witterung zuließ, wollten Wolfgang und Fritz im Elm Holz für den Winter sammeln. Zunächst ging es auf die Stoppelfelder. Die Kinder mussten sehr früh aus den Federn, wenn sie eine gute Ernte nach Hause bringen wollten. Sie brachen auf, als der Morgen dämmerte. Die Jungens hatten jeder einen Weidenkorb und einen größeren Jutesack. Wolfgang trug einen Rucksack mit dem Tagesproviant für alle und nahm Lena an die Hand, da sie von Geburt an nachtblind war.
Lena hatte eine kurze Schürze umgebunden, die ihr Hilde eigens für das Ährensammeln genäht hatte. Die Schürze besaß eine breite, aufgesetzte Tasche, die dem Beutel eines Känguruhs glich. So hatte Lena beide Hände frei zum Ährensammeln.
Getreideernte war eine mühsame Angelegenheit. Zunächst wurden die Getreidehalme mit der Sense geschnitten, dann gebunden und zu Garben aufgestellt. Die trockenen Garben wurden auf den Erntewagen geladen und mit Pferdegespann oder Trecker in die Tenne des Bauernhofes transportiert. Einige Großbauern hatten schon eine Dreschmaschine, konnten so die Spreu vom Weizen trennen und in Jutesäcke abfüllen lassen. Kleinbauern mussten sich mit Dreschflegeln behelfen. Das Korn wurde zur Mühle in das Nachbardorf Lucklum geschafft und zu Mehl gemahlen.
Die Kinder waren nicht die ersten Sammler auf den abgeernteten Feldern. Sie konnten aber keine bekannten Gesichter unter den Menschen ausmachen.
"Wahrscheinlich sind das Braunschweiger oder Wolfenbütteler. Ich möchte nicht wissen, wann die zu Hause los sind", murmelte Wolfgang.
Die Schwierigkeit der Nachlese bestand darin, dass die Ähre erst vom Halm getrennt werden musste, der noch fest im Acker verwurzelt war. Manchmal gelang es, die Ähre mit einem Ruck vom Stängel zu trennen, manchmal riss man dabei die ganze Pflanze samt Wurzel aus. Die so zu sammelnden Pflanzen waren vom Schnitter mit der Sense nicht erfasst worden und standen noch oder wurden nieder getrampelt. Die Kinder stellten fest, dass Weizenhalme dicht bei dicht an der Ackergrenze standen, unmittelbar am Hang des Baches.
"Morgen komm' wa wieder und bringen uns kleine Scheren mit. Dann geht das ruck zuck!"
"Haste Recht, Lena! Wie wäre das, wenn ich schnell nach Hause flitze und uns Scheren hole? Dann könnten wir richtig loslegen. Mutti hat ja mehrere Scheren. Was meinst du, Fritz? Musste nur gut auf Lena aufpassen, ja?"
"Klar, mach ich. Kannste dich drauf verlassen!"
Fritz und Lena zupften mühselig weiter.
Doch allmählich füllten sich Korb und Schürze. Voller Stolz schütteten sie ihre Ernte in den Sack. Nach nur einer halben Stunde war Wolfgang zurück. Mit vereinten Kräften setzten die Kinder ihre "Scherenschnitte" ertragreich fort. Ein gefüllter Jutesack und zwei gefüllte Weidenkörbe warteten auf Hildes Schlägel, um die Spreu vom Weizen zu trennen.
Die erfolgreiche Weizenernte veränderte die Wochenplanung der Familie. Hilde beschloss, mit Lena zur Mühle Lucklum zu gehen und den Weizen zu kostbarem Mehl mahlen zu lassen. Wolfgang und Fritz hielten an ihrem Plan, im Elm Holz zu sammeln, fest.
Ein wundervoll erfolgreicher Tag führte die Familie in der nach Tee duftenden Küche zusammen. Ein Sack mit 60 Pfund Mehl stand hinter dem Sessel in der guten Stube und war beim Betreten des Wohnzimmers nicht sichtbar. So konnte die Harmonie des behaglichen Raumes nicht beeinträchtigt werden. Wolfgangs Holzernte lag hinter der Stalltür und wartete darauf, zu Holzscheiten zerhackt zu werden.
"Mama, im Elm war's so schön! Das Gezwitscher der Vögel ringsum. N' richtiges Vogelkonzert im Walde! Das hat sogar Fritz gefallen. Aber ich hab da noch was gesehen und darum sollten wir vielleicht am Wochenende mit Lena in'n Elm. Die Pilze schießen! Wenn ich das richtig gesehen habe, waren das Steinpilze, Champignons und Kremplinge. Waren natürlich auch jede Menge Pilzsucher im Elm, aber wenn wir früh genug da sind, können wir bestimmt 'ne Menge sammeln. Und dann waren da noch jede Menge Bucheckern!"
"Können wir uns ja vornehmen, Wölfchen. Kinder, ich sag euch was: Ich bin heute glücklich und zufrieden. Nun hab ich auch nicht mehr so viel Angst vor dem Winter! Im Stall sind die ersten Kartoffeln gelagert, die Ernte aus unserm Garten steckt noch in der Erde, Äpfel kriegen wir noch von Fräulein Oppermann, Mehl ham' wir und nicht zu vergessen: Wir werden, Wölfchen sei Dank, immer 'ne warme Küche haben! Vielleicht fährt Onkel Männe ja auch mal wieder mit seiner Lok nach Schöningen und sein Heizer schaufelt Braunkohlen auf die Bahnböschung, wär' schon schön. Wir haben leider nur noch Restbestände vom letzten Winter im Stall."
Hilde war mit ihren Kindern längst wieder in ihre alte Wohnung zurückgezogen. Diesmal ohne die Hilfe von Stanislaw Prokop. Die Zwangsarbeiter aus Polen und der Ukraine verschwanden eines Nachts aus Gilzum, nicht ohne sich noch an ihren Peinigern zu rächen. Sie brachen in Stallungen ein und stahlen Hühner und Gänse. Bei einigen Bauern gingen die Holzschuppen in Flammen auf. Den Gutshof, auf dem Hilde mit ihren Kindern lebte, verschonten sie. Pauline, das blonde Mädchen aus der Ukraine, die mit der Sirene Fliegeralarm ankündigen musste, war mit ihrer kleinen Tochter ebenso verschwunden.
Auch Elise Oppermann hatte ihre Räume wieder in Besitz genommen, mit der Einschränkung, dass sie Räumlichkeiten für zwei in Braunschweig ausgebombte Lehrerinnen zur Verfügung stellen musste. In Gilzum lebten inzwischen Evakuierte aus Aachen, Leipzig und Braunschweig. Doch schon bald sollte es noch enger werden in dem kleinen Dorf.
Die ersten Flüchtlinge aus Schlesien trafen Anfang 1946 ein, wenig später die Vertriebenen aus Ostpreußen. Arm und vom Schicksal gebeutelte Menschen waren sie alle. Doch brachten sie eine bunte Vielfalt ins Dorf. Eine Vielfalt an Sitten, Gebräuchen und Berufen. Die Altersstruktur war Resultat der Auswirkungen des bestialischen Krieges. Viele junge alleinerziehende Mütter, ältere Frauen und Männer. Nur wenige jüngere Männer waren unter den Neuankömmlingen, die den Krieg überlebt hatten und fliehen konnten. Die Dorfbewohner beobachteten die Flüchtlinge argwöhnisch und voller Misstrauen. Sie empfanden die neuen Mitbewohner als eine Last, die ihnen von den Alliierten oktroyiert worden war.
Auf Lena übten die verschiedenen Dialekte eine große Faszination aus. Kannte sie bisher nur die Sprachmelodie ihrer Mutter, des Plattdeutschen der Dorfbewohner, die des Soldaten des Volkssturms Erwin aus dem Schwabenländle und der amerikanischen Soldaten, so drangen durch die vielen neuen Dialekte völlig neue Sprachharmonien und -schwingungen an Lenas Ohr. Eine fantastische Klangfülle! Es machte ihr großen Spaß, die Dialekte zu imitieren und damit die neuen Dorfbewohner zu verblüffen.
Zur Freude Lenas wurde der Ostflügel des Gutshauses von einer Flüchtlingsfamilie aus Bessarabien bezogen, Vater, Mutter, Großmutter und eine Tochter in Lenas Alter. Der russische Zar Alexander I. hatte die Vorfahren dieser Familie, die Weinbauern waren, zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus Schwaben in das fruchtbare Tal jenseits der Karpaten gelockt. Waren die Ahnen dieser Familie vor der Willkür deutscher Fürsten geflohen, so wurden die Bessarabien-Deutschen jetzt von der Roten Armee vertrieben. Von Neugier getrieben stattete Lena den neuen Mitbewohnern einen Besuch ab. Das kleine Mädchen saß auf der Steintreppe vor der Haustür und betrachtete Lena mit großen fragenden Augen.
"Ich finde es richtig toll, dass Ihr jetzt hier wohnen wollt. Wie heißt'n du? Ich bin Lena und wohne genau auf der anderen Seite vom Haus mit meiner Mutti und Wolfgang. Das ist mein Bruder."
"I' heiß' Eleonore".
"N' schöner Name. Den gibt's in unserem Dorf noch nich'. Wie alt bist'n du? Ich bin fünf. Na, beinahe sechs. Weihnachten werd' ich sechs. Und im April geh ich dann in die Schule. Aber davor geh' ich erst mal noch in'n Kindergarten zu Tante Irene. Jetzt is'er noch geschlossen, aber bald wird er wieder geöffnet, hat meine Mutti gesagt. Noch vor Weihnachten."
"Vielleicht kann i' in de' Kindergatte mitkomma?"
"Na klar, bestimmt sogar! Soll ich dir mal die Ställe zeigen? Da sind eben aber keine Kühe oder Pferde drin, alle futsch! Uns'e Schwalben haben im leeren Kuhstall gebrütet. Aber die sind vor zwei Wochen wieder nach Afrika wechgeflogen. Komm, ich zeig dir mal die leeren Nester, ja?"
"Ja, aber i muss erscht B'scheid saga, wo i hingeh."
"Okay, mach' ich auch immer."
Lena hatte eine Freundin gefunden, das fand sie wunderbar. Eine Freundin, deren Sprache der ihres Freundes Erwin aus dem Schwabenland ähnelte. Mit dem einen Unterschied: Eleonore rollte das "R", während Erwin ein hartes Rachen-R sprach.
Es war das Ereignis in der Gemeinde Gilzum: Der Kindergarten wurde wieder eröffnet! Mit Hilfe einiger Mütter hatte Tante Irene rote und grüne Papiergirlanden und Blüten gebastelt (andersfarbiges Papier war nicht aufzutreiben) und die Eingangstür und Räume damit geschmückt. Eine ehemalige Lehrerin aus Breslau, die ihren kleinen Sohn in die Obhut Irenes geben wollte, bot ihr an, sie bei ihrer Arbeit freiwillig zu unterstützen. Eine kompetente Hilfe konnte Irene jetzt gut gebrauchen, da die Kinderschar beträchtlich gewachsen war. Zur Eröffnungsfeier hatten einige Mütter Kuchen gebacken. Es war eine gelungene fröhliche Feier.
"So, liebe Kinder, viele von euch kennen mich ja schon. Für diejenigen, die jetzt erst zu uns gekommen sind: Ich bin eure Tante Irene. Und die Mutti vom kleinen Paul ist Tante Christa. Sie wird auch jeden Tag mit euch singen, basteln und spielen. Heute wollen wir noch ein paar Lieder zusammen singen. Und ab morgen wollen wir uns schon mal Gedanken darüber machen, was wir zu Weihnachten basteln wollen. Is' ja gar nicht mehr so weit, bis Weihnachten! Es wär' schön, wenn ihr von Zuhause Stoff- und Wollreste mitbringen könntet. Auch Buntstifte und Malpapier wäre nicht schlecht! Wir sind im Moment nicht so gut ausgestattet!"
Die Kinder schwatzten lebhaft durcheinander und versprachen, Sachen zum Basteln mitzubringen. Irene ging in den hinteren Schlafraum des Kindergartens und holte ihre Laute aus dem Schrank.
"Kinder, wer kennt denn das alte Lied von Matthias Claudius "Der Mond ist aufgegangen" von euch? Hat es schon mal jemand von euch gehört? Also ich ich sing's mal vor, danach versuchen wir's zusammen, ja?"
"So, ihr Mäuse, jetzt lernen wir erst mal den Text und wenn das klappt, werden wir es zusammen singen!"
Die Kinder waren aufmerksam und begeistert bei der Sache, sprachen jede Zeile, die ihnen von Irene vorgegeben wurde, problemlos nach. Auch Christa sprach mit den Kindern gemeinsam den Text und sang dann das Lied in Begleitung der Lautenspielerin Irene. Allen bereitete das gemeinsame Singen großes Vergnügen!
"Morgen werden wir die zweite Strophe einüben. Aber erst nach der Bastelstunde, ja?"
Lena plumpste abends müde, aber glücklich ins Bett. Es war ein Tag voller schöner Ereignisse.
"Mutti, kennst du Matthias Claudius? Tante Irene hat mit uns ein Lied von ihm gesungen."
"Ja, Puttchen, ich kenne das Gedicht 'Der Mond ist aufgegangen' von ihm."
"Genau, genau, das haben wir gesungen. Tante Irene hat dazu die Laute gespielt und Tante Christa hat mit uns die erste Strophe gesprochen und gesungen."
"Wer ist denn Tante Christa?"
"Die will Tante Irene im Kindergarten helfen. Tante Christa war mal Lehrerin in Breslau, aber da wurde sie mit ihrem Paulchen weg getrieben, hat sie uns erzählt. Du, Mutti, das war heute richtig schön im Kindergarten! Renate und Volker Rollwagen waren wieder da und ganz viele neue Kinder, die ich noch gar nicht richtig kannte. Und Eleonore geht mit mir jetzt jeden Tag in den Kindergarten, weil ihre Mama unserem Fräulein Oppermann in der Küche und beim Saubermachen helfen will. Is' doch schön, oder?"
"Das sind ja viele erfreuliche Neuigkeiten, Puttchen. So, nun dreh dich um zum Rücken kratzen."
"Ja, gleich. Aber erst sing ich dir noch das Lied vor. Wenn ich den Text nicht mehr weiß, kannst du mir ja weiter helfen. Die Melodie kann ich. Is' ganz einfach!"
Lena sang voller Inbrunst, so dass Hilde zu Tränen gerührt war. Sie war glücklich und stolz auf ihre Tochter.
"Oh, Mutti, beinahe hätte ich vergessen, dass wir morgen Stoffreste und Wolle mitbringen solln. Wir wolln jetzt schon für Weihnachten basteln. Tante Irene hat gesagt, dass Weihnachten vor der Tür steht, dabei is' das noch so wahnsinnig lange hin!"
"Wenn man sich noch viel Arbeit vorgenommen hat, geht die Zeit viel schneller vorüber! So, komm Puttchen, Rücken kratzen und schlafen! Ich such dann noch die Wollreste und Flicken zusammen, die ich entbehren kann."
Hilde machte sich Gedanken, weil Wolfgang noch nicht zu Hause war. Er wollte nach dem Essen nur kurz zu Fritz. Nun, die beiden werden wieder vom Hundertsten ins Tausendste gekommen sein! Seit die Schule wieder mit ihrem Unterricht begonnen hatte und Wolfgang wieder die Schule in Evessen besuchte, konnten die Freunde ihre kleinen und größeren Geheimnisse nicht mehr so unmittelbar austauschen. Hilde war beruhigt, als sie endlich die Haustür ins Schloss fallen hörte.
Für Hilde vergingen die wenigen Wochen bis Weihnachten wie im Fluge. Sie wollte noch die drei Militärdecken, die ihr Erwin Fleiderer da gelassen hatte, waschen und färben. Die Wolldecken waren von hellgrauer Farbe. Gar nicht so übel als Grundfarbe. Könnte bei einem Kornblumenblau oder Grasgrün ein ganz hübscher Farbton heraus kommen. Mal sehn' welche Wäschefarbe ich organisieren kann. Vielleicht schreib ich Elsbeth eine Postkarte, die hat ja auf dem schwarzen Markt bessere Möglichkeiten, als ich hier in Gilzum. Sie hatte sich vorgenommen, für Lenas Einschulung eine Jacke zu schneidern. Dazu ein Kleid aus gefärbtem Inlettstoff. Hilde hatte das Kleid in Gedanken schon fertig geschneidert: Oberteil gesmokt, Rock leicht angekraust. Es wär' wunderbar, wenn noch ein Paar Stiefel auf Bezugsschein drin wären. Mein Gott, was für Gedanken hab ich?! Lenas Einschulung ist erst Ostern! Erstmal kommt Weihnachten. Da wollte ich für Wolfgang einen warmen Pullover und für Lena Mütze, Schal und Handschuhe stricken. Die Wolle hierfür ist schon vorbereitet. Alte Pullover aufgeribbelt, die Wolle auf breite Bretter gewickelt und gewaschen. Zeitlich schaff ich das! Auch wenn ich nur abends Handarbeiten machen kann, wenn beide Kinder im Bett sind. Weihnachtszeit ohne Heimlichkeiten geht nicht, oder ist nur halb so schön!
Sie schaltete das Radio ein und suchte nach etwas besinnlicher Musik. Nach Fiepen, Zwitschern und Rauschen hatte sie einen Sender gefunden, der ihrer Stimmung entsprach: Er spielte Smetanas Moldau. Sie setzte sich an den Küchentisch, stützte ihren Kopf in beide Hände, lauschte und dachte voller Sehnsucht an Willy.
Es hatte geschneit in der Nacht. Eine dünne Schneedecke verhüllte das Novembergrau. Der erste Schnee des Jahres übte auf Kinder immer eine überwältigende Faszination aus!
"Lena, Wolfgang, aufstehen! Es hat geschneit!"
"Hurra, Schnee, hurra!"
Lena und Wolfgang stürmten zugleich ans Schlafzimmerfenster.
"Das sieht aus, wie lauter Puderzucker auf den Bäumen und im Hof. Heute werden wir bestimmt mit Tante Irene einen Schneemann bauen, juhuu!"
So hurtig wie an diesem Morgen waren die Kinder lange nicht angekleidet. Eilig nahmen sie auch ihr Frühstück ein. Dann trennten sich ihre Wege für eine Zeit: Wolfgang zur Schule nach Evessen, Lena zum Kindergarten und Hilde zu Frau Landgrewe.
Die kleine Familie war gut über die kalte Jahreszeit gekommen. Der tägliche Kampf ums Überleben war zwar die Normalität, doch meisterte Hilde durch ihre kluge Vorratshaltung die Versorgungsengpässe. Gärtner Weidehake kam im Winter täglich, um sich in der wohlig warmen Küche Hildes aufzuwärmen. Es war für ihn selbstverständlich, immer einen großen Arm voller Holzscheite mitzubringen. Der beachtliche Holzvorrat des Gärtners stammte vom Obstbaumschnitt des vergangenen Herbstes. Er hatte die Äste zerkleinert und an der Garagenwand gestapelt. Eine Unart Opa Weidehakes machte der Familie allerdings zu schaffen: Er rauchte. Er rauchte getrocknete Rosenblätter in einer Porzellankopfpfeife! Es war für ihn urgemütlich, wenn er einen Becher Pfefferminztee schlürfte und dazu ein Pfeiffchen schmauchte. Die verbrannten Rosenblätter verbreiteten einen penetranten Geruch und hatten so gar nichts gemein mit dem ursprünglichen Duft der Rosen!
Der Frühling hatte Einzug gehalten und zauberte frische Farben in Feld und Wald. Eichen und Hainbuchen entledigten sich ihrer braunen dürren Winterblätter und schmückten sich mit lichtgrünem Blätterkleid. Die wunderbare Veränderung in der Natur brachte auch dem Gutshof die positive Wende. Eine entfernte Verwandte Elise Oppermanns, Barbara Vahldieck, hatte sich vorgenommen, ihrer Tante für einen kleinen Neustart unter die Arme zu greifen. Barbara Vahldieck war eine junge Frau, die wußte, wie man einen Hof verwaltet, wie man organisiert und leitet. Ihre Mitbringsel waren zwei Ackerpferde, ein Reitpferd und Getreidesaatgut. Voller Esprite machte sie sich an die Arbeit. Ihr erster Landarbeiter, den sie einstellte, war Helmut, der Vater Eleonores. Die Mutter Eleonores, Anna, wurde als Küchenhilfe angestellt.
Am Abend stattete Barbara Hilde einen Besuch ab, um sich als neue Mitbewohnerin des Gutes vorzustellen. Die beiden Frauen waren sich sofort sympatisch und stellten fest, dass sie das gleiche Schicksal teilten. Das letzte Lebenszeichen von Barbaras Verlobtem, Hardy, kam aus Ostpreußen. Willy wurde in Tunesien als vermisst gemeldet. Doch in einem unterschieden sich die Soldaten voneinander: Während Barbaras Verlobter als Rittmeister eine Kavallerie-Division befehligte, war Willy über den Status Sanitätsgefreiter gewollt nie hinausgekommen.
Lena war begeistert von Frau Vahldieck! Sie fand, dass sie anders war, als die anderen Frauen aus dem Dorf. Frau Vahldieck war einfach richtig schön und lustig. Tolle schwarze Haare, schöne blaue Augen, angemalte Augenbrauen. Meistens trug sie Hosen. Mal Reithosen, dann andere Wollhosen mit Bügelfalten.
"Mutti, die hat ein richtiges Reitpferd, einen Apfelschimmel. Ich darf die Loni morgen striegeln. Toll, nich'? Aber erst reitet Frau Vahldieck in die Feldmark und sieht sich an, welche Äcker zuerst bestellt werden sollen. Dann müssen die drei Pferde von Eleonores Vater gefüttert werden und ich komm' dran mit dem Striegeln."
"Da hast du ja eine schöne Aufgabe, Puttchen! Ich glaube, mit Frau Vahldieck kommt jetzt endlich Bewegung in den Hof."
"Heute war'n Eleonore und ich mit ihr die beiden Scheunen besichtigen. Sie hat sich gefreut, dass noch so viel Stroh für die Pferde da ist. Und die restlichen Pflüge, Eggen und Sähmaschinen, die der Ortsgruppenleiter nicht gebraucht hatte. Die müssen nur noch ordentlich sauber gemacht und geölt werden. Aber Öl gibt's nich'. Da will Frau Vahldieck ihren Vater fragen, ob der noch irgendwo bei sich Schmieröl 'rumstehen hat."
"Ich bin davon überzeugt, dass sie Schmieröl organisieren wird, Lena! Da fällt mir ein, hätt' ich fast vergessen, du musst heute noch deine Jacke anprobieren, die ich dir zur Einschulung nähen will. Geheftet hab ich's alles. Bald geht's los mit der Schule, Puttchen. Freust du dich schon?"
"Ich freu' mich halb dusselig! Dann brauchst du mir nich' mehr Nils Holgersson vorlesen, das kann ich dann alleine!"
"Na, das wird wohl nicht so schnell klappen, da muss man Geduld haben und viel üben."
"Das will ich. Ich werde üben, üben, üben bis mir schwindelig wird im Kopf!"
Hilde war zufrieden, dass das Färben der Militär-Wolldecken so gut geklappt hatte. Leider konnte sie nur grüne Wäschefarbe besorgen, so dass Lenas Jacke und der noch anzufertigende Anzug für Wolfgang die gleiche flaschengrüne Farbe haben würden. Die Jacke passte. Hilde hatte sie absichtlich großzügig angefertigt, so würde sie Lena auch noch im kommenden Jahr tragen können. Die Jacke hatte drei aufgesetzte Taschen. Zwei seitliche und eine Brusttasche. Taschen waren für Lena außerordentlich wichtig. Sie war eine ausgesprochene Sachenfinderin. Mal fand sie besonders schöne Glasscherben, mal Steine von besonderer Form und Maserung! Vier Knopflöcher hatte Hilde schon gekettelt. Es fehlten noch die Knöpfe. Sie besaß eine Knopfkiste, eine ausrangierte Zigarren-Holzkiste, mit wahrhaft wunderbaren Knopfschätzen. Knöpfe in allen möglichen Formen und Farben. Aus Perlmutt, Holz und Glas. Lenas Wahl fiel auf vier dunkel schimmernde Perlmuttknöpfe, die einmal die Zierde eines längst ausrangierten Wintermantels waren. Die Ärmel der Jacke hatten Aufschläge, die nach Bedarf ausgelassen werden konnten.
"So, Lena, Anprobe beendet, jetzt kommt die Fertigstellung. Nähte schließen, Knöpfe annähen und fertig ist das gute Stück!"
Der Tag der Einschulung rückte näher. Wolfgang erzählte, dass so viele Kinder in Evessen eingeschult werden würden, dass das Schulamt Wolfenbüttel Schichtunterricht angeordnet hätte. Die Schulspeisung würde dann für alle Kinder zwischen den Unterrichtszeiten stattfinden.
"Mama, ich musste in mein Aufgabenheft eintragen, dass Lenas Einschulungstag Dienstag, 23. April, 13 Uhr ist. Und dann darfst du nicht vergessen, Lenas Kochgeschirr in den Tornister zu packen, sonst gibt's kein Essen "
Wochen vor Ostern hatte Wolfgang den Schultornister von Fritzens Schwester abgeholt, die ihn nicht mehr benötigte. Es war ein schöner Tornister aus hellbraunem Leder, der mit Lederfett bearbeitet wie neu erglänzte. Hilde hatte noch zwei Schreibhefte, ein Malheft und Lenas altes Buntstiftkästchen in den Tornister gepackt - mit Anspitzer, Radiergummi und neuen Bleistiften bestückt.
Für die Schultüte hatte Tante Irene roten und blauen Zeichenkarton spendiert, so konnten Hilde und Wolfgang abends, als Lena längst im Bett lag, basteln. Hilde formte eine rote Tüte und nähte sie mit Perlgarn zusammen. Wolfgang zeichnete Buchstaben und Zahlen verschiedener Größe auf den blauen Karton. Die Zahlen und Buchstaben wurden ausgeschnitten und wild durcheinander aufgeklebt. Abschließend nähte Hilde aus einem Blümchen-Stoffrest den Verschluss der Schultüte, der mit einer gehäkelten Zugkordel geöffnet und verschlossen werden konnte. In die Tüte kamen ein Beutel Pfefferminz-Bruch, ein Beutel Rosinen-Nuss-Mischung, ein Beutel mit Haferflocken-Keksen, Lenas Lieblingsgebäck, und eine von ihr sehnlichst gewünschte Strickliesel (sebst gebastelt aus einer großen leeren rot lackierten Garnrolle und vier Rundkopf-Nägeln, aus der schon ein kleines Stück vom Anfangs-Gestricktem hervorlugte.
Am Einschulungstag kam Wolfgang schon um 11 Uhr aus der Schule. Er wechselte noch den Pullover, um sich für Lenas großen Tag herauszuputzen.
"Hmmm, Mama, was riecht denn hier so gut in der Küche?"
"Für Lenas besonderen Tag hab ich einen Napfkuchen gebacken, den werden wir heute Nachmittag essen, Wölfchen."
"Lecker. Mama, lass uns mal bald losgehen, ja? Du kannst ja nicht so schnell laufen, wie Lena und ich. 'Ne halbe Stunde werden wir wohl brauchen."
Obwohl sie lange vor der Zeit auf dem Platz der alten Linde vor der Schule waren, warteten bereits einige Mütter mit ihren Kindern voller Ungeduld darauf, eingelassen zu werden. Doch gab es auch Kinder, die sich fürchteten und sich weinend an ihre Mütter klammerten. Pünktlich um 13 Uhr öffnete sich die große Schultür und Lehrer Schmelling erschien mit feierlichem Gesicht. Er hielt eine kurze Ansprache und bat dann die Angehörigen, sich von ihren Kindern zu verabschieden, da nicht ausreichend Platz für alle im Schulraum sei. Dann verschwand er und die Kinder folgten ihm in den Klassenraum. Lehrer Schmelling nahm an seinem Schreibtisch Platz.
"So, liebe Kinder. Mein Name ist Herr Schmelling und ich bin euer Lehrer. Vor mir liegt ein Anwesenheitsbuch, in dem eure Namen vermerkt sind. Ich werde jetzt also jeden von euch aufrufen, dann meldet ihr euch, nehmt euren Ranzen und die Schultüte und setzt euch in die erste Reihe und so fort. Habt ihr es verstanden? Dann antwortet: Ja, Herr Lehrer."
"Ja, Herr Lehrer", antworteten ihm 52 Kinder.
"Wenn alle ihre Plätze eingenommen haben, werde ich euch erzählen, was ihr im kommenden Schuljahr alles lernen müsst. Dann kommt für heute wohl der schönste Teil der Einschulung, es gibt die Schulspeisung. Ihr habt hoffentlich nicht euer Essgeschirr vergessen?"
"Nein, Herr Lehrer!"
"Drei Mädchen aus der achten Klasse werden das Essen austeilen. Ich sage euch, wann es so weit ist. Dann geht ihr schön ordentlich nacheinander zum Essenskübel. Heute gibt es braune Bohnen mit Speck, Wer von euch weiß denn, woher unsere Schulspeisung kommt?"
Die Kinder wussten es nicht.
"Das Essen wird in der Großküche der Britischen Armee zubereitet und uns spendiert. Es ist also ein Geschenk der englischen Soldaten an euch Schulkinder."
Das Procedere der Einschulung war nach 45 Minuten erledigt.
Der Schichtschulbetrieb machte eine neue Tagesplanung in der Familie erforderlich. Wolfgang sorgte dafür, dass Lena stets pünktlich zur Schule kam, Hilde holte sie nach getaner Arbeit bei Frau Landgrewe wieder ab. Doch schon nach einigen Tagen fand Lena das Hin- und Herpendeln auf der asphaltierten und schlaglochreichen Landstraße zwischen Gilzum und Evessen langweilig. Sie schlug vor, eine Abkürzung durch die Feldmark Evessen zu wählen, die noch dazu viel aufregender war. Wunderschöne Wildpflanzen, Insekten und anderes Kleingetier, wie Feldmäuse und Eidechsen, an Feldrain und Ackergräben.
Lena ging gerne in die Schule, auch wenn sie des öfteren Blessuren davon trug. Es fiel ihr schwer, still auf ihrem Platz zu sitzen und nicht zu schwatzen. Lehrer Schmelling hatte eine besondere, aus heutiger Sicht barbarische Methode, miteinander schwatzende Kinder zu bestrafen: Er beorderte sie zu sich, griff in ihre Haarschöpfe und stieß ihre Köpfe rhythmisch gegeneinander, je Silbe ein Stoß: Ihr sollt nicht mit-ein-an-der schwat-zen! Rums, neun Stöße. Bei ärgerem Vergehen gab es einen heftigen Hieb mit dem Rohrstock in die Handfläche, was ziemlich schmerzhaft war. Auch Lena machte mit dieser schrecklichen Züchtigung Bekanntschaft, als sie durch ihren Schulfreund Wolfgang Bentlien daran gehindert wurde, die Schulpause zu beenden. Wolfgang saß vor dem Ein- oder Ausstiegsloch der hohlen, 500 Jahre alten Sommerlinde, in der Lena bis in den obersten Teil des alten Baumes geklettert war, um einen guten Ausblick auf Schule und Kirche und die nahe Gärtnerei zu haben. Es war für sie keine Schwierigkeit, bis zum obersten Kuckloch der Linde zu klettern. Als Trittleiter dienten ihr in die Rinde getriebene vierkantige Eisenstifte. Als Lena sah, dass die Pause beendet war und die Kinder wieder in der Schulklasse verschwanden, machte sie einen hurtigen Abstieg, doch der Ausgang war dunkel und versperrt. Wolfgang saß vor dem Loch. Lena versuchte, ihn zu knuffen und zu kneifen. Es misslang. Wolfgang trug eine Lederhose. Nach schier endlosen zehn Minuten war die Stimme Lydias, zu vernehmen.
"Herr Schmelling hat gesagt, dass ihr augenblicklich reinkommen sollt!"
Lena verspürte das erste Mal Angst vor Bestrafung.
"Du bist ja so gemein, Wolfgang! Warum hast du mich denn nicht raus gelassen?"
"Weil ich dich mal ärgern wollte!"
In der Schulklasse angekommen, rief Lehrer Schmelling beide zu sich. Sie mussten ihre linken Hände vorstrecken und erhielten je zwei kräftige Schläge mit dem Rohrstock. Mit gesenktem Kopf und brennender Hand nahmen sie ihre Sitzplätze wieder ein.
Die Kinder hatten herausgefunden, dass ihr Lehrer besonders streng war, wenn er mit Hilfe von Krückstöcken auf einem Bein in die Klasse gehopst kam. Betrat er das Klassenzimmer gemessenen Schrittes mit angeschnalltem Holzbein, wurde viel gesungen. Lehrer Schmelling hatte den Schülern erzählt, dass er sein Bein im Ersten Weltkrieg in Verdun verloren habe. Oft habe er solche Schmerzen an dem verlorenem Bein, dass er sein Holzbein nicht anschnallen könne. So bestimmte die körperliche Befindlichkeit des Lehrers über Lust und Unlust des Schulalltags der Erstklässler.
War es zum kalendarischen Frühlingsbeginn noch regnerisch und kühl, verzauberte der Lenz in den ersten Maitagen die Natur mit einer verschwenderischen Farbenpracht und betörenden Düften. Lena entdeckte auf dem Nach-Hause-Weg von der Schule am Bahndamm der Braunschweig-Schöninger-Eisenbahn ein riesiges Areal wundervoll süßlich duftender Schlüsselblumen. Sie pflückte einen üppigen Strauss und beeilte sich, ihn nach Hause zu bringen. Tante Ilsemarie aus Leinde hatte für den kommenden Sonntag ihren Besuch angekündigt. Da fand Lena es schön, für die Tante die Küchenfensterbank mit einem Frühlingsstrauss zu schmücken.
Ilsemarie kam am frühen Sonntagmorgen in Gilzum an und wurde von der Familie stürmisch begrüßt. Schon in der Morgendämmerung war sie mit ihrem Fahrrad in Leinde losgefahren. Auch Ilsemarie hatte ihr Fahrrad vor dem Konfiszieren der Behörden versteckt, weil sie an den Endsieg durch die mit Fahrrädern ausgerüsteten Soldaten des Volkssturms nicht glaubte. Sie stellte ihr Fahrad in den Stall, um es vor Langfingern zu schützen. Hilde setzte Teewasser auf und Ilsemarie leerte ihre zwei großen Taschen auf dem Esstisch: Ein Ring Mettwurst, ein Stück Schinken, eine Dose Leberwurst, getrocknete Erbsen und weiße Bohnen, eine Tüte Zucker und Mehl, ein Paket Malzkaffee und eine große Steckrübe, die vom Spätherbst bis zum Frühjahr in der Rübenmiete überwintert hatte.
"Mein Gott, was hast du denn für Schätze ausgebreitet Ilse! Danke, danke!"
"Warte mal, Hilde, da hat sich noch was in der Taschenecke versteckt, hier, ein größeres Stück Wollstoff. Ich denke mal, das reicht für einen schönen Rock für Lena. Dann ist da noch dunkelrote Wolle, ausreichend für eine Weste für Wolfgang. Und für dich, liebe Hilde, habe ich ein gutes Stück "4711"-Seife. Is' mal was anderes, als die Kernseife."
"Ilse, vielen vielen Dank! Das ist ja wie eine Weihnachtsbescherung! Und das im Mai!"
"Schön, dass ich euch eine Freude machen konnte! Wir haben ja durch unser Schwarzschlachten immer etwas Wurst und Eingepökeltes im Hause. Und in Salzgitter kann ich auf dem Schwarzmarkt immer was kungeln. Das fehlt euch natürlich hier."
"Tante Ilse, kann ich mal'n bischen mit deinem Rad fahren?"
"Ja, klar, kannst du, Wolfgang. Aber pass gut auf dich auf, ja?"
"Na klar, Tante Ilse! Ich kann doch richtig radfahr'n. Unser Herrenrad ist nur noch verpackt und noch nicht wieder richtig zusammengebaut."
"Warte bitte, Wölfchen, nimm mich mit, ich lauf dann hinter dir her, ja?" bettelte Lena.
Die Frauen hatten sich viel zu erzählen. Seit der Beerdigung der Tante Henriette hatten sie sich nicht mehr gesehen. Ilsemarie erzählte, dass sie jetzt einen jüngeren Kriegsversehrten als Helfer auf dem kleinen Bauernhof angestellt haben. Zunächst erst mal für Kost und Logis. Er sei gebürtig aus Franken und sehr sympathisch. Der Krieg habe ihn in das harzer Vorland verschlagen.
"Ach, Hilde, wir sind doch die Generation der verlorenen Männer! Du weisst ja, dass ich einem wunderbaren Mann aus Drütte versprochen war. Der ist in Stalingrad gefallen. Auch sein Bruder ist gefallen. Zwei Söhne haben die Eltern in diesem irrsinnigen Krieg verloren. Söhne, die ihre ganze Hoffnung waren. Tcha, und bei uns zu Hause sieht es so aus, dass Mutter und ich den Hof allein bewirtschaften müssen, weil Vater nicht mehr richtig zupacken kann, seit er so krank und kraftlos aus dem ersten Weltkrieg gekommen ist. Da sind wir natürlich ganz froh, dass Kurt, so heisst der Franke, bei uns gestrandet ist und bleiben will. Ich glaube, dass er ein Auge auf mich geworfen hat. Und ich glaube auch, dass mir das gefallen könnte."
"Wär' doch wunderbar für dich, Ilse!"
"Hast du nun schon ein Lebenszeichen von Willy?"
"Nein, es ist zum Verzweifeln! Ich habe mich jetzt mit einer jungen Verwandten von unserem Fräulein Oppermann angefreundet, die mit mir das gleiche Schicksal teilt: Ihr Liebster ist auch vermisst. Sie heisst Barbara Vahldieck und ist tatkräftig dabei, das Gut wieder in Schwung zu bringen. Wir pendeln manchmal abends zusammen, um unser Schicksal zu befragen.
Hättest du was dagegen, Ilse, wenn ich die von dir mitgebrachte Steckrübe für unser Mittagessen verwende? Kartoffeln, Zwiebeln und frischen Majoran hab ich noch da und als besonderen Geschmacksverstärker würde ich gerne von dem wunderbaren Schinken kleine Streifen in die Suppe tun."
"Nur zu, is' doch 'n leckeres Essen. Ich helf' dir beim Schnippeln, Hilde."
Wolfgang und Lena vergnügten sich mit Ilsemaries Fahrrad. Das Fahrrad der Marke "Wanderer" besaß einen Sachs-Freilauf, der die Schwere der Ballonreifen ausglich. Wenngleich Wolfgang fast die Körpergröße seiner Tante erreicht hatte, war der Fahrradsattel noch zu hoch für ihn. In der ledernen Satteltasche des Fahrrads befand sich ein Maulschlüssel, mit dem Wolfgang nach einigen Mühen den Sattel tiefer stellen konnte. Er drehte eine Runde durchs Dorf und Lena gab schon nach kurzer Zeit resigniert auf, ihm zu folgen.
"Lena, ich dreh' noch eine Runde, dann kannst du ja versuchen zu fahren, ja? Ich halte den Gepäckträger, und du musst versuchen, im Stehen Balance zu halten!"
"Au ja! Ich lern' heut' Fahrradfahr'n. Ich ler'n heut' Fahrradfahrn!"
Lena hüpfte vergnügt von einem Bein aufs andere. Sie hatte keine Vorstellung, wie schwierig es sein würde, auf einem schweren Damenrad im Stehen das Gleichgewicht zu halten. Völlig außer Atem kam Wolfgang angeradelt und hielt das Fahrrad, erklärte Lena, zuerst mit dem rechten Fuß auf das Pedal zu steigen und mit dem linken Fuß mit Schwung loszutreten. Mit Wolfgangs stützender Hand am Gepäckträger klappte es anfangs ganz gut. Doch hatte er zu früh die Idee, den Gepäckträger loszulassen, um Lena allein fahren zu lassen. Eine kurze Strecke schaffte sie es ja. Doch dann brachte ein Rechtsdrall das Rad in eine bedrohliche Schieflage, Lena sprang links vom Fahrrad und das Rad knallte auf die Straße. Nach mehrmaligen Versuchen - Lena war da unermüdlich und übte verbissen, die Balance halten zu lernen - gelang es ihr, eine längere Strecke auf Kurs zu bleiben. Es gelang ihr immer, bei drohender Schieflage unbeschadet vom Fahrrad auf die Straße zu springen. Eine weitere Schwierigkeit beim Üben waren natürlich auch die Schlaglöcher, die die Panzer des Volkssturms und die der Alliierten gerissen hatten.
Lena war mit sich zufrieden. Sie hatte gelernt, Fahrrad zu fahren, wenngleich mitunter noch etwas wackelig. Und das Rad hatte die Tortur ohne Blessuren überstanden!
Ein Hoch bescherte dem Mai eine frühsommerliche Wärme. Lena und Eleonore saßen auf der Freitreppe des Gutshauses in der Sonne und beobachteten den Flug der Rauchschwalben, die vor zwei Wochen ihre alten Brutstätten im noch leeren Kuhstall wieder eingenommen hatten. Sie beratschlagten, ob sie mit einigen Jungens Fußball spielen oder lieber ein erfrischendes Bad im Ersten Bach nehmen sollten. Der Erste Bach entsprang, wie der Zweite, im Elm und mündete in die Altenau, einen Nebenfluss der Oker.
"Wenn man am Ersten Bach ganz ruhig am Ufer ins Wasser kuckt, kann man Forellen beobachten. Zum Schwimmen ist der Bach zu flach. Schade. Ich kann noch nicht schwimmen. Kannst du schon schwimmen, Eleonore?"
"Noi, kann i net!"
"Vielleicht könnten wir ja mit den andern Kindern einen Staudamm bauen, dann wird das Wasser davor tiefer und wir könnten schwimmen lernen. Da liegen doch an den Feldrändern so schöne dicke Steine rum. Könnte man gut mit bau'n!"
"Meinscht?"
"Na klar! Komm, wir flitzen zum Spritzenhaus und trommeln 'n paar Kinder zusamm'."
Einige Kinder, die auf dem Vorplatz des Spritzenhauses mit einem vulkanisierten Ball spielten, fanden es toll, einen Damm zu bauen, um schwimmen zu üben. Bis auf Renate Rollwagen, die schon in ihrer Schule in Braunschweig Schwimmunterricht hatte, waren die Kinder allesamt Nichtschwimmer. Sie machten sich auf den Weg zum Ersten Bach. Bis auf die Unterhosen entledigten sie sich ihrer Kleidung und legten sie unter die Weidenbäume. Die Arbeit des Steineschleppens und Aufschichtens war doch schwieriger, als sie es sich vorgestellt hatten. Die Kraft des Wassers ließ ein Aufeinanderschichten der Findlinge nicht zu. Nach einigen Fehlversuchen gaben sie die Staudammpläne auf und vergnügten sich am gegenseitigen Nassspritzen und Wassertaufen. Für Eleonore kam die "Taufe" völlig überraschend, als Lenas Freund Bruno aus Aachen ihr beim Toben den Kopf unter Wasser drückte. Sie ruderte mit den Armen und versuchte sich irgendwo festzuhalten, dabei rutschte sie auf algenglatten Steinen aus und stürzte ganz unter Wasser. Lena eilte ihr zu Hilfe und befreite Eleonore aus ihrer misslichen Lage. Eleonore weinte erschrocken und zitterte am ganzen Körper. Solche rauen Spiele kannte sie noch nicht.
"Mensch, Bruno, bist du denn blöde? Du kannst doch Eleonore nicht taufen! Die kennt doch unser Taufspiel noch nicht und außerdem ist sie viel kleiner als du!"
Lena versuchte, Eleonore zu trösten und streichelte ihr den triefend nassen Kopf. Ihr war die Lust auf Wasserspiele gründlich vergangen.
"Komm, Eleonore, wir ziehen uns wieder an und gehen nach Hause."
Ein überaus fröhlicher Schulnachmittag lag hinter den Kindern. Noch im Hinauslaufen sangen und trällerten sie das zuvor einstudierte Frühlingslied 'der Mai, der Mai, der lustige Mai, der kommt heran gerahauschet'. Das Holzbein des Lehrers Schmelling war angeschnallt gewesen, er hatte also keine Phantomschmerzen. In bester Laune hatte er mit den Kindern Frühlingslieder gesungen. Wolfgang Bentlien, Lydia Rogacky und Lena fassten sich an die Hände und bogen singend in die Schöppenstedter Landstraße ein. Bis zum Gasthaus Kurland hatten sie täglich den gleichen Heimweg. Hier trennten sie sich und Lena bog in den Feldweg ein, der für sie als Abkürzung nach Gilzum führte. Lena war nur wenige Schritte gelaufen, als sie ein wimmerndes klägliches Miauen vernahm. Es kam aus der Richtung des Gasthauses Kurland. Genau aus dem Veranstaltungskasten, in dem sonst auf die Sport- oder Sängerfeste hingewiesen wurde, kam das dünne Stimmchen eines eingequetschten Kätzchens.
"Mein Gott, was haben sie dir denn getan, kleines Mietzchen?"
Vorsichtig bog Lena den Maschendraht hoch, um das Kätzchen aus seiner lebensbedrohlichen Lage zu befreien. Sie nahm das Tier auf den Arm, streichelte es vorsichtig mit dem Zeigefinger und redete sanft und leise auf das verängstigte Häufchen Elend ein. Behutsam untersuchte Lena das Tier und konnte keine sichtbaren Verletzungen feststellen. Die Augen des Kätzchens waren eitrig verklebt und das kleine Gesicht schmutzig und feucht. Es hatte das Aussehen einer kleinen Wildkatze: Sein Fell war grau-schwarz getigert. Das Muster zeichnete ein "M" auf die Stirn und neben den Augen verliefen zwei schwarze Parallel-Streifen schräg zum Ohr. Lena nahm einen Bogen Löschpapier aus ihrem Schreibheft und tupfte ganz zart das kleine Gesicht ab. Sie leerte ihren Ranzen, zwei Hefte, das Lesebuch und den Federkasten, knüllte das Löschpapier zusammen und strich es so auseinander, dass eine kleine Mulde entstand und als Lagerstatt für das Tier im Tornister dienen konnte. Lena klemmte sich die Schulhefte unter den Arm und trat ihren Heimweg an. Und sie beeilte sich sehr! Ganz im Gegensatz zu ihren sonstigen Gepflogenheiten, trödelnd mal hier einen wunderschön gemaserten Stein zu entdecken, mal dort eine bunte Glasscherbe für ihre Scherbensammlung. Lena war die geborene Sachenfinderin!
Wolfgang saß am Küchentisch und machte seine Hausaufgaben, als Lena schwungvoll die Küchentür aufriss.
"Wolfgang, ich habe 'ne kleine Katze befreit! Sitzt jetzt in mein'm Tornister. Is' Mutti noch nicht hier?"
"Wie haste die denn befreit? "
"Das arme Kätzchen war eingequetscht in dem Kästchen vom Gasthof Kurland. Es wimmerte und miaute ganz fürchterlich! Sein klebriges Fell war durch den Maschendraht gedrückt. Kannst du mir mal sagen, wer so was Grausames anstellt?"
"Nee, so was kann man ja wirklich nicht glauben! Zeig sie mir mal."
Behutsam setzte Lena ihren Ranzen ab und öffnete ihn einen Spalt. Das Kätzchen war eingeschlafen. Wolfgang betrachtete das Tier und berührte sehr vorsichtig sein Köpfchen.
"Mein Gott, die is' ja noch klein! Die is' höchstens vier Wochen alt! Höchstens! Mutti is' übrigens noch im Garten. Ich bin gespannt, was sie zu der Katze sagt."
"Wolfgang, ich habe eine tolle Idee! Du hast doch deine alten Spielsachen oben in der Kammer im Persil-Karton, oder? Den Karton könnten wir jetzt gut für die Katze gebrauchen! Schneiden wir den Deckel zur Hälfte ab, legen unten in den Karton ein oder zwei Handtücher zusammengeruschelt rein und schon hat Mietze 'ne tolle Höhle. Und die stell ich unter meinen Küchenstuhl. Hört sich doch gut an, oder?"
"Stimmt, hört sich nicht schlecht an."
"Räum doch schon mal deinen Spielzeugkarton leer, ja? Ich hol fix die Handtücher aus dem Schrank und dann kann Mietzchen umziehen."
Als Hilde erschöpft aus dem Garten kam, hatte Wolfgang längst Tee gekocht.
"Oh, ja, das tut jetzt gut. Erst mal 'n Tee trinken."
Sie ließ sich auf den Stuhl fallen.
"Das war heute ziemlich anstrengend. Erst in Landgrewes Garten, dann in unserm. Aber ich bin froh, dass Frau Landgrewe mir heute von ihren Sämereien abgegeben hat. Und Eier und Milch."
Hilde bemerkte, dass ihre Kinder ihr nur scheinbar zuhörten und mit ihren Gedanken ganz entfernt waren.
"Kinder, ist irgendwas? Ihr seht so geheimnisvoll aus!?"
"Kuck doch mal unter meinen Stuhl, Mutti!"
"Was ist das denn für ein Karton, Lena?"
"Kuck rein, Mutti, kuck reihein!"
"Ein Kätzchen, mein Gott, ein winziges Bündel Katzenleben! Wie kommt das denn zu uns? Es scheint mir doch in einem fürchterlichen gesundheitlichen Zustand zu sein!"
Lena erzählte die ganze traurige Geschichte. Die Familie beschloss, dem Kätzchen ein behütetes Zuhause zu geben. Hilde brühte zum Reinigen des Tieres Kamillentee auf und Lena säuberte behutsam die eitrig verklebten Augen mit teebefeuchtetem Mulltuch.
"So, Kinder, jetzt werden wir mal versuchen, das Kätzchen aufzupeppeln. Ich werde etwas Haferflocken mit Wasser aufkochen, Eigelb unter rühren und Lena wird versuchen, mit unserer Augenpipette winzige Portionen in das kleine Schnäutzchen zu bugsieren. Aber zuerst werden wir ihr mal einen Namen geben. Einen schönen klangvollen Katzennamen, an den sich das Kätzchen immer erinnert, wenn wir sie rufen und mit ihr sprechen."
"Mietz heißen viele Katzen. Aber Minka klingt doch schön. Oder, Mutti?"
"Ja, Puttchen, klingt sehr schön! Und klingt weiblich! Wie ich gesehen habe, ist es kein Katerchen."
Minka nahm das Essen gut an, es schien ihr zu schmecken und keine Verdauungsbeschwerden zu bereiten. Sie wurde stündlich gefüttert. Nachts fütterte Hilde, morgens Lena und nachmittags Wolfgang. So hatte der Schicht-Schulbetrieb für Minka eine positive Seite. Sie entwickelte sich prächtig, so dass ihr im erweiterten "Fütterungsprogramm" mit Wasser verdünnte Kuhmilch verabreicht werden konnte. Die Wohnung war ihr Revier und der Persilkarton ihre Rückzugshöhle und Zuflucht bei Geräuschen, die ihr Angst bereiteten. Sie spielte hingebungsvoll mit leeren hölzernen Garnrollen und Wollknäueln verschiedener Größe. Training für ein wunderbares Katzenleben. Minka war der Sonnenschein der Familie.
Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Camp Ruston in Louisiana: Kameraden es geht nach Hause! Sämtliche US-Camps, in denen sich etwa 123.000 deutsche Prisoners befanden, sollten geräumt werden. Der Jubel war unbeschreiblich; viele Gefangene brachen in Tränen aus. Tränen der Freude! Doch in den Freudentaumel mischten sich auch Wermutstropfen. Die meisten Gefangenen waren ohne Nachricht der Angehörigen geblieben, sie wussten nicht, ob sie noch lebten. Sie wussten nicht, wohin sie der schicksalhafte grausame Krieg verschlagen hatte.
Willy schmiss sich auf sein Bett und versuchte, in seine chaotischen Gedanken eine Ordnung zu bringen. Sein Gefühl sagte ihm, dass Hilde und seine Kinder noch am Leben waren. Aber waren sie auch gesund? Wohnten sie noch auf dem Gutshof Elise Oppermanns? Der Krieg hatte ihm seine Zukunftspläne zerstört. Wenn er endlich mit seinen Lieben wieder vereint wäre, würde er mit all seiner verbliebenen Kraft für seine Familie und sich kämpfen! Mein Gott, ich bin doch erst 36 Jahre alt! Meine im Frieden begonnene Meisterschule werde ich wieder aufnehmen und zum Abschluss bringen, einen kleinen Malerbetrieb aufbauen, vielleicht auch Lehrlinge ausbilden ... Seine Gedanken liefen Galopp. Es war so schön, wieder positive Gedanken zu spinnen!
Der Commander des Camps rief zum Appell. Er verkündete den Termin des Transports zur Verschiffung. Die Logistik der Amerikaner funktionierte hervorragend! Schon wenige Tage nach der Verkündung des Commanders wurden die Gefangenen in Lastwagen zur Verschiffung befördert. Riesige Konvois bewegten sich entlang dem Mississippi durch Orangenplantagen und Baumwollfelder auf den Ozean zu. War die Ankunft der POW's noch geprägt von Ängsten ihrer Gefangenschaft in Louisiana, so kippte die Stimmung der Gefangenen wegen der Abreise ins Sentimentale und Euphorische!
Willy saß auf dem Boden des Lastwagens, seinen Seesack zwischen die Beine geklemmt.
"Willy, spiel' doch mal mit deiner Mundharmonika! Komm, hol sie raus! Ja, los! Hol sie raus!"
Willy zog sie aus seiner Jacke und spielte, während ihm die Tränen über die Wangen liefen: 'In der Heimat, in der Heimat da gibt's ein Wiedersehn'! Alle Lieder, die ihm in den Sinn kamen, drehten sich um 'Heimat' und 'Zuhause'. Die Kameraden sangen und grölten aus voller Kehle mit und animierten Willy, das ganze Repertoire, von der Volksweise bis zum Shanti zu spielen.
Sie schipperten durch den Golf von Mexiko und passierten die Floridastraße in den Atlantischen Ozean. Der Himmel war grau verhangen und die Wogen des Meeres erschienen dunkel, geheimnisvoll mit weißen Gischthäubchen. Doch die eher düstere witterungsbedingte Stimmung beeindruckte die Kameraden nicht. In wenigen Wochen würden sie in Bremen oder Hamburg vor Anker gehen.
Doch es kam anders, als ihnen versprochen worden war. Der erste Bootsgang erfolgte nach drei Wochen Überfahrt in Le Havre. Eine nach POW-Nummern festgelegte Anzahl der Gefangenen musste hier an Land gehen. Die Siegermächte hatten per Dekret festgelegt, dass die Gefangenen für die immensen Kriegsschäden Reparationsdienste zu leisten hätten. Hier in Frankreich wurden die Kriegsgefangenen in Güterwagen verfrachtet und an Orte transportiert, in denen sie im Straßen- und Gleisbau, in Kohlengruben und Steinbrüchen als 'moderne' Arbeitssklaven des 20. Jahrhunderts eingesetzt werden sollten. Es herrschte eine tumultartige Stimmung unter den zurückgebliebenen Gefangenen. Völlig verwirrt mutmaßten sie, dass ihnen ihr 'Going Home' nur vorgetäuscht worden war, um Unruhen zu vermeiden. War das die von den amerikanischen Behörden in den Camps gepriesene Demokratie? Es war der große Bluff, um Auffstände der POW's zu unterbinden und für Reparationsdienste beordert zu werden. Sie gingen in Southampton an Land.
Willy landete mit seinen Kameraden in einem Camp in der Nähe des kleinen Dorfes Old Dalby in der Grafschaft Leicestershire. Die Baracken des Lagers waren auf die Masse der POW's nicht eingerichtet. Die große Überzahl der Gefangenen war gezwungen, unter freiem Himmel zu campieren. Die Verpflegung war miserabel. Auch wenn man berücksichtigen musste, dass auch die Versorgung der britischen Bevölkerung katastrophal war. Willy war froh, dass es ihm vergönnt war, mit einigen Kameraden auf einer kleinen Farm seinen Reparationsdienst abzuleisten. Hier schliefen sie nicht im offenen Camp, sondern richteten sich in der Scheune ein. Wöchentlich mussten sich die Kameraden in der Lagerverwaltung zurückmelden. Willy entdeckte in der Verwaltungsbaracke ein PRISONER OF WAR POST OFFICE, in dem Gefangenen-Postkarten (Army Form No. W. 3494) auslagen. Der in deutscher Sprache verfasste Aufdruck beschrieb die Felder, die zwingend auszufüllen waren. Vielleicht würde es jetzt endlich klappen, ein Lebenszeichen an Hilde zu senden, auch wenn die Zukunft der Gefangenen weiterhin im Dunkeln lag.
Die Postbotin Rosa Meier schien es außerordentlich eilig zu haben. Sie trat kräftig in die Pedalen ihres Fahrrades, bog schwungvoll in den Bauernhof der Landgrewes ein und erstürmte die Treppe zur Diele, eine Postkarte wie eine Trophäe in die Höhe gestreckt. Hilde hatte Rosa Meier schon durchs Küchenfenster kommen sehen und riss erregt die Haustür auf.
"Post aus England! Willy lebt!" Sie gab Hilde die Karte. Mit zitternden Händen und Tränen in den Augen versuchte Hilde das Geschriebene zu entziffern. Es gelang ihr nicht. Sie schluchzte:
"Gott hat meine Gebete erhört!"
Man sah es Rosa Meier an, dass sie sehr froh war, in dieser Zeit der Hiobsbotschaften eine beglückende Nachricht überbringen zu können. Sie nahm die schluchzende Hilde mitfühlend in den Arm und verabschiedete sich.
Hilde suchte völlig erregt nach Marie Landgrebe, um ihr die frohe Botschaft von Willys Postkarte aus England mitzuteilen und fand sie Kühe melkend im Stall.
"Er lebt! Willy lebt!"
"Dat is ja mal ne goude Nachricht! Und wann kummt hai na Huse?"
"Von der Heimkehr hat er nichts geschrieben. Wichtig ist erstmal ein Lebenszeichen. Endlich endlich ein Lebenszeichen!"
Hilde steckte die Postkarte in ihre Schürzentasche und beeilte sich, ihre Küchenarbeit zu einem schnellen Ende zu bringen. Eine Postkarte als Auslöser überschäumender Emotionen! Sie hätte es heraus schreien mögen: Willy lebt! Willy lebt! Hilde beeilte sich, nach Hause zu ihren Kindern zu kommen. Noch im Aufreißen der Flur- und Küchentür rief sie:
"Euer Papa lebt! Wir haben eine Postkarte aus England!"
Wieder und wieder lasen die Drei die Karte. Lena verschwand unvermittelt ins Schlafzimmer, um das Bild ihres Vaters vom Nachttisch zu holen. Sie stellte das Bild auf den Küchentisch.
"Mutti, ich muss mir Papas Bild noch mal genauer ansehen. Auch wenn du die Karte immer wieder vorliest, kann ich mir sein Gesicht überhaupt nicht vorstellen! Da kann ich mich noch so dolle anstrengen, es klappt einfach nicht."
"Glaub ich dir gerne, Puttchen! Du hast ihn ja auch erst zwei Mal in deinem Leben gesehen. In den sechs Jahren deines Lebens war Papa nur zwei Mal kurz während seines Fronturlaubs hier. Da kann sich Wolfgang natürlich sehr viel besser erinnern. Er hat Papa sechs Jahre lang jeden Tag erlebt, bis er in den Krieg geschickt wurde."
Wolfgang nahm versonnen den Bilderrahmen und betrachtete eingehend das Foto seines Vaters. Ernst sah er aus. Ernst und irgendwie besorgt und in schmuckloser Uniform. Wolfgang erinnerte sich an Radtouren in den Elm, an stundenlange Spiele mit seiner Märklin- Eisenbahn. Auch war er ein meisterlicher Stelzenläufer. Schöne Erinnerungen wurden in ihm lebendig.
"So Kinder, bevor ich mich daran mache, eine Antwortkarte an Papa zu schreiben, werde ich noch schnell die gute Nachricht zu Frau Oppermann und Frau Vahldieck bringen. Was für ein wunderbarer Tag!"
Fortan wechselten die Nachrichten, auf kleine Postkarten gezwängt, zwischen Old-Dalby und Gilzum. Um so viel Informationen wie möglich auf eine Karte zu bekommen, war die Schrift sehr klein gehalten. Doch auf keiner der Karten von Willy war auch nur ein vager Hinweis auf die bevorstehende Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft auszumachen.
Dann kam der besondere Tag für Lena: Ihre erste an sie persönlich adressierte Karte von ihrem Papa. Sie war außer sich vor Freude und versuchte, die Schrift selber zu entziffern. Das einzige, was ihr mühelos gelang, war das Datum, an dem ihr Papa die Karte verfasst hatte: Am 16. September 1946. Nun, Lena musste sich gedulden, bis Hilde von der Arbeit kam. Was nutzten schon einzelne entzifferte Worte, wenn ihr der Satzzusammenhang nicht klar wurde.
Lena beschloss, erstmal in den Stallungen nach Minka zu suchen, da sie in der Wohnung nicht zu finden war. Minka hatte sich zu einem bezaubernden, sechs Monate alten Jungkätzchen entwickelt. Ihr Revier war der Hof, die angrenzenden Obst- und Gemüsegärten, der Park, der Pferdestall und der noch verwaiste Kuhstall. Seit die Rauchschwalben den Stall verlassen hatten, um ihre lange Flugreise nach Afrika anzutreten, war es still geworden in diesem Gemäuer. Beobachtete Minka noch vor einigen Wochen die Rauchschwalben bei der Fütterung ihrer Jungen, hielt sie jetzt oftmals ein Mittagsschläfchen auf dem bis zur Stalldecke gestapelten Stroh. Wenn ein Rascheln und Fiepen Minka aus dem vermeintlichen Tiefschlaf riss, wurde von einer Sekunde zur anderen der Jagdtrieb in ihr geweckt. Sie teilte sich das Revier mit den zwei betagten und etwas phlegmatischen Katzen der Gutsbesitzerin, Dolly und Fritzie. Die alten Katzen duldeten Minka in ihrem Terrain. Durch den frühen Verlust ihrer Mutter als Jagdlehrmeisterin konnte Minka einige Fangtechniken von Dolly und Fritzie übernehmen und noch verfeinern.
Als Lenas Lockrufe aus der Ferne an Minkas Ohren drangen, gähnte sie herzhaft, reckte und streckte sich und beeilte sich, ihre Freundin zu begrüßen.
Der Spätherbst verwöhnte die Menschen mit viel Sonnenschein, doch die kalten Nächte ließen schon ahnen, dass der Winter vor der Tür stand. Von einer inneren Unruhe getrieben, machte sich Hilde daran, ihren Vorratsplan umzusetzen und noch weiter auszubauen. In der Vorratskammer waren noch einige Gläser aus dem Vorjahr: Sauerkirschen, Kürbisse, Apfelmus und einige Flaschen Holunderbeersaft. Drei 500-Gramm-Apotheken-Gläser standen gefüllt mit getrockneten Steinpilzen im Regal. Waldmeister, Thymian, Majoran, Sauerampfer, Schafgarbe, Pfefferminze und Kamille hingen zu kleinen Sträußchen gebunden auf einer Leine. Es wäre schon wünschenswert gewesen, wenn sich der Bestand noch hätte vergrößern lassen. Kartoffeln und Zwiebeln waren schon auf einer Schicht Stroh im Stall gelagert. Es erfüllte Hilde mit Stolz und Dankbarkeit, dass ihr Garten Dank des Pflanzgutes und der Sämereien, die sie von Frau Landgrewe für ihre Dienste erhalten hatte, eine beachtliche Ernte eingebracht werden konnte. Die Spätkartoffeln mussten noch gerodet werden, ebenso die Steckrüben. Zwei Stiegen Spätbirnen und drei Stiegen mit Cox-Orange und Boskops würden den Vitaminbedarf im Winter abdecken. Auch wäre es beruhigend, wenn Wolfgang noch einige Male mit seinem Freund Fritz in den Elm ginge, um Brennholz zu sammeln.
Anfang Oktober machten sich Hilde und die Kinder daran, immer spätnachmittags die Kartoffeln und Steckrüben zu roden, in den Stall zu transportieren und im Strohbett zu lagern. Hildes Vorahnung, dass es zu einem frühen Wintereinbruch kommen könnte, bestätigte sich: Am 14. Oktober 1946 klopfte der Winter mit minus 4° das erste Mal an die Tür, um sich kontinuierlich mit weiterem Absinken der Temperaturen bis zu minus 18° im Dezember festzusetzen. Die Vorweihnachtszeit erstarrte im klirrenden Frost. Die schier unerträgliche Kälte entzauberte selbst die kunstvollen Eisblumen am Fenster. Die Dörfer versanken im Schnee und die Versorgung der Menschen kam nahezu zum Erliegen. Erst als die britischen Soldaten mit schweren Geräten Schneisen in die Schneewehen frästen und die Straßen zwischen den Dörfern wieder passierbar machten, klappte die ohnehin dürftige Versorgung wieder. Die Milch der Bauern konnte wieder mit dem Milchtrecker abgeholt werden, um sie zur weiteren Verarbeitung in der Käserei im fünf Kilometer entfernten Dorf Sickte abzuliefern.
Der Schulweg nach Evessen war für Lena und Wolfgang wieder zu bewältigen, doch erlebten sie fast täglich, dass Tiere verendet im Schnee der Feldmark lagen, weil keine Nahrung zu finden war. Eine glücklichere Wende nahm das zum sicheren Tod verdammte Leben zweier Elstern, die Wolfgang fand und im Mantel geborgen in der Küche der Familie Aufnahme fanden. Zunächst in einem Karton, dann im ausrangierten Taubenkäfig Fräulein Oppermanns. Ihre Nahrung war die der Familie. So erlangten sie nach einigen Tagen ihre artgerechte Munterkeit zurück. Die Katze Minka betrachtete die Elstern eher argwöhnisch. Oftmals sprang sie auf den Käfig und versuchte, mit der Pfote nach ihnen zu schlagen. Schnabelhiebe auf ihre Pfote klärten endgültig das Machtverhältnis. War Minka in den Stallungen auf Beutejagd, durften die Elstern den Käfig verlassen, was sie sichtlich genossen. Am letzten Tag vor den Weihnachtsferien endeckte Lena auf dem Heimweg am Gebüsch vor der Bahnschranke der Braunschweig-Schöninger Eisenbahn einen hilflosen Dompfaff im Schnee. Sie nahm ihn behutsam auf und wickelte ein Taschentuch um den kleinen Körper, so dass nur noch das Schnäbelchen hervorlugte und brachte ihn nach Hause. Allmählich wurde es eng in der Küche. Der neue Mitbewohner bezog einen ausrangierten Kanarienvogelkäfig von Fräulein Oppermann und wurde von der Familie Lolo getauft. In der warmen Küche und mit dem Futter aus Hildes Samenbeständen erholte sich das kleine Dompfaffhähnchen schnell und flötete zur Freude der Familie ausgiebig und fröhlich. Der kleine Vogelbauer hing an der Wandseite des Küchenfensters in einer Höhe, die für Minka unerreichbar war.
Die arktische Kälte hielt sich hartnäckig. Die Wasserleitungen waren eingefroren. Es war ein Segen, dass das Wasser des Tiefbrunnens im Park noch nicht zu Eis erstarrt war. Hilde pumpte täglich große Eimer mit dem kostbaren Nass. Einen Eimer deponierte sie in der warmen Küche, den anderen in der Abstellkammer im Flur. Doch der Frost hielt auch Einzug in die Wohnung. Die unter dem Sofa in einem Karton aufbewahrten Kartoffelschalen, die für die Kaninchen bestimmt waren, wurden durch den Frost vernichtet. Das Wasser im Eimer in der Abstellkammer wurde zum Eisblock und konnte erst in der Küche wieder aufgetaut werden. Der Küchenherd war auch nachts im Einsatz, wenngleich auf Sparflamme, so dass er morgens nur seiner Asche entledigt und das Feuer wieder voll entfacht werden konnte. Die Betten im Schlafzimmer wurden eine Stunde vor dem Zubettgehen für die Nacht mit zwei Wärmflaschen und vier auf dem Küchenherd vorgewärmten großen und runden Feldsteinen für einen kuschelig warmen Schlaf vorbereitet.
Die Tiere im Stall erhielten zum Schutz gegen den Frost locker aufgeschüttetes Stroh, ebenso das gelagerte Gemüse. Die obere Schicht der Kartoffeln war überzogen mit einer glitzernden Eisschicht. Hilde hoffte inständig, dass die unteren Schichten der Feldfrüchte noch keinen Frost abbekommen hätten.
Hielt Minka sonst im Pferdestall gern ein Schläfchen, suchte sie bei diesen frostigen Temperaturen ihre Menschenfamilie auf, um an der Seite Lenas kuschelnd die Nacht im wohlig warmen Bett zu verbringen.
Die Radiosender der Besatzungszone verbreiteten katastrophale Meldungen, besonders aus den größeren Städten: Neben der Beschaffung von Nahrungsmitteln wurde das Organisieren von Brennmaterial zur wichtigen Überlebensaufgabe. Alte und kranke Menschen blieben auf der Strecke. Zwischen den Trümmerbergen der Städte wurden Wellblechhütten errichtet, um darin die Massen der Obdachlosen notdürftig unterzubringen und dem sicheren Tod durch Erfrieren Einhalt zu gebieten. Die Wellblechhütten, von den Städtern Nissenhütten genannt, wurden zur Brutstätte von Läusen, Krätzmilben und Flöhen. Durch die desolaten hygienischen Bedingungen in den Hütten brachen Seuchen aus. Unzählige Tote waren in dem Hungerwinter zu beklagen. Doch war es für die Behörden schwierig, zu klären, ob die Verstorbenen verhungert waren, oder ob der Weiße Tod sie dahin gerafft hatte.
Weihnachten stand vor der Tür, doch schienen in diesem grausamen Winter selbst die heimliche Geschäftigkeit und Vorfreude zu Eiskristallen erstarrt. Wolfgang hatte sich fest vorgenommen, wenn die Bahnstrecke Braunschweig-Schöningen von den Schneemassen befreit und für den Zugverkehr frei gegeben worden sei, nach Braunschweig zu fahren, um für Lena eine Mundharmonika zu kaufen. Tante Elsbeth hatte auf einen ihrer Besuche erzählt, dass der Kohlmarkt nicht zerbombt worden sei und das Musikhaus Mewes seiner Kundschaft wieder zur Verfügung stünde. Vielleicht könnte sein Freund Fritz ihn begleiten, das würde schon mehr Spaß machen, als allein in der lauten und turbulenten Stadt unterwegs zu sein.
Wenige Tage später saßen die Freunde im Frühzug nach Braunschweig. Wolfgang hatte sich seinen Rucksack aufgesetzt, in dem er Proviant und seine Ersparnisse verstaut hatte. Sie hatten Glück, trotz des überfüllten Zuges noch einen Fensterplatz ergattern zu können. Sie schauten aus dem Abteilfenster in die glitzernde Schneelandschaft. Die Strommasten glitten vorbei, einige von ihnen ragten nur zur Hälfte aus den Schneewehen. Im fernen Wäldchen gewahrten sie Bäume, deren Äste heruntergebrochen waren, weil sie die Last des Schnees nicht mehr tragen konnten.
"Siehst du da hinten die größeren schwarzen Flecken im Schnee, Fritz?"
"Ja, seh' ich."
"Das sind bestimmt erfrorene Tiere, die kein Futter mehr gefunden haben. Unsere Elstern und der Dompfaff haben Glück gehabt, dass ich und Lena sie noch vor dem Erfrieren gefunden haben!"
Das Gespräch der Freunde verstummte. Sie hingen ihren Gedanken nach, bekümmert, dass man dem Kältetod nicht Einhalt gebieten konnte. Sie schwiegen, bis der Zug dampfend und schnaufend im Bahnhof Braunschweig-Gliesmarode einlief.
Es schien Wolfgang, eine Ewigkeit sei verstrichen, seit er das letzte Mal in Braunschweig gewesen war. Es war jedenfalls, bevor die Flugzeuge der Alliierten Braunschweig in Schutt und Asche gelegt hatten und die Familie einer Einladung zu Onkel Männes rundem 40. Geburtstag folgte. Wolfgang erinnerte sich, dass Tante Elsbeth leckeren Kuchen gebacken hatte. Sicher hatte sie für die Kuchenzutaten auf dem Schwarzmarkt viel kungeln müssen!
Die Fahrgäste verließen den Zug und strömten durch die Bahnhofshalle dem Ausgang zu. Eine Wand der Halle war durch die Bombardements so stark beschädigt, dass man durch den fehlenden Deckenbereich den blauen Himmel sehen konnte. Der untere Teil der Wand war mit Brettern vernagelt worden. Viele der Fahrgäste strömten zur Endhaltestelle der Straßenbahn Linie "4", die von Gliesmarode bis zum Hauptbahnhof fahren würde.
"Die Richtung stimmt, Fritz. Wir müssen, glaube ich jedenfalls, zwei Stationen vor der Endhaltestelle raus. Das ist dann in der Nähe vom Kohlmarkt. Wie könn' ja die Schaffnerin fragen, wenn sie den Fahrschein abkassieren kommt."
"Ich glaube nich', dass die Schaffnerin bei den vielen Menschen vor dem Hauptbahnhof bis zu uns durchkommt! Die Leute stehn' eng wie die Heringe in der Dose. Da steh'n sogar noch Menschen auf dem vereisten Außentritt und halten sich an den Haltegriffen fest! Sieht ganz schön gefährlich aus!"
"Weißt'e, dann fahr'n wir bis zum Hauptbahnhof und laufen die paar Stationen wieder zurück. Is doch kein Problem."
Die Straßenbahn setzte sich in Bewegung. In jeder Kurve bimmelte der Fahrer seine Glocke, um im Straßenverkehr auf sich aufmerksam zu machen und die Räder begleiteten das Gebimmel mit starken dumpfen Quietschgeräuschen. Die Bahn fuhr vorbei an den Optischen Werken Voigtländer, die auf wunderbare Weise vor der Zerstörung durch die alliierten Flugzeuge verschont geblieben waren. Oder war der reale Grund für die Verschonung zur Bombardierung darin zu suchen, dass das Fabrikgelände unmittelbar an den Flughafen Braunschweig grenzte und ein zerstörter Flughafen auch für alliierte Flugzeuge nicht mehr nutzbar war? Die meisten Industrieanlagen Braunschweigs wurden im Krieg dem Erdboden gleich gemacht. Von Weitem erkannte Wolfgang das dunkelrote riesige Backsteingebäude der Allgemeinen Ortskrankenkasse am Magnitorwall. Ringsum zerstörte Wohnhäuser und noch einige wenige Häuserwände, die ihre Trümmerteile klagend in den Himmel reckten. Es mutete makaber an: Ein riesiger dunkelroter Klotz in einem Meer aus Trümmern. Die Straßenbahn passierte noch viele Trümmerfelder- und berge, hielt in der Fallersleber Straße und dem Hagenmarkt, ehe sie quietschend die Kurve zum Bohlweg nahm. Hier verließen viele Fahrgäste die Straßenbahn. Wolfgang gab Fritz durch Handzeichen zu verstehen, auch auszusteigen.
"Is' besser hier schon auszusteigen. Jetzt hätte sich die Schaffnerin zu uns durchgeschlängelt und uns abkassiert. Ha'm wa' noch Geld für die Rückfahrt. Zum Kohlmarkt fragen wir uns durch. Is' nich' mehr weit, glaub' ich."
Auf dem Bohlweg hatten schon wieder einige Geschäfte geöffnet. Es sah bedrückend aus: Mit Brettern zugenagelte Schaufenster und Türen inmitten unversehrt gebliebener Geschäfte im unteren Hausbereich, deren obere Etagen zerstört waren oder ganz fehlten. Dann wieder schneebedeckte Trümmerhaufen und abkürzende schmutzigbraune Trampelpfade zwischen den Häusern zur nächsten Straße. Die einst prächtige Einkaufsstraße bildete mit dem jetzt zerstörten Schloss die Begrenzung zum alten Stadtkern. Männer mit alten, abgewetzten Militärmänteln und Pudelmützen boten lauthals Waren feil, die sie auf ihren Bauchläden sorgsam gestapelt hatten: Kämme, kleine Spiegel, Schneiderkreide, Garne in verschiedenen Farben, Hosenträger, Gummibänder, blumenverzierte Borte, Wäscheknöpfe und Zündhölzer.
Wolfgang fragte einen fliegenden Händler, von dem er annahm, dass er mit den Örtlichkeiten vertraut sein könnte, nach dem kürzesten Weg zum Kohlmarkt.
"Da geht ihr hier den Trampelpfad lang, vorbei an den Nissenhütten, bis zum Bekleidungshaus Flebbe, dann rechts noch 100 Meter, und ihr seid auf 'm Kohlmarkt."
"Vielen Dank! Danke!"
Die Freunde dankten wie aus einem Munde und begaben sich auf den Trampelpfad. Sie begegneten vielen zerlumpten Menschen, die völlig unzureichend gekleidet waren, um der beißenden Winterkälte trotzen zu können.
"Der Mann mit'm Bauchladen hat den Weg ganz gut beschrieben. Kuck ma', da is' schon Flebbe, Fritz. Und ich seh' schon Musik-Mewes!"
In den Auslagen des Schaufensters waren nur wenige Musikinstrumente zu sehen. Den größten Platz nahm ein Klavier ein, auf dem Notenblätter von Mozart fächerartig angeordnet waren. Das ganze Schaufenster war mit rotem Samt ausgelegt und drappiert. Im vorderen Teil des Schaufensters lagen einige Blockflöten, daneben die dazu gehörigen Reinigungsbürstchen- und tücher. In der linken Schaufensterseite lehnte eine mit bunten Bändern verzierte Laute. Die rechte Seite war mit einem Akkordeon dekoriert.
"Ich sehe keine Mundharmonika, Fritz!"
"Lass uns doch erst ma' reingehn. Vielleicht ham'se drinnen welche!"
Die Türglocke bimmelte, eine ältere Dame mit schlohweißem Haar begrüßte die Freunde und fragte sie freundlich nach ihren Wünschen.
"Ich möchte für meine Schwester eine Mundharmonika kaufen. Wenn's geht, von der Firma M. Hohner."
" Ja, gerne, mein Junge. Möchtest du eine Mundharmonika in C-Dur? Oder in G-Dur? Komm doch mal mit zum Verkaufsthresen, da zeig ich dir mal, was wir da für dich alles haben."
Wolfgang war etwas verwirrt. In C-Dur? In G-Dur? Er schaute fragend zu Fritz, doch der war ebenso verunsichert. Sie folgten der Dame zum Verkaufstischchen, auf dem sie ein weinrotes Tuch ausgebreitet und einige Mundharmonikas verschiedener Größen darauf gelegt hatte.
"Nun, schau, diese hier ist eine mit zwei Oktaven in C-Dur. Und die etwas kleinere ist auch eine C-Dur mit nur einer Oktave. Einen schönen Klang haben beide. Die kleinere Harmonika ist etwas preiswerter, sie kostet 10 Mark. Die größere kostet 18 Mark. Wie viel möchtest du denn ausgeben?"
Wolfgang entschied sich für die größere. Sie war in einem schönen dunkelblauen Pappkästchen verpackt auf dem rechts ein Foto mit einer braunhaarigen schönen Frau und links eines mit einer blonden Schönen abgebildet war. Die Mitte der Schachtel zierte der Schriftzug 'Unsere Lieblinge M.Hohner'. Das war das perfekte Weihnachtsgeschenk für Lena! Er zählte sein erspartes Hartgeld auf den Thresen.
"Wunderbar mein Junge, das Kleingeld kann ich gut gebrauchen! Soll ich dir das Geschenk noch schön einwickeln?"
"Ja, das wäre sehr nett!"
Wolfgang war sehr zufrieden mit seinem Weihnachtseinkauf. Als die Freunde den Musikladen verließen, tanzten ihnen Schneefkocken um die Nase. Sehr kleine Flocken, die darauf hinwiesen, dass auch in den oberen Luftschichten Eiseskälte herrschte.
"Fritz, lass uns noch'n bisschen die Schaufenster ankucken, ja? Wir haben ja noch'n paar Stunden bis zur Rückfahrt. Vielleicht find' ich noch'n kleines Geschenk für meine Mama. Hast du auch'n bischen Geld? Könnt'ste ja auch für deine Mama was besorgen, oder?"
"Ja, is' ne gute Idee."
"Früher war auf'm Kohlmarkt 'n Kunstgewerbeladen. Wir kucken mal, ob wir den finden."
Die Freunde hatten Glück, sie fanden den Laden. Er hatte also die Kriegswirren überlebt. Im Schaufenster waren Vasen und Kuchenteller zu bewundern, die mit Ornamenten und Blümchen bemalt waren. In der Mitte des Fensters prangte ein großer roter aus Karton gefalteter Stern inmitten einer ganzen Schar von kleinen Strohsternen, die an roten Fäden aufgehängt waren. Kleine Stoffpüppchen saßen in kleinen bunt bemalten Wägelchen und ein braun bemalter Holzdackel auf Rädern blickte zu den Püppchen. Ein weihnachtliches Schaufenster, das nicht nur Kinderherzen höher schlagen ließ! Die Freunde betraten den Laden.
"Guten Tag, können wir euch behilflich sein?" Empfing sie eine der drei Verkäuferinnen.
"Wir wollen uns nur erstmal alles ansehn!"
Sie sahen sich alles an. Wolfgang entdeckte einen kleinen Kunstkalender für das Jahr 1947 mit Scherenschnitten von dem Künstler Georg Plischke. Er wusste, dass seine Mama diese Scherenschnitte liebte. Sie verschickte gern Postkarten mit den Motiven dieses Künstlers. Das Deckblatt des Kalenders für das kommende Jahr zeigte im Scherenschnitt einen Herrn unter einem Sonnenschirm an einem kleinen runden Tisch mit einer Kaffeekanne, inmitten seiner Haustiere: Hahn, Hund, Ziege und Katze. Über dem Scherenschnitt war der Spruch zu lesen:
Das Besondere an dem Kalender war, dass man die 12 Kalenderblätter auch als Postkarte verschicken konnte, indem man die vergangenen Tage des Monats abschnitt. Wolfgang fand das nicht nur schön, sondern zugleich praktisch. Er reichte der Verkäuferin den Kalender. Die Verkäuferin ging mit ihm zur Registrierkasse, die Wolfgang aufmerksam begutachtete. Er fand die Kasse sehr modern und technisch ziemlich ausgeklügelt! Musik-Mewes hatte so ein modernes Ding jedenfalls noch nicht! Die Verkäuferin nahm Waren- und Kasssenbon-Blöckchen, dessen vorletztes Blatt mit einer Blaupause versehen war und schrieb mit einem Kopierstift: 1 Plischke-Kalender 4,50 RM, den Betrag unterstrich sie doppelt, legte den Doppelbon in den Schlitz der Kasse, tippte den Betrag auch in die Tasten der Kasse ein und drehte die Kassenkurbel einmal herum. Mit einem Klingelzeichen öffnete sich das Geldfach der Kasse und bedruckte gleichzeitig den Bon mit Datum und Betrag. Die Angestellte nahm den Doppelbon, riss ihn auseinander und reichte das Original Wolfgang. Die Durchschrift spiesste sie auf den Bonhalter und die Blaupause legte sie wieder zwischen die obersten Blattseiten ihres Waren- und Kassenblöckchens. Sie war höchst amüsiert über Wolfgangs lebhaftes Interesse an ihrer Tätigkeit und schwenkte ihr Blöckchen in die Höhe.
"Auf ein Neues! Hatt' ich ganz vergessen zu fragen: Soll dir Fräulein Rosi den Kalender hübsch einwickeln?"
Ohne die Antwort abzuwarten, winkte sie Rosi herbei, die offensichtlich der Lehrling war. Schön weihnachtlich verpackt landete auch der Kalender im Rucksack.
Fritz hatte sich für sechs Glasuntersetzer aus farbigem Bast entschieden und reichte sie der Verkäuferin. Das Prozedere wiederholte sich. Gemeinsam verfolgten die Freunde nun die Arbeitsabläufe vom Kauf des Artikels bis zum Einwickeln und Verstauen im Rucksack.
Als die Dämmerung über die Stadt hereinbrach, machten sich die Freunde auf den Rückweg. Vom Kohlmarkt am Flebbe-Bekleidungshaus vorbei in Richtung Bohlweg. Den unbeleuchteten Trampelpfad mieden sie. Die Menschen, die sich auf ihm in Richtung Nissenhütten bewegten, um eine Bleibe für die Nacht zu finden, wirkten auf die Jungen wie zwielichtige dunkle Gestalten. Es war ihnen unheimlich zumute. Sie fassten sich bei den Händen und beeilten sich, zur beleuchteten Tram-Haltestelle der Linie 4 zu kommen.
Der Zug der Braunschweig-Schöninger-Eisenbahn war schon eingefahren. Bis zur Abfahrt war noch eine Stunde Zeit. Die Jungen schlugen sich den feinen Schnee von der Kleidung, bestiegen das Abteil des vorletzten Wagens und suchten sich in aller Ruhe einen schönen Fensterplatz aus.
"Ich hatte ganz vergessen, dass wir ja noch Brot und Trinken im Rucksack haben! War ja auch ziemlich viel los in Braunschweig, oder, Fritz?"
"Ja, kann'ste sagen! War aber schön irgendwie und schöne Geschenke ham'wer auch."
Wolfgang kramte die Brotdose und die Flasche mit dem kalten Pfefferminztee aus dem Rucksack.
"Hier, Fritz, zum Brot hat meine Mama für jeden von uns einen Boskop in'n Rucksack gepackt. Hier, nimm dir! Ich hab jetzt richtig Hunger gekriegt. Mir war elendig schlecht und mein Magen hat geknurrt!"
Mit großem Appetit verputzten sie Brote und Äpfel und lehnten sich entspannt auf dem Sitz zurück. Allmählich füllten sich die Abteile. Bis zur Abfahrt des Zuges konnte es also nicht mehr lange dauern.
"Du, Fritz, hast'e auch gesehn, da is' eben der Zugabfertiger mit zwei Männern auf'm Bahnsteig vorbei gelaufen. Ich will ma' kucken, ob das mein Onkel Männe mit seim' Heizer war."
Mit einem kräftigen Ruck öffnete er das Abteilfenster und lehnte sich hinaus. Es war nicht Onkel Männe mit seinem Heizer, die hatten heute mit Sicherheit eine andere Tour. Kurz darauf hob der Zugabfertiger seine Kelle, die Türen wurden geschlossen und der Zug setzte sich in Bewegung.
"Du, Wolfgang, wollten wir morgen nich' in'n Elm zwei Bäume besorgen?"
Wolfgang gab seinem Freund mimisch zu verstehen, dass er nicht so laut sprechen solle, es musste ja nicht jeder wissen, dass sie beabsichtigten, zwei Weihnachtsbäume zu "besorgen". Dann nickte er nur noch stumm mit dem Kopf, lehnte sich zurück und schloss die Augen. Fritz tat es ihm gleich. Sie hingen ihren Gedanken nach. Ein Tag voller turbulenter Eindrücke lag hinter ihnen.
Schon an der Haustür stieg Wolfgang ein verführerisch zimtiger Duft in die Nase. Als er die Küche betrat, war Lena damit beschäftigt, Zimtsterne in die große Keksdose zu schichten.
"Wir haben heute schon drei verschiedene Sorten Kekse gebacken: Honigkuchen, Haferflockentaler und Zimtsterne. Kannst'e von jeder Sorte einen kosten, hat Mutti gesagt. Ich habe schon!"
"Das sieht man. Hast'n ganz verschmierten Mund."
Hilde war dabei, einen Teig zu walken. Sie hatte sich vorgenommen, noch ein Blech Butterkekse zu backen. Sie formte einen Riesenkloß, packte ihn in die Holzmolle, deckte ein Küchentuch darüber und brachte die Molle in das eiskalte Wohnzimmer. Nach einer halben Stunde Ruhe- und Kühlzeit würde sie den Mürbeteig weiter bearbeiten können.
"Na, Wölfchen, erzähl mal, war dein Spaziergang zum Elm erfolgreich? Hat diesmal ja ganz schön lange gedauert! Ich hab mir schon Sorgen gemacht, weil Ihr doch schon heute Morgen los seid und jetzt is'es dunkel!"
"Ach, Mama, wir mussten einen Umweg machen, weil die Tommy's nicht alle Straßen geräumt hatten. Die kleineren Straßen durch die Feldmark kann man nicht passieren, da türmen sich die Schneemassen! Wir sind über Evessen nach Erkerode und von da aus in'n Elm. Auch im Wald kommt man nich' so richtig vorwärts, weil es praktisch keine Wege mehr gibt. Aber vor uns war'n bestimmt schon 'ne Menge Leute, die sich auch'n Baum besorgt haben. Fritz und ich sind in deren Fußstapfen getreten und haben am Waldrand zwei kleinere aber schön gewachsene Fichten gefällt. Schiss hatten wa' nur, dass uns jemand sieht!"
"Gott sei Dank! Is' ja noch mal gut gegangen, Wölfchen. Da hast du dir 'ne extra Portion Kekse verdient."
Hilde holte den gekühlten Mürbeteigkloß und zerlegte ihn in vier Teile.
"So Lena, jetzt bist du dran. Du kannst jetzt deine Hände bemehlen und Rollen herstellen. Dann schneidest du dünne Scheiben ab, und ich leg sie auf's Backblech. Nach dem Backen machen wir Feierabend. Die warmen Feldsteine und die Wärmflaschen hab ich vorhin ins Bett gebracht. Unsere Piepmätze schlafen auch schon. Vor 'ner Stunde hab ich schon die Handtücher über die Bauer gelegt. Kinder, ich glaube, dass Vögel auch träumen. Sie hocken mit geschlossenen Augen auf der Stange und geben ganz zarte Fieptöne von sich. Ganz niedlich und entzückend! Wollt ihr vielleicht noch n' Tee?"
"Zum Tee, zum Tee, sag ich nich' nee" flötete Lena.
"Ein schöner Reim, Puttchen! Sag mal, hattet ihr nicht kürzlich in der Schule ein Gedicht lernen müssen? S'könntest du uns doch zum guten Abschluss des Tages vortragen!"
"Könnte ich schon, Mutti. Das ist aber kein Weihnachtsgedicht. Ich sag mal so: Das ist ein Wintergedicht. Und zwar von Christian Morgenstern."
Lena wischte sich mit dem Handrücken den Mund ab und stellte sich in Positur.
Die drei Spatzen
"Ein richtig tolles Gedicht, Lena! Aber so kalt wie wir's jetzt haben, war's da wohl nicht. Ich glaube, die Spatzen hätten das nicht überlebt", sagte Wolfgang.
"Das glaub' ich auch. Da können wir froh sein, dass wir Lolo und die Elstern gerettet haben!"
Sie tranken ihren Tee, kosteten noch die fertig gebackenen Butterkekse und bereiteten sich auf das Zubettgehen vor.
"Ach, Kinder, bin ich froh, dass wir uns haben! Dass wir wieder satt geworden sind und jetzt im warmen Bett kuscheln. Wie unzählig viele Menschen haben kein zu Hause mehr und sind hungrig und krank! Gute Nacht, schlaft schön, Kinder!"
Lena und Wolfgang wünschten ihrer Mama ebenso eine gute Nacht. Es waren kaum zehn Minuten vergangen, als vor der Schlafzimmertür ein klagendes und jammervolles Miauen zu vernehmen war. Minka hatte ihre Kartonhöhle verlassen und begehrte Einlass bei ihrer Men-schenfamilie. Behände kletterte Lena aus ihrem Bett und holte Minka zu sich. Sie schlief immer noch in ihrem Kinderbett. Es war von Willy ganz bewusst so groß getischlert worden, dass es Lena ganz sicher noch bis zu ihrem zehnten Lebensjahr benutzen konnte. Lena deckte sich zu und zog das Deckbett sorgfältig über den Kopf, ihr rechter Arm umschlang Minka, die ihn noch mit kräftigem Milchtritt bis zur Schmerzgrenze mit ihren Vorderpfötchen knetete. Schon wenig später erlahmten die Pfötchen, Minka drückte ihren Kopf in Lenas Achselhöhle und schnurrte vor Behaglichkeit. Im Hinüberdämmern flüsterte Lena ihrer Katze ins Ohr: "Noch drei mal schlafen, Minkelchen, dann ist Weihnachten und ich hab Geburtstag! Schlaf schön!"
Der Wecker läutete den Tag ein. Noch war es dunkel, als sich Hilde aus den Federn schwang. Nur noch drei Tage bis Weihnachten und es war noch so viel zu erledigen! Es kostete schon einige Mühe, die Arbeit bei Frau Landgrewe, den eigenen Haushalt und die geheimen Weihnachts-Handarbeiten unter einen Hut zu bringen. Sie entfachte schnell das Herdfeuer, befreite die Vogelkäfige von den Frotteetüchern und setzte Kaffeewasser auf den Herd. Minka war für Hilde unbemerkt mit in die Küche gehuscht. Sie strich Hilde um die Beine und wartete geduldig auf ihr Futter.
"Ja, Minka, s'geht ja gleich los. Erst mal Lolo, dann die Elstern, dann du."
Hilde hatte sich angewöhnt, schon abends das Futter für die Tiere vorzubereiten. Für Lolo gab es Körner aus den Saatvorräten, die Elstern frühstückten zerdrückte Pellkartoffeln, Maisbrotbröckchen und eine Schale mit Wasser. Da sich Minka in den Stallungen mit Frischfutter versorgte, bestand ihr Frühstück hier aus Haferbrei. Schnell schleckte sie ihren Brei bis zum letzten Krümel auf und begehrte Auslass. Das Gekrächze der Elstern war für ihre empfindlichen Ohren einfach unerträglich! Hilde öffnete ihr die Haustür, und sie verschwand in der Dämmerung. Hilde hatte den Verdacht, dass die Elstern ihr Täck, Täck, Täck mit besonderer Lautstärke äußerten, um Minka zu vertreiben. Sie hatten gelernt, dass ihr Käfig geöffnet wurde, wenn die Katze die Küche verlassen hatte.
Lena öffnete verschlafen die Küchentür.
"Schnell, Puttchen, schließ die Küchentür wieder! Die Elstern sind aus dem Käfig! Sag mal, du könntest doch noch'n bisschen schlafen, oder? Du hast keine Schule, es ist noch nicht hell und unser Frühstück ist auch noch nicht fertig. Du kennst unsere Regel: Erst unsere Tiere, dann wir."
Lena setzte sich auf den Küchenstuhl, zog die Knie bis zum Kinn und beobachtete die Elstern.
Eine Elster "schritt" zum Katzennapf und untersuchte ihn eingehend, während die andere auf der Stuhllehne saß und ihre Menschen mit schräg gestelltem Kopf beäugte.
"Mutti, hast du vergessen, dass ich heute Vormittag mit Eleonore zu Frau Vahldieck gehe, um ihr in der Küche zu helfen? Entweder wir backen Semmeln oder wir machen Früchteeis. Über Eis würde ich mich schon mehr freuen, weil ich das noch nicht kenne."
"Lass dich überraschen, Puttchen."
Als Lena und Eleonore die Großküche betraten, war Barbara Vahldieck schon mit den Vorbereitungen für die Eisherstellung beschäftigt. Sie bugsierte einen größeren Eisbrocken in einen Leinensack und zerschlug ihn mit einem Fleischklopfer auf dem Hackeklotz. Zwei Drittel des zerstoßenen Eises schüttete sie in eine riesige Blechschüssel und rührte ein Pfund Kochsalz unter das Granulat. Das restliche Drittel der Eismasse schüttete sie in eine kleinere Blechschüssel, fügte zwei Gläser Erdbeermarmelade hinzu und stellte die kleine Schüssel in die große. Danach verschwand sie in der Vorratskammer und holte die Sahne, die sie aus zentrifugierter Kuhmilch gewonnen hatte und schüttete sie in ein verschraubbares Quirlglas. Dieses Gefäß war ein Wunderwerk der Mechanik und eine große Küchenhilfe, die den Schneebesen ersetzte. Am inneren Stahldeckel waren zwei Quirle mit einer Welle installiert, die an der äußeren Deckelseite mit einer Kurbel versehen war. Mit geringem Kraftaufwand ließ sich in kürzester Zeit Sahne schlagen.
"So, ihr beiden, ich schabe noch das Mark aus der Vanilleschote heraus, das verfeinert den Geschmack des Erdbeereises. Dann kann eine von euch das Eis und die Erdbeeren verrühren, die andere kann die Sahne schlagen, ja?"
Lena verrührte emsig das Eisgranulat mit der Erdbeermarmelade, Eleonore schlug die Sahne. Zum großen Erstaunen Lenas hatte sich das Eis-Salzgemisch der großen Schüssel verflüssigt und die Erdbeer-Eis-Mischung begann an der Schüsselwand zu gefrieren. Mit dem Holzlöffel schabte sie das Gefrorene ständig ab und rührte es unter die Masse. Inzwischen war die süße Sahne von Eleonore zu einer kremigen Masse geschlagen worden und konnte dem Erdbeergemisch zugefügt werden. Barbara Vahldieck holte drei Kompottschälchen und füllte sie mit je einer größeren Kostprobe des Erdbeereises, bevor die Eischüssel in Küchentüchern verpackt auf der eiskalten Veranda landete, um als besonderes Dessert nach dem Weihnachtsmenü kredenzt zu werden.
Die Drei saßen am Küchentisch und testeten das Erdbeereis. Für Lena und Eleonore war es die erste Eisleckerei ihres Lebens. Lena ließ die Teelöffelportion langsam auf der Zunge schmelzen, drückte sie mit der Zunge erst in die eine Backentasche, dann saugend schnalzend über den Gaumen in die andere. Die sahnig-seidige Konsistenz entfaltete ein wundervolles Aroma. Lena schloss die Augen. Der Geschmack war überwältigend köstlich! Es war für Barbara Vahldieck ein Vergnügen, den Mädchen beim Genießen zuzuschauen.
Hilde drehte das Radio an, suchte und fand einen Sender mit besinnlicher weihnachtlicher Musik. Die Kinder waren längst im Bett, die Vögel schliefen ebenfalls, und Minka saß dösend und entspannt auf einem Küchenstuhl, die Vorderpfötchen eingerollt. Es war erstaunlich, wie schnell die Abende verstrichen, wenn man noch den Geschenken für den Gabentisch ihren letzten Schliff zu geben hatte. Hilde breitete die Handarbeiten auf dem Küchentisch aus und unterzog sie noch einer letzten Prüfung. Am flaschengrünen Pullover für Wolfgang war nichts mehr zu kritteln. Hilde legte ihn ordentlich zusammen. Die tomatenroten Handschuhe und der Schal für Lena waren ebenfalls fertig, nur der Mütze fehlte noch der letzte Schliff. Hilde hatte als modische Besonderheit einen Schirm gestrickt, dem als Verstärkung ein zugeschnittener dünner Hartgummischirm (Teil eines ausrangierten Fahrradmantels) eingearbeitet wurde. An dieser Schirmmütze mussten noch ein paar Fäden vernäht werden. Sie vernähte die Fäden, betrachtete ihre Arbeiten und war zufrieden.
Hilde beeilte sich, den Teig für den Geburtstagsnapfkuchen einzurühren und in die Herdröhre zu schieben. Eigentlich war sie keine Freundin davon, anstehende Arbeiten auf dem letzten Drücker auszuführen. Ihre Lebensmaxime war immer: Wohl durchdachte Vorbereitung ist die halbe Arbeit. So hatte Hilde auch schon im Sommer für Lenas Geburtstagstisch ein Buch besorgt: "Katzengeburtstag." Auf dem Einband war eine Katzenmutter mit aufrechtem Gang und Rüschenkleid mit Schürze dargestellt. Sie bugsierte einen großen Napfkuchen auf den Geburtstagstisch aus dem Mäuseschwänzchen herauslugten. Auch den Geburtstags- blumenstrauß hatte sie schon im Sommer getrocknet und zusammengestellt. Darüber war sie heilfroh. In diesen strengen Wintertagen wäre es schier unmöglich gewesen, zur Gärtnerei nach Evessen zu gelangen, um frische Gewächshausblumen zu holen. So hatte Hilde einen Strauss aus Strohblumen, Thymian, Hafer- und Weizenhalmen, zarten Gräsern und drei wunderschönen dunkelroten Rosen arrangiert.
Bevor sie den Weihnachtsbaum schmückte, die Geschenke weihnachtlich verpackte, unter dem Baum deponierte und den Geburtstagstisch herrichtete, schaute sie vorsichtig ins Schlafzimmer, um sich zu vergewissern, dass die Kinder wirklich schliefen. Sie schliefen fest und ruhig. Das Wohnzimmer war eiskalt und ungemütlich. Die Scheiben der Fenster waren zugefroren und mit starren Eisblumenornamenten kunstvoll verziert. Doch die Tanne verbreitete einen wundervoll würzigen Duft, der sie an den Weihachtsduft ihrer Kindertage erinnerte. Hilde bereitete noch den Kachelofen für den morgigen Tag vor, um ohne großen Arbeitsaufwand den Weihnachts- und Geburtstag genießen zu können. Weihnachten wurde immer in der guten Stube gefeiert.
Mitternacht war längst vorbei, als Hilde den Napfkuchen aus der Röhre nahm, die Keksdosen für die bunten Teller bereit stellte und erschöpft, aber zufrieden in das vorgewärmte Federbett sank. Vielleicht schon im nächsten Jahr, so hoffte sie, könnte sie mit Willy gemeinsam das Weihnachtsfest vorbereiten und feiern. Ihre Gedanken weilten bei ihm im fernen England. Sie wünschte ihm eine gute Nacht.
Hilde hatte eine unruhige Nacht. Sie war eingeschlafen mit dem Gedanken, ohne Wecker aufstehen zu müssen, bevor die Kinder wach wurden. Es gelang ihr, am frühen Weihnachtsmorgen, das Schlafzimmer von den Kindern unbemerkt zu verlassen. Sie entfachte das Feuer im Kachelofen, füllte die bunten Teller und zündete die Kerzen des Weihnachtsbaumes an. Der Kerzenschein tauchte die Stube in ein geheimnisvolles märchenhaftes Licht. Leise öffnete sie die Tür zum Flur und betätigte die bereitgelegte Glocke.
"Wölfchen, Puttchen, kommt schnell, der Weihnachtsmann war da! Eben hab' ich noch einen Zipfel seines roten Mantels am Torweg gesehen, kommt schnell!"
Als erste tauchte Lena auf, dicht gefolgt von Wolfgang. Es war zwar jedes Jahr das gleiche Zeremoniell, doch immer war es wie das erste Mal. Mit großen Augen standen sie wie verzaubert in der Stube. Das Strahlen des festlich und liebevoll geschmückten Weihnachtsbaumes mit seinem unvergleichlichen Fichtenduft würden sie in ihrem Leben nicht mehr vergessen.
"Soll ich die Lampe anknipsen, damit ihr Eure Geschenke besser erkennen könnt?"
"Oh ja Mutti, mach mal."
Lena widmete sich zunächst den Geschenken unter dem Baum und war überwältigt, als sie eine Mundharmonika aus dem Seidenpapier nestelte. Wolfgang beobachtete seine Schwester aus dem Augenwinkel und war zufrieden und glücklich. Die strahlenden Augen Lenas sagten ihm deutlich, dass er das richtige Geschenk für sie ausgewählt hatte. Es war für Hilde eine Freude, die Kinder beim Auspacken zu beobachten. Sie glättete das Weihnachtspapier und die Bändchen und legte die Geschenke unverhüllt zurück unter den Tannenbaum. Zur großen Überraschung Hildes lagen da plötzlich ein Paar grüne Topflappen unter dem Baum. Es war die erste Handarbeit Lenas, die sie im Handarbeitsunterricht in der Schule gehäkelt hatte. Auf ihren ausdrücklichen Wunsch durfte sie schon im zweiten Schuljahr am Handarbeitsunterricht teilnehmen, obwohl er erst ab der dritten Klasse vorgesehen war. Ungewöhnlich erschien auch die Tatsache, dass sich ein lebhaftes und umtriebiges Mädchen wie Lena geschickt auf Handarbeiten konzentrieren konnte.
Auf dem Geburtstagstisch brannten sieben Kerzenlichtchen, die den Napfkuchen zierten. Die glückliche Lena blies die Kerzen aus und wickelte das geblümte Geschenkpapier vorsichtig von dem Geschenk. Zum Vorschein kam ein großer Zeichenblock und Buntstifte, weiche Bleistifte und ein Kohlestift, alles Dinge, die Lena dringend benötigte, da sie gerne malte. Ganz besonders im Winter konnte sie sich stundenlang mit Malen beschäftigen. In Ermangelung von Zeichenkarton oder Papier hatte sie die in Willys Werkstatt deponierten alten Tapetenrollen für ihre Malkünste verarbeitet. Ein Malblock im DIN A3-Format war da natürlich etwas ganz Besonderes und Kostbares!
"Oh Mutti, ich bin ja so froh! Ich habe so viele schöne Geschenke! Und so einen schönen Geburtstagsstrauß. Ich glaube den stell ich morgen schon auf unseren Nachttisch, neben Papas Bild, dann hat Papa auch was davon."
"Ja, Puttchen, das mach mal. Ich habe mich über meine Geschenke auch so sehr gefreut! Dieser schöne Kalender für das neue Jahr 1947. Wunderschön! Und die praktischen Topflappen, die grasgrüne Farbe gefällt mir sehr. Kinder, irgendwie ist unsere Stube heute nicht richtig warm zu kriegen. Mir ist kalt, trotzdem die Fenster jetzt getaut sind. Lasst uns mal die Kerzen auspusten und uns im Bett noch mal aufwärmen. Is' ja noch früh am Morgen und noch dunkel draußen. Ich schmeiß noch'n paar dicke Holzscheite in den Ofen, dann isses vielleicht nachher zum Geburtstagsfrühstück warm. Was meinst du, Wölfchen? Bist ja so still."
"Ich friere nur, Mama. Lass uns in die Federn gehen und nachher ziehen wir uns richtig warm an. Ich ziehe dann meinen neuen Pullover an, der sieht sehr schön aus."
Hilde knipste die Nachttischlampe an und die Drei kuschelten sich aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. In die Stille hinein meldete sich Lena zu Wort. In ihrer Stimme lag so etwas Entschlossenes.
"Also, Mutti und Wölfchen, ich möchte euch mal was sagen. Wollte ich euch eigentlich schon länger sagen. Wolfgang Bentlien und Lydia haben mir erzählt, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. Das is' ein Märchen für kleine Kinder. So is' das. Mir kam das schon länger ganz komisch vor. Dieser ulkige Weihnachtsmann mit der Mädchenstimme, der keinen Bart im Gesicht hatte, sondern Watte. Richtige Watte, also keine Haare. Und als noch richtig Krieg war und wir jeden Tag bei Fliegeralarm in den Keller mussten, auch Weihnachten, da hätte der Weihnachtsmann doch gar nicht kommen können. Wäre der doch mit den Bombern zusammen gerasselt und abgestürzt! Und dann vorhin, als du gerufen hast, dass der Weihnachtsmann da war und du noch einen roten Zipfel von seinem Mantel gesehen hast, hast du geflunkert, Mutti. Weil man im Dunkeln keine Farben sehen kann. Nicht nur ich, weil ich nachtblind bin, sondern ihr auch, obwohl ihr richtig kucken könnt."
"Na, Puttchen, das war ja 'ne richtig schöne Predigt. Aber ich sag dir was: Ich habe den Tag kommen sehen, aber nicht herbei gesehnt. Für Erwachsene ist es schön, wenn Kinder noch an Märchen glauben. Das ist ein Teil ihrer frühen Kindheit. Und wenn das Märchen gelüftet ist, verabschiedet sich dieser Teil der Kindheit. Ich finde es aber schön, dass Wölfchen so lange das Weihnachtsmärchen mitgespielt hat. Bist'n guter großer Bruder."
"Eigentlich wollte ich, dass Lena weiß, dass ich ihr die Mundharmonika geschenkt habe und nicht der Weihnachtsmann. Ich hatte ja auch richtig drauf gespart. Deshalb war ich vorhin nicht nur froh, sondern auch'n bischen traurig. Eigentlich is' es ganz schön, dass man nich' mehr so aufpassen muss, dass man sich nich' verplappert. Ich habe für Weihnachten einen Vorschlag zu machen. Wir lassen alles so wie bisher: Die Heimlichkeiten mit den Geschenken, Mama schmückt den Weihnachtsbaum, läutet morgens mit der Glocke und ruft wie immer, 'Kinder, kommt schnell, der Weihnachtsmann war da!' das wär' doch ein schöner Familienbrauch, oder?"
"Das ist ein wirklich schöner Vorschlag, Wölfchen! So wollen wir das in Zukunft machen."
"Zeit für eine Übung", verkündete Lena und hopste aus dem Bett, um sich ihre Mundharmonika zu holen.
"Oh, Wölfchen, sie ist wunderschön und größer als die von Wolfgang Bentlien. Der hat nämlich auch eine. Aber die hat nur eine Oktave, ist also viel kleiner. Ich durfte schon mal darauf die Tonleiter probieren."
Lena öffnete das Kästchen und streichelte fast liebevoll das glänzende Metall. Als sie das erste Mal in das kleine Musikinstrument blies, lief ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Sie war fasziniert vom Klang des Tones. Es war ihr, als hätte sie dem Instrument Leben eingehaucht. Mühelos gelang ihr die Tonleiter. Auch die Anfänge der Melodie des Liedes 'Oh Tannenbaum' bereiteten keine Schwierigkeiten.
"Lena, ich bin heilfroh, dass dir mein Geschenk so gefällt und du nicht nur rein und raus bläst. Ich hatte schon befürchtet, dass wir den ganzen Weihnachtsmorgen dein Gegnarpe ertragen müssten."
Nach einer Weile des Übens klopfte Lena die Mundharmonika in ihrer Hand aus, um möglichen Speichel zu entfernen und legte sie wieder behutsam ins Kästchen. Mit einem glücklichen Seufzer kuschelte sie sich ins Federbett.
"Weihnachten ist das schönste Fest. Überhaupt das allerschönste vom ganzen Jahr!"
"Das ist wohl wahr, Puttchen!" pflichtete Hilde ihr bei.
Die arktische Kälte hielt noch bis Mitte März den norddeutschen Raum in eisiger Umklammerung gefangen. In Süddeutschland hatte die aus Südeuropa einströmende Meeresluft schon die Temperaturen über den Gefrierpunkt ansteigen lassen.
Im Käfig der Elstern herrschte gefräßige Stille. Während die Familie sich ihre Pellkartoffeln mit Senfeiern schmecken ließ, schnabulierten die Elstern zerdrückte Pellkartoffeln mit gehacktem gekochten Ei.
"So Kinder, ich glaube, der Winter ist jetzt wirklich passè. Ich denke, dass wir unsere gefiederten Freunde in die Freiheit entlassen können. Bis auf Lolo natürlich. Wir warten noch ein paar Tage, ob sich das Wetter jetzt hält und dann ab mit ihnen in die Natur."
"Eigentlich schade, Mutti. Ich hab mich so an sie gewöhnt. Sie sind auch so zahm geworden, dass man sie streicheln kann."
" Ja, Lena, find' ich auch doof, dass wir sie wieder frei lassen müssen. Aber draußen sind sie besser aufgehoben, als in der kleinen Küche. Und jetzt finden sie auch schon 'ne Menge Futter. Als ich heute von der Schule kam, hab' ich zwei tote Hasen und drei Vögel liegen sehen, die den Frost nicht überlebt haben. Wo der Schnee jetzt weg schmilzt, kann man viele verreckte Tiere finden. Brauchen wir uns um unsere Allesfresser keine Sorgen machen."
"Also Kinder, fassen wir mal ins Auge: Am kommenden Sonntag ist der Tag der Freiheit für unsere Elstern. Nur wenn wir noch mal einen Kälteeinbruch haben, bleiben sie natürlich noch bei uns."
Hilde deckte die Vogelbauer ab und leitete den Feierabend in die Nachtruhe über. Auf dem Herd simmerte das Teewasser für einen guten Schlaftee, den sie aus Minzblättern und einigen Hopfenblüten zubereitete. Von den Vögeln waren nur noch leise Fiepstöne zu vernehmen.
"So, ihr Beiden, wenn ihr euern Tee ausgetrunken habt, nur noch Zähne putzen und ab in die Molle. Ich stelle nur noch das Futter für morgen zurecht und komme dann auch sofort in die Federn."
Als Hilde das Schlafzimmer betrat, war Wolfgang längst eingeschlafen. Lena war noch wach.
"Ist Minka noch nicht hier?"
"Nein, die wird sicher noch auf der Jagd sein und dann im Stall ihr Nachtlager im Stroh einrichten."
Hilde kratzte Lena noch den Rücken. Mit schläfriger Stimme wünschte diese sich noch ein Gedicht.
"Da fällt mir eigentlich nur ein Gedicht ein, das mir in den vergangenen Tagen immer wieder durch den Kopf geschwirrt ist. Das ist von Emanuel Geibel, heißt Hoffnung und passt richtig gut zu diesen grausam langen Winter.
Hoffnung
Lena seufzte tief.
"Ein richtig schönes Gedicht, Mutti! Es muss d o c h Frühling werden! Genau! Nachtchen Mutti."
"Nachtchen, Puttchen und träume was Schönes."
Lena drehte sich auf ihre rechte Seite, zog das Deckbett über den Kopf und schlummerte selig ein.
Es war Sonntag und der Trend ansteigender Temperaturen hielt an. Ein ausgiebiges Frühstück leitete den Tag der Befreiung für die Elstern ein. Freundlich schien die Sonne, als die Familie den Taubenkäfig mit den Elstern in den Obstgarten transportierte. Sie schienen etwas irritiert und beunruhigt zu sein. Lena öffnete den Käfig und verabschiedete sich.
"Macht's gut ihr Lieben. Fliegt in die Freiheit und vergesst uns nicht. Vielleicht richtet ihr ja hier euer Revier ein, das wäre richtig toll! Dann könntet ihr uns auch ab und zu besuchen!"
Die Elstern flogen zunächst auf den alten Birnbaum und äugten zur Familie herunter. Sie schienen die Situation nicht so recht zu begreifen. Nach einiger Zeit begannen sie, sich ausgiebig die Federn zu putzen, dann prüften sie ihr nächstes Umfeld und flogen aus dem Obstgarten in Richtung Scheune davon.
Die anhaltende Wärme führte zu einem explosionsartigen Wachstumsschub in der Natur. Schneeglöckchen, Winterlinge, Krokusse und Buschwindröschen blühten zeitgleich und die Zaubernuss ließ neben der Wildpflaume ihre Zarten blassgelben Blüten hervorbrechen. Es war, als wollte die Natur wieder gutmachen, was der vergangene Hungerwinter an Tragödien angerichtet hatte. Der machtvoll hereingebrochene Frühling verwandelte die erstarrte Hoffnungslosigkeit in Hoffnung.
Der Traum Wolfgangs, einmal als Förster mit seinem Hund durch seinen geliebten Elm zu streifen, scheiterte an der mangelhaften schulischen Ausbildung während des Krieges. Voraussetzung für den Beruf des Försters war die mittlere Reife. Für die Kinder vom Lande war es auf Grund der vom Krieg diktierten unzuverlässigen Verkehrsbedingungen unmöglich, eine städtische höhere Schule besuchen zu können. Für die jetzigen Schulabgänger war es ein besonderer Glücksfall, eine Lehrstelle in einem Handwerksbetrieb zu ergattern. Die schicksalhafte Entscheidung für Wolfgang fiel, als die Neu-Gilzumer Familie Abendrot aus Breslau Hilde erzählte, das ihr Verwandter, der sich im Städtchen Schöppenstedt am Elm als Schlachter niedergelassen hatte, zum April einen zweiten Lehrling suchte.
Beim Abendessen schmückte sich die Familie aus, wie es wäre, wenn Wolfgang die Lehre bei dem schlesischen Schlachter Krawczyk in Schöppenstedt antreten könnte. Es würde bedeuten, etwas mehr Einkommen zu haben und etwas mehr Nahrungsmittel in Form von Fleisch oder Wurst zur Verbesserung der kargen Ernährung, besonders in der wildpflanzenarmen Winterzeit, zu erhalten.
Hilde und Wolfgang machten sich am letzten Märztag 1947 auf den Weg, Schlachterei Krawczyk einen Besuch abzustatten. Sie fuhren an diesem sonnigen Montag mit der Braunschweig-Schöninger Eisenbahn nach Schöppenstedt-Nord, liefen die Braunschweiger Straße herunter in Richtung Kirchstraße mit der prachtvollen St.-Stephanus-Kirche, die sich ganz in der Nähe des Marktes befand. Es war ein schöner Marktplatz, dessen alte Fachwerkhäuser in der Sonne farbenfroh erstrahlten. Schöppenstedt war von den Zerstörungen des Krieges verschont geblieben. Wolfgang hatte die Schlachterei gleich entdeckt, sie befand sich neben der Apotheke.
Hilde und Wolfgang betraten den Verkaufsraum der Schlachterei, dessen Wände mit resedagrünen Fliesen ausgestattet war. Hinter dem Tresen war eine junge freundliche Verkäuferin, die sie begrüßte und nach ihren Wünschen fragte. Hilde sagte ihr, dass sie aus Gilzum käme und Grüße von der Familie Abendrot ausrichten solle.
"Oh, da werden sich die Krawczyks sicher sehr freuen! Frau Krawczyk ist unterwegs und der Meister ist hinten im Schlachthaus. Ich werde ihm mal Bescheid sagen."
Die Verkäuferin verschwand und kehrte kurz darauf mit dem Meister zurück. Er begrüßte Hilde und Wolfgang sehr freundlich.
"Ja, meine Verwandten aus Gilzum haben sie uns mit einer Postkarte schon angekündigt."
Und zu Wolfgang gewandt: "Und du bist also der junge Mann, der gerne Schlachter werden möchte?"
Wolfgang antwortete mit einem schlichten "Ja".
Hilde erzählte von ihrer Familiensituation und überreichte das Abschlusszeugnis Wolfgangs. Der Schlachtermeister begutachtete es wohlwollend.
"Na, das ist ja ganz ordentlich! Bis auf die Musiknote. Aber zum Erlernen unseres Berufes brauchst du nicht singen können! Ich erzähl dir mal, wie ich mir deine Ausbildung so vorstelle. Also, ich habe einen Gesellen und einen Lehrling im letzten Lehrjahr. Der Lehrling heißt Walter, kommt auch von Außerhalb und wohnt bei uns. Fährt nur am Wochenende nach Hause. Du würdest auch bei uns wohnen und dir mit Walter ein Zimmer teilen, sonnabends nach Hause fahren. Fürs Wochenende gibt's ein Deputat in Form von einem Stück Fleisch und etwas Wurst. Den ganzen Schreibkram macht die Meisterin. Fleischerinnung und Berufsschule anmelden, nicht zu vergessen die Krankenkasse. Muss ja alles seine Ordnung haben. Ich verlange Ehrlichkeit, Fleiß und Gehorsam. Aber das kannst du dir ja denken. Wenn du mal'n Problem hast, kannst du das mir oder meiner Frau sagen. Kannst du dir vorstellen, dass du das machen möchtest?"
"Ja, kann ich mir gut vorstellen. Wäre ich einverstanden."
"Dann woll'n wir mal den Lehrvertrag ausfüllen. Deine Ausbildung dauert drei Jahre, dann machst du zum Abschluss deiner Ausbildung deine Gesellenprüfung. Ach, weißt du, die Felder die du beantworten mußt, füllst du zu Hause in aller Ruhe sorgfältig aus. Unterschriften von dir und deiner Mutter als Erziehungsberechtigte. Der Vertrag ist in doppelter Ausführung. Ein Vertrag ist für deine Unterlagen, den zweiten hefte ich bei mir ab. Ich würde sagen, der Vertragsbeginn ist der 1. April 1947. Nächste Woche ist Ostern, da schenke ich dir die Zeit bis zum 2. Ostertag und du erscheinst am 8. April mit dem ersten Morgenzug. Haste noch'n bisschen Zeit, dich auf deinen neuen Lebensabschnitt vorzubereiten."
Hilde und Wolfgang verabschiedeten sich und verließen die Schlachterei in Richtung Bahnhof. Sie gingen schweigend nebeneinander her. Hilde schaute, ob nicht irgendwo ein kleines Café wäre, um die noch verbleibende Zeit bis zur Abfahrt des Zuges tot zu schlagen. Sie entdeckte eine Bäckerei und kaufte zwei Kümmelstangen. Sie entschlossen sich, die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges im Wartesaal des Bahnhofs zu verbringen. Wolfgang mümmelte lustlos an seiner Kümmelstange und Hilde hatte auch nicht den rechten Genuss. In ihrer Erinnerung haben die Stangen vor dem Krieg herzhafter geschmeckt.
"Wölfchen, weißt du, mir ging das bei dem Herrn Krawczyk 'n bischen zu schnell. Der Kopf schwirrt mir und ich kann mich mit dem Gedanken noch nicht anfreunden, dass du nicht mehr zu Hause wohnen sollst. Ich gebe zu, dass ich einfach dolle traurig bin. Komm, Junge, lass dich drücken."
Sie drückten sich und wischten sich gegenseitig die Tränen fort.
"Mama, wir haben ja noch nichts unterschrieben. Wir müssen zu Hause in aller Ruhe das Für und Wider besprechen. Ich bin auch traurig, dass ich kein Förster werden kann. Und Schlachter ist ja nun genau das Gegenteil! Eigentlich wollte ich mal unseren Wald hegen und pflegen. Ach, Mama, das ist alles so schwer, so furchtbar schwer. Vielleicht muss ich bei dem Schlachtermeister ja keine Tiere selbst töten und nur die Fleischstücken zuschneiden und Wurst herstellen. Über das eigentliche Erlernen der Fleisch- und Wurstherstellung hat der Meister nichts verlauten lassen, oder? "
"Nein Wölfchen, hast du recht. Weißt du, wir sollten das Ganze erst mal sacken lassen und eine Nacht drüber schlafen. Wir werden alles in Ruhe morgen besprechen."
Doch sie schliefen keine Nacht darüber. Lena erwartete sie schon sehnsüchtig. Obwohl ihr die Ankunft des Zuges bekannt war, schaute sie voller Ungeduld auf die Küchenuhr. Sie hatte nachmittags hinter der Scheune und im Obstgarten zarte Kräuter gepflückt, um die Nager zu füttern und die Butterbrote für den Abend damit zu bestreuen. Der aufgebrühte Pfefferminztee verbreitete einen wunderbar frischen Duft. Endlich hörte sie, wie die Haustür geöffnet wurde und riss schwungvoll die Küchentür auf.
"Endlich, da seid ihr ja! Das war ja ein langer Tag. Ich dachte schon, ihr kommt gar nicht mehr nach Hause!"
"Ach, Puttchen, komm, lass dich drücken!"
Sie drückten sich, als wären sie wochenlang getrennt gewesen.
"Gott sei Dank, dass wir wieder beisammen sind, Kinder! Wir wollen gleich darüber reden, ob Wolfgang die Lehrstelle antreten soll. Fest steht, dass er eine Ausbildung machen muss, um auch für sein späteres Leben eine gute Basis zu haben, auch um zu überleben. In nächstliegender Zeit wäre es natürlich gut, etwas mehr Essen zu haben und etwas Geld, um sich besser einkleiden zu können. Das alles spräche für eine Ausbildung. Dagegen spräche, dass er eine Woche in Schöppenstedt bei seinem Meister wohnen würde."
"Ne ganze Woche?"
Lena war total geschockt! Bekümmert sah Wolfgang seine Schwester an. Er war auch nicht glücklich über die Tatsache, dass die schlechten Verkehrsbedingungen die Logis beim Meister geradezu nötig machten. War es nicht auch ein Entgegenkommen der Familie Krawczyk?
"Wisst ihr. Wir füllen den Lehrvertrag aus, ich fahre am 8. April nach Schöppenstedt und wenn alle Stricke reißen und die ganze Situation wirklich unerträglich sein sollte, komme ich einfach zurück. Dann wird der Vertrag für ungültig erklärt. Fritz hat mir von so einem Fall erzählt, das geht."
"In Ordnung Kinder, dann woll'n wir das so ins Auge fassen. Freuen wir uns erst mal auf Ostern. Dafür müssen wir in den nächsten Tagen Eier auspusten und bemalen. Dann schmücken wir unsere Wohnung und überlegen uns ein leckeres Essen. Wir müssen auch noch Ostersemmeln backen. Kommt, lasst uns mal jetzt die Kräuterbrote essen und Tee trinken."
Lena rückte den flachen Essteller in die Mitte des Tisches. Sie hatte die Brotscheiben mit den gehackten Kräutern halbiert und turmartig aufgestapelt. In jede Lücke hatte sie noch ein kleines Gierschblättchen als essbare Dekoration gesteckt. Sie holte die Teekanne vom Herd und schenkte ihrer Familie den Tee in die Pötte.
Eigentlich war Ostern 1947 wie die Feiertage in den Jahren davor. Dank wiederkehrender sorgfältiger Vorbereitungen sehr bunt und fröhlich. Die Sonne strahlte, die üppige Frühlingsblütenpracht ließ den garstigen Hungerwinter in weite Ferne rücken. Und doch schien es, als legte sich ein zarter Schleier des Unbehagens über dieses Osterfest. Der Koffer Wolfgangs war schon gepackt und bereit, in eine ungewisse Zukunft getragen zu werden.
Wolfgangs neuer Lebensabschnitt
Der 8. April 1947 war der Beginn vieler neuer Eindrücke und Veränderungen im Leben Wolfgangs. Er wurde freundlich aufgenommen in der Familie seines Meisters. Seine ersten praktischen Arbeiten am ersten Tag seiner Ausbildung beschränkten sich auf das Besichtigen und Einräumen des Zimmers, das er sich mit dem anderen Lehrling namens Walter teilte, und der künftigen Betätigungsstätten, der 'Schlachterräume'. Am gemeinsamen Essen in der großen Küche nahmen der Meister und die Meisterin, die Verkäuferin Anna, die Lehrlinge Ludwig und Walter und der 'Neue', Wolfgang, teil. Ludwig wohnte in Schöppenstedt noch bei seinen Eltern, trotzdem genoss er die 1 1/2 Stunden Mittagspause und das gemeinsame Essen mit der kleinen Belegschaft der Schlachterei Krawczyk.
Es herrschte ein freundlicher Umgangston. Frau Krawczyk hatte eine mütterliche Ausstrahlung, sie schien die Fäden der Geschäfts- und Betriebsabläufe in der Hand zu halten. Wolfgang hielt sich mit der Beteiligung der Tischgespräche sehr zurück und beschränkte sich auf das Beobachten der unterschiedlichen Persönlichkeiten. Es war für ihn eine angenehme Essensrunde und er verlor im Verlauf des Essens seine anfängliche Verkrampftheit.
Im Laufe des Tages war er auf die Anleitungen Ludwigs abgestellt. Als Lehrling des letzten Lehrjahres hatte dieser schon den nötigen Durchblick, um Wolfgang die Feinheiten der Fleischbearbeitung zu vermitteln. Ludwig schien es zu genießen, Wolfgang anzuleiten und Befehle zu erteilen. Am Ende eines arbeitsreichen Tages oblag es dem jüngsten Lehrling, die Schlachträume zu reinigen. Walter war stolz, Wolfgang die Handhabung des Wasserschlauchs, Schrubbers und Besens zu vermitteln. Auch war er froh, nicht mehr der 'Lüttche' zu sein.
Der Abend stand nach dem Arbeitsschluss zur freien Gestaltung eines jeden Mitarbeiters. Die Verkäuferin Anna wohnte, wie auch Ludwig, in Schöppenstedt. Walter und Wolfgang gingen in ihr Zimmer. Zwischen ihnen stimmte die Chemie. Wolfgang hatte ein gutes Gefühl, sie kamen schnell ins Gespräch und stellten fest, dass sie beide als Pimpfe in der Hitlerjugend waren und viele Kriegsabläufe auch jetzt noch nicht verstehen und nachvollziehen konnten. Walters Vater war in Stalingrad gefallen und seine jüngere Schwester im Frühjahr 1944 an Diphtherie gestorben. So erlebte er Kriegsende und Befreiung durch die Amerikaner in dem Dorf Kneitlingen mit seiner Mutter zwei Tage früher als Wolfgang. Kneitlingen liegt östlich von Gilzum am Elm, nur wenige Kilometer von Schöppenstedt entfernt. In den östlich von Evessen und Gilzum gelegenen Elmdörfern wurden die zerschundenen und am Ende ihrer physischen und psychischen Kräfte befindlichen Soldaten des Volkssturms von der amerikanischen Armee zwei Tage früher vernichtet.
"Woll'n wir 'n bisschen Radio hören?" fragte Walter. "Der Meister hat sich ein neues Radio gekauft und für unser Zimmer hier den alten Volksempfänger überlassen. Is' doch gut, oder?"
"Is' auf jeden Fall gemütlich. Ab und zu muss man Nachrichten hören und dann moderne englische Schlager zwischendurch. Ich hab bei uns zu Hause auch schon gute Kriminalhörspiele gehört. Spannend und gruselich! Als noch Krieg war, hat meine Mutter jeden Abend BBC London in deutscher Sprache gehört. Wusste se immer, wie der Frontverlauf war, wann die Bomber Braunschweig im Visier hatten und wir in'n Luftschutzkeller mussten."
"Wir hatten zu Hause auch 'n Radio. Meine Mutter hat aber so gut wie nie Radio gehört. Und nach dem Tod meiner Schwester war es ganz aus. War sie nur noch traurig und hatte Kopfschmerzen. Jeden Tag. Obwohl ich mir um meine Mutter Sorgen mache, war ich froh, dass ich hier in Schöppenstedt bei unserm Meister als Lehrling genommen wurde. Der Meister is' streng, aber gerecht. Seine Frau is' dagegen eher lustig. Haste schon mitbekomm' dass die beiden untereinander schlesischen Dialekt sprechen? Kann man nicht alles verstehen, aber hört sich ganz lustig an. Zu Wurst sagen sie zum Beispiel Wischt. Und Streuselkuchen is' Schtrisslakucha. Na, wirste schon noch mitbekomm', is' ganz ulkig."
"Ich höre Dialekte gerne, kann sie aber nicht so gut nachmachen. Meine Schwester kann das aber ganz prima! Wenn die 'n Dialekt hört, kann sie ihn sofort nachsprechen. Und zwar genau so, als wäre sie eine der Landsleute!
Sag mal, Walter, wärst du böse, wenn wir jetzt Sendepause machen und vielleicht noch 'n bisschen lesen würden? War doch 'n ziemlich langer Tag für mich."
"Nee, is' schon in Ordnung, versteh ich schon. Ich glaube übrigens, dass wir uns ganz gut verstehen werden. Is' schon wichtig, dass man gut miteinander auskommt, wenn man sich ein Zimmer teilt."
"Ja, seh' ich auch so. Schlaf man gut. Ich lese noch 'n paar Seiten Hermann Löns. Den lese ich ganz gerne, weil der so schöne Geschichten über die Natur zu erzählen weiß."
"Hermann Löns? Kenn ich gar nicht. Mußt du mir morgen mal zeigen. Gute Nacht."
Die erste Arbeitswoche verging für Wolfgang erstaunlich schnell. Sein erstes selbstverdientes Wochenenddeputat, ein Stück Schweinenacken und verschiedene Wurstenden waren im Rucksack verstaut und die Schmutzwäsche füllte den Koffer. Er sehnte sich nach seiner Familie und konnte gar nicht schnell genug die Strecke von der Bahnstation bis nach Hause bewältigen. Kurz vor dem Gehöft des Bauern Ölpke, der letzte Hof der Gemarkung Gilzums, kam ihm schon Lena entgegen geeilt. Sie flog Wolfgang mit einer Heftigkeit in die Arme, dass er seinen Koffer fallen ließ.
"Mein Gott, Lena, nicht ganz so stürmisch!"
"Schön, dass du endlich hier bist!"
Lena war barfuß und tanzte um Wolfgang herum.
"Mutti hat 'nen Napfkuchen gebacken, deinen Lieblingskuchen mit Kakao. Obwohl wir noch Semmeln von Ostern haben. Freuste dich?"
"Und wie! Ich hab euch auch was mitgebracht. Ich bin gespannt, wie euch das schmeckt."
Als die Geschwister am Garten der Landgrewes vorbei die Straßenkurve zum Gutshaus passierten, sprang ihnen aus dem Fliederbusch Minka vor die Füße. Wie der Blitz stürmte sie vor und zurück, vor und zurück mit buschig gesträubtem Schwanzfell, einer Furie gleich. Wolfgang setzte seinen Koffer ab und bückte sich, um Minka gebührend zu begrüßen. Sie rieb den Kopf an seinen Beinen und maunzte und gluckste in ihrer Katzensprache. Ganz liebevoll streichelte Wolfgang Minkas Kopf.
"Na, wenn das keine tolle Begrüßung ist, Minka! Bist 'ne tolle Katze!"
Es war für Wolfgang ein überwältigend schönes Gefühl, erwartet zu werden und wieder zu Hause zu sein. Hilde stand vor der Haustür und winkte ihnen zu. Sie drückten und sie herzten sich, als seien sie eine Ewigkeit getrennt gewesen!
"Kommt, Kinder, der Kaffeetisch ist schon gedeckt."
"Komm, Puttchen, zieh dir wieder Strümpfe und Schuhe an, der Terrazzo-Boden ist noch zu kalt, um darauf barfuß zu laufen. Auch wenn's draußen schon schön warm ist, wir haben immer noch April, also der Sommer ist noch in weiter Ferne!"
"Ja, Mutti, is' guhut, hast ja rehecht!"
Die Familie ließ sich den Marmorkuchen und die Semmeln gut schmecken. Der Malzkaffee war immer noch wunderbar heiß dank des neuen Warmhaltekleides für die Kaffeekanne. Hilde hatte diese Idee des Warmhaltens der Kaffeekanne bei Barbara Vahldieck entdeckt, eingehend begutachtet und nun selbst mit geblümten Baumwollstoff und Watte gesteppt auf ihrer Nähmaschine kopiert. So avancierte die nicht mehr so ansehnliche Kaffeekanne zum Schmuckstück auf dem Kaffeetisch. Nur die Tülle der Kaffeekanne ragte unverhüllt, mit einem Tropfenfänger versehen, aus dem lustig geblümten Kaffeekannenkleid hervor.
"Oh, Mama, haben wir eine neue Kaffeekanne?"
"Nee, Wölfchen, aus Stoffresten hab' ich der Kanne ein neues Kleid verpasst. Nun erzähl' doch mal, wie es dir in Schöppenstedt ergangen ist. Wir sind ganz schön gespannt! Dass du erst heute am Sonnabend kommst, scheint ja doch ein gutes Zeichen zu sein."
Während Wolfgang detailliert seine Eindrücke des neuen Wirkungskreises im Verlauf der Woche schilderte, holte er seinen Rucksack und breitete sein nahrhaftes Wochendeputat, nicht ohne einen gewissen Stolz, auf dem Küchentisch aus: Ein größeres Stück Schweinenacken, einige Stücken Markknochen, mehrere Enden Kochwurst, ein Stück Mettwurst und ein kleiner Ring Knackwurst. Die Familie war hocherfreut! Die Wochenplanung erhielt ein nahrhaftes Gesicht ohne Sorgenfalten. Hilde schnitt von allen Wurstenden eine dünne Scheibe für jeden zum Kosten. Minka hatte es sich auf dem Küchenhocker gemütlich gemacht und beobachtete die Geschäftigkeit ihrer Familie. Als ihr die verlockenden Düfte der ausgebreiteten Würste in die Nase stiegen, streckte und reckte sie ihren Körper, sprang zu Lena, um sich ein Bröckchen Wurst zu erbetteln. Lena hatte Minka beigebracht, sich auf Gesäß und Hinterpfötchen zu setzen und "hübsch" zu machen. Es sah sehr possierlich aus, wie sie mit kerzengeradem Rücken und eng an den Körper gezogenen Vorderpfötchen erwartungsfroh auf Lena schaute. Zur Belohnung gab es einen besonderen Leckerbissen.
"Mutti, mir kommt es vor, als hätte Minka eine kleine Wampe gekriegt, oder? Hat sie nun massenhaft Mäuse verschlungen oder Berge von Haferbrei verputzt?"
"Also Puttchen, ich glaube nicht, dass Minka überfuttert ist. Ich denke mal, dass sie trächtig is'. Da lungern in letzter Zeit eine stattliche Anzahl fremder Kater im Hof, in den Gärten und Stallungen herum, die sich auch heftige Kämpfe liefern, um die Gunst Minkas zu erheischen. Und Minka scheint die Kämpfe gelassen zu verfolgen, um sich den stärksten Kater als Gefährten auszuwählen. Wenn mich nicht ein Traum genarrt hat, habe ich letzte Nacht ein fürchterliches Geschrei im Hof gehört. Da denkt man wirklich, dass das Kinderschreie sind! Markerschütternd! S'deutet alles darauf hin, dass wir bald mit kleinen Kätzchen zu rechnen haben. Minka wird uns wohl Maikätzchen bescheren."
Lena war entzückt. Behutsam nahm sie Minka auf den Arm und drückte sie zärtlich an sich.
"Oh, Minkelchen, du bist die süßeste Katze der Welt!"
Hilde räumte zufrieden Wolfgangs Wochenenddeputat in die Butze. Es war ein gutes Gefühl, den Speiseplan der Woche nahrhafter und schmackhafter gestalten zu können.
"Kinder, morgen gibt es Schweinebraten, grüne Bohnen und Kräuter-Salzkartoffeln. Oh, wunderbar. Die Kochwurst ist gut gewürzt und wird in der kommenden Woche die Linsensuppe verfeinern. Die Mettwurst schmeckt auch lecker, gute Gewürze, gut geräuchert und die Konsistenz stimmt. Nur die Braunschweiger Knackwurst ist nich' so doll. Da is' was drin, was nich' rein gehört! Puttchen, was hatte dir dein Gaumen verraten? Du hast doch immer einen guten und kritischen Geschmack!"
Lena hatte die Knackwurst sehr konzentriert mit und ohne Brot getestet.
"Erst mal ist der Geschmack nich' so lecker. Irgendwie ist die Wurst zu hart und trocken. N' bischen wie Zement. Ich glaube, da is' auch Grieß drin. Kann das sein, Wolfgang? Bei Onkel August und Tante Minna hat die Knackwurst weich und cremig geschmeckt. Ich glaube, da waren auch Majoran und Thymian drin, oder, Mutti?"
"Also, Wölfchen, nichts gegen deinen Meister. Das Rezept der Knackwurst kann er als Schlesier nicht wissen. Ich kenne das Rezept der Knackwurst von den Schlachtern der vielen Hausschlachtungen, die ich schon mitgemacht habe. Kann ich dir gerne für deinen Meister
aufschreiben. Is' ja auch eine Bereicherung, wenn er zu seinen schlesischen Wurstsorten auch unsere braunschweigischen Spezialitäten herstellen kann. Aus dem Stegreif kann ich dir sagen, dass für die Knackwurst drei Teile Schweinebauch ohne Zatter und Sehnen und ein Teil geräucherter Rückenspeck ohne Schwarte genommen werden. Bauchfleisch und Speck werden mit einigen Zwiebeln und Knoblauchzehen durch den Fleischwolf gedreht und dann gekuttert. In die Masse kommen noch Salz, gemahlener schwarzer Pfeffer und gerebbelter Thymian und Majoran. Dann kommt die Masse in Schweinedärme, Dosen oder Gläser und wird eingekocht. Fertig. Die Knackwurstringe in den Därmen kommen natürlich noch in den Rauch, das macht die Wurst haltbar und gibt ihr den besonderen Geschmack. Ich schreib dir das aber noch mal auf, Wölfchen. Is' ja kein Problem."
"Hört sich eigentlich ganz einfach an. Kann ich mir aber ganz schmackhaft vorstellen. Da kommt also weder Gries noch anderes Getreide ran?"
"Richtig, Wölfchen. Is' 'ne ziemlich fette Wurst. Aber durch das Fett kommen die Gewürze gut zur Geltung. Na ja, soll dein Meister mal ausprobieren."
Das Wochenende verflog viel zu schnell. Es blieb kaum Zeit, dem Freund Fritz einen längeren Besuch abzustatten. So wurde eine kurze Stippvisite daraus und Fritz konnte seinem Freund noch stolz berichten, dass es mit dem Ausbildungsplatz beim Tischlermeister Krämer in Evessen geklappt hat.
Wie der junge Tischlermeister Erwin Krämer so schnell aus der französischen Kriegsgefangenschaft entlassen werden konnte, war mehr als nebulös. Es war allgemein bekannt, dass er als Mitglied der Waffen-SS in der jüngsten Vergangenheit nicht zimperlich war, seine nationalsozialistische Gesinnung aggressiv durchzusetzen. Es mußte ja wohl mit seinem Persilschein recht gut funktioniert haben, die Voraussetzungen für die Eröffnung einer Möbeltischlerei zu erfüllen und zugleich die Bewilligung der Befugnis, einen Lehrling zum Tischler ausbilden zu dürfen.
Mit dem Frühling kam nicht nur Bewegung in die Natur, auch die Infrastruktur in den Dörfern schien in Bewegung geraten zu sein. Mit der Bevölkerungszunahme in Gilzum wuchsen auch die Bedürfnisse, sich besser zu ernähren, besser zu kleiden und die Mobilität voran zu bringen. In Evessen bot eine Fahrradreparaturwerkstatt ihre Dienste an. In Gilzum bot der Hufschmied nicht nur die Beschlagung der Hufe der Zugpferde der Bauern an, sondern er lötete auch defekte Kochtöpfe. Aus alt zerschlissenen wurden nahezu neuwertige Haushaltsgegenstände. Ein alter Schuhmacher verstand sich als Flickschuster und verwandelte altes Schuhwerk in ansehnliche Fußbekleidung. Zwei Schneiderinnen hatten sich auf das Wenden alter Kleidungsstücke spezialisiert. Sie hatten reichlich zu tun. Fliegende Händler aus Braunschweig versorgten die Haushalte nicht nur mit den fehlenden Kurzwaren, sondern sie nahmen auch Bestellungen anderer Haushaltswaren wie Frottè-Handtücher, Bettwäsche oder Stoffballen auf, um die Waren eine Woche später zum Verkauf anbieten zu können. Mit den Bedürfnissen wuchsen die Angebote und umgekehrt: Die Angebote weckten neue Bedürfnisse. Die ersten Heftchen mit fotografierten Kleidern, Pullovern und Unterwäsche wurden präsentiert. Sie dienten als Anreiz, Begehrlichkeiten zu wecken. Es waren dies die Vorläufer heutiger Warenkataloge. Durch die vermehrte Anschaffung von Kühen wurde auch die Milchproduktion angekurbelt und für die Meierei im Nachbardorf Sickte lohnte es sich wieder, täglich mit dem Trecker die Milchkannen der Bauern abzuholen.
In der Nähe der Gilzumer Schule, am Dorfausgang gegenüber der Hufschmiede, war der erste Neubau entstanden. Er war allerdings nicht aus Muschelkalk oder Klinker, sondern aus Holz, einer großen kanadischen Holzbaude gleich, fast über Nacht erbaut worden. Der Bauherr war ein Einzelhandelskaufmann aus Krakau, der mit den Vertriebenen aus Schlesien hier gestrandet war. Werner Klaasen aus Krakau war wohl einer der ersten Vertriebenen in Gilzum, der es mit viel Engagement und der Hilfe schlesischer Freunde, die sich im Bauhandwerk auskannten, verstand, ein Verkaufshaus aus dem Boden zu stampfen. Ein schlichtes dunkelbraun gebeiztes Holzhaus mit großem Schaufenster, das mit attraktiven Auslagen die Bewohner zum Kauf animieren sollte. Das war neu und weckte tatsächlich die Neugierde der Dorfbewohner. Da waren im Schaufenster dunkelblau-gesprenkelte Emaillemilchtöpfe verschiedener Größe zur Pyramide gestapelt, hinter nützlichen Küchenhelfern wie Teigschabern, Schneebesen, aus Holz geschnitzten Salatbestecken, die in farbigen Emaillenäpfen lagen. Es waren dies alles Haushaltswaren, die früher im Dorf nicht zu erwerben waren. Werner Klaasen hatte als guter Kaufmann den Bedarf der Begehrlichkeiten erkannt. Auch hatte er der Nähe der Schule Rechnung getragen, indem er Schreibwaren ins Angebot aufnahm und er dafür sorgte, dass auch die Leckermäulchen auf ihre Kosten kamen. Es gab Lutscher in allen Formen und Farben. Etwas ganz besonderes war Nappa, ein rombenförmiges, in Silberfolie verpacktes Zuckerstück. Seine Konsistenz war weiß, hart und zäh zugleich mit einem zarten Schokoladenüberzug. Nappa konnte nur kontinuierlich abgelutscht werden. Bei einem Abbiss riskierte man Zahnbruch. Absolut lecker und neu war Frigeo-Ahoj-Brausepulver in den Geschmacksvariationen Himbeere, Kirsche, Zitrone und Waldmeister. Hier gab es verschiedene Möglichkeiten, die in Tütchen verpackten Brausekrümel zu genießen: Eckchen der Tüte abreißen und das Pulver in den Mund rieseln lassen oder in die hohle Handfläche schütten und abschlabbern. Je nach Speichelfluss schäumte das Pulver mehr oder weniger auf. Mit Wasser zubereitet wurde aus Frigeo-Pulver eine köstliche Brause. Für fünf Pfennige konnte Prickelpit erstanden werden, kleine Brausepulver-Tabletten, rechteckig und hart gepresst. Prickelnde, säuerliche Kautabletten für den Prickelgenuss zwischendurch. All diese Köstlichkeiten gab es nur bei Klaasen. Das Geschäft florierte. Wenn die augenblicklich stabile Wetterlage weiter anhielt, konnte der Neueröffnung des Naturfreibades am 1. Mai nichts mehr im Wege stehen. Der Feldweg, der die Gemarkung Gilzum von der Gemarkung Hachum trennte, führte direkt an Klaasens Lebensmittelladen vorbei in das etwa einen Kilometer entfernte Freibad. Gute Aussichten auch für künftige Geschäfte mit den Freibadbesuchern.
Die medizinische Versorgung war auch zwei Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft noch in einem beklagenswerten Zustand. Ganz besonders die Landbevölkerung, die durch die Vertriebenen und Flüchtlinge einen starken Zuwachs, auch an kranken Menschen, zu verzeichnen hatte, litt unter dieser Unterversorgung. Es grenzte daher fast an ein Wunder, dass sich in der durch den Tod des alten Arztes Dr. Wiebrecht verwaisten Praxis in Evessen ein Arzt niedergelassen hatte. Dr. Becker, dessen eigene gesundheitliche Verfassung nicht zum Besten bestellt war, versorgte nun mit seiner Frau und zwei Krankenschwestern die Kranken der umliegenden Dörfer. Auch seine Frau war Allgemeinmedizinerin.
Für die Dörfer Evessen, Gilzum und Hachum wurde zusätzlich eine Gemeindeschwester angestellt, die zur Entlastung der Arztpraxis Dr. Becker für die Kranken dieser Dörfer zuständig sein sollte. Schwester Betty Jonischus, vor dreißig Jahren im ostpreußischen Königsberg geboren, war bis zur Vertreibung durch die Rote Armee als Krankenschwester in einem Feldlazarett der Ostfront tätig. Ihre schwarzen Haare trug sie hoch gesteckt, die Stirnseite ihrer Schwesternhaube zierte ein rotes Kreuz. Auch die Brosche am oberen Verschluss der blau-weiß gestreiften Schwesternbluse zierte ein rotes Kreuz auf weißem Grund mit königsblauem Rand. Betty hatte dunkelbraune Augen und wenn sie lachte, und sie lachte oft, weil sie ein fröhliches Naturell besaß, blitzten ihre wohl geformten weißen Zähne. Sie eroberte die Menschen der Gemeinden im Sturm.
Der tragische Tod eines Schulfreundes
In der letzten Woche des April hatte Lena nachmittags Schulunterricht. Das bedeutete für sie, ihre Mittagsmalzeit mit ihrer Mutter einzunehmen und gesättigt durch die Feldmark in Richtung Evessen zu trödeln. Wie wundervoll war doch der Frühling, wenn die wärmende Sonne die Feldflur in Bewegung brachte! Lena schaute der aufsteigenden Lerche hinterher, die sich nahezu kerzengerade in den wolkenlosen Himmel erhob, ihr 'Trrrlitt Trrrlitt' schmetternd. Sie beobachtete Wolfspinnen, die durch das Gras über die Ackerschollen huschten, ihren Kokon mit sich schleppend. Eine Feldmaus verschwand eilends in ihr Loch, wenn die Schritte, so sanft sie auch die Erde berühren mochten, für sie in bedrohliche Nähe kamen. Lena erklomm den Bahndamm, überquerte die Schienen der Braunschweig-Schöninger-Eisenbahn und nahm den nächsten Feldweg, der sie direkt zur Schöppenstedter Landstraße und zur Schule führte. Sie genoss diesen Schulweg durch die Gemarkung. Von hier aus war auch die Kirchturmuhr Evessens wunderbar zu erkennen, so dass sie, 15 Minuten Fußweg einkalkulierend, nie zu spät zum Unterricht erschien. Heute war es allerdings anders: Weit vor der Zeit kam ihr ihre Schulfreundin Lydia, panisch aufgeregt, entgegen gelaufen.
"Lena, Lena! Komm schnell! Es is' was Schreckliches passiert! Wolfgang Bentlin is' tot. Totgefahren! Der is' totgefahren von einem Pferdewagen!"
Lena stand wie elektrisiert, völlig erstarrt. So, als sei die Nachricht noch nicht im Hirn angekommen.
"Wie totgefahren? Was redest du denn da? Totgefahren?! Wer sagt denn so was?"
"Herr Schmelling wird uns gleich alles erklären. Und der Unterricht fällt deshalb aus."
Die Freundinnen fassten sich an die Hände und liefen völlig verstört in Richtung Schule. Schon von Weitem sahen sie die Kinder, die auf dem Pausenplatz unter der alten Linde in kleineren und größeren Gruppen aufgeregt diskutierten. Erst als der Lehrer Schmelling die Kinder ins Klassenzimmer beorderte, machte sich eine spannungsgeladene Stille breit.
"Liebe Kinder, unser Wolfgang Bentlin ist tot. Er ist in ein Pferdefuhrwerk geraten und hat die Verletzungen, die er durch den schweren Unfall erlitten hat, nicht überlebt. Der einzige Zeuge des Unfalls, der Pferdegespannlenker, ein Landarbeiter namens Kurt Pilz aus Gilzum, kann noch keine Aussage machen, weil er noch nicht ansprechbar ist. Er hat einen Schock erlitten. Man kann nur vage versuchen, den Unfallhergang zu rekonstruieren: Fest steht, dass sich Wolfgang auf der Landstraße von Evessen nach Gilzum befunden hat und dort offensichtlich gespielt hat. Dann muss er sich wohl abrupt aufgerichtet haben, als er den Pferdewagen kommen sah, was wiederum die Pferde scheuen ließ. Der Landarbeiter war nicht in der Lage, die Tiere zu beruhigen, so sehr er die Zügel auch anzog. Der benachrichtigte Dr. Becker konnte unserem Wolfgang leider nicht mehr helfen. Das ist ein grauenvoller Schicksalsschlag für die Eltern und den Bruder.
Wir müssen dieses Unglück auch erst mal zu verarbeiten versuchen. Das wird nicht ganz einfach werden. Da ich sein Klasssenlehrer war, halte ich die Grabrede. Ich denke, dass die Beerdigung in zwei Tagen sein wird. Es muss uns also gelingen, morgen Nachmittag ein Lied einzustudieren, das wir für Wolfgang am Grab singen werden.
So, Kinder, der Nachmittagsunterricht fällt also aus. Wenn ihr jetzt nach Hause gehen werdet, bitte ich euch, sehr achtsam im Straßenverkehr zu sein! Bitte passt ganz besonders auf euch auf, ja?!"
Die Kinder versprachen es.
Lydia und Lena verabschiedeten sich am Gasthaus Kurland. Die Freundinnen umarmten sich stumm, während ihnen die Tränen die Wangen herunter liefen.
Der nächste Schulnachmittag war der Vorbereitung des Beerdigungszeremoniells vorbehalten. Lehrer Schmelling hatte ein Lied an die Tafel geschrieben:
So nimm denn meine Hände
Die Strophen sollten in die Kladde abgeschrieben werden, um sie als Hausaufgabe ins Schreibheft schönschriftlich zu übertragen und auswendig zu lernen. Das Lied war einstimmig und hatte eine einfache Melodie, es war also sehr schnell eingeübt und die überwiegende Mehrheit der Kinder konnte es schon nach mehrmaligem Wiederholen auswendig.
Der Tag, an dem Wolfgang Bentlin zu Grabe getragen wurde, war grau, traurig grau. Ein leichter feiner Regen fiel auf zarte Frühlingsblüten. Lena empfand es als gerecht, dass an diesem traurigen Tag auch der Himmel weinte. Es hatte sich eine nahezu unüberschaubar große Trauergemeinde auf dem Evesser Friedhof versammelt. Die letzte Ehre für ein blutjunges Leben. Lehrer Schmelling fand in seiner Trauerrede viel Tröstliches für die im Schmerz gebeugte Familie Bentlin. Zum Abschluß der Trauerfeier sangen die Schulkinder gefühlvoll ihr eingeübtes Lied. Die Mutter des verstorbenen Jungen erlitt einen Nervenzusammenbruch am noch offenen Grabe, sie musste beidseitig gestützt werden. Tief ergriffen warfen die Trauernden Erde und Blüten im steten Wechsel auf den Sarg. Letzte innige Grüße.
Der Regen wurde dichter und heftiger. So vermischten sich Tränen der Trauernden mit Regentropfen. Die Trauergemeinde verließ trotz des Regens den Fiedhof als geordneter Zug. Die Schulkinder liefen in Vierer-Reihen. Jeweils zwei Erst- bis Drittklässler wurden von je einem älteren Schuljahrgang flankiert. Dann passierte für Lena etwas schier Unglaubliches: Versunken in ihrer tiefen Traurigkeit entfuhr Lena ein ziemlich lauter Pups. Sie wusste nicht, wie ihr geschah! Sie wünschte sich, im Erdboden zu versinken! Oh Scham! Oh Schande! Wer hatte es alles gehört?
Lieber Gott, warum hast du das zugelassen? Eva, die rechts von Lena ging, drückte, nein, zerquetschte ihr nahezu die Hand und zischte Lena von oben herab zu: "Du Schwein, du!!" Lena wagte nicht, aufzublicken. Die Beerdigung war für sie eine Tragödie. In jeder Hinsicht. Den Freund für immer verloren und dann noch dieses niederschmetternde Missgeschick! Als der Trauerzug die große Straßenkreuzung Schöppenstedt/Braunschweig/Evessen/Gilzum passierte, verließ sie ihre Reihe, um auf der Landstraße nach Hause zu gehen. Lena war heilfroh, auf dem Heimweg niemandem zu begegnen!
Minkas großer Tag
Als Lena in die Kirchstraße einbog, kam ihr Minka mit leicht genässtem Fell entgegengestürmt, kurz vor ihr ein kurzes Halt, um mit gesträubtem Schwanzfell wieder vorzustürmen. Und zurück, und vor, und zurück. Dieses Spielchen wäre endlos weiter gegangen, wenn Lena sich nicht die Katze geschnappt hätte.
"Schnipp, schnipp, schnapp ... ich bin die Katzenschnapperin!"
Sie hatte Minka fest im Griff und drückte das feuchte Tier an sich. Es war ein wunderbares Gefühl, das weiche, wenngleich feuchte Fell zu spüren, zu fühlen, wie innig sie miteinander verbunden waren. Es hatte so unendlich viel Tröstliches nach dem traumatisch erlebten Begräbnis ihres Freundes. Lena setzte die Katze ab und streichelte ihr Kugelbäuchlein. Vorsichtig tastend, glaubte sie, vier kleine Körper zu fühlen.
"Na, Minka, is' 'was Besonderes, dass du mir bei dem Schmuddelwetter entgegen kommst? Willst'e mir was sagen?"
Minka strich Lena mautzend und gurrend lockend um die Beine. Sie lief ein Stück vor, wieder zurück, und vor, als wollte sie Lena den rechten Weg zeigen. Vor der verschlossenen Stalltür setzte sich die Katze auf ihre Hinterläufe, um zu zeigen, dass die Tür schleunigst zu öffnen sei. Lena beeilte sich, den Stalltürschlüssel aus dem Küchenschrank zu holen. Kaum hatte sie die Tür geöffnet, schoss Minka mit einem Riesensatz an ihr vorbei, um mit zwei Sprüngen den Hängeboden zu erklimmen, begleitet vom Begrüßungsquieken der Meerschweinchen. Es war Lena nicht entgangen, dass Minka in den vergangenen Tagen des öfteren den mit Stroh gefüllten Hängeboden zu inspizieren schien. Jetzt schien es klar zu sein, Minka hatte sich im Stroh des Hängebodens ihr Wochenbett eingerichtet, um ihre Katzenkinder hier auf die Welt zu bringen. Gedankenverloren, doch in großer Eile, versorgte Lena die Meerschweinchen und Kaninchen mit den restlichen Löwenzahnblättchen der Morgenfütterung, um endlich das laute Quieken der kleinen Nager abzustellen. Behände kletterte sie auf den Hängeboden, dessen Konstruktion so niedrig gezimmert war, dass Lena nicht aufrecht stehen konnte. Sie entdeckte ihre Minka, die sich in einem Bett aus Stroh hingestreckt hatte und ihre Freundin zu erwarten schien. Sie schnurrte laut, als Lena sich neben ihr ins Stroh kuschelte. Nun, Lena hatte noch keine rechte Vorstellung, wie die offensichtlich bevorstehende Geburt der Kätzchen ablaufen würde.
Sie hatte erst im vorigen Jahr im Kuhstall des Bauern Landgrewe die Geburt eines Kälbchens miterlebt. Der ganze Geburtsvorgang war außerordentlich dramatisch und aufregend! Es schien, als würde es die arme Kuh zerreißen. Und überall Blut, Unmengen von Blut. Als das Kälbchen zur Hälfte den Körper der Kuh passiert hatte, mussten die helfenden Hände der Bäuerin das Bündel scheinbar mit großem Kraftaufwand in die Welt ziehen. Das Kälbchen wurde von der Kuh abgeleckt und von der Bäuerin zusätzlich mit Stroh trocken gerieben. Einige Zeit lag das Kälbchen auf dem mit frischen Stroh ausgelegten Boden, als sei es tot. Dann rappelte es sich auf, um auf wackeligen Beinen neben seiner Mutter zum Stehen zu kommen.
Lena hoffte, dass die Geburt der Kätzchen nicht so dramatisch sein würde. Minka lag ganz entspannt und schnurrend im Stroh. Ganz behutsam und zart streichelte Lena ihr Bäuchlein. Sie schien sich nicht mehr sicher, ob nun vier oder doch nur zwei Kätzchen zu erwarten seien. Es rumpelte und pumpelte im Bauch, als wäre die Enge des Bauches ein zunehmendes Problem. Plötzlich, ganz unvermittelt, wurde das Stroh nass. Musste Minka Urin lassen, oder was war es sonst? Lena bekam es mit der Angst zu tun. Fast verzweifelt und intensiv streichelte sie den Kopf und die Wirbelsäule Minkas. Immense Kräfte schienen den Katzenkörper zu durchströmen. In das Schnurren mischten sich tiefe kehlige Laute. Laute, die Lena noch nie gehört hatte und die sie zutiefst ängstigten. Am liebsten wäre sie jetzt vom Hängeboden geklettert, um zu sehen, ob ihre Mutter inzwischen von der Arbeit zurück sei. Dann wieder dachte sie, Minka würde sich ohne ihre Gegenwart verlassen fühlen oder gar panische Angst kriegen. Plötzlich schien sich Minkas Körper zusammen zu ziehen und mit immenser Kraft zu strecken. Ein Schrei aus Minkas Mund liess Lenas Atem stocken, da lagen zwei kleine Kätzchen in Häutchen gehüllt im Stroh, dann noch ein herzzerreißender Schrei und zwei weitere in transparente Häutchen gehüllte Kätzchen rutschten daneben. Minka machte sich augenblicklich daran, ihre Kinder abzulecken. Es schien Lena, als würde sie die kleinen Bäuche mit derber Zunge zügig massieren. Nun lag ein kleiner mit hohen fiepzig-schrillen Stimmchen schreiender Katzenberg im Stroh. Drei Kätzchen hatten eine Fellmarkierung wie Minka, das vierte war schwarz-weiß und fuchsrot gezeichnet. Alle hatten rosafarbene Näschen und Mündchen, die Augen waren noch geschlossen und würden sich erst in zehn Tagen öffnen. Minka legte sich schützend mit ihrem Bauch um ihre Kinder. Ein nochmaliger Krampf durchzuckte ihren Körper und beförderte etwas von leberartiger, rotbrauner Substanz aus ihrer Vagina. Unvermittelt verschlang Minka das Gebilde. Total erschöpft streckte sie sich wieder ins Stroh zu ihren Jungen. Lena war total aufgewühlt und benommen. Vieles am Geburtsablauf ängstigte sie, weil ihr das Wissen über die biologischen Zusammenhänge fehlte und es ihr gänzlich unverständlich erschien, dass Minka so große Schmerzen zu erleiden hatte. Lena musste ein wenig weinen. Sie legte den Arm um Minka und ihre Kinder und war trotz ihrer Aufgewühltheit glücklich. Nie würde sie den Geruch der Geburtsstätte vergessen. Es war ein unvergleichlich süßer Duft, der wie eine Aura Katzenmutter- und Kinder umgab. Lena grub ihre Nase in das Bauchfell Minkas. Das war ein vertrauter wundervoller Fellgeruch. Er unterschied sich vom Geburtsduft, dessen Einzigartigkeit in seiner verzaubernden Süße lag. Lena hatte diesen intensiven Duft noch an keiner Pflanze wahrnehmen können. Und es waren unendlich viele Pflanzendüfte, die ihr vertraut waren und die sie problemlos zuzuordnen wusste! Sie lag neben der kleinen Katzenfamilie im Stroh und beobachtete die kleinen wuseligen Winzlinge, die schon Minkas Zitzen zu suchen schienen. Trotz ihrer Blindheit krabbelten sie über und untereinander mit ihren kleinen Schnäuzchen am Bauch nuschelnd, und fanden die Zitzen. Milch schien noch nicht in den Brüsten zu sein. Lena glaubte jedoch ein leises Schmatzen zu hören.
Als Lena hörte, dass die Stalltür geöffnet wurde und sie den Kopf ihrer Mutter gewahrte, kletterte sie behände vom Hängeboden und flog ihrer Mutter an den Hals.
"Mein Gott, Mutti, wo warst du denn heute so lange? Ich habe so auf dich gewartet! Minka hat heute Nachmittag ihre Jungen gekriegt. Ich muss dir so viel erzählen. Unheimlich viel! Das war ein fürchterlicher Tag! Jedenfalls hat er so angefangen. Die traurige Beerdigung. Und dann is' mir auf dem Rückweg im Trauerzug noch was ganz ganz Schlimmes passiert, so schlimm, dass ich gleich wieder das Heulen kriege!"
Na, Puttchen, komm, lass dich drücken und beruhige dich mal."
"Mutti stell dir vor, das war schon alles so traurig auf dem Friedhof. Alle haben geweint, die Mama von meinem Freund Wolfgang ist am Grab zusammengebrochen."
"Das ist ja schrecklich! Und was ist dir danach passiert?"
"Ich hab einen lauten Pups gelassen. Stell dir das ma' vor! Ich hab' mich in Grund und Boden geschämt! Der Wolfgang war doch mein Freund und dann so was!"
"Ach, Puttchen, das kann doch passieren! Und dir is' es nun mal passiert. Ich glaube, dass die, die es in deiner Nähe hören konnten, schon morgen wieder vergessen haben."
"Ach Mutti, ich will gern glauben, dass du recht damit hast. Aber nu' das wirklich Gute vom Tag: Minka hat gejungt! Komm, ich hol dir Papas Malerleiter, dann kannst du auf'n Hängeboden kucken und die Miezchen beobachten."
Lena holte die mit vielen alten Ölfarben-Kleckerflecken versehene Malerleiter aus dem Werkraum Willys, der sich neben dem großen Meerschweinchenverschlag befand und stellte sie an den Querbalken des Hängebodens. Sie erklomm die Leiter und rutschte vorsichtig auf den Hängeboden. Minka beobachtete sie mit großen Augen, witternd, was da nun passieren würde. Lena streichelte Minka beruhigend den Kopf und zu ihrer Mutter gewandt im Flüsterton:
"Nu' komm schon Mutti, steig auf die Leiter, dass du die Kleinen sehen kannst."
Hilde sah und war entzückt! Minka, die fürsorgliche Katzenmama mit ihren Kindern, die zu schlafen schienen. Ein anrührendes Bild.
"Komm runter, Puttchen, Minka braucht jetzt Ruhe mit ihren Kleinen!"
Oft schon hatte Lena mit ihrer Mutter über das Werden neuen Lebens, insbesondere über die Geburt gesprochen. Der Geburtsvorgang von Menschen müsste doch dem der übrigen Säugetiere ähneln. Seit Lena die Geburt des Kuhkälbchens und die der Katzenkinder miterlebt hatte, beschäftigten sie Geburtsabläufe. Doch waren die biologischen Vorgänge noch zu komplex und verwirrend, um für Lena nachvollziehbar zu sein. Auch ihre Mutter konnte ihr nur vage Auskünfte geben, es fehlten auch ihr einfach genauere Kenntnisse.
"Mutti, kannst du mir mal erzählen, wie du dich so gefühlt hast, als Wolfgang noch in deinem Bauch war?"
"Das will ich dir gerne erzählen.
Komm Puttchen, rück deinen Stuhl ran. Zu unserem Tee und dem Feierabend-Plapperstündchen."
Lena pflegte während dieser Abendplaudereien ihren Stuhl dicht an den Stuhl Hildes zu schieben, sich rücklings liegend, den Kopf in den Schoß ihrer Mutter, Po auf ihrem Stuhl und die Beine baumelnd, so hatten sie guten Kontakt und nichts konnte die trauliche Abendstimmung trüben.
"Also, Papa und ich hatten uns sehr mit der Schwangerschaft beschäftigt und sehr viel darüber gelesen. Haben dann aber festgestellt, dass jede Frau das wohl auch anders erlebt. In unseren Büchern ist ja in wundervollen Zeichnungen zu sehen, wie ein Kind entsteht, also von der Befruchtung der Eizelle bis zur weiteren Entwicklung im Bauch der Mutter. Über die Empfindungen der werdenden Mama ist da natürlich nichts zu lesen. Dann kommt noch dazu, dass die eine Frau vielleicht etwas empfindlich oder gar kränklich ist, die andere eine eher robuste Natur hat. Bei mir war das so, dass ich mich im Großen und Ganzen gut fühlte, als ich mit Wolfgang schwanger war. Zu Beginn habe ich allerdings häufig gebrochen. Manche Gerüche haben mir schon zu schaffen gemacht. Zum Beispiel Kohlgeruch in der Küche. Ekelhaft. Musste ich mich gleich übergeben! Aber sonst ging es mir eigentlich ganz gut. Bis auf die letzten Wochen vor der Geburt."
"Wart' ma' eben, Mutti. Ich hol ma' unser Mensch-Buch. Da sind so schöne Zeichnungen drin und man kann die Sachen von der Geburt besser erklären."
Lena rappelte sich vom Schoß Hildes und verschwand flugs ins Wohnzimmer, um mit dem dicken Werk 'Der Mensch, von der Biologie des Menschen', zurück zu kommen. Ein schwer- gewichtiges und wichtiges Mammutwerk, das 1912 vom Berliner Verlag Julius Springer herausgegeben worden war.
"Wo war ich stehen geblieben, Puttchen?"
"Bis kurz vor der Geburt von Wolfgang. Aber das hast du mir schon mal erzählt. Is' schon 'n bisschen her. Da hast du doch noch in der Gärtnerei gearbeitet. Das war im Herbst, als das ganze Obst geerntet werden musste und du die schweren Obstkörbe geschleppt hast, obwohl du dich mit dem dicken Bauch nicht mehr so gut bewegen konntest. Schlimm war das! Ganz schlimm."
"Ja, Puttchen, kurz vor der Geburt hab ich mich natürlich nicht mehr so gut gefühlt. Ich kam mir vor, wie eine unbewegliche Tonne! Jede Bewegung fiel mir schwer. Da empfindet man es als Erlösung, wenn die ersten ziehenden Bauchschmerzen einsetzen und die Geburt ankündigen. Bevor das Kind aus dem Bauch der Mutter in diese Welt geschubst wird, wird der ganze Körper der Mutter von einer unglaublich kraftvollen Schmerzwelle erfasst, der sie sich nicht entziehen kann. Ich kann dir nur von meinen Empfindungen erzählen. Bei Wolfgang und bei dir war der Geburtsverlauf ähnlich.
Ich will dir keine Angst einjagen, Puttchen, mit diesen Geburtsschmerzen, die jede werdende Mutter ertragen muss. Du wirst ja später auch mal Kinder haben.
Bei mir war es so, als erfasste mich eine haushohe Riesenwelle, die mich hinfortriss mit einer unbeschreiblichen Kraft. In meinen Ohren war ein donnerndes Rauschen, dass mir fast die Sinne schwanden. Ich konnte nicht anders, als gegen das Getöse und die Schmerzwelle anzuschreien.
Ich schrie und schrie! Dann ein letzter gewaltiger Krampf. Wieder Schreie. Doch diese Schreie waren nicht mehr meine, sondern von hellerem Klang. Die Begrüßungsschreie eines winzigen neuen Erdenbürgers. Dein Bruder Wolfgang. Ich war total erschöpft, aber unbeschreiblich glücklich. Wir waren glücklich, dein Papa und ich. Als Wölfchen in meinen Armen lag, war der Geburtsschmerz vergessen. Das ist nun fast fünfzehn Jahre her und vor neun Jahren hast du deinen ersten Schrei in die Welt gelassen."
"Mutti, warum schreien eigentlich die Kinder, wenn sie auf die Welt kommen?"
"Sie schreien, um den Schleim von den Bronchien zu lösen und um atmen zu lernen. Sie schreien sich die Lungen frei."
"Mutti, jetzt verstehe ich das mit dem Schreien! Wenn ich mir wieder vorstelle, wie das Kälbchen geboren wurde, hat es auch lauthals geblökt. Und ich dachte erst, das Kälbchen gibt diese fürchterlichen Blöklaute von sich, weil es ihm unangenehm ist, mit Stroh abgerubbelt zu werden. Frau Landgrebe hat nämlich das Kälbchen ganz schön grob abgerieben. Dabei hat sie wahrscheinlich das Leben in Gang gerubbelt.
Schreien-atmen-leben. So geht das also. Als Minkas Kinder auf die Welt kamen, war es genau so. Schreien-atmen-leben.
Da fällt mir ein, dass ich Minka noch Wasser bringen wollte, bevor wir ins Bett gehen. Sie muß doch jetzt viel trinken, oder, Mutti?"
"Kannst du machen, Puttchen. Aber hattest du nicht die Stalltür einen Spalt aufgelassen, dass Minka problemlos zu uns zum Trinken kommen kann?"
"Ja, schon. Aber ich wollte schon noch mal sehen, wie's ihr geht."
Lena nahm ihre Taschenlampe, denn es war inzwischen stockfinster geworden. Hilde nahm eine kleine Steingutschale und füllte eine Flasche mit Leitungswasser. Als sie die Haustür öffneten, kam ihnen in rasantem Tempo eine fremde größere Katze aus dem Stall entgegen, etwas Dunkles im Maul tragend. Die Katzengestalt verschwand in Richtung Hof. Lena riss die Stalltür vollends auf und knipste die große Stallbeleuchtung an. Da sprang Minka laut miauend und fauchend an ihr vorbei und verschwand ebenfalls im Dunkel des Hofes. Lena beeilte sich. Mit wenigen Klimmzügen war sie auf dem Hängeboden. Sie schrie auf!
"Mutti, schnell. Komm schnell! Was Grausames ist passiert!"
Hilde war sofort bei ihr, erklomm drei Streben der Leiter und erstarrte vor Schreck! Im Stroh lagen drei kleine zerstümmelte Kätzchen in ihrem Blut. Hier mußte sich ein unvorstellbares Drama abgespielt haben. Wie konnte das passieren? Warum konnte das passieren? Warum konnte Minka diese Bluttat nicht verhindern? Zu viele Fragen und keine plausiblen Erklärungen. Lena schluchzte erschüttert:
"Das war der bunte Kater! Diese Bestie! Der is' an mir vorbei und hat noch ein Kleines im Maul gehabt, dieser Mörder! Was solln wir denn jetzt nur machen? Sie sind alle tot. Alle! Ach, Mutti!"
Auch Hilde war total erschüttert. Sie drückte Lena an sich.
"Lass uns mal überlegen, was wir jetzt tun können. Wie es scheint, hat es auf dem Hängeboden einen Kampf gegeben. Und Minka hat es nicht geschafft, ihre Kinder zu schützen, weil der Kater einfach stärker war. Sie hat ja wohl den Kater noch verfolgt. Tcha, ich bin auch so'n bisschen ratlos, Puttchen."
Sie verließen den Stall und beratschlagten in der Küche, was mit den toten Kätzchen geschehen sollte. Lange saßen sie da und grübelten. Schließlich schlug Lena vor, sie im Garten zu beerdigen.
"Was hältst du davon, wenn wir sie in eine Zigarrenkiste packen und das kleine Grab neben den Himbeeren an der Mauer einrichten?"
Die toten Kätzchen wurden im Garten begraben. Ihr Leben war nur kurz gewesen.
Als nach drei Tagen des Katzendramas Minka immer noch nicht wieder aufgetaucht war, machten sich Hilde und Lena ernsthafte Sorgen. Lena bat ihre Freundin Eleonore, mit ihr die Stallungen und Gärten nach Minka abzusuchen. Sie fanden sie nicht. Am fünften Tag nach ihrem Verschwinden saß Minka abends jammernd vor der Haustür und begehrte Einlass. Überglücklich nahm Lena Minka auf den Arm und drückte sie an sich. Es schien Lena, als wäre sie verängstigt. Ihr Fell schien glanzlos. Sie war in den paar Tagen abgemagert und in einem beklagenswerten Allgemeinzustand. Hilde machte sich sofort daran, einen Haferbrei zu kochen, dem sie noch ein Eigelb und ein haselnussgroßes Stückchen Butter hinzufügte. Minka verzehrte ihren Brei mit großem Appetit und ließ nicht einen Krümel auf dem Boden des Futternapfes. Sie sprang auf ihren Lieblingsplatz, den Küchenhocker, schaute zu Lena und Hilde und wieder zurück, als wollte sie verdeutlichen, wie froh sie sei, wieder zu Hause zu sein. Minka putzte sich Schnäuzchen und Barthaare, dann sehr ausgiebig und voller Sorgfalt ihr Fell, um sich dann gesättigt und rundum zufrieden zu einem Schläfchen einzurollen. Erst Stunden später wechselte sie die Räume. Hilde und Lena lagen längst schon in ihren Betten, da kroch Minka zu Lena unter's Deckbett, um sich an vertrauter Stelle in ihrer Achselhöhle einzukuscheln. Lena seufzte glücklich im Schlaf.
Die Rotdornhecke der Gasse, die die zwei Bauerngehöfte begrenzte und zur Gemarkung Evessens führte, war nahezu abgeblüht und erwartete den ersten Frühsommerschnitt. Der Schnitt erfolgte immer zu dem Zeitpunkt, in dem die Früchtchen noch unterentwickelt waren, um die Hecke erneut zur Blütenbildung anzuregen. Auch führte der Neuaustrieb der Blättchen zu einer Verdichtung der Heckenstruktur und bot somit den Singvögeln, vornehmlich Schwarzdrosseln, Grünfinken, Grasmücken, Mönchsgrasmücken und Meisen, einen noch besserern Schutz vor deren Fressfeinden. Für Lena lag der besondere Reiz der Abkürzung des Schulwegs durch diese Gasse im Belauschen des Brutverhaltens ihrer gefiederten Freunde.
Der Rückschnitt der Hecke wurde erst nach dem Abtrocknen zusammen gefegt und kompostiert. Das wurde für Lena als Barfußläuferin zum Problem. Ein trockener erstarrter Dorn durchdrang die Hornsohle ihres linken Fußes. Erst nach vielen Tagen verspürte sie beim Auftreten ein leichtes Pieken. Dann machte ein heftiges Stechen klar, dass da etwas in den Hacken eingedrungen war, was da partout nicht hingehörte. Ein extrem heißes Kernseifenbad brachte nicht den erhofften Erfolg. Lena hatte starke Schmerzen von der Ferse bis zur unteren Wade. Sie fieberte. Als Hilde einen roten Strich an der unteren Wade entdeckte, wusste sie, dass hier eine Blutvergiftung vorlag und die sofortige Hilfe eines Arztes nötig war.
"So, Puttchen, jetzt brauchst du unbedingt Bettruhe. Also, ab ins Bettchen mit dir! Ich geh mal eben fix zu Fräulein Oppermann, um mit Dr. Becker zu telefonieren. Der wird sicher schnell hier sein und dir helfen. Ich bin auch sofort wieder hier. Alles wird gut!"
Hilde wusste, welche dramatische Entwicklung eine Sepsis nehmen konnte und zwang sich, ruhig zu bleiben. Sie wusste, dass eigene panische Angst auch auf das Kind übertragen werden kann. Dr. Becker galt als fähiger Internist und Chirurg. Man munkelte allerdings auch hinter vorgehaltener Hand, dass ihn die Ostfront zum Morphinisten gemacht habe! Hilde hoffte, das Richtige zu tun. Hätte sie denn eine andere Wahl gehabt? So nimm denn Schicksal deinen Lauf!
Nach einer knappen halben Stunde klopfte es derb an der Haustür. Dr. Becker begrüßte Hilde mit kräftigem Händedruck. Er war ein großer, schlanker Mann mit offenem Gesicht und freundlichen graublauen Augen. Die leichten Tränensäcke verliehen ihm ein melancholisches Aussehen. Er hatte eine hohe Stirn. Seine eher schütteren mittelblonden Haare kämmte er streng nach hinten in den Nacken. Er ging leicht nach vorn gebeugt und schlacksig.
"Ich grüße sie. Na, wo ist denn unsere kleine Patientin?"
"Lena liegt im Schlafzimmer im Bett, Herr Doktor."
Hilde ging voraus und führte den Arzt ins Schlafzimmer. Dr. Becker tätschelte Lena zur Begrüßung freundlich die Hand.
"So, Lena, setz dich mal bitte auf; ich werde dich erstmal gründlich untersuchen. Nicht erschrecken, das Stethoskop ist kalt. Atme mal ruhig ein und aus und ein und aus und ein und aus. Schön. So, nun schau ich mir mal dein Bein an. Mutti sagte mir, dass du einen roten Streifen am Bein hast? Nun leg dich bitte hin und dreh dich zur Seite."
Dr. Becker tastete mit leichtem Druck die Ferse ab.
"Tcha, Lena, da muss ich den Übeltäter wohl heraus holen. Ich sage dir genau, was ich tun werde. Du musst also keine Angst haben. Ich gebe dir gegen die größeren Schmerzen eine Spritze. Da wir hier keinen Operationssaal haben, werden wir eure Küche dafür benutzen müssen. Mutti wird mir in eurem großen Kochtopf mein Arzthandwerkzeug auskochen, weil alles schön sauber sein muss. Mutti setzt sich auf den Stuhl, nimmt dich auf den Schoß und du legst dein Bein auf den Küchenhocker. Dann schneide ich deine Hornfußsohle etwas auf. Das kann nicht weh tun, weil man in der dicken Hornhaut keine Nerven hat. Ich sage dir, wenn ich tiefer schneiden muss. Das kann etwas weh tun. Musst du tapfer sein. Das mache ich dir alles schön, so, dass du wieder gut auftreten kannst. Und Mutti hält dich fest. Ganz fest!"
Dr. Becker überreichte Hilde sein chirurgisches Handwerkzeug und Hilde verschwand damit in die Küche, um es steril abzukochen. Auf dem Küchentisch breitete sie ein Frottee-Badetuch aus und legte Küchentücher darauf, auf denen die sterilisierten Skalpelle und Zangen unterschiedlicher Größe aufgereiht wurden. Neben einer Nierenschale legte Hilde aus Mull geformte Tupfer, daneben ein braunes Fläschchen reinen Alkohols. Dr. Becker betrat mit Lena die Küche und knipste die Küchenlampe an.
"Schau, Lena! An deiner Mutti ist ja wirklich eine OP-Schwester verloren gegangen! Alles liegt sehr ordentlich griffbereit, als hätte sie schon immer einem Chirurgen assistiert! Dann wollen wir uns mal ans Werk machen. Ich muss nur noch mal kurz draußen Luft schnappen, dann meine Hände kräftig schruppen. Also, los geht's."
Hilde machte sich so ihre Gedanken. Warum musste Dr. Becker zum Luftschnappen seinen Arztkoffer mitnehmen? War es nicht vielleicht so, dass der Eingriff eine Herausforderung für ihn war und er den Tremor seiner Hände nur durch eine Morphiumgabe zur Ruhe bringen konnte? Nun, ich habe nicht das Recht, darüber zu urteilen. Punktum. Als der Arzt wieder die Küche betrat, schien er entspannt und konzentriert.
"So, Mutti, nun halt mal deine Tochter."
Der erste Tupfer kam zum Einsatz, um die Hornhaut zu reinigen. Mit dem Skalpell wurden erste Hornschichten abgetragen, zur Vorbereitung des tieferen Schnitts. Lena verfolgte jeden Handgriff des Arztes. Sie war ruhig und gefasst, trotz der Erwartung, dass ein Schnitt in tiefere Schichten des Fußes ihr einen stärkeren Schmerz zufügen könnte. Sie konzentrierte sich darauf, bei dem entscheidenden Schnitt nicht zusammen zu zucken. Sie biss die Zähne zusammen, bis ein Knirschen zu vernehmen war. Dann spürte sie einen heftigen stechenden Schmerz und ein Blut-Eiter-Gemisch ergoss sich in das darunter gehaltene Nierenschälchen. Es schien, als würde der immense Schmerz heraus gespült und davon geschwemmt. Lenas schier erstarrter Körper entspannte sich, ihr Kopf sank mit einem tiefen Seufzer nach hinten auf Hildes Brust.
"Kleine, tapfere Lena, du hast es geschafft. Das Schlimmste hast du überstanden. Ich zeig dir mal den Übeltäter. Hier, ein Dorn, ich schiebe ihn mal an den Rand der Schale. Der ist gar nicht so sehr lang. Ich hatte mir gedacht, dass er größer wäre. Doch das Entscheidende beim Eintreten des Dorns war, dass Kokkenerreger mit eingedrungen sind, die dein Blut vergiftet haben. Kokken sind ganz üble Burschen, die ziemlich schlimme Erkrankungen verursachen können. So, Lena, ich muss jetzt noch ein wenig drücken, dass noch etwas Blut fließt. Dann die Wunde säubern, drei Stiche nähen und fertig. Dann bist du erlöst und kannst dich im Bett ausruhen."
Hilde bedankte sich sehr herzlich für seine große Hilfe!
" Ich bin so froh, dass alles überstanden ist und Lena wieder gesund werden wird."
"Ja, das Fieber wird zurück gehen und dann wird sie sehr bald wieder auf die Füße kommen. Morgen schau ich wieder rein und erneuere den Verband. Danach wird Schwester Betty jeden Tag vorbei schauen und nach Lena sehen. Sie wird dann auch den Verband wechseln. Ich bin ziemlich froh, dass wir jetzt eine so tüchtige Gemeindeschwester haben. Sie nimmt mir eine Menge Arbeit ab."
Dr. Becker verabschiedete sich herzlich. Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, eilte Hilde in die Küche zu Lena, die noch immer leicht apathisch auf dem Küchenstuhl saß. Ihr lädierter Fuß lag noch immer auf dem Hocker.
"Komm, mein Puttchen, lass dich drücken! Ich trage dich jetzt erst mal ins Bett. Dann mach ich dir einen schönen mit Wasser verdünnten Holundersaft und pack mich auch ins Bett. Für heute reichts erst mal."
Als sie nebeneinander in den Betten lagen, tastete Lenas Hand nach der Hand Hildes und hielt sie fest. Die Last des Tages fiel von ihnen ab und beide weinten still vor sich hin, als würden die Tränen die Ereignisse fortschwemmen.
Lena erwachte, als die Morgendämmerung das Schlafzimmer in ein schemenhaftes Licht tauchte. Sie spürte einen leichten Druckschmerz in der Ferse ihres lädierten Fußes, doch unangenehmer war der Druck ihrer Blase.
"Mutti, bist du wach? Ich muss mal dringend Klein! Und zwar ganz doll!"
"Warte, Puttchen, ich komme rum und hole dir den Nachttopf. Aufs Klo draußen kannst du ja erst mal noch nicht. Erst muss dein Fuß abgeheilt sein, dass er ohne Verband wieder in einen Schuh passt. Das wird noch dauern."
Hilde hatte sich vorgenommen, heute früher zur Arbeit zu gehen, um gleich nach dem Zubereiten des Mittagessens für die Landgrewes wieder nach Hause eilen zu können. Sie wollte Lena nicht zu lange allein lassen.
Sie öffnete die Schlafzimmerfenster weit und ließ frische Sommmerluft herein. Erste Gesänge der Schwarzdrosseln begrüßten den neuen Tag. Hilde vermutete, dass Minka als Dämmerungstier noch auf der Jagd sein würde, um erst dann wieder hier bei ihren Menschen zu erscheinen, wenn Sonnenstrahlen den Morgen in helles Licht tauchen und das Getriebe eines Gutshofes in Gang setzen. Das war Minkas Art, nach erfolgreicher Jagd eine Pause einzulegen und sich ein Stündchen oder auch länger auf einen ihrer auserwählten Ruheplätzchen zusammengerollt zurückzuziehen. Die obersten Ränge der Beliebtheitsskala von Minkas Ruheplätzen nahmen die ein, denen der Geruch Lenas anhaftete. Ihr Bett, ihr Küchenstuhl, auf dem etwa noch Leibchen oder Pullover und Strickjacke lagen und den unverwechselbaren gleichsam beruhigenden Lenaduft verströmten. Hilde hoffte insgeheim, dass Minka bald erscheinen und durch ihre Gegenwart Lena das Gefühl des Alleinseins nehmen würde, wenn sie selbst ihrer Arbeit bei den Landgrewes nachgehen musste.
"Puttchen, ich hole dir Wolfgangs Wintersocken, die ziehen wir vorsichtig über deine Füße, dann kannst du dich in der Küche am Waschbecken waschen und die Zähne putzen. Ich gebe dir ein frisches Nachthemd, kannst das verschwitzte Hemd auf den Wäschepuff legen. Ich mach dir dein Frühstück. Haste denn heute wieder etwas Appetit? Vielleicht auf was Frisches? Gestern hast du ja gar nichts gegessen!"
"Ach, Mutti, du redest und redest! Ich bin noch gar nicht ganz da! Und Hunger hab ich auch noch nicht! Lass mich noch'n bisschen dösen, ja?!"
"Na, gut. Dann kümmere ich mich erst mal um die Mümmeltiere, dann mach ich unser Essen. Soll ich dir ein Glas Kirschen oder Erdbeeren aufmachen? Wäre das nichts? Jedenfalls koch ich dir Haferflockenbrei mit Vanille und einem Stückchen Butter. Du musst doch wieder zu Kräften kommen!"
"Ach Mutti, ich hab noch Kraft wie mindestens zwei Bären! Glaub mir mal!"
Mit einem brummelnden Seufzer drehte sie sich auf die Seite und zog sich die Bettdecke über die Ohren. Der Duft frischen Milchkaffees beendete Lenas Stunde des Dahindösens. Hilde stellte den Kaffeepott auf den Nachttisch, schob die Bettdecke beiseite und küsste der kleinen Patientin zärtlich die Stirn.
"Das war ja noch mal eine schöne Schlummerstunde, Puttchen. Wie fühlst du dich? Komm, ich helf dir beim Aufstehen. Du musst jetzt die Socken anziehen und dich waschen. Ich bin erst beruhigt, wenn du versorgt wieder im Bettchen bist, bevor ich zu Landgrewes gehe. Nachher, also noch vor seiner Sprechstunde, kommt der Herr Doktor, um dir einen frischen Verband anzulegen. Wahrscheinlich kommt auch Schwester Betty mit, damit sie dich als künftige Patientin kennenlernen kann. Nun, hopp hopp in die Socken und ab mit dir in die Küche! Ich helfe dir, du kannst dich aufstützen, Puttchen!"
Lena reckte und streckte sich, setzte sich auf die Bettkante und schlürfte einen kräftigen Schluck des leckeren Milchkaffees.
"So, nun kann der Tag kommen!"
Nachdem Lena Wolfgangs Wintersocken übergestreift hatte, humpelte sie, ohne sich von Hilde helfen zu lassen, in die Küche, um sich zu waschen. Vom lädierten Fuß belastete sie nur Zehenspitzen und Ballen, so klappte das Laufen und Stehen problemlos. Und doch war Lena froh, sich nach dem erfrischenden Waschen erschöpft wieder ins Bett zu kuscheln. Sie aß nur wenig von dem Frühstücksbrei, es fehlte einfach noch der Appetit! Im Hof kündigte das laute Gezeter und Schimpfen der Schwarzdrosseln die Anwesenheit Minkas an. Nur wenig später sprang Minka durchs Schlafzimmerfenster und landete mit einem langgestrecktem Sprung direkt in Lenas Bett. Eine wilde Begrüßung folgte, als hätten sich die beiden seit Tagen nicht mehr gesehen! Dann schlüpfte Minka unters Deckbett, eng an Lena gekuschelt, um sich schnurrend ihrem Morgenschläfchen hinzugeben. Sanft entschlummert merkten beide nicht, dass sich Hilde verabschiedete, um ihren Dienst bei den Landgrewes anzutreten.
Lena schreckte erst auf, als es kräftig an der Haustür klopfte. Es war ihr, als müsste sie noch einen Traum sortieren, verwirrt rief sie "herein!". Die Schlafzimmertür wurde geöffnet und hereinspaziert kamen der Doktor und Schwester Betty.
"Oh, Lena, haben wir Dir einen Schrecken eingejagt? Na, hoffentlich nicht. Schau, ich hab dir heute Schwester Betty mitgebracht, die dich künftig versorgen wird."
Lena setzte sich auf und streckte den beiden zur Begrüßung die Hand entgegen. Minka rührte sich nicht unter dem Deckbett und lag, ohne einen Schnurrlaut von sich zu geben, völlig erstarrt, als käme eine ungeheure Gefahr auf sie zugerollt!
Dr. Becker schob die Zudecke vorsichtig beiseite und Lena streckte ihm ihren verbundenen Fuß entgegen. Vorsichtig entfernte er den Verband und schaute sich die Wunde an.
"Hier, Schwester Betty, schauen sie, schon nach einem Tag eine großartige Heilung! Na, wunderbar, Lena, die Wunde ist abgetrocknet. Du musst noch das Bett hüten und darfst den Fuß noch nicht belasten. Jetzt wird Schwester Betty einen neuen Verband anlegen, auch morgen und die darauf folgenden Tage wird sie dich medizinisch versorgen und dir vielleicht auch noch die Langeweile vertreiben. Sie kann sehr gut mit Kindern umgehen. Bevor der Krieg begann, wollte sie Kinderkrankenschwester werden, hat sie mir erzählt. Doch dann wurde sie an die Front beordert, um verwundeten Soldaten zu helfen. Also, ich schau erst in der nächsten Woche wieder zu dir herein, Lena. Dann mal tschüss ihr beiden. Betty wollte ja noch etwas bleiben."
"Na, Lena, mir scheint, du liegst etwas verkrampft. Ich schüttel dir mal das Kopfkissen auf und du kommst mit deinem Oberkörper etwas höher, ja?"
"Oh, Schwester Betty, ich liege etwas verkrampft, weil, ich sag mal so: Da ist ein kleines Geheimnis unter meinem Deckbett!"
Vorsichtig hob Lena die Bettdecke hoch und flüsterte beruhigend auf Minka ein:
"Is' ja gut, Minkelchen. Is' ja gut. Schwester Betty tut dir nichts. Is' ja gut!"
Minka lag zusammen gerollt auf dem Laken und schaute mit großen Augen auf Schwester Betty. Sie fühlte, dass von ihr keine Gefahr ausgehen würde, doch zog sie es vor, sich schleunigst zu entfernen und in die Küche zurückzuziehen.
"Oh, Lena, da hast du ja eine ganz besondere Katzenfreundin. Ein wunderschönes Tier, also wirklich! Diese Augen! Und so eine schöne Fellzeichnung! Nur im Bett ist sie natürlich nicht so gut aufgehoben!"
"Das macht nichts, Schwester Betty! Minka is' 'ne ganz saubere Katze. Wie die sich immer putzt! Die hat wirklich immer saubere Pfötchen, wenn sie ins Bett kommt. Und außerdem is' sie es von klein auf gewöhnt, bei mir zu kuscheln!"
"Na, wenn sie es schon so lange gewohnt ist, kann man es ihr nicht verdenken. Aber lass es den Herrn Doktor besser nicht sehen. Ich denke, der hat aus hygienischen Gründen etwas gegen Tiere im Bett."
"Verstehe. Okay, Schwester Betty. Meine Mutti weiß es, nun wissen sie es und wir haben jetzt ein Geheimnis. Das Geheimnis um Minka. S'wär ganz gut, wenn sie es dem Herrn Doktor nicht verraten würden."
"Lena, ich kann schweigen. Schweigen wie ein Grab. Ehrenwort! Du kannst übrigens ruhig du zu mir sagen!"
"Oh, das is' gut! Schwester Betty, du hast so eine schöne Sprache. Die is' so anders, als wir hier sprechen. Du rrrollst das "R" so toll, als wäre es schnurrende Musik! Schweigen, wie ein Grraab. Ehrrrenworrrt!"
"Na, du kannst das "R" aber auch gut nachahmen. Als wärst du weit, ganz weit in Ostpreußen, meinem Geburtsland, zur Welt gekommen. Ich bin in einem kleinen Dorf an der Ostsee bei Königsberg geboren. Ein schönes Fleckchen Erde mit vielen Seen, dunklen, geheimnisvollen Wäldern und Tieren, die es hier sicher nur im Hamburger Zoo gibt. Zum Beispiel Elche und Wölfe, Seeadler und Möwen. Ich denke, Wildkatzen gibt's da auch. Augenblicklich sicherlich nicht, da hat der Krieg zu viel Unruhe und Zerstörung in die Wälder gebracht und unter sich begraben! Sag mal, Lena, wie wär's, wenn ich dir eine schöne Geschichte vorlesen würde? Du liegst entspannt auf dem Rücken und schonst deinen Fuß und ich lese dir aus deinem Lieblingsbuch vor?"
"Oh ja, Schwester Betty, da brauch ich nicht lange zu überlegen! Mutti liest mir immer aus der wunderbaren Reise des Nils Holgerssons vor!"
"Meinst du das Buch von Selma Lagerlöf? Das steht sicher im Bücherregal im Wohnzimmer? Ich hol's mal fix."
"Das ist das ganz große Buch mit dem gelben Rücken", rief Lena ihr noch hinterher.
"Da ist ja ein Lesezeichen drin, Lena!?"
"Genau, genau. Das ist meine Lieblingsgeschichte. Die zeigt, wie klug Gänse sind. Von wegen dumme Gänse! Hier haben sie sogar einen Fuchs aufs Kreuz gelegt! Ich kenne zum Beispiel auch einen Gänserich, der gehört meinen Verwandten in Beinum, das ist so'n kleines Nest bei Salzgitter, der hat den Hof bewacht! Stell dir das ma' vor! Die brauchten keinen Wachhund, weil sie 'n alten Wachganter hatten!"
Schmunzelnd setzte sich Schwester Betty ans Bett und begann zu lesen:
"Das Gänsespiel
Montag, den 21. März
Im Wald blieb alles so, wie es war, ungefähr so lange, wie eine Gans braucht, um Frühstück zu essen, aber gerade, als der Morgen im Begriff war, in den Vormittag überzugehen, kam eine einsame wilde Gans unter das dichte Laubdach geflogen. Sie tastete sich zwischen den Stämmen und Zweigen hindurch und flog ganz langsam. Sobald Reineke Fuchs sie sah, verließ er seinen Platz unter der kleinen Buche und schlich auf sie zu. Die wilde Gans flüchtete nicht vor dem Fuchs, sondern flog ganz dicht an ihm vorüber. Reineke sprang hoch in die Höhe nach ihr, konnte sie jedoch nicht packen, und die Gans flog weiter, dem See zu.
Es währte nicht lange, da kam eine neue wilde Gans geflogen. Sie kam denselben Weg wie die erste und flog noch niedriger und langsamer. Auch sie flog dicht an Reineke Fuchs vorüber, und er sprang so hoch nach ihr, dass seine Ohren ihre Füße berührten, aber sie entkam doch unbeschädigt und setzte ihren Weg stumm wie ein Schatten nach dem See zu fort.
Es verging eine Weile, dann kam wieder eine wilde Gans. Sie flog noch niedriger und langsamer, es schien, als wäre es ihr noch schwerer, den Weg zwischen den Buchenstämmen zu finden. Reineke machte einen mächtigen Sprung, und es fehlte nur eines Haares Breite, dass er sie gefasst hätte. Aber auch diese Gans entkam.
Gleich nachdem sie verschwunden war, kam eine vierte wilde Gans. Obgleich sie so langsam und schlecht flog, dass Reinike meinte, er könne sie ohne Mühe fangen, war er jetzt bange, dass ihm ein Unfall zustoßen könne, und er wollte sie unangerührt wegfliegen lassen. Aber sie flog denselben Weg wie die andere, und als sie gerade über Reineke angelangt war, schwebte sie so tief herab, dass er sich verleiten ließ, nach ihr in die Höhe zu springen. Er gelangte so hoch, dass er sie mit der Pfote berührte, aber sie warf sich schnell auf die Seite und rettete ihr Leben.
Ehe Reinike noch Atem geschöpft hatte, kamen drei Gänse in einer Reihe. Sie kamen genau so geflogen wie die anderen, und Reineke sprang nach ihnen allen hoch in die Höhe, aber es gelang ihm nicht, eine von ihnen zu fangen.
Dann kamen fünf Gänse, aber sie flogen besser als die vorhergehenden, und obwohl auch sie so aussahen, als wollten sie Reineke verlocken zu springen, widerstand er der Versuchung.
Ziemlich lange darauf kam eine einsame Gans. Das war die dreizehnte. Die war so alt, dass sie ganz grau war und nicht einen einzigen braunen Strich an ihrem ganzen Körper hatte. Es sah so aus, als könne sie den einen Flügel nicht recht gebrauchen, sie flog so jämmerlich und so schief, dass sie fast die Erde berührte. Reineke begnügte sich nicht damit, hoch nach ihr in die Höhe zu springen, er verfolgte sie in schnellem Lauf bis an den See hinab, aber auch diesmal wurden seine Anstrengungen nicht belohnt.
Die vierzehnte Gans kam, und das sah sehr hübsch aus; sie war weiß, und es schimmerte wie eine Lichtung in dem dunklen Walde, wenn sie ihre großen Flügel schwang. Als Reineke die sah, bot er alle Kräfte auf und hüpfte halbwegs bis an das Laubdach hinauf, aber die weiße Gans flog ganz unbeschädigt davon, genau so wie alle die andern.
Nun wurde es eine Weile still unter den Buchen. Es schien, als sei der ganze Schwarm wilder Gänse vorüber gezogen.
Plötzlich fiel Reineke sein Gefangener ein, und er sah zu der Buche hinauf. Wie zu erwarten stand, war der Knirps verschwunden.
Aber Reineke blieb nicht viel Zeit, an ihn zu denken, denn nun kam die erste Gans vom See zurück und flog so langsam wie vorher unter dem Laubdach dahin. Trotz all seines Missgeschickes freute sich Reineke, dass sie zurück kam, und er stürzte mit einem hohen Sprung auf sie zu. Aber er war zu hastig gewesen und hatte sich keine Zeit gelassen, den Sprung zu berechnen, sodass er nebenbei sprang.
Auf die Gans folgte eine zweite und eine dritte und eine vierte und eine fünfte, bis die Reihe wieder herum war und mit der alten Eisgrauen und der Weißen endete.
Sie flogen alle langsam und niedrig. Gerade als sie über Reineke Fuchs dahinschwebten, ließen sie sich herab, als wollten sie ihn auffordern, sie zu fangen. Und Reineke verfolgte sie und machte Sprünge, die ein paar Klafter hoch waren, ohne jedoch auch nur eine einzige von ihnen fangen zu können.
Das war der schlimmste Tag, den Reineke Fuchs jemals erlebt hatte. Die wilden Gänse flogen unaufhörlich über seinen Kopf, kamen und verschwanden. Große, schöne Gänse, die sich auf den deutschen Feldern und Heiden dick gefressen hatten, flogen den ganzen Tag im Wald herum, so in seiner Nähe, dass er sie viele Male berührte, und es gelang ihm nicht, seinen Hunger an einer einzigen von ihnen zu stillen.
Der Winter war kaum vorüber, und Reineke entsann sich lange Tage und Nächte, wo er sich müßig herumgetrieben hatte, ohne dass ihm ein Stück Wild in den Wurf gekommen wäre, denn die Zugvögel waren fort, die Mäuse versteckten sich unter der gefrorenen Erdrinde und die Hühner waren eingeschlossen. Aber all der Hunger des ganzen Winters war nicht so hart gewesen wie die Enttäuschung dieses Tages.
Reineke war kein junger Fuchs mehr. Er hatte gar manches Mal die Hunde hinter sich gehabt und die Kugeln um seine Ohren pfeifen hören. Er hatte tief in seinem Bau verborgen gelegen, während die Dachshunde in den Gängen herumrochen und kurz davor waren, ihn zu finden. Aber all die Angst, die Reineke bei der heißesten Jagd ausgestanden hatte, war nichts im Vergleich zu der, die er jedes Mal empfand, wenn es ihm nicht gelang, eine der wilden Gänse zu erwischen.
Am Morgen, als das Spiel begann, war Reineke so fein gewesen, dass die Gänse staunten, als sie ihn sahen. Reineke liebte die Pracht, und sein Pelz war leuchtend rot, die Brust weiß, die Schnauze schjwarz und der Schwanz wallend wie ein Federbusch. Aber als an diesem Tag Abend wurde, hing Reinekes Pelz in Zotteln herunter, er war in Schweiß gebadet, seine Augen waren glanzlos, die Zunge hing ihm lang aus dem keuchenden Rachen, und aus dem Mund floss Schaum.
Am Nachmittag war Reineke so müde, dass er ganz von Sinn und Verstand war. Er sah nichts weiter vor seinen Augen als fliegende Gänse. Er sprang nach Sonnenflecken, die er am Erdboden sah, und nach einem armseligen Schmetterling, der zu früh aus der Puppe gekrochen war. Die wilden Gänse flogen und flogen unermüdlich. Sie peinigten Reineke den ganzen Tag. Es bewegte sie nicht zu Mitleid, dass er vernichtet, erregt, wahnsinnig war. Sie fuhren unerbittlich fort, obwohl sie recht gut verstanden, dass er sie kaum sah, dass er nach ihren Schatten sprang.
Erst als Reineke Fuchs ganz kraftlos und matt auf einem Haufen welker Blätter umsank, kurz davor, den Atem aufzugeben, hielten sie inne, ihr Spiel mit ihm zu treiben.
"Jetzt weißt du, Fuchs, wie es dem geht, der es wagt, sich mit Akka von Kebnekajse einzulassen", riefen sie ihm dann ins Ohr, und damit ließen sie ihn in Ruhe."
Schwester Betty machte eine Pause und schaute zu Lena, die ganz schläfrig in ihrem Kissen lag. Der Gesang des ostpreußischen Dialekts hatte auf Lena eine stark beruhigende Wirkung.
"Nun hab' ich dich ja fast in den Schlaf gelesen. Du kannst ja auch ruhig noch etwas schlafen. Ich muss sowieso noch einen Patienten besuchen und will mich dann mal verabschieden. Morgen bin ich wieder bei dir und werde dich versorgen. Gut?"
"Das ist total o.k., Schwester Betty. Lass nur die Tür einen Spalt offen, dass Minka rein kann, wenn sie will."
Und ob Minka wollte! Kaum hörte sie die Haustür ins Schloss fallen, erschien sie mit gurrenden Lockrufen im Schlafzimmer, als hätte sie schon lange voller Ungeduld darauf gewartet, endlich wieder mit Lena allein sein zu können. Sie kroch zu ihr unter die Bettdecke.
Lena erholte sich schnell. Nachdem die Fäden der kleinen Narbe gezogen waren, wollte sie unbedingt wieder in die Schule gehen. Es gab so gut wie kein Fach, das ihr widerstrebte. Sie war neugierig, wissbegierig, doch leider spielte sie auch gerne den Alleinunterhalter, was ihr so manchen Tadel einbrachte. Auch als Vermerk im letzten Schulzeugnis. Um so erstaunlicher fand es die Handarbeitslehrerin, eine gelernte Schneidermeisterin, die froh war, diese Tätigkeit ausüben zu dürfen, dass der Wirbelwind Lena ganz still und konzentriert Näharbeiten verrichtete oder eine Häkel- oder Strickarbeit in Angriff nahm. Schon jetzt zeigte sich, dass Lena besonders kreativ und schöpferisch in der Zusammenstellung von Farben war. Ihre Neigung, schon sehr zeitig vor einem Geburtstag des zu Beschenkenden, die Handarbeit fertig zu haben, behielt sie ihr Leben lang bei. Für Hilde, deren Geburtstag im August ins Haus stand, hatte Lena aus Stramin und Filz ein kleines Büchlein in der Größe einer Postkarte, zur Aufbewahrung von Näh- und Stecknadeln gebastelt. Die äußere Hülle aus Stramin hatte sie mit Perlgarn in Bordüren-Mustern bestickt. So zierten Vor- und Rückstich, Kästchen-, Stiel- Kreuz-, Ketten- und Fischgrätstich diese Außenhülle in bunten Regenbogenfarben. Die inneren einfarbig-flaschengrünen Filzblätter wurden im Buchbinderstich mit der Nähnadel eingeheftet. Geschenke für ihre Mutter und ihren Bruder wurden von Lena im untersten Schubfach der Schlafzimmerkommode deponiert, Wolfgang belegte das oberste Schubfach. Das war eine feste Einrichtung und ein absolutes Tabu, die Lade des anderen auch nur anzurühren! Hilde hatte das Vertiko im Wohnzimmer für sich und die geheimen Geschenke in Beschlag genommen. Die Drei gelobten, jeder Versuchung zu widerstehen, um sich nicht selbst die Freude am Geschenktag zu nehmen.
Der Frühsommer verwöhnte die Natur mit viel Sonnenschein. Die nun schon andauernde Hochwetterlage ließ die Feldfrüchte früher reifen. Noch vor den großen Sommerferien waren die Erbsen bei einigen Bauern pflückreif und die Schulkinder konnten bei den ersten Ernteeinsätzen nicht mittun. Nur das vier Kilometer entfernte Rittergut Lucklum ließ einige Ar mit Erbsen am Busch ausreifen, um sie als Trockenerbsen zu vermarkten. Hier konnten die Schulkinder noch in den Sommerferien zum Erteeinsatz kommen. Wenngleich es für die Kinder natürlich verlockender war, sich beim Pflücken den Bauch mit Zuckererbsen voll zustopfen. Lena und ihre Schulfreundin Lydia hatten das Rittergut Lucklum für einen Ernteeinsatz fest ins Visier genommen. Sie wollten sich mit dem Verdienst des Erbsenpflückens Wünsche erfüllen, die das schmale Budget ihrer Familien nicht hergeben konnte. Lydias sehnlichster Wunsch war es, für den kommenden Herbst einen rotkarierten Faltenrock mit einem farblich passenden, nichtkratzenden Pullover zu kaufen. Mit Grausen dachte sie daran, den von ihrer Tante geerbten dunkelblauen Kratzepullover anziehen zu müssen!
Lenas besonderer Bekeidungswunsch für die kühlere Jahreszeit war ein taubenblauer Annorak mit Kapuze, alles in Schottenkaro abgefüttert. So zählten die Schulfreundinnen die Tage bis zu den Sommerferien, um sich ihre Träume durch die Erbsenflückerei erfüllen zu können.
Es war gut, dass die Freundinnen nicht fürchten mussten, die Pflücktermine zu versäumen.. Der beste Informant hierfür war der ältere Bruder Lydias, Jacob, der als Treckerfahrer auf dem Gutshof arbeitete und mit den Terminen der Ernteeinsätze vertraut war. Täglich machte er sich mit seinem Freund Roman und dessen Frau Julija, die im Landarbeiterhaus in der Nachbarschaft wohnten, im frühen Morgen von Evessen nach Lucklum auf den Weg zur Arbeit. Roman fand seine Tätigkeit auf dem Gut als Feldarbeiter, Julija wurde als Haus- und Küchenhilfe eingestellt.
Roman und Julija lernten sich kennen und lieben in diesem ihnen noch fremden Land, fern ab von ihrer Heimat und jeglicher Wurzeln beraubt. In Güterzüge eingefercht und entladen in eine noch ungewisse Zukunft. Sie waren fest entschlossen, zu überleben. Menschenwürdig zu überleben!
Roman war mit vielen seiner Landsleute von den Deutschen Truppen aus Lodz doportiert worden, um im Deutschen Reich als Arbeitssklave ausgebeutet zu werden. Die Verschleppung verschlug ihn mit einigen seiner polnischen Landsleute in dieses Elmdorf, in dieses Rittergut Lucklum. Es war gleich nach der Deportation, als die Fremdarbeiter, Männer und Frauen, ihre Registrierung und Arbeitsaufteilung auf dem Gutshof erfuhr. Roman schaute in die Runde, ob vielleicht ein bekanntes Gesicht unter den Wartenden war und begegnete einem Augenpaar. Es waren wunderschöne, blaue Augen. Er fühlte sich wie vom Blitz getroffen und konnte fortan nicht anders, diese junge Frau zu betrachten. Wie schön sie doch war mit ihren langen blonden Zöpfen! Doch auch in ihr musste ein Funke entzündet worden sein. Ständig suchten und fanden sich die Blicke Dann standen sie ganz unvermittelt nebeneinander in der Warteschlange zur Registrierung. Ihre Hände berührten sich scheinbar zufällig, dann zaghaft tastend. Als sich ihre Hände ineinander verschränkten und sie sich anschauten, fiel alles Beunruhigende von ihnen ab. Es war ihnen, als wären sie schon seit ewiger Zeit vertraut. Doch die ersten gar zögerlich vorgetragenen Worte Romans blieben unverstanden. Sie war aus der Ukraine verschleppt worden und verstand seine Sprache nicht. So waren sie gezwungen, sich mit den wenigen deutschen Sprachbrocken, die sie inzwischen erlernt hatten und mit Händen und Füßen zu verständigen. Sanft entzog sie ihre Hand seiner Umklammerung und schlug sich auf die Brust.
"Ich Julija!"
Dann stupste sie mit ihrer Hand auf seine Brust und sah ihn mit weit geöffneten blauen Augen fragend an. Lachend verriet er ihr seinen Namen und ergriff sofort wieder ihre Hand. Es war der Beginn einer wunderbaren Liebe.
Roman wurde, wie die meisten der Fremdarbeiter, für die Feld- und Stallarbeiten eingeteilt. Die Frauen wurden für das Federvieh und die Gärten beschäftigt. Nur einige der jüngeren Frauen fanden im Haus, mit besonderem Einsatz des Küchendienstes, ihre Beschäftigung. Das große Waschhaus wurde zur Großküche umfunktioniert, sie diente der Versorgung der Fremdarbeiter. Julija arbeitete in der Großküche und mußte mit einigen anderen Frauen Unmengen von Kartoffeln schälen und Berge von Gemüse putzen. Julija und Roman sahen sich täglich, wenngleich nur aus der Ferne, oft nur für Sekunden. Doch war es wiederum Jacob, der Treckerfahrer aus Evessen, der vom zähen Überlebenswillen des jungen Polen tief beeindruckt war und sich inzwischen mit ihm freundschaftlich verbunden fühlte. der ihm ab und zu einige Freiminuten einräumte. So konnte er mal kurz in die Küche schlüpfen, um Julija hinterrücks zu umarmen, worauf dieser vor Schreck das Schälmesser entglitt und sie trotzdem herzhaft lachen musste.
Die Arbeit als Fremdarbeiter war keine Bürde für Julija und Roman weil sie insgeheim an eine gute Zukunft für sich glaubten. Und als 1945 die amerikanische Armee bis in die Dörfer des Elms vordrang und die spärlichen Häuflein Soldaten des Volkssturms überrannte, kamen die Waffen zum Schweigen. Das war die Zeit, in der sich gequälte und gebeutelte Fremdarbeiter an ihren Peinigern rächten. Sie zündeten Schuppen und Holzdiemen an, stahlen Hühner, Gänse und Enten, tragbare landwirtschaftliche Geräte und alles, was nicht niet- und nagelfest war!
Doch einige Fremdarbeiter blieben. Auch Roman und Julija. Er blieb als freier Landarbeiter auf dem Gut und sie wechselte als Küchenmädchen in die Küche des Haupthauses.
Jacob überbrachte seinem Freund die erfreuliche Nachricht, dass im Landarbeiterhaus in seiner Nachbarschaft ein großes Zimmer mit einer Kammer frei geworden sei. Die bisherigen Bewohner seien über Nacht mit ihren sieben Sachen verschwunden. Er wolle sich darum kümmern und sich für ihn verbürgen.
"Oh, Jacob, dziekuje! Danke!" Roman war überwältigt.
Roman war nicht nur Freund, Arbeitskollege und nun schon seit längerer Zeit auch Nachbar von Jacob, er hatte auch im Laufe der Zeit dankbar eine tiefe Zuneigung zu dessen Familie entwickelt. Seine eigene Familie hatte ihm der Krieg ja genommen. Besonders die sehr viel jüngere Schwester Lydia fand er entzückend. Roman war beeindruckt, wie die Siebenjährige mit ihrer Freundin Lena sich durch Erbsen pflücken Geld verdienen wollte, um sich nach eigenem Geschmack einkleiden zu können.
Friedhofsbesuch und geheimes Gärtnern
Der Ernteeinsatz verzögerte sich. So beschloss Lena für sich, diesen sonnigen Nachmittag für einen Besuch ihres verstorbenen Freundes Wolfgang auf dem Friedhof zu nutzen. Sie sah ihn in Gedanken mauselebendig vor dem Kletterloch der alten hohlen Linde sitzen, wie er lachend ihre Knuffereien und Boxattacken ertrug, nur um sie zu ärgern und nicht aus dem Baum kriechen zu lassen. Dann die schmerzhafte Bestrafung des Lehrers vor der Klasse! Diese Schmach! Es war einfach niederschmetternd! Lena sah Wolfgang vor sich, seine sanften dunkelbraunen Augen schienen sich durch die Rohrstockschläge des Lehrers zu verfinstern. Doch ließ die Erinnerung auch fröhliche Bilder mit Wolfgang lebendig werden: Zum Beispiel im strengen Winter auf dem zugefrorenen Feuerwehrteich schlitternd oder mit den Schlitten vom Waldesrand des Elms den Feldweg herunter bis zum ersten Gehöft Evessens. Eine wunderbare Rodelbahn, bei der die Abfahrt rasant in Zweier- oder Dreierbobs in zehn Minuten bewältigt war, der Aufstieg zum Elm jedoch eine Stunde in Anspruch nahm. Das waren wundervolle Erinnerungen an Wolfgang.
Lena machte sich nach Schulschluss allein auf den Weg zum Friedhof, da Lydia nicht mitkommen konnte, weil sie mit ihrer Mutter zum Holunderblütenpflücken in den Elm wollte. Der Friedhof befand sich außerhalb Evessens an der Landstraße nach Erkerode, an einer kleinen Anhöhe. Je näher Lena dem Friedhof kam, desto mehr wurde sie von einer tiefen Traurigket befallen. Der Verlust des Freundes durch den Tod war für Lena etwas unbegreiflich Schmerzliches. Fast bedauerte sie, allein - ohne Lydia - das Grab des Freundes zu besuchen. Zu Zweit hätte man sich doch besser trösten können! Als sie die alte Staketentür zum Friedhof durchschritt, gewahrte sie am Ende des breiten Hauptweges ein altes, ihr unbekanntes Mütterchen, das total schwarz gekleidet war, vom Kopftuch bis zu den Schuhen. Lena grüßte von Weitem und begab sich dann auf den rechten Seitenweg zum Grab Wolfgangs. Der Grabhügel war längst von seiner großen Blumen- und Kranzlast befreit und mit kleinen Tannenzweigen abgedeckt worden. Am Kopf- und Fußende des Grabes befanden sich Steckvasen mit frischen Sommerblumen.
"Lieber Wolfgang, ich komme dich heute allein besuchen! Das nächste Mal wird Lydia mitkommen. Ich bringe dir dann aus unserem Garten einen dicken Blumenstrauß mit! Jetzt hast du ja noch zwei Vasen mit schönen Blümchen!"
Lena ließ den Blick schweifen und gewahrte am Rande des Hauptweges viele alte Rotbuchen und Eichen. Dazwischen Rododendronsträucher, die sie bei der Beerdigung gar nicht wahrgenommen hatte. Interessiert schaute sie sich die Gräber an. Sehr viele Gräber waren prachtvoll bepflanzt, doch einige schienen lieblos versorgt oder gar in Vergessenheit geraten zu sein.
Vielleicht waren einige Grabstätten aber auch deshalb so bescheiden bepflanzt, weil den Angehörigen einfach das Geld für Pflanzen aus der Gärtnerei fehlte.
Der Evessener Friedhof war beeindruckend groß und friedlich mit schönen Baum- und Strauchbeständen, die Lebensraum für viele Vögel und Kleintiere bot. Und doch, dachte Lena, wenn auch der Gilzumer Friedhof kleiner ist, so scheint er mir schöner gestaltet: In der Mitte des Friedhofs steht eine wunderschöne alte, aus Muschelkalk im 14. Jahrhundert erbaute Kirche, begrenzt zur Feldmark hin von beeindruckend schönen und sehr alten Schwarzsäulenpappeln. In Evessen war der alte Friedhof, auf dem sich ebenfalls eine aus Muschelkalk erbaute Kirche befindet, zu eng geworden. Wolfgang war hier auf dem zweiten erweiterten Friedhof außerhalb Evessens beigesetzt worden. Gleich am Eingang dieses neuen Friedhofs befindet sich ein riesiger Komposthaufen, verborgen hinter einer Thuja-Hecke, an deren Begrenzung zu Zaun und Straßengraben ein Bretterverschlag gebaut war, bestückt mit Zinkgießkannen und Gartenwerkzeugen für die Grab- und Wegepflege. Davor befand sich eine Pumpe mit Spülstein.
Die Gedanken Lenas kreisten immer wieder um die unterschiedlich gestalteten Gräber. Es kribbelte ihr in den Fingern. Sie wurde übermannt von dem Drang, sich gärtnerisch zu betätigen. Hacke war im Verschlag vorne am Komposthaufen. Harke auch. 'Ne kleine Schippe fehlte. Könnte man zur Not auch mit den Händen buddeln. Es waren keine Beobachter auf dem Friedhof. Kein Mensch weit und breit! Das Muttchen von vorhin war längst nicht mehr hier. Na, dann, frisch ans Werk! Sie entledigte sich ihres Tornisters und versteckte ihn sorgsam hinter dem großen Komposthaufen, holte Hacke und Harke aus dem Verschlag und inspizierte nochmals die Grabstellen, die sich in der Nähe von Wolfgangs Grab befanden. Lena wählte ein etwas eingesunkenes kleineres Grab aus, das einem Mädchen gehörte, das im Jahr 1935 geboren und im Jahr 1939 gestorben war. Eine kleine Elisabeth. Die ist gestorben, als ich geboren wurde, dachte Lena. Mein Gott, die war erst vier Jahre alt! Lena zupfte behände die Wildkräuter von der Grabfläche und hackte alles durch. Dann wählte sie ein besonders üppig bepflanztes Grab aus und "entpflanzte" einige Zinnien, die sie in der Mitte des Grabes der kleinen Elisabeth wieder einsetzte. In älteren Gräbern der unmittelbaren Nachbarschaft entnahm sie üppig wuchernden Efeu und versenkte die Efeutriebe rings um die Zinnien. Die Blüten der Zinnien leuchteten orangerot in der Sommersonne. Lena betrachtete ihr Werk und war noch nicht so ganz zufrieden, irgendwie fehlten ihr noch andersfarbige Blumen. Sie ging zurück zum Hauptweg des Friedhofs und entdeckte ein Grab in der Nähe des Eingangs, das mit ausladend wuchernden kleinblütigen Glockenblumen bepflanzt war. Sie liebte dieses Blau, das besonders im Sonnenlicht seine Farben zum Leuchten brachte. Vorsichtig entnahm sie die weit auf den Weg rankenden Pflanzen und brachte sie behutsam zum Grab der kleinen Elisabeth. Mit den Händen buddelte sie ein Pflanzloch und versenkte die Glockenblumen neben den Zinnien. Nun war sie zufrieden. Die frischen Blütenfarben, eingebettet in ein sattes Efeugrün. Sie beeilte sich, eine Gießkanne vom Verschlag am Komposthaufen zu holen und versuchte, den Pumpenarm der alten Wasserpumpe zu bewegen. Nur quietschend und gar zögerlich brachte sie den Hebel dazu, sich zu senken. Mit äußerstem Kraftaufwand brachte Lena den Pumpenarm zum Schwingen. Und auf und nieder, auf und nieder. Dann endlich: Ein satter Wasserschwall ergoss sich auf den Ausgussstein. Sie füllte die Zinkgießkanne zur Hälfte und schleppte sie zum neu bepflanzten Grab. Nachdem sie die Pflänzchen mit Wasser versorgt hatte, schaute sie verträumt auf die Nachbargrabstätte und fand, dass sie ziemlich vernachlässigt ausschaute und machte sich daran, den Wildwuchs zu entfernen. Den beachtlichen Berg ausgezupfter Pflanzen warf sie in die leere Gießkanne und entsorgte sie auf den Komposthaufen. Auf dem ersten großen Seitenweg entdeckte sie ein üppig bepflanztes Grab mit blauen und rosafarbenen Rittersporn. Ihr Herz begann höher zu schlagen! Problemlos konnte sie hier Pflänzchen entnehmen und umsetzen! Inzwischen hatte sie Übung in vorsichtigem Zuppeln und Ausbuddeln der Pflanzen, ohne die feinen Haarwürzelchen zu verletzen. Geschickt tarrierte sie die Lücken der entnommenen Pflanzen aus, wobei ihre Hände als Schaufel und Harke zum Einsatz kamen.
Das Grab, das Lena in Angriff genommen hatte, war wahrscheinlich die Ruhestätte eines Ehepaares: Klara Landmann, geborene. Engelmacher, 5.1.1875 - 20.2.1940 und Heinrich Landmann, 20.10.1870 - 10.1.1941. Lena machte sich so ihre Gedanken. Die Klara ist mit 65 Jahren gestorben und Heinrich wurde 71 Jahre alt, hat seine Klara nur um 11 Monate überlebt. Der war sicher so traurig ohne seine Frau, dass er vor lauter Kummer gestorben ist. Und das Grab sieht deshalb so vernachlässigt aus, weil die Kinder wegen der Kriegswirren irgendwo evakuiert wurden oder durch Fliegerbomben umgekommen sind.
Die Mitte des Grabes war mit zwei Wacholderbäumchen bepflanzt worden. Lena setzte die Rittersporne im Kreis um die Wacholderbäumchen, und zwar kunterbunt nach dem Zufallsprinzip. Sie war sich sicher, dass sich der Rittersporn im kommenden Jahr gut aussamen würde. Sie beschloss, die Ecken des Grabes mit Efeu auszufüllen. Nach der Pflanzaktion wässerte sie noch, brachte Hacke und Harke an die Gartengerätewand und ging noch an das Grab ihres Freundes.
"So, Wolfgang, nun will ich mich von dir verabschieden. Ich hab in deiner Nähe noch zwei übel vernachlässigte Gräber auf Vordermann gebracht. Du sollst in schöner Umgebung liegen. Ich wollt' dir noch erzählen: Heute kam Herr Schmelling mit Holzbein in die Schule, hatte also keine Schmerzen im Bein und war guter Laune! Unser Musikunterricht war schön, aber endlos!. Ich sage dir wirklich endlos, bis wir das Lied mit seinen drei Strophen auswendig konnten. Eigentlich hat das Lied ja fünf Strophen, doch die brauchten wir nicht mehr zu üben. Da hat der Paul Gerhardt sechszehnhundertnochwas ein schönes Sommergedicht geschrieben und hundertdreissig Jahre später hat ein Augustin Herder oder Harder das Gedicht so schön gefunden, dass er eine Melodie dazu komponiert hat. Kaum zu glauben, oder? Das hat Paul Gerhardt garnicht mehr erlebt, weil er schon lange tot war! Hat Herr Schmelling uns erzählt. Ich sing dir das Lied mal vor, Wölfchen. Is' 'n richtig schönes Sommrtlied!
Is' doch richtig schön, oder? So Wolfgang, jetzt muss ich schleunigst nach Hause. Ich wollte noch für unsere Mümmeltiere Löwenzahn und Gras von unterwegs aus der Feldmark mitbringen. Die werden schon ungeduldig auf mich warten. Tschüss, ich besuch dich bald wieder. Dann kommt vielleicht Lydia mit. Okay, und dann muss ich ja auch die frisch bepflanzten Gräber mit Wasser versorgen!"
Lena eilte zur Pumpe, um sich noch die erdigen Hände zu reinigen, holte ihren Tornister aus dem Versteck und machte sich auf den Heimweg. Sie nahm wieder ihren Lieblingsweg durch die Feldmark nach Gilzum, wo am Graben und Rain des Kornfeldes eine üppige Wildflora wuchs. Bevor sie sich über Kohldiesteln, Löwenzahn, Kamille und Ackerwinde als leckeres Mitbringsel für ihre Tiere hermachte, setzte sie sich in den Graben, legte den Ranzen neben sich und entledigte sich der Schuhe und Söckchen. Lena genoss den Sommer. Sie liebte es, auf dem Rücken zu liegen, in den Himmel zu schauen und in den weißen dahinziehenden Wolken Figuren und Muster zu erkennen. Wolken, die miteinander verschmolzen, um zu riesigen Wattemonstern zu mutieren. Wenn sich das Summen und Brummen der Insekten mit dem Tirilieren der Feldlerche mischte, war es für Lena die lieblichste Melodie des Sommers. So lag sie eine Weile träumend im Grase, bis ihr einfiel, dass Lolo, ihr kleiner Dompfaff, sich sicher über Wegerichsamen freuen würde! Lena pflückte einen üppigen Wildpflanzenstrauß und schob ihn in den Tornister, sorgsam darauf achtend, dass die Stiele nach oben ausgerichtet waren und nicht die Schulhefte und das Lesebuch berührten. Der Milchsaft von Löwenzahn und Diesteln hinterließ erfahrungsgemäß teuflische Flecken! Sie fand breitblättrigen Wegerich und zupfte die Stiele aus den Pflänzchen, die bereits abgeblüht waren und schon in der Frucht standen. Lolo liebte diese winzigen Nüsschen des Wegerichs, von denen er sehr geschickt die zartbraunen Samenkörnchen von den Stielen pickte.
Schock in der Rotdorngasse
Auf dem Heimweg, Lena hatte gerade die Gasse der Rotdornhecke erreicht, zog sie sich schleunigst Söckchen und Schuhe an. Der eingetretene Dorn war noch in böser Erinnerung! Nie wieder würde sie in dieser Gasse Barfuß laufen! Als sie sich bückte, um die Schnürsenkel zu schließen, sah sie den Landarbeiter Ottchen auf sich zukommen.
Alle Dorfbewohner nannten ihn nur "Ottchen". Er war geistig etwas "zurückgeblieben", trotzdem hatte er fast fünfzigjährig noch ein Flüchtlingsmädchen geheiratet und mit ihr eine Wohnung im Landarbeiterhaus am Dorfrand bezogen. Häufig begegneten sich Lena und Ottchen in der Gasse, wenn sie von der Schule kam und er zur Mittagspause zu seiner Frau ging. Ottchen war der Cousin des Bauern Heinrich Bornemann und war bei ihm als Stallknecht beschäftigt. Er fegte Hof und Stallungen. Wenn man ihm genaue Instruktionen erteilte, führte er die Arbeiten nach seinem Verständnis recht und schlecht aus. Bauer Bornemann war bis 1945 strammes Parteimitglied der NSDAP und genoss hohes Ansehen in seinem Bauernverband. Wahrscheinlich war es dieser Stellung innerhalb der Partei zu verdanken, dass Ottchen nicht das Opfer des Euthanasieprogramms der NSDAP wurde, weil er einen arischen Stammbaum besaß und als arbeitsfähig eingestuft worden war. Die Anstellung bei seinem Cousin machte ihn hier auf dem Bauernhof unabkömmlich und rettete somit seinen Kopf.
Lena hatte das Gefühl, dass der Gesichtsausdruck Ottchens heute etwas wirr ausschaute. Hemd und Hose schienen in Unordnung geraten zu sein,
"'N Dach ook, Lena!"
"'N Dach Ottchen! Haste all Füeraamt?"
"Joou. Du, kannste noch mool dine Schau taumaken? Datt wass sau schöin. Ick heff dien Schlüpper... na. Du wesst all...kumm, bück dik doch noch mal! Kumm, maak noch eein mal!"
Lena sah die Augen von Ottchen und sie bekam einen Schrecken! Die Augen schienen ihm aus dem Kopf zu fallen! Der Schweiß stand in dicken Tropfen auf der Stirn und seine Haare waren verklebt. Er kam Lena ganz nahe, dass sie seinen säuerlich fauligen Mundgeruch in ihrer Nase spürte. Er umklammerte ihren Arm,wie ein Schraubstock. Mit heiserer Stimme stieß er hervor:
"Ach kumm doch, kumm und bück dick!"
Mit einer Hand umkrallte er Lenas Arm, mit der anderen Hand öffnete er blitzschnell seinen Hosenschlitz, holte schwungvoll sein erigiertes Glied heraus und berührte Lenas Oberschenkel. In panischem Schrecken riess sich Lena aus der Umklammerung und stürzte davon. Sie fühlte noch voller Ekel den klebrigen Penis an ihrem Bein. Lena wagte sich nicht umzusehen, ob er ihr folgte. Sie lief und lief und die Panik lief mit. Als sie erschöpft an der Nebentür des Torwegs zum Gutshof angelangt war, umfasste sie die Türklinke und ließ sich sinken, dass der Tornister sich hoch über den Nacken zum Kopf schob. Lenas Stimme schien sich zu überschlagen!
"Muuttie, Muuttie!"
Die Haustür wurde aufgerissen, Hilde flog nahezu an die Seitentür und nahm ihr Puttchen in den Arm und drückte und schaukelte es.
"Is ja gut, Puttchen, ich bin ja bei dir, Is ja gut!"
Sie gingen ins Haus.
Hilde nahm Lena den Tornister von den Schultern und setzte sich mit ihr auf den Küchenstuhl. Lena saß auf Hildes Schoß, den Kopf an ihre Brust geschmiegt. Dann brach es aus ihr heraus, ihr Körper zitterte, sie schluchzte markerschütternd und endlich flossen die Tränen. Hilde drückte sie an sich und wiegte sie wie ein Baby.
"Sch, sch, sch, Puttchen, ich bin ja bei dir! Sch, sch, sch!"
Sie saßen sehr lange so. Tröstend bis die Tränen ausgeweint waren und das Zittern verebbte. Hilde wischte Lena das tränennasse Gesicht und küsste sie zärtlich.
"Was ist Schreckliches geschehen, Puttchen? Kannst du schon sprechen, oder möchtest du noch etwas schweigen?"
"Ich möchte schon sprechen aber mir fehlen noch einige Worte, Mutti!"
Lenas Stimme schien dünn ohne Kraft. Sie schaute in Hildes Augen und kuschelte sich gleich wieder an. Beide schwiegen noch eine sehr lange Zeit. Und dann plötzlich, in diese Stille hinein, sagt Lena mit gefasster, sehr ernster Stimme:
"Er hat mit seinem ekligen Glied meinen Körper berührt!"
"Wer, Puttchen, wer?"
"Ottchen Bornemann!"
Hilde war fassungslos. Das war für sie unglaublich! Dieser schwachsinnige Mensch macht sich an ihr Puttchen ran. Unglaublich! Und dieser Ekelkerl ist verheiratet! Was war jetzt zu tun? Anzeigen? Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, sie hatte das Bedürfnis, dieses Dilemma mit jemanden zu besprechen. Wenn doch Wölfchen hier wäre! Der ist für sein Alter immer so besonnen und vernünftig. Jetzt nur nicht überstürzt handeln, wenn auch allmählich Wut aufsteigt!
"Puttchen, wir besprechen das mit Wölfchen, wenn er am Wochenende nach Hause kommt, ja? Wolfgang weiß sicher, was da zu tun ist."
"Das glaube ich auch, Mutti!"
Ruhig und gefasst stand Lena auf und holte das etwas welk gewordene Grünfutter aus dem Tornister. Für Lolo pusselte sie die Samenstängel heraus und legte sie in Lolos Bauer. Der saß ganz schweigsam auf seiner Stange, als hätte er Lenas Kummer verstanden.
Lena stand winkend auf dem Bahnsteig, als Wolfgang dem Zug entstieg. Er setzte den Koffer ab und erwartete die übliche stürmische Begrüßung seiner Schwester. Sie drückten sich und Wolfgang spürte, dass Lena verändert war. Es fehlte das fröhlich Quirlige.
"Was is'n los, Lena, is' was passiert?"
"Ach, Wolfgang, ich bin so froh, dass du endlich wieder hier bist. Ja, es ist was Schlimmes passiert, aber komm man erst mal nach Hause, da könn' wir alles besprechen."
"Nu' spann mich nich' so auf die Folter. Erzähl schon!"
Sie setzten sich auf den Koffer und hielten sich bei den Händen. Der Bahnsteig war inzwischen menschenleer, da fiel es Lena nicht so schwer, über die schreckliche Begegnung mit Ottchen in der Rotdorngasse zu berichten. Doch kamen mit der Erinnerung an das traumatische Erlebnis auch wieder die Tränen. Schluchzend sah sie ihren Bruder an. Wolfgang war total erschüttert, er fühlte einen unbändigen Zorn in sich aufsteigen. Er kramte aus seiner Jackentasche sein grünkariertes Taschentuch hervor und wischte Lena die Tränen fort. Tröstend streichelte er ihre Haare.
"Der kann was erleben! Das wird er in seinem Leben nicht vergessen! So ein Dreckskerl! Das kann man doch nicht glauben! Komm Lena. Erst mal nach Hause zu Mama. Die wartet sicher schon mit dem Kaffee."
Die Lektion
Die Freunde Fritz und Wolfgang gingen schweigend zum Landarbeiterhaus am Dorfende. Es war Sonntagvormittag. Die Rauchschwalben kreisten zwitschernd über dem Hof und vor der Haustür döste eine Katze in der Sonne. Eine trügerische Sonntagsidylle. Für Ottchen, der in dem Schuppen vor dem Haus Gartengeräte zusammen stellte, nahte das Unheil. Die Tür war nur angelehnt, so konnte Wolfgang den Schuppen problemlos betreten. Fritz bezog vor der Tür seinen Posten. Als Ottchen Wolfgang gewahrte, wollte er, von Panik ergriffen, an ihm vorbei ins Freie. Doch Fritz verschloss die Tür von außen. So konnte Ottchen den Fausthieben Wolfgangs nicht entgehen. Ein wahrer Faustregen prasselte auf ihn nieder und traf ihn schmerzlich. Die ganze aufgestaute Wut Wolfgangs entlud sich und traf Ottchen da, wo es besonders weh tat. Der presste seine Arme schützend über den Kopf, doch Wolfgang riss sie wieder runter und verpasste ihm einen Kinnhaken. Und noch einen. Und noch einen.
"Du weißt, warum ich dich vermöbele? Hä? Weißt du das, du Dreckskerl?"
"Ja, ick wett datt! Ick wett datt! Höör upp, höör upp, laat mick taufreen, laat mick!"
Die Unterlippe Ottchens war aufgeplatzt und stark angeschwollen. Aus seiner Nase tropfte Blut.
"Rührst du meine Schwester noch ein Mal an, du widerlicher Mistkerl?"
"Nee, ick maak datt nich wedder! Ick maak datt bestimmt nich wedder!"
"Gnade dir Gott!"
Wolfgang verließ den Schuppen und schlenderte mit Fritz die Dorfstraße entlang, als wäre nichts geschehen. Dörfliche Sonntagsidylle. Am Straßenrand plusterten sich Spatzen in erdigen Mulden die Milben aus dem Gefieder. Von fern her Pferdegewieher.
Sommerferien 1947
Pünktlich zum Ferienbeginn wurde das neue Naturfreibad eingeweiht. Bunte Luftballons und Papiergirlanden zierten das Einer- und Fünfersprungbrett und die an der Liegewiese angrenzenden Weidenbäume. Farbenfrohe Papierblumen schmückten auch die eigens aufgebauten Buden, die Himbeer- und Waldmeisterbrause und allerlei süße Naschereien anboten. An einem Stand wurden köstliche Rollmops- und Gehacktesbrötchen mit Gewürzgürkchen und Zwiebeln kredenzt. Möglich gemacht hatten das die Spenden der Kaufleute und des Bäckers aus Gilzum, sowie des Schlachters aus Evessen. Der neu ernannte Bademeister aus dem Nachbardorf Hachum, Heinz Berkelmann, eröffnete im geringelten Badeanzug der Zwanziger Jahre mit einem eleganten Kopfsprung vom Fünfmeterbrett zur allgemeinen Gaudi die Badesaison. Vor den neu gezimmerten Umkleidekabinen bildeten sich lange Warteschlangen.
Die Eröffnung des Sommerbades der drei Elmdörfer Evessen, Gilzum und Hachum war auch für die entfernteren Ortschaften wie Erkerode und Lucklum am Elm und südlicher, in Richtung Wolfenbüttel, das Dorf Dettum, noch eine kleine Attraktion. Vor allem das Angebot, in den Sommerferien Schwimmunterricht mit dem Zertifikat des Freischwimmerabzeichens erwerben zu können, wurde rege angenommen. Die geplanten Aktivitäten, die der Bademeister den Gemeindevertretern unterbreitet hatte, wurden lebhaft diskutiert und dann akzeptiert. Zur Unterstützung des Bademeisters meldeten sich sogleich freiwillige Helfer mit guter Schwimmerfahrung. Auch leisteten sich die Elmgemeinden eine Kassiererin, die in der Badesaison für ein geringes Salär Eintrittsgeld abkassieren sollte. In der Planung waren auch Schwimmwettkämpfe der Schulen der Gemeinden. Es kam Bewegung in die Dörfer. In Evessen gab es schon wieder einen Gesangverein und eine freiwillige Feuerwehr. In Gilzum und Hachum fanden sich Freiwillige für die gemeinsame Feuerwehr beider Dörfer. In Gilzum besaß man ein beachtlich gut ausgestattetes Spritzenhaus mit Spritzenwagen und gut erhaltenen Schläuchen. In der Gemeindeversammlung Gilzums wurde beschlossen, dass regelmäßig Feuerwehrübungen abgehalten werden sollten, um mögliche Brände erfolgreich bekämpfen zu können.
Das Spritzenhaus Gilzums befand sich in der Mitte des Dorfes und war der Treffpunkt der Kinder und Jugendlichen. An seiner Längsseite zur Straße hin, befand sich eine große hölzerne Informationstafel, auf der Bekanntmachungen und Anordnungen der Gemeindevertretung unter britischer Verwaltung angekleistert wurden. Die Begrenzung des zweiflügeligen Tores des Spritzenhauses diente den ballbegeisterten Kindern als Tor für ihre Ballspiele, wobei die Pfosten des Tores noch durch größere Feldsteine verstärkt wurden. Die großflächige Hofausfahrt des Landwirtes Grasshoff befand sich hinter dem Spritzenhaus und bildete mit der gegenüber liegenden Hofausfahrt des Bauern Landgrebe und der Dorfstraße ein beachtlich großes Spielareal. Unmittelbar neben der Ausfahrt des Grasshoffschen Gehöfts befand sich eine hochbeinige Bank für diverse 20 Liter-Milchkannen, die einmal täglich von der Meierei Sikte mit dem Trecker abgeholt wurden. War die Bank leer, wurde sie gern von den Kindern mit Hilfe der 'Räuberleiter' erklommen und in Beschlag genommen. Hier wurden Wettkämpfe im Weitspucken ausgetragen. Die Entfernung zur Bank wurde abgeschritten und ausscheiden mußte derjenige, dessen Spucke ausgegangen war. Absoluter Gewinner des Wettkampfes war meistens Bruno, der evakuierte Junge aus Aachen, der Busenfreund Lenas. Sie bewunderte ihn sehr, denn Bruno konnte sogar Blut spucken! Er war der König der Spucker! Keines der Kinder konnte weiter, geschweige denn Blut spucken! Bruno war der absolut Größte! Als Lena zu Hause von den besonderen Fähigkeiten ihres Freundes beim Wettspucken berichtete, war Hilde nicht begeistert, sondern brach in Panik aus. Sie holte den kleinen Wäschekochtopf, füllte ihn mit Wasser und reichlich Waschpulver, sowie zwei Messbecher Sagrotan.
Komm, Puttchen, ausziehen. Und zwar alles! Dann rein mit den Klamotten in den Waschtopf. Das Herdfeuer noch auf Vordermann bringen und die Kleidung auskochen. Ich hol noch schnell die Zinkwanne und werde dich vom Kopf bis zu den Füßen abschruppen! Mein Gott! Kind, was machst du bloß für Sachen?!""
"Was is'n los, Mutti? Warum bist'n wie 'ne Verrückte?"
"Pffffff. Ganz ruhig durchatmen. Also, Puttchen, dein Freund Bruno ist meines Erachtens sehr sehr krank. Weiß denn seine Tante, dass er Blut spuckt? Was du an Bruno so bewundert hast, ist wahrscheinlich eine schlimme Erkrankung der Lunge, die sehr ansteckend ist. Wenn wir mit der Waschaktion hier fertig sind, werde ich mal zu den Angehörigen von Bruno gehen und meine Befürchtung mitteilen. Der Junge gehört schleunigst in ärztliche Obhut! Wohnen die Angehörigen nicht im Haus vor dem Kindergarten?"
"Ja, die wohnen bei den Lagemanns im Gemeindehaus. Darf ich mitkommen, Mutti?"
"Auf keinen Fall. Ich bin froh, wenn ich dich erst mal gründlich abgeschruppt habe!"
Lena sah ihren Freund Bruno nie wieder. Er war wirklich sterbenskrank. Tuberkulose hatte den unterernährten Körper Brunos zerstört, sodass jede ärztliche Hilfe zu spät kam.
Süße Früchte im Stroh
Lena war dabei, den Kaffeetisch zu decken. Sie hatte am Morgen schon Brötchen gekauft, um am Nachmittag zum Malzkaffee das Probenschälchen mit der diesjährigen ersten Erdbeermarmelade zu verkosten. Gestern hatte Lena in aller Hergottsfrühe die erste Ernte der frühen Erdbeersorte Senga Sengana im großen Emailleeimer eingebracht und Hilde hatte sich nach Arbeitsschluss gleich über das Marmeladenkochen hergemacht. Sie war sehr dankbar, dass Gärtner Weidehake, der Erdbeerpflänzchen im Gewächshaus des Gutshofes vorzog, immer auch für Hildes Garten Pflanzen der frühen Sorte Senga Sengana überließ. Elise Oppermann machte aus dem Beschaffen des Saatgutes der verschiedensten Erdbeersorten ein großes Geheimnis. Der alte Gärtner gab jedoch kleine Bruchstücke der Heimlichkeiten preis, wenn Lena ihm während der Sommerferien im Garten oftmals Gesellschaft leistete und auch helfen konnte. Lena fand es höcht interessant, dass die Erde der Erdbeeren des Gutshofes grundsätzlich mit Strohmatten abgedeckt wurde, so dass die Früchte nicht die Gartenerde berührten. Sie packte gerne mit an, wenn der Gärtner die Strohmatten entrollte und verlegte. Manchmal setzte er sich zu einer kleinen Pause auf seinen verwitterten Gartenstuhl, den er an der Apfelspalierwand deponiert hatte, zog sein kariertes Taschentuch aus der Weste und putzte umständlich seine Nickelsonnenbrille, deren kreisrunde Gläser dunkelgrün eingefärbt waren.
"Na, Lena, kennst du denn die Erdbeersochte Mieze Schindler, das sind die Erdbeern im großen Beet vor den Frühbeetkästen, die noch in Blüte stehn?"
Der Gärtner gab sich immer besondere Mühe, mit Lena hochdeutsch zu sprechen weil er wusste, das Hilde und Willy besonderen Wert darauf legten. Sie hatten ihm die Geschichte erzählt, dass Willy am Tag seiner Einschulung die erste düstere Erfahrung machen musste: Es wurde Hochdeutsch gesprochen und er verstand kein einziges Wort. Deutsch war die erste Fremdsprache in Willys jungen Leben.
"Ja, das sind doch die total dunkelroten, die erst spät reif sind und wie Walderdbeeren schmecken, nur viel viel süßer! Das sind meine allerliebsten Erdbeeren Herr Weidehake!"
"Ja, Lena, die schmeckt mich auch von allen Erdbeersochten am besten. Ich waaß nich', ob ich dich schon die Geschichte von dieser Erdbeere erzählt habe? Is' ja egal, erzähl ich eben noch maa. Die Sochte is' 'ne Ostara-Erdbeere und der Name: Mieze Schindler. Der Gärtner, Otto Schindler hat lange 'rumexperimentiert, bis ihm diese wunderbare Schöpfung aaner Erdbeerfrucht gelang. Sie wird ganz dunkelrot, hat Fruchtflaasch, das die tiefliegenden Nüsschen wie klaane dunkelrote Fruchtpolster umschließen. Genial, aanfach genial! Otto Schindlers Frau hieß Mieze und ihr zu Ehren hat er saane Züchtung so genannt. Ob's die Gärtneraa Schindler aus Pillnitz im Elbtal baa Dresden noch gibt waaß man nich', waael ja Dresden total zerbombt worden is'. Na ja, is' schon schlimm! Meine Madame hatte Gott sei Dank noch altes Saatgut Mieze Schindler, konnte ich schön im Gewächshaus säen und 'ranziehen! Nu' kannste ja ordentlich die raafen Senganas futtern, Lena! Die ham ja schon ordentlich Sonne jekricht und schmecken ja ganz süß. Maane Madam und Fräulein Valdieck mit dem Küchenpersonal könn' das viele Obst und Gemüse hier aus'm Garten garnich' alles verbrauchen. Maan Gott noch ma'!
Gärtner Weidehake knöpfte bedächtig seine Weste auf und holte aus der Innentasche eine kleine, flache Flasche im abgewetzten Lederetui, schraubte den Verschluss ab und nahm einen kräftigen Schluck.
"Maane Medizin. Die brauch' ich für maan' Kraaslauf, der is' nich' so ganz in Ochtnung! Aber das wird schon wieder. Das wird schon."
Und die Flasche verschwand wieder in der Weste.